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selbstsüchtig

Frauen, die sich um sich kümmern

Ich lese gerade zum zweiten Mal All Fours von Miranda July. Das erste Mal habe ich es als Leserin gelesen, das zweite Mal als Autorin. (Um zu verstehen, wie sie es macht: eine absolut fiktive Geschichte mit einer absolut unverfälschten emotionalen Wahrheit zu schreiben.)

Die Handlung, kurz: Die Protagonistin, eine erfolgreiche Künstlerin, Mutter und Ehefrau macht zu ihrem fünfundvierzigsten Geburtstag einen zweiwöchigen Roadtrip nach New York. Oder so ist zumindest der Plan. Doch zwanzig Minuten außerhalb von LA verknallt sie sich in einen einunddreißigjährigen, verheirateten Hertz-Angestellten, mietet sich ein Hotelzimmer, dass sie für zwanzigtausend Dollar neu einrichten lässt, und hat eine massive Identitätskrise, die mit dem Angst vor dem Altern und dem drohenden Verlust ihrer Libido zu tun hat. 

Während die Kritik das Buch geliebt hat, fallen die Google Rezensionen eher mau aus. 2.9 Sterne. Das ist überraschend, und nicht überraschend. 

July war immer schon ein eindeutiger Fall von Manliebtsieodermanhasstsie. Sie hat eine sehr eigene Stimme, und die ist einfach seltsam. Sie sträubt sich gegen alle Kategorien. Sie ist neurotisch und egozentrisch und in kreativer Hinsicht extrem ehrgeizig. Sie ist immer sehr tief im Kopf ihrer Figuren und ihre Figuren sind Frauen, die sich nicht verhalten und denken, wie Frauen sich klassischerweise verhalten und denken. 

Die Google Rezensionen enthielten bemerkenswert häufig das Adjektiv selbstsüchtig. Die Hauptfigur sei selbstsüchtig / selbstbezogen / self-absorbed / self-involved. Man könne sich das nicht reinziehen. Es sei unerträglich. 

Diese imaginäre (oder semi-imaginäre) Frau, denke ich mir, hat sehr viel selbstloser gelebt als ich. Sie war nie mehr als eine Woche von ihrem siebenjährigen Kind getrennt. Und hat schnell gelernt, dass ihre Arbeit anders bewertet wird als die des Vaters dieses Kindes:

»Harris und ich waren einfach zwei Workaholics, mehr oder weniger gleichgestellt. Ohne ein Kind konnte ich den Sexismus meiner Zeit noch umtanzen, wohingegen das Mutterwerden mich direkt hineinstieß. Ein latenter, von uns beiden verinnerlichter Bias brach in der Elternschaft plötzlich hervor. Auf einmal wurde offensichtlich, dass Harris für jede seiner Handlungen offen belohnt wurde, während ich für dieselben Dinge still beschämt wurde.«

Es gibt ein paar Gefühle, Lifestyles und Verhaltensweisen, mit denen man als Frau aufpassen muss. Irgendwas wollen ist immer schwierig, besonders, wenn es Dinge sind, die maskulin konnotiert sind (Geld, Macht, Sex, eine Karriere). Oder wenn man sie nur für sich selbst will. 

Beispiel: Nüchtern werden. Viele Frauen, die ich über die Jahre kennengelernt habe, und die einen Aufenthalt in einer Suchtklinik brauchten, um nüchtern zu werden, mussten sich erstmal damit auseinandersetzen, wie sie es moralisch auf die Reihe kriegen, sich einfach so eine Auszeit von der Familie zu nehmen, den Luxus, etwas nur für sich selbst zu tun (aka ihr eigenes Leben retten). Aber auch die schönen Lebensereignisse erfordern das Eliminieren der weiblichen Selbstsucht.

Spätestens, wenn man als Frau Kinder bekommt, ist es vorbei mit Ego.

Wann immer in den letzten zehn Jahren eine Frau in meinem Umfeld ein Kind bekommen hat, konnte ich beobachten, was passiert. Die Szenarien lassen sich grob in vier Kategorien einteilen, und ich habe sie hier in absteigender Wahrscheinlichkeit gelistet (Die Prozentzahlen beruhen auf meinen eigenen Beobachtungen und haben keinerlei empirische Relevanz (aber vielleicht doch)): 

In den allermeisten Fällen (80 Prozent) bleibt Sie automatisch zuhause. Es ist einfacher so, sagt sie, weil mein Mann ist selbstständig. Oder: Es ist einfacher so, weil ich bin selbstständig. Oder: Es ist einfacher, weil er bekommt dann eine Beförderung und soll sich das nicht verbauen. Oder: Es ist einfacher, weil er steht noch am Anfang seiner Karriere und soll sich das nicht verbauen. 

Topic Essay

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