
Wir treffen Clara im 25hours Hotel Bikini Berlin. Von ihr haben wir schon viel gehört und das ist kein Wunder, denn sie erreicht mit ihrer Poesie Millionen Menschen in den sozialen Medien, auf Bühnen, in Schulen und auch mit ihrem Buch Wehe du gibst auf. Damit hat sie es im Frühjahr auf Platz 1 der SPIEGEL-Bestsellerliste geschafft und steht noch immer auf den vorderen Plätzen. Nun geht sie mit ihren Texten auf Deutschlandtour. Schon verrückt, dass all das vor gerade einmal zwei Jahren angefangen hat, weil Clara sich entschieden hat, Gedichte auf Social Media zu teilen.
Interview Florian Saeling Fotos Max Saeling
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»Weil wir einem Kind mit 7 sagen, dass solche Dinge immer nur Kinderträume sind.«
In einem Video auf deinem Instagram-Account sprichst du über begrabene Träume auf dem Friedhof und sagst am Ende „Weil wir einem Kind mit 7 sagen, dass solche Dinge immer nur Kinderträume sind“. Den Gedanken fand ich sehr inspirierend und ich wollte den Text dann nochmal nachlesen, aber habe ihn in deinem Buch nicht gefunden.
Ja, ich weiß, von welchem Text du redest. Der ist so neu, dass er es noch nicht ins Buch geschafft hat, weil ich ihn erst nach der Deadline geschrieben habe. Aber genau, in dem Text geht es darum, dass wir unsere Kindheitsträume manchmal vergessen oder loslassen.
Lebst du gerade deinen Traum?
Ja, in vielerlei Hinsicht würde ich das schon sagen. Aber es ist auch größer als das, was ich mir jemals erträumt hatte. Das lag außerhalb meines Horizonts, dass ich so etwas überhaupt machen könnte, dass ich beruflich schreiben könnte. Als ich die 100-Tage-Challenge angefangen habe und jeden Tag ein Video mit einem Gedicht gepostet habe, hätte ich niemals gedacht, dass sich so viele Leute dafür interessieren und das jetzt im Prinzip meine Berufswelt ist. Ich habe natürlich auch Träume, die über das Berufliche hinausgehen und ich habe auch Träume, die vielleicht noch größer werden. Aber ich würde deine Frage trotzdem mit Ja beantworten.
Hattest du den Traum schon als Kind?
Ja, ein Buch zu schreiben war schon sehr früh ein Traum. Ich habe letztens so eine Erinnerungskiste durchgeguckt und eine Urkunde aus der zweiten Klasse gefunden, die ich bekommen hatte, weil ich in der Grundschule die meisten Bücher aus der Schulbibliothek ausgeliehen hatte. Irgendwie war das Schreiben und Lesen schon immer ein Ding für mich – auch schon in diesem Alter. Ich habe auch letztens auch ein Tagebuch gefunden, in dem ich mit neun Jahren schon geschrieben habe: „Ich arbeite gerade wieder an meinem Buch“. Also das war schon immer mein Traum und jetzt auf Tour zu gehen, erfüllt ihn natürlich noch umso mehr.
Was denkst du, was braucht es, um einen Traum wahr werden zu lassen?
Es braucht auf der einen Seite Arbeit von dir selber und gleichermaßen braucht es auch, dass man zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist und die richtigen Menschen um sich hat. Also, es gibt schon auch Faktoren außerhalb von einem selbst, die einen Traum mit beeinflussen. Es gibt ja diese Kalendersprüche, wie zum Beispiel „Du kannst alles schaffen, wenn du es nur genug willst“ – ich weiß nicht, ob das stimmt.
Aber ich glaube, du kannst schon sehr viel schaffen, wenn du viel Liebe, viel Zeit und viel Ehrlichkeit in etwas steckst.


Erfüllt dich das Schreiben?
100 Prozent. Das Schreiben ist meine Art und Weise, wie ich mit der Welt umgehe und wie ich alles aufarbeite. Ich habe schon lange geschrieben, bevor irgend- jemand wusste, dass ich schreibe. Früher saß ich mit meinem Opa zusammen und habe Gedichte geschrieben und das hat mich immer schon erfüllt, sonst hätte ich es ja nicht weitergemacht.
Erst vor zwei Jahren habe ich angefangen, das der Öffentlichkeit zu zeigen und es ist wunderschön, dass jetzt Leute meine Gedichte hören und mir Feedback geben. Aber ich denke nicht, dass ich irgendeine bestimmte Karrierestufe erreichen musste oder erreichen müsste, um mich erfüllt zu fühlen. Das ist ja sowieso ein Irrglaube, das Glück in die Zukunft zu verlagern und immer zu sagen „Wenn ich das und das erreiche, dann bin ich bestimmt erfüllt“ – wie ein Loch, das gefüllt werden muss. Ich glaube nicht, dass es so funktioniert, zumindest bei mir nicht. Ich liebe zum Beispiel Social Media dafür, wie es mich verbindet, wie ich Menschen inspirieren kann und manche Menschen mich inspirieren. Aber wenn ich immer „nur“ Social Media machen würde, wäre ich nicht erfüllt. Weil ich liebe es auch, auf der Bühne zu stehen. Deswegen freue ich mich so auf die Tour.
