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Wie Redaktionen KI einsetzen: Ein FAZ-Beitrag zur Orientierung

In dieser Ausgabe stellen wir Ihnen einen längeren Beitrag der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vor, den wir für unsere Abonnentinnen und Abonnenten lizenziert haben. Der Artikel zeigt, wie Redaktionen oder Kreative KI-gestütztes Arbeiten erproben und wie unterschiedliche Systeme auf identische Aufgaben reagieren.

Mit dem Prompt für die Geschichte wurde auch dieses Bild erstellt. Es zeigt eine von vielen möglichen Umsetzungen der Vorgabe, ein Parfüm mit Verbindung zum Internet und zur modernen Technik zu visualisieren.
Der Prompt für die Geschichte funktioniert auch für das Erzeugen von Illustrationen.

Gerade in der Erinnerungskultur müssen wir faktenbasiert und präzise vorgehen. Gleichzeitig beobachten wir, dass KI immer häufiger im Storytelling eingesetzt wird. Der Artikel beschreibt, welche Vorgehensweisen Redaktionen dabei wählen. Für uns ist wichtig zu verstehen, wie solche Methoden funktionieren – um unsere eigene Arbeit klar abzugrenzen und zugleich einschätzen zu können, welche Formen der KI-Nutzung künftig im Umfeld historischer Vermittlung auftreten.

Der FAZ-Beitrag macht diese Arbeitsweisen sichtbar und zeigt, welche Chancen und Grenzen dabei auftreten.

Die besten Prompts für Kreative

FAZ.NET (Opens in a new window): Von Marcus Schwarze, 3.12.2025, Lesezeit: 7 Min.

Storytelling heißt, eine Geschichte zu erzählen. Künstliche Intelligenz kann dabei helfen, fiktive Erzählungen zu entwickeln, sei es für die Werbung oder andere kreative Genres. Man muss es "nur" richtig prompten.

Zu Unrecht glauben viele Menschen, Künstliche Intelligenz könne nicht kreativ sein, weil sie ja nur mit dem vorhandenen Menschheitswissen trainiert worden ist. Sie verkennen, dass auch darin ein Gutteil von kreativen Ideen bereits enthalten ist - die zudem mit neuen Ansätzen verknüpft werden können. Bei Bedarf entwickelt KI dazu sogar passende Illustrationen.

Zwei zunächst unverbundene Konzepte verknüpfen

Bisoziation nutzen: Bisoziation ist die Verbindung von Unverbundenem. Die Methode fordert dazu auf, zwei Bereiche oder Konzepte miteinander zu kombinieren, die zunächst nichts miteinander zu tun haben, um neue Ideen zu generieren. Der Prompt:

Handele als kreativer Querdenker. Ich möchte eine neue Idee für mein Produkt, ein Parfüm, entwickeln. Bitte kombiniere das Parfüm mit dem völlig unverbundenen Bereich Cybersicherheit. Generiere fünf konkrete, unkonventionelle Ideen, wie diese beiden Bereiche verschmelzen könnten. Sei mutig und ignoriere physikalische Grenzen.

Die KI Google Gemini taucht daraufhin in die Welt der Verschlüsselung, Anonymität, Ausspähversuche und Firewalls ein. "In einer Zeit, in der Kameras Gesichter erkennen und KIs unsere Stimmen klonen, ist der Körpergeruch als chemische Signatur die letzte ungeschützte Datenquelle." Die KI entwirft ein Konzept für das erste Antiüberwachungsparfüm der Welt: Zero Day. Eine polymorphe Duft-Verschlüsselung sorgt dafür, dass der Duft seinen Code alle 60 Sekunden ändert. In einer Minute riecht man nach Zedernholz und Ozon, in der nächsten nach verbranntem Zucker und Jod. Der Effekt: Niemand kann einen mehr olfaktorisch speichern. Wie das physikalisch funktionieren soll, steht auf einem anderen Blatt. Aber das Beispiel zeigt, wie kreativ KI werden kann, wenn man sie dazu antreibt. Auch ChatGPT-5.1 erfindet Neues: eine duftbasierte Identitätsprüfung. Sensoren in Smartphones oder Laptops erkennen dieses Muster und schalten Geräte nur frei, wenn die richtige Duftwolke anliegt. Der Duft wird zur Zwei-Faktor-Authentifizierung.

