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Leere Kassen, volle Hosen – Erna und das große kommunale Limit

Ausgabe vom Sonntag, 28. Juni 2026 – – Heute für meine geschätzte Leserschaft

Wenn eine Stadt kein Geld hat, merkt man das meist nicht daran, dass etwas fehlt. Man merkt es daran, dass plötzlich sehr viel erklärt wird. Je leerer die Kasse, desto voller die Pressemitteilung. Und wenn gar nichts mehr hilft, stellt man sich vor das Rathaus, hält ein Schild hoch und guckt so, als hätte der Haushalt gerade persönlich die Treppe runtergeweint.

So begann es auch bei uns im schönen Altentreptow, wo das Amt Tollense-Tüddel-Treff eines Morgens beschloss, nicht länger still zu leiden. Still gelitten hatte man zwar ohnehin nicht, aber diesmal sollte das Leiden sichtbar werden. Mit Gruppenfoto. Mit Banner. Mit Hashtag. Mit ernsten Gesichtern, die aussahen, als hätte jemand den letzten Fördertopf ohne Antrag gegessen.„Kommunen am Limit“, stand da.

Ich stand mit Baron Tollensius gegenüber am Brunnen. Baron Tollensius ist mein Schäferhund und besitzt von Natur aus den Blick eines Haushaltsprüfers kurz vor der Vollstreckung. Er sah das Banner an, dann mich, dann wieder das Banner. Seine Ohren stellten sich auf wie zwei ablehnende Bescheide.„Ja“, sagte ich, „das Limit ist jetzt offiziell.“ Baron Tollensius schnaufte. Das macht er immer, wenn Menschen etwas entdecken, was Hunde schon seit Jahren wissen: Wenn der Napf leer ist, hilft kein Foto vom Napf.

Vor dem Rathaus hatte sich eine kleine Schicksalsgemeinschaft versammelt. Liane Glanzreich, Leiterin für visuelle Bürgernähe und digitale Strahlkraft, stand mit drei Smartphones, pastellblauem Kostüm und dem Gesichtsausdruck einer Frau da, die schon morgens um sieben einen Krisen-Hashtag gebügelt hatte. Neben ihr hielt Meister Munter ein Schild, auf dem stand: „Leere Kassen sind kein Kinderspiel.“ Das Schild war allerdings falsch herum, was ihm erst auffiel, als Nusseltrud sagte: „Munter, wenn das Kind das lesen soll, muss es schon auf der richtigen Seite stehen.“

Munter drehte das Schild um, stolperte dabei über die gelbe Absperrbandrolle und wickelte sich selbst bis zur Hüfte ein. Es sah aus, als hätte die Kommune ihre Finanznot spontan an einem Menschen demonstriert. „Bleib so“, rief Liane. „Das wirkt authentisch.“ Fredi Funke, der eigentlich nur vorbeigekommen war, weil er dachte, es gäbe belegte Brötchen, fragte: „Ist das jetzt Protest oder Bauabnahme?“ „Beides“, sagte ich. „In Altentreptow verschwimmt das.“

Die große Pose und der kleine Gedanke

Ich will ja gar nicht sagen, dass Kommunen kein Problem haben. Haben sie. Natürlich. Straßen, Schulen, Feuerwehr, Kitas, Sportplätze, Bibliotheken, Kultur, Sicherheit, Verwaltung, Seniorenarbeit, Jugendclubs, Löcher im Asphalt, Löcher im Dach und Löcher im Haushalt – das ist alles nicht mit zwei Waffeln und einem Heimatabend bezahlt. Aber es gibt diese besondere norddeutsche Form der Hilflosigkeit, bei der man sich so lange neben das Problem stellt, bis es denkt, es sei eine Sehenswürdigkeit. Und genau da wurde Erna innerlich wach.

Denn während Liane Glanzreich das dritte Handy quer hielt und rief: „Bitte noch einmal alle betroffen, aber lösungsorientiert!“, dachte ich: Was wäre eigentlich, wenn man nicht nur sagt, dass kein Geld da ist? Was wäre, wenn man einmal überlegt, wie Geld in eine Stadt kommt? Nicht als Wunder, nicht als Förderbescheid mit acht Anlagen, sondern als Bewegung. Als Besuch. Als Aufmerksamkeit. Als Umsatz. Als Grund, warum jemand aus Neubrandenburg, Rostock oder sogar Schwerin sagt: „Komm, wir fahren mal nach Altentreptow, da ist was los.“

Ich weiß, das ist ein gefährlicher Gedanke. In manchen Amtsstuben gilt ein frischer Gedanke schon als Eingriff in die Zuständigkeit. Aber der Gedanke war nun einmal da. Er stand neben mir wie ein nasser Hund und schüttelte sich. „Man könnte ja“, sagte ich zu Baron Tollensius, „aus dem großen Findling ein Ereignis machen.“ Baron Tollensius sah mich an. Seine Schnauze blieb ernst, aber in seinen Augen lag dieses: Endlich redet sie vernünftig. Der Findling, dieses gewaltige steinerne Ding, liegt da ja nicht herum, weil er sich verfahren hat. So ein Stein hat Geschichte. Gewicht. Würde. Und vor allem: Er läuft nicht weg. Das ist in Altentreptow schon ein Standortvorteil.

