mit diesen deepen, aber auch motivierenden Worten begrüße ich dich zu meinem fünften Newsletter. Ich hoffe, dir geht’s gut und die letzten Wochen waren bei dir mehr Tataaa als Uff. Mein persönlicher Tiefpunkt der letzten Wochen war, als ich mich kurz gefreut habe, dass Friedrich Merz doch Kanzler geworden ist. Aber es war auch schön und lustig und das erfährst du jetzt.
Liebe Grüße
Rike
Gelesen: Wildhof von Eva Strasser
(Opens in a new window)Wenn ich in Buchläden gehe, in die ich sonst nicht gehe, frage ich dort meistens: Welches Buch soll ich unbedingt lesen? Das Hergezeigte kaufe ich dann und kann damit nicht nur alles über das Buch herausfinden, sondern auch, ob ich weiterhin sonst nicht in diesen Laden gehen sollte. Sondern zu Cohen + Dobernigg, wo besonders Daniela gruselig genau weiß, welches Buch ich unbedingt lesen sollte. John aber auch, der drückte mir Wildhof in die Hand und erzählte mir die Handlung so, dass ich in Gedanken “Aber jetzt weiss ich ja schon alles!” rief, aber natürlich wusste ich einen Scheiß, außer dass John grandios viel Handlung erzählen kann ohne das kleinste Bisschen zu spoilern. Ich versuche es auch mal:
Lina muss nach Wildhof zurück, um das Haus ihrer verstorbenen Eltern zu verkaufen. Schnell wird klar, dass der Tod der Eltern nicht das einzige Drama ist, das sich in ihrem Leben ereignet hat. Sie trifft ihre alten Freund*innen wieder und ihre gemeinsame Vergangenheit macht es für alle gleichzeitig einfach und kompliziert. Es gibt überbordende Natur- und Phantasiebeschreibungen, aber nicht so pilchermäßig wie in “Der Gesang der Flusskrebse” (literarischer Doppeldiss ✔), sondern sie sind rauh und tief und voll. Lina ist eine schräge Person, manchmal verhängnisvoll wütend, mit einem zynischen Humor ausgestattet und absolut unnahbar. Zum Glück sehe ich im Buch nicht nur ihr hartes, zynisches, humorvolles Außen, sondern lese auch auch ihr verschlossenes, zerstörtes Inneres. Es legt sich ihre Einsamkeit über mich wie ein feuchter, modrig riechender Mantel und gleichzeitig entsteht eine innige Nähe, ich genieße die Zeit mit ihr und fühle beim ziemlich dramatischen Ende so mit, dass ich laut schluchze und Lina in Gedanken so umarme, dass sie mir, wäre sie eine echte Person, etwas irritiert den Rücken geklopft hätte.
Ich empfehle dir dieses Buch. Und wenn es dir gefällt, empfehle ich dir, danach zu Cohen + Dobernigg (Opens in a new window) zu gehen und zu fragen, was du als nächstes lesen sollst.
Wildheim von Eva Strasser. Erschienen bei Wagenbach. 22 € 🌲🍃🦋◾️
Gelesen: Akissi in Paris von Abouet und Sapin

“Das hat sie nicht wirklich gesagt/gemacht/gegessen/etcpp!” Das ist bei uns nach gackerndem Gelächter und großer Liebe für Akissi die häufigste Reaktion beim Lesen. Akissi, die die letzten fünf Bände (Bitte alle lesen!) mit ihrer Familie und ihren Freund*innen in Elfenbeinküste gelebt hat, ist mit ihrem Bruder Fofana nach Paris gekommen. Dort lebt sie beim Großonkel Papi und versteht herzallerliebst unvoreingenommen die Großstadtwelt nicht. So freundet sich Akissi mit dem Obdachlosen Emile an, aber nicht mit den vermeintlich Coolen ihrer Schule. Sie brüllt in der Bibliothek, kriegt Durchfall vom Schulessen und Heimweh und vieles mehr.
Als das Buch also in voller Fahrt durch Paris prescht und ich unbedingt wissen will, wie es mit April und Lexikon und natürlich Akissi weitergeht, ist es etwas plötzlich vorbei. Aber zum Glück steht auf dem Cover eine 1, was bedeutet, dass ich mich auf die 2 freuen kann.
Akissi von Marguerite Abouet und Mathieu Sapin. Erschienen bei Reproduktion. 18 €. Danke für das Rezensionsexemplar 💛
Gelesen: Der süßeste Bruder der Welt … und andere Irrtümer von Elin Lindell
(Opens in a new window)Hinten auf dem Buch steht "DER WITZIGSTE PATCHWORK-COMIC DER WELT (UND DAS IST BESTIMMT KEIN IRRTUM)” und ich sag mal so: DAS IST BESTIMMT KEIN IRRTUM.
Dani und ihre Mama Sofia leben zu Zweit. Dani wünscht sich ganz unbedingt ein süsses kleines Geschwisterchen und flippt deshalb ziemlich aus, als Sofia einen Freund hat - weil der einen Sohn hat. Der Sohn wiederum hat allerdings eher Akne als Milchschorf, und er mag auch lieber in Ruhe gelassen als rumgetragen werden, damit seine Schultern mit dem Mundwinkeln um die Wette hängen können. Bis hier schon mal ein Superplot. Aber es geht umzugsbedingt zusätzlich noch um Freundschaft und doch nicht Freundschaft, Liebe und doch nicht Liebe, Verwandtschaft und doch nicht Verwandtschaft, und zwar überraschend, spannend und besonders lustig erzählt. Die Situationen sind zum Brüllen komisch beschrieben, die Dialoge machen einen Riesenspaß und das Buch hat die Nils-Holgersson-Plakette für das beste schwedische Kinderbuch bekommen. UND DAS IST BESTIMMT KEIN IRRTUM.
Der süßeste Bruder der Welt … und andere Irrtümer von Elin Lindell. Erschienen bei Klett Kinderbuch. 16 € 👶🤳
Gebastelt: Gutschein-Porree