Klischees kontern

"Anti-Klischee"-Filter entwickeln: 

Welches sind die fünf häufigsten Klischees in der Werbung und Darstellung von Parfüms? Liste sie auf und entwickle für jedes Klischee eine ,Anti-Klischee'-Idee, die genau das Gegenteil darstellt oder die Erwartung des Zuschauers bricht.

Gemini stellt daraufhin das Klischee vor, dass ein aufgesprühter Duft umstehende Menschen in Trance verfallen lässt. Die Botschaft: "Dieser Duft macht dich zum sexuellen Magneten." Als Anti-Idee entwirft die Maschine einen Duft als Schutzschild und für mehr Privatsphäre: So geht eine Person durch eine überfüllte, stressige U-Bahn. Nach Aufsprühen des Parfüms machen plötzlich alle respektvoll Platz.

ChatGPT entwirft das Klischee einer geheimnisvollen, unerreichbaren Schönheit, die makellos in Zeitlupe durch eine Stadt oder über einen Strand schreitet. Die Anti-Klischee-Idee: Ein Parfümspot zeigt eine ganz gewöhnliche Alltagsszene - jemand rennt dem Bus hinterher, stolpert, lacht über sich selbst und setzt sich verschwitzt auf den Sitz. Erst dann folgt ein kurzer Moment, in dem die Person ihr Parfüm benutzt - ohne Pathos, ohne Glamour. Der Duft wird als Begleiter echter, ungeschönter Momente inszeniert.

Das Gefühl von Euphorie personifiziert

Ein Tag im Leben eines Gefühls:

Personifiziere das Gefühl von Euphorie. Schreibe eine kurze Geschichte über ,Einen Tag im Leben' dieses Gefühls, als wäre es eine reale Person, die in einer modernen Großstadt lebt und arbeitet. Beschreibe die Morgenroutine, Interaktionen mit anderen und das Verhalten.

Gemini entwickelt dazu eine Geschichte über eine gewisse Ria, die in einem Loft in Berlin sieben Minuten vor dem Wecker aufwacht, euphorisch zur U-Bahn läuft und dort nach einer Nachricht auf dem Handy so herzlich lacht, dass sie andere Fahrgäste ansteckt. Bei der Arbeit als "Chief Vibe Officer" in ihrer Werbeagentur versprüht sie Energie und entwickelt mit dem zunächst unmotivierten Team neue Ideen: "Für 45 Minuten glauben alle im Raum, dass sie die Welt verändern können. Sie fühlen sich unbesiegbar. Ria verspricht ihnen den Mond, und in diesem Moment wirkt der Mond greifbar nah." Gemini schmückt die Geschichte mit vielen Details aus, gewiss überbordend - aber da kann der Mensch eingreifen. Die KI schlägt am Schluss vor, eine Geschichte über das Gegenstück zu Euphorie zu erfinden, zum Beispiel Melancholie. Gemini tauft die Person Milo. Da fehlt am Ende nur der Schwenk, die Figuren Ria und Milo aufeinandertreffen zu lassen. 

Sachlicher geht ChatGPT-5.1 zu Werke, erfindet eine ähnliche Geschichte einer Projektmanagerin, die ihre Kollegen aufblühen lässt. Die Atmosphäre verändert sich, sobald sie den Raum betritt. "Jede Bewegung, jede kurze Bemerkung erzeugt Schub."