Worauf freust du dich dabei am meisten?
Ich freue mich einfach unglaublich darauf, die Menschen zu sehen, die mich jeden Tag so unterstützen und mit denen ich über Social Media in Kontakt bin. Mir macht es unendlich viel Spaß, mit diesen Menschen in einem Raum zu sein und deren Gesichter zu sehen. Die Tour wird auch noch mal ganz anders als meine bisherigen Live-Auftritte, weil ich einen Pianisten dabei habe zur musikalischen Untermalung und Vertonung einiger Gedichte.
Wenn ich auf Tour bin, traue ich mich auch mehr, die Geschichten hinter den Texten zu erzählen – aus welchem Kontext diese Texte entstanden sind, was sie für mich bedeuten und mit welchen Menschen sie verknüpft sind.
Welche Themen liegen dir für die Tour besonders am Herzen?
Ich habe ein großes Spektrum von gesellschaftlichen und politischen Themen. Es gibt Texte über mentale Gesundheit, Schönheitsideale, Hasskommentare, über Liebe und Liebeskummer und über den Verlust von Menschen. Jeder fühlt in einem bestimmten Moment in seinem Leben einen anderen Text am meisten. Mir ist es vor allem wichtig, ernste und schwere Themen wie Einsamkeit und Verlust anzusprechen, aber das gleichzeitig inspirierend mit Wortwitz und einem Funken Hoffnung zu machen, um das mit einem positiven Twist zu sehen und mit mehr Zuversicht und mehr Mut nach Hause zu gehen. Dafür liebe ich Worte. Aber Worte sind auch sehr hässlich, wenn sie nur Worthülsen sind.
Hinter Worten müssen immer Taten stehen. Das möchte ich im Kleinen anfangen.

Mir ist aufgefallen, dass du ganz oft auf deinem Instagram-Account schreibst „Das ist alles nur wegen euch“. Warum bist du deiner Community so dankbar?
Weil ich das zu 100 Prozent genauso meine, wie ich das sage. Gehen wir mal von dem Szenario aus: Ich sitze in meinem Berliner Zimmer vor knapp zwei Jahren und lade 100 Tage lang jeden Tag ein Gedicht hoch und niemand schaut sich das an, niemand kommentiert, niemand teilt das und niemand sagt „Das hat mir geholfen“ – ich weiß nicht, ob ich das jetzt noch machen würde.
Ich würde sicher noch schreiben, aber Gedichte hochladen wahrscheinlich nicht und sehr wahrscheinlich hätte ich nicht die Möglichkeit bekommen, ein Buch zu schreiben. Sehr wahrscheinlich könnte ich jetzt nicht auf Tour gehen, weil niemand kommen würde. Deswegen bin ich meiner Community so dankbar.
Weißt du, es gibt in dieser Welt so viele Sachen, die blinkender, lauter und schneller sind als ich mit meiner Stimme und meinen Texten. Und dass sich die Leute in dieser Welt dafür entscheiden, mir zuzuhören, das ist die Ehre meines Lebens.
Wofür bist du dir dankbar?
Ich bin noch nicht super gut darin, aber ich denke, ich werde besser. Ich bin mir dankbar dafür, dass ich nicht aufgegeben habe, dafür, dass ich so viele Stunden jeden Tag investiere und hart an mir arbeite. Aber vor allem bin ich dankbar, dass ich eine Familie habe, die mich immer stärkt, motiviert und unterstützt in dem, was ich mache. Und ich bin auch dankbar, dass ich in einem Land lebe, in dem wir Meinungsfreiheit haben und in dem ich als Frau sagen darf, was ich sagen möchte. Ich bin dankbar für meinen Opa, der mir das Schreiben in die Wiege gelegt hat. Ich glaube, ich habe generell schon sehr viel Bewusstsein dafür, dass, wenn die Umstände anders gewesen wären, es auch gut hätte sein können, dass ich jetzt nicht hier sitze.
Dein Buch heißt Wehe du gibst auf und im Podcast mit Lars Amend hast du gesagt, dass du das wahrscheinlich selbst am meisten brauchst. Wie hilft dir das?
Also, du musst dir vorstellen: Bis ein Text fertig ist, dauert es eine ganze Zeit und es ist erstmal so, dass ich allein bei mir zu Hause, in der Bahn oder irgendwo anders sitze und mir in irgendeiner Weise Gedanken mache über mein Leben. Deswegen sind die Texte auch so ehrlich und so verletzlich und so persönlich. Weil ich in dem Moment, in dem ich schreibe, nicht im Kopf habe, dass das Video mit dem Gedicht perspektivisch ein paar Millionen Menschen und mal mindestens ein paar hunderttausend Menschen sehen.