Man könnte sagen: Wir machen daraus ein Kunstprojekt. Einmal im Jahr kommen Künstlerinnen und Künstler aus nah und fern. Steinbildhauer, Holzleute, Sandkünstler, Installationsmenschen, Leute mit Hüten, Menschen mit Leinwänden, Kinder mit Farbe, Senioren mit Meinung. Die Hotels geben Zimmer. Die Gastwirte kochen eine „Findlingspfanne“. Der Bäcker backt „Steinbeißer“. Die Bibliothek macht eine Lesung: „Der Stein und ich – schwere Literatur für leichte Abende.“ Die Schule malt. Die Feuerwehr löscht vorsorglich den Sand. Die Presse kommt. Der NDR vielleicht auch, wenn man ihm sagt, dass ein Mann in Warnweste rückwärts in ein Kunstwerk gefallen ist. Das wäre doch mal etwas. Aber dafür müsste man aus der Haltung des Jammerns in die Haltung des Machens kommen. Und genau da, meine Lieben, beginnt in Altentreptow meistens der Wahnsinn.

Liebe Stadtverwaltung Altentreptow, 

sollte diese Idee demnächst zufällig bei Ihnen auftauchen – frisch gebügelt, mit Fördermittelmappe unterm Arm und dem Etikett „innovatives kommunales Konzept“ versehen –, dann erinnern Sie sich bitte kurz an Erna. 

Die Idee ist nicht vom Himmel gefallen. Sie kam auch nicht aus einem Ausschuss, sonst wäre sie vermutlich noch nicht da.

Ich beanspruche sie als mein geistiges Eigentum und bitte im Falle der wundersamen Wiederverwendung um eine ordentliche Erwähnung.

Erna sieht viel. Baron Tollensius übrigens auch.

Ihre Erna Schippel

Der Arbeitskreis Steinige Zukunft

Noch am selben Nachmittag wurde im Amt Tollense-Tüddel-Treff der Arbeitskreis „Steinige Zukunft – Kulturwirtschaftliche Potenziale im kommunalen Mangelraum“ gegründet. Schon der Name war so lang, dass Balduin beim Vorlesen zweimal Wasser trinken musste.

„Wir brauchen eine Idee, die nichts kostet“, sagte Liane Glanzreich, „aber aussieht wie 80.000 Euro.“ „Dann nehmen wir wieder ein Banner“, sagte Meister Munter. „Nein“, sagte ich. „Diesmal nehmen wir den Stein.“ Alle sahen mich an, als hätte ich vorgeschlagen, den Haushalt mit Kartoffeldruck zu sanieren. „Der Stein liegt doch schon da“, sagte ich. „Das ist Vermögen. Nicht bilanziell vielleicht, aber emotional.“ Nusseltrud nickte. „Emotionaler Stein. Klingt nach Verwaltung.“

Alwin Anstand rückte seine Brille zurecht und sagte: „Wir müssten zunächst klären, ob der Stein beweglich, unbeweglich, denkmalnah, naturraumrelevant, haftungsfähig oder bereits innerlich vergeben ist.“ „Innerlich vergeben?“ fragte Fredi Funke. „Man weiß ja nie“, sagte Alwin.Dann kam Kantig dazu, der grundsätzlich immer so aussieht, als sei er kurz davor, einer Tischkante eine Dienstanweisung zu erteilen. „Wenn Künstler kommen, brauchen wir Parkplätze.“ „Wir haben Parkplätze“, sagte ich. „Aber nur eine halbe Stunde an der Bibliothek“, sagte Kantig.