Psychologische Ebenen ausreizen

Die vier Ebenen der Empathie ausreizen: "Du bist ein erfahrener Texter. Schreibe vier verschiedene Headlines (oder kurze Werbetexte) für mein Produkt, eine Grillzange mit eingebautem Messsensor fürs Fleisch. Die Texte sollen jeweils eine dieser psychologischen Ebenen ansprechen: 

  • Logik: Rationale Vorteile und Fakten

  • Emotion: Das gefühlte Ergebnis oder die Linderung eines Schmerzen

  • Status: Wie das Produkt das Ansehen des Nutzers steigert

  • Identität: Wer der Nutzer wird oder ist, wenn er das Produkt nutzt (,Ich bin jemand, der ...')

Der Prompt nutzt eine Technik, die aus Rollenzuweisung für die KI, einem Thema und begleitenden Erwartungen an die gewünschte Antwort besteht. Gemini liefert folgende vier Ansprachen:

  • Logik: "Warum schätzen, wenn Sie messen können? Die 2-in-1-Lösung für garantiert perfekte Kerntemperaturen."

  • Emotion: "Nie wieder die stille Enttäuschung am Tisch, wenn das teure Steak zu trocken ist."

  • Status: "Grillen Sie nicht wie ein Amateur. Servieren Sie Ergebnisse, für die man Sie bewundern wird."

  • Identität: "Für Perfektionisten, die keine Kompromisse machen: Ihr Anspruch an Qualität verdient das richtige Werkzeug."

Abgesehen von dem ersten Vorschlag, der auch für einen Kernreaktor zutreffen könnte, scheinen die drei Vorschläge brauchbar. Womöglich wäre am Schluss besser von einem Grillwerkzeug die Rede. Näher an der Sache scheint bei diesem Beispiel ChatGPT-5.1 zu sein. Die KI erfindet werbetaugliche Begriffe wie "Messzange" und "smarte Zange". "Entspannt grillen ohne Rätselraten: Die integrierte Temperaturmessung nimmt die Unsicherheit aus jedem Grillmoment."

Ein Gefühl von Wut veranschaulicht

Der "Show, don't tell"-Trainer:

Wende das ,Show, don't tell'-Prinzip an. Anstatt zu schreiben: ,Er war wütend', beschreibe die Szene neu. Fokussiere dich auf Körpersprache, Mikro-Mimik, physische Reaktionen und die Interaktion mit Gegenständen, um die Emotion spürbar zu machen, ohne das Adjektiv zu nennen. Gib mir drei Varianten.

Gemini erzählt daraufhin drei Szenarien, die Wut auf unterschiedliche Weise "zeigen", ohne sie direkt zu benennen. Ein Szenario: "Es wurde totenstill im Raum. Ganz langsam legte er den Kugelschreiber auf den Tisch - präzise, parallel zur Kante des Notizblocks. Ein einzelner Muskel an seinem Kiefer begann rhythmisch zu zucken, als würde er Zähne mahlen. Seine Lippen waren zu einem blutleeren, dünnen Strich zusammengepresst, und seine Augen verengten sich kaum merklich, fixierten sein Gegenüber jedoch mit einer Intensität, die die Luft im Raum zu gefrieren schien. Er atmete tief durch die Nase ein, wobei sich seine Nasenflügel leicht blähten, bevor er mit unnatürlich leiser Stimme weitersprach." ChatGPT-5.1 schmückt die Szenen dagegen weniger aus, spielt mit ähnlichen Veranschaulichungen von Wut, ohne den Begriff zu benennen.

Ein Märchen aus der Neuzeit

Einen Mythos oder ein Märchen in ein unerwartetes Setting setzen:

Nimm das klassische Märchen/den Mythos von Hänsel und Gretel. Verlege die Handlung in ein modernes Start-up-Büro. Skizziere die Handlung neu und erkläre, wer die klassischen Figuren in diesem neuen Setting sind. 