Deshalb würde ich schon sagen, das sind die Texte, die ich brauchte. Nicht unbedingt zum Lesen, sondern vor allem zum Schreiben. Es ist ein bisschen mein Coping Mechanism, um mit der Welt umzugehen und in dieser Welt ein positiver Mensch zu bleiben.
Ich weiß nicht, ob ich der Mensch bin, der das Buch am meisten braucht. Aber das Schreiben auf jeden Fall.
Was meinst du, wenn du dir selbst sagst, „Wehe, du gibst auf“?
Ich verknüpfe das mit der Hoffnungspflicht, die wir haben. Das ist das große Thema, was für mich in diesem Titel steckt. Weil ich mir schon immer sage, dass ich eine Pflicht habe, die Hoffnung nicht aufzugeben. Ich wüsste auch nicht, was die Alternative ist. Den Kopf in den Sand zu stecken und zu sagen: Tiere sind mir egal, die Umwelt ist mir egal, die Zukunft ist mir egal, was mit den jüngeren Generationen passiert oder mit alten Menschen passiert, ist mir egal. Das ist für mich keine Alternative und es ist bestimmt leichter in dieser Welt ein Mensch zu sein, dem Sachen egal sind.
Aber ich glaube, es ist nicht schön, ein Mensch zu sein, dem Sachen egal sind. Menschen sagen oft „Oh, diese Welt nimmt mich so mit“ und sie wünschten, sie hätten eine etwas dickere Haut.
Aber ich denke, was diese Welt mit am meisten braucht, sind Menschen, denen Sachen nicht egal sind, die nicht gleichgültig sind gegenüber dem, was in der Welt passiert oder was sie selber machen. Das bedeutet dieser Titel für mich.
Warst du denn schon mal kurz davor aufzugeben und die Hoffnung zu verlieren?
Das ist eine Sache, an der ich jeden Tag arbeite. Ich finde, diese Welt macht es einem aktuell nicht unbedingt einfach, hoffnungsvoll, positiv und zuversichtlich zu sein. Gerade dieser Satz „Es wird alles gut“ fühlt sich aktuell eher wie eine Lüge an und ich bin immer wieder zwischen Aufgeben und Hoffnung behalten.
Man kann ja sehr vieles aufgeben. Man kann die Hoffnung aufgeben. Man kann Träume aufgeben. Man kann sich selbst aufgeben. Also ich glaube, ich bin immer wieder kurz davor, aber gerade dann passiert es auch, dass ich schreiben will und schreiben muss. Daraus entsteht dann hoffentlich wieder etwas Positives.
Wenn du dein Leben als eine Geschichte betrachtest, an welchen Punkten hat sich für dich ein neues Kapitel aufgeschlagen?
Voll die schöne Frage! Der Punkt, der mir gerade einfällt, ist der 16.11.2023, weil das der Tag war, an dem ich das erste Video hochgeladen habe. Das war ein neues Kapitel und das ist wahrscheinlich das Kapitel, in dem ich jetzt gerade noch bin. Das heißt Wehe du gibst auf. Ein Unterkapitel wäre dann das Buch und das nächste Unterkapitel ist die Tour.
Aber auch Umzüge sind oft neue Kapitel. Ich habe zum Beispiel mal ein Jahr in Spanien gelebt und so ein anderer Ort hängt damit zusammen, dass du auch etwas anderes machst und einen anderen Alltag und andere Menschen hast. Und mit Abschlüssen wie dem Schulabschluss oder Uniabschluss, würde ich sagen, schließen sich Kapitel.
Hast du ein Lieblingskapitel?
Ich glaube, ich bin gerade im Lieblingskapitel. Aber das ist schwer zu sagen, weil ich hatte auch eine sehr, sehr, sehr schöne Kindheit und ich vermisse manche Menschen wie meinen Opa, die jetzt in diesem Kapitel nicht mehr drin sind oder auch andere Menschen, die ich entlang des Weges verloren habe, mit denen ich mich auseinandergelebt habe. Deswegen hänge ich schon auch an den anderen Kapiteln, aber jetzt gerade ist ein ganz tolles Kapitel, in dem ich sehr glücklich bin.
Wenn du nochmal neu starten würdest, aber eine deiner Persönlichkeitseigenschaften und eine Erkenntnis mitnehmen dürfest, welche würdest du auswählen?
Offenheit, weil ich habe das Gefühl, gesellschaftlich ist es eines der größten Probleme, wenn Leute nicht mehr offen gegenüber Neuem und anderen Menschen sind. Deshalb wäre das die Charaktereigenschaft, die ich mitnehme. Und die Erkenntnis, dass die Zeit mit Menschen begrenzt ist und man sie wertschätzen muss. Das habe ich die letzten Jahre am meisten gelernt.
Richtig wertvoll. Danke, dass du hier bist!
Schön war‘s. Danke!


Hoffnung hat man nicht, Hoffnung macht man. Wehe du gibst auf!
– Clara Lösel
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