Da war es wieder. Dieses Schild. Dieses kleine, blecherne Meisterwerk kommunaler Selbstbehinderung. Da steht eine Bibliothek, also ein Ort, an dem Menschen verweilen, suchen, lesen, denken, vielleicht sogar länger als dreißig Minuten. Und davor sagt ein Schild: Komm gern, aber entwickle bitte keine Bindung. „Das Schild ist ein Symbol“, sagte ich. „Für Ordnung“, sagte Kantig. „Für Angst vor Leben“, sagte ich. Kantig sah mich an, als hätte ich seine Parkscheibe beleidigt. In diesem Moment betrat Magnus Breitbein den Raum, trug eine Kiste voller Absperrmaterial und rief: „Wo soll ich die Kommunen-am-Limit-Bänder lagern?“

Er trat auf eine lose Rolle, rutschte nach vorn, stieß gegen den Flipchart, der Flipchart fiel auf den Beamer, der Beamer sprang an, projizierte versehentlich Lianes private Entwurfsfolie an die Wand: „Altentreptow strahlt – trotz Kassenkrampf.“ Es wurde still. Dann sagte Nusseltrud: „Kassenkrampf gefällt mir. Das ist wenigstens ehrlich.“

Wie man aus einem Stein beinahe eine Katastrophe macht.

Am nächsten Morgen sollte die erste Ortsbegehung stattfinden. Treffpunkt: Findling. Ziel: Vision entwickeln. Teilnehmer: alle, die schon einmal das Wort „Potenzial“ gehört hatten und es seitdem bei jeder Gelegenheit benutzen. Liane kam mit Sonnenbrille, Tablet und einem Moodboard. Meister Munter brachte ein Maßband, das sich sofort selbstständig machte und ihm um die Beine schnalzte. Balduin trug eine Thermoskanne, fiel aber beim Ausweichen vor Baron Tollensius beinahe in den Rhododendron. Baron Tollensius tat nichts. Er stand nur da. Aber manchmal reicht seine bloße Existenz, um Menschen zur Selbsterkenntnis zu bewegen.

„Also“, sagte ich, „hier könnte die Kunstwelt entstehen.“ „Künstlerwelt“, korrigierte Liane. „Klingt weicher. Und mit Hashtag besser.“ „Hashtag Kunst am Klotz“, sagte Fredi.„Nein“, sagte Liane.„Steinreich ohne Geld“,sagte Nusseltrud.„Das ist es“, sagte ich. Liane tippte sofort. „Steinreich ohne Geld. Bürgernah. Humorvoll. Wirtschaftsfördernd.“ Kantig kniete inzwischen vor dem Findling und prüfte, ob man ein Schild daran befestigen könnte: „Betreten des Steins auf eigene Gefahr.“ „Niemand soll den Stein betreten“, sagte ich. „Gerade dann brauchen wir ein Schild“, sagte Kantig. Während wir noch über die Beschilderung sprachen, fuhr Meister Munter mit einer Schubkarre Sand heran. Er hatte irgendwo gehört, Sandkunst sei touristisch wirksam, und wollte schon einmal „Pilotmaterial“ liefern. Leider hatte er vergessen, dass Kopfsteinpflaster, alte Schubkarren und kommunaler Ehrgeiz keine natürliche Freundschaft pflegen.

Die Schubkarre hoppelte, Munter hoppelte mit, der Sand begann zu wandern, erst in kleinen Wellen, dann in einer großen beige-gelben Lawine direkt vor die Füße von Liane Glanzreich. Liane machte einen Schritt zurück, trat auf ihr eigenes Ladekabel, ruderte mit den Armen, hielt aber alle drei Handys fest. Das muss man ihr lassen: Diese Frau hätte selbst beim Untergang der Titanic noch eine Story hochgeladen.„Alles gut“, rief sie, während sie langsam in den Sand sank. „Das wirkt nach Entstehungsprozess!“ Fredi Funke warf spontan eine kleine Plastikschaufel dazu. „Fürs Pressebild.“ Baron Tollensius setzte sich neben den Sandhaufen und sah aus wie der Schirmherr einer sehr ernsten Buddelveranstaltung.

Da standen wir also: eine Stadt am Limit, ein Stein mit Zukunft, eine Digitalbeauftragte im Sand, ein Verwaltungsmitarbeiter mit Maßbandverletzung und ein Schildbürger namens Kantig, der fragte, ob Sand genehmigungspflichtig sei, sobald er eine Höhe von zehn Zentimetern überschreitet.Ich dachte: Genau so beginnt Kultur. Nicht ordentlich. Nicht perfekt. Sondern mit Leuten, die stolpern und trotzdem weitermachen.

Jammern ist leichter als Einladen.

Am Ende dieser Begehung waren alle schmutzig, drei Formulare fehlten, Lianes rechtes Handy hatte Sand im Ladeanschluss, Meister Munter suchte noch immer das Ende seines Maßbandes, und Nusseltrud hatte aus Versehen eine ältere Dame zur „Kuratorin für angewandtes Kopfschütteln“ ernannt.