Geschenkidee Kind: Ein Gutschein von einem dieser überteuerten internationalen Süssigkeitenläden
Geschenkverpackungsidee Mutter: Ein frecher Porree
Dafür brauchst du: 1 Gutschein, 1 Porree, 2 Wackelaugen, rotes Papier, Tesa, Stift
Gutschein ausdrucken, in Folie verpacken und klitzeklein falten
Kleines Fach in den Porree ritzen und den Gutschein reinstopfen
Aus dem roten Papier eine Zunge schneiden, HIER ZIEHEN draufschreiben und mit Tesa an den Gutschein kleben
Wackelaugen so auf den Porree kleben, dass er voll süss aussieht
Hihihi sagen und dem Kind mit zur Party geben
Ganz vergessen: Mein Lieblingsschild im Urlaub

Mein letzter Augenstern mit Kopfkino war dieses Schild hier, natürlich wegen der gelben Hauptperson Energetic Roswitha 💛. Kopfkino-Fragestunde: Was ist so Energetic an Roswitha? Ist ihr Business streng geheim? Oder ist sie so bekannt, dass sie nicht dazuschreiben muss, was sie macht? Warum hat sie dann ein Schild? Oder gibt es kein passendes Icon für Ihre Tätigkeit? Und was ist mit den zwei freien grünen Flächen auf dem Schild? Hat dort etwa Roswithas ihre kompetitive Energy entfaltet? Kann sie mit purer Gedankenkraft ihre Konkurrent*innen erst verblassen und dann sogar verschwinden lassen?
*düstere Musik*
Gesehen: The Four Seasons auf Netflix
https://www.youtube.com/watch?v=WKTwtIL4xyk (Opens in a new window)“Wollen wir gucken? Das ist sowas wie White Lotus, nur in lustig.” So hat mein Mann mir The Four Seasons vorgestellt und ich muss gleich vorweg sagen: White Lotus, besonders die erste Staffel, ist nach meinem Geschmack viel besser.
In The Four Seasons verreisen drei Paare in jeder Jahreszeit, allerdings ab Sommer in veränderter Konstellation, weil sich Nick nach Jahrzehnten von seiner Frau trennt und ab da seine neue, junge Freundin mitbringt. Die anderen Paare sind noch zusammen, pfeifen aber nach ewiger Beziehung hin und wieder aus den letzten Loch. Alle nerven. Die neue Freundin ist so quirlig und vegan, der getrennte Mann unangenehm berufsjugendlich. Beim anderen Hetereopaar ist Sie ein giftiger Kontrollfreak und Er ein handlungsunfähiger Trottel. Und beim dritten Paar will Er1 trotz Herz-OP Freiheit mit Drogen und fühlt sich kontrolliert von Ihm2, der in einem Cartoon eine völlig übergeschnappte Fee wäre. Aber auch: Die neue Freundin ist so offen und aufgeschlossen und der Getrennte so glücklich wie noch nie. Beim Heteropaar ist Sie schlagfertig und hat organisiert wie eine Göttin und er gibt das meiste, um die Liebe am Laufen zu halten. Und beim dritten Paar ist Er1 der, mit dem ich am allerliebsten befreundet wäre und Er2 liebt mit seiner Drüberliebe eben auch die Menschen um ihn herum. Und genau deshalb mochte ich die Serie: Niemand war Buhmann oder -frau, sondern alle einfach Menschen um die 50 mit verschiedenen Päckchen, die sich in all den Jahren angesammelt haben. Und während White Lotus ja ist wie eine sehr künstlerische Version von Frauentausch, nach der ich dankbar bin, nicht reich zu sein, war The Four Seasons eher wie ein Reality-Check für Paare in unserem Alter. Das Ergebnis: Wir finden die Serie und uns immer noch gut. Puh!
Geputzt: Stolpersteine