Gemini entwirft die Vorlage für ein Drehbuch. Hans und Greta arbeiten bei "WoodCutr", einem traditionellen Software-Haus, das in Schwierigkeiten steckt. Die Krisenmanagerin (Stiefmutter) setzt den CTO (Vater) unter Druck: "Wir müssen ,Lean' werden. Die Junioren kosten zu viel Equity. Wir lagern das an eine KI aus." Die jungen Leute werden entlassen. Sie finden neue Anstellung bei einem anderen Start-up. Die dortige CEO (Hexe) stellt den beiden eine Falle, Hans wird in ein dunkles Server-Kabuff gesperrt und muss in vielen Überstunden Programmierarbeiten leisten. Am Tag des mühsam vorbereiteten Launches drückt Greta Strg-Alt-Entf, sperrt den wichtigsten Account und verrät Betrugsversuche der CEO an die Presse. Hans und Greta kommen frei und laden sich die Kundendatenbank und den Quellcode auf einen USB-Stick. Gemini verlagert viele Teile des Märchens in die Neuzeit. Auch ChatGPT bewahrt die Grundmotive des Originals - Verlockung, Gefahr, Klugheit und Befreiung.

Ein Mittel gegen die Smartphone-Sucht

Zukunftsartefakt entwickeln:

Du bist ein Historiker aus dem Jahr 2140. Beschreibe ein Ausstellungsstück in einem Museum, das als Lösung für das historische Problem Smartphone-Sucht erfunden wurde. Wie heißt das Artefakt? Wie sah es aus? Wie hat es funktioniert und die Gesellschaft verändert? 

Gemini entwirft einen Kiesel, der als "Chronos-Haptik-Modulator" im Jahr 2034 erfunden wurde und nun im Museum vorgestellt wird. Der Kiesel pulsiert bei Berührung sanft von innen heraus, er hat keine Knöpfe, keine Kameras und vor allem: kein Display. Anstatt Informationen visuell darzustellen, kommuniziert er über das Gehör, flüstert dem Menschen Dinge zu. Bemerkt der Kiesel, dass der Nutzer in einen Zustand digitaler Überreizung gerät, vibriert das Artefakt in einem Rhythmus, der die Atmung verlangsamt. Innerhalb von fünf Jahren nach der Markteinführung seien die Raten von Angststörungen und Aufmerksamkeitsdefiziten bei Jugendlichen gesunken, malt Gemini weiter aus.

Das ist ein Beispiel mit der KI „Claude” und einem Vorschlag für ein Museumsstück.
Das ist ein Beispiel mit der KI „Claude” und einem Vorschlag für ein Museumsstück.

Nicht weniger erfindungsreich ist ChatGPT. Die KI beschreibt ein "Analoges Intervallmodul A-3", das mit einem Clip an der Kleidung befestigt wird. Es dient als Zwischenschicht zwischen Mensch und Smartphone - und definiert Zugriffsfenster und digitale Intervallzonen. Ein Umgehen der Intervalle wird dadurch verhindert. Die breite Einführung sorgte für eine Wiederbelebung fokussierter Tätigkeiten. Gezeigt werde das Modul in der Dauerausstellung "Techniken der Selbstregulierung" im "Museum der Sozialtechnologien". Die beiden KIs zeigen bei diesem Beispiel Kreativität in unterschiedlicher Ausprägung - Gemini eher verspielt, ChatGPT eher sachlich. Wer an einer solchen Geschichte weiter feilen möchte, findet bei ChatGPT einen Modus "Canvas" (über das Pluszeichen und drei Punkte "Mehr"). Dann teilt ChatGPT den Bildschirm in zwei Spalten, und einzelne Sätze oder Absätze in der KI-Antwort werden bearbeitbar. Bei Gemini findet sich ein ähnlicher Modus unter Tools.

F.A.Z.

Der Artikel erscheint mit freundliche Genehmigung der FAZ im Newsletter des NaziCrimesAtlas. Er ist über unsere Webseite bis 3.12.2026 abrufbar.

Förderung

Das Projekt NaziCrimesAtlas wird in der Bildungsagenda NS-Unrecht von der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ) und dem Bundesministerium der Finanzen (BMF) gefördert.

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