Aber etwas war passiert.Menschen waren stehen geblieben. Erst zwei. Dann fünf. Dann zwölf. Einer fragte: „Was wird das hier?“ Eine andere sagte: „Wenn hier Künstler kommen, mache ich Kuchen.“ Ein Hotelier, der zufällig vorbeikam, meinte: „Ein Zimmer könnte ich vielleicht geben, wenn rechtzeitig geplant wird.“ Der Bäcker sagte: „Steinbeißer kann ich backen.“ Ein Junge fragte, ob man auch Drachen aus Sand bauen dürfe. Und ein älterer Herr sagte: „Wenn die Presse kommt, ziehe ich meine gute Jacke an.“

Da merkte man: Die Stadt war nicht leer. Nur die Kasse.Das ist ein Unterschied.Eine leere Kasse ist bitter. Aber eine leere Idee ist gefährlicher. Denn Geld kommt nicht nur durch Forderungen. Geld kommt auch durch Gründe. Durch Menschen, die bleiben. Durch Unternehmer, die sagen: Hier passiert etwas. Durch Gäste, die kommen. Durch Vereine, die mitmachen. Durch Kunst, die nicht im Antrag steckenbleibt. Durch ein Parksystem, das Besucher nicht nach dreißig Minuten wieder verscheucht, als hätten sie in der Bibliothek heimlich ein Gedicht angefasst.

Natürlich braucht eine Kommune Unterstützung. Natürlich müssen Bund und Land ihre Aufgaben anständig finanzieren. Aber wer nur mit Schild vor dem Rathaus steht und „Limit“ ruft, darf sich nicht wundern, wenn die Bürger irgendwann fragen: Und jetzt? Baron Tollensius stand neben mir, die Schnauze leicht im Wind. Liane hatte sich inzwischen aus dem Sand befreit und verkündete, das Projekt brauche ein Logo. Kantig wollte eine temporäre Parkverbotszone für kreative Prozesse beantragen. Munter fragte, ob Sand eigentlich in den Haushalt gehöre oder ins Bauamt. Nusseltrud sagte: „Wenn wir warten, bis alles geklärt ist, ist der Stein verwittert und wir gleich mit.“ Da musste ich lachen. Nicht, weil alles einfach wäre. Sondern weil man manchmal eben lachen muss, bevor man anfängt. Sonst bleibt man stehen mit einem Schild in der Hand und einem Gesicht wie drei abgelehnte Fördermittel. Und Altentreptow? Altentreptow könnte steinreich sein, ohne Geld zu haben. Wenn es sich nur traut, aus dem Jammern eine Einladung zu machen.

Ihre Meinung ist gefragt

Warten Sie in Ihrer Straße auch noch auf den Tag, an dem eine Baustelle schneller verschwindet als ein Wahlversprechen? Kennen Sie eine Brücke, einen Gehweg, einen Poller oder eine Ampel, die schon so lange „bald fertig“ ist, dass man ihr zum Geburtstag gratulieren müsste?

Schreiben Sie mir. (Opens in a new window)

Ich sammle diese kommunalen Langstreckenleistungen.

Ausblick

Am Mittwoch, dem 1. Juli 2026, wird es steinig, geheimnisvoll und leicht verwaltungsübersinnlich – nur für Mitglieder: „Das Orakel vom Großen Stein: Ernas geheime Gespräche mit dem Granit.“

Wenn Erna vor einem Findling steht und plötzlich mehr Klarheit bekommt als aus drei Ausschusssitzungen, wird es ernst für alle, die glauben, ein Stein könne nichts sagen. Der Große Stein schweigt nämlich nicht. Er antwortet nur langsam. Also genau im Tempo dieser Stadt. Und Baron Tollensius sitzt daneben, legt die Schnauze auf die Pfoten und schaut so, als wüsste er längst, dass Granit manchmal zuverlässiger ist als ein Protokoll.

Das Erna-Buch kommt

Geschichten wie diese brauchen einen langen Atem, viel Kaffee und eine gewisse Freude daran, dem bürokratischen Staub beim Tanzen zuzusehen. Deshalb entsteht das erste Erna-Schippel-Buch.

Wer sich ein Exemplar sichern möchte, sollte den Newsletter abonnieren. Dort erfahren Sie zuerst, wann das Buch erscheint, wie Sie es vorbestellen können und welche Amtsabenteuer es zwischen zwei Buchdeckel geschafft haben. Damit Erna nicht nur im Internet weitermeckert, sondern bald auch gedruckt auf dem Küchentisch liegt – gleich neben Butterbrot, Lesebrille und dem Antrag, den keiner versteht.

Mit Amtswitz und Aufpassblick

Ihre Erna Schippel

Norddeutsch, nüchtern – aber nie ganz ohne Hoffnung.

Altentreptow, Sonntag, 28. Juni 2026 © Erna Schippel 2026 – Alle Texte/Personen sind frei erfunden und urheberrechtlich geschützt.

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