Am 7. Mai, einen Tag vor dem 80. Jahrestag der Befreiung (!), haben meine Tochter und ich Stolpersteine geputzt. Wir haben die App runtergeladen (Opens in a new window) und die Biografien der Menschen gelesen, die entrechtet, deportiert und getötet wurden. Ja, die Lebensgeschichten sind krass, aber wenn es für andere nicht zu krass ist, diese Grausamkeiten erleben zu müssen, kann es für meine Kinder auch nicht zu krass sein, davon zu hören. Es war traurig und schockierend, aber auch schön und Alltag, wir haben auch darüber geredet, dass wir noch zu Penny müssen und diskutiert, wer schrubbt und wer poliert und es war ganz selbstverständlich, sich verantwortungsvoll an eine Zeit zu erinnern, die es nie wieder geben darf.
Die Post-Instagram Ent-Entrüstung
In meiner Hood gibt es eine Baulücke. Seit mehr als 10 Jahren klafft sie dort. Neben der Lücke steht zwar ein Haus, aber leer. Jetzt ist es so, dass wir nicht in der Gemeinde Hartmannsdorf in Thüringen wohnen, die 2022 eine Leerstandsquote von etwa 43% hatte, sondern mitten in Hamburg. Und da kann man sich schon mal fragen, was das eigentlich soll.
Genau das habe ich gemacht und bin dabei auf ein Plakat gekommen, das sich erstaunlich günstig drucken ließ und von einer mir völlig unbekannten Person 🤪 nachts an den Zaun gedengelt wurde:

Ich fand die Idee subversiv und lustig und hatte natürlich den kühnen Traum, dass die Baulücke ganz schnell ganz bunt und bällebadig aussieht. Aber bevor die ersten Bälle über den Zaun flogen, war das Plakat schon wieder weg.
Einen Tag zuvor beobachtete ich einen Typen mit Hund, der vor dem Plakat stehenblieb. Er schien aufgebracht, riss fast ein bisschen wild daran herum, versuchte, es abzureissen, das klappte nicht und er ging weiter. Das Plakat hing noch kurz und war dann wieder weg. Alles war wie vorher, aber auch nicht, und das liegt an Instagram bzw. kein Instagram.
Vor einem halben Jahr hätte ich nämlich sofort aufgebracht darüber gepostet, meine Follower*innen hätten mir eine ganz liebe Dopamin-Hühnersuppe gemacht und sich gemeinsam mit mir aufgeregt. Es wäre völlig klar, wer gut (ICH) und wer der Böse war (der Typ mit dem Hund). Aber ich habe Instagram ja gelöscht. Keine Entrüstung, keine Bestätigung - nur mein Kopf und ich. Es ist nun aber so, dass die Stimmung in meinem Kopf leider selten Bällebad ist, und mit meinen Gedanken allein zu sein fühlt sich häufig an wie im Wald zu joggen und einer Gruppe Männer zu begegnen, die schon von Weitem sowas wie “Eins, zwei, eins zwei, hähä” ruft. Für diese Neigung, in Katastrophen und Schubladen zu denken, hat mir Instagram immer den begeisterten WEITER SO-Daumen gezeigt, weil voll geil und lukrativ, wenn sich alles immer schön hochschaukelt. Ich schaukle mich lieber langsam aus und frage mich in meinem Ent-Entrüstungs-Gedankengang (hier ein Auszug) einfach immer wieder: Warum ist das Plakat weg?
Weil der Mann mit dem Hund eine verschissene, schlechtmenschige Arschgeige ist.
Weil die Person, die das Plakat abgerissen hat, eine verschissene Arschgeige ist.
Weil die Person humorlos ist.
Weil die Person einen anderen Humor hat als ich.
Weil sie vielleicht dachte, dass das Plakat vom Eigentümer kam, einer Kita, da ist die Nähe zum Bällebad vielleicht missverständlich.
Weil es einfach Menschen gibt, die solche Aktionen bescheuert finden und warum sollten sie nicht einfach abreissen, was ich einfach aufhänge?
Dass das klar ist: Seit ich kein Instagram mehr habe, finde ich noch immer die meisten Menschen doof und bin immer noch lieber mit denen zusammen, die das Plakat lustig finden. Aber ich kann mich häufig ruhiger in andere Leute denken (gilt niemals für Nazis und Klimaleugner) und das gefällt mir. Und ich like auch, dass mein Gedankengang nicht mehr von Ceviche-Fotos oder Videos von Leuten mit sehr weißen Zähnen unterbrochen wird, die ganz genau wissen, dass wir alle völlig falsch Situps machen.
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