Was ist eigentlich mit dem Feld der Philosophie passiert? Warum gibt es das nicht mehr? Warum interessiert das keinen? Und wie müsste man sie aufbereiten, damit sie heutzutage Aufmerksamkeit erfährt?
Die Geschichte der Philosophie als Wissenschaft hat irgendwie einen seltsamen Weg hinter sich. Im Laufe von über zweitausend Jahren ist sie von etwas sehr, sehr wichtigem zu etwas sehr, sehr egalem geworden, etwas so egalem, dass ihrer heutigen Vertreter:innen an einer Hand abzuzählen sind.
Das wurde mir bewusst, als ich kürzlich aus persönlichem Gründen forschen wollte, wie mensch eigentlich leben soll. Da gibt es doch Antworten drauf, erinnerte ich mich. Nicht umsonst war Philosophie in der Schule mein Lieblingsfach gewesen und nicht umsonst hatte ich nach dem Abitur sogar ein Semester davon studiert.
Also begab ich mich auf eine Spurensuche nach den großen philosophischen Ideen, die man hierzulande noch in den Archiven findet. Zugegeben, es waren zu 90% westliche Ideen weißer Männer.
Beim Durchforsten der Ideen von Seneca bis Habermas fiel eine Sache besonders in Auge, die mich etwas ernüchterte: Philosophie ist im Grunde einfach Begriffsfindung. Man sucht und findet Begriffe und Sätze, die möglichst viel von dem abdecken sollen, was wir Wirklichkeit nennen. Und das war’s im Grunde auch schon. Also war es unsere „Kulturtradition“, dass sich irgendwelche Typen in ein staubiges Zimmer setzten und darüber brüteten, wie sie a) alles um sie herum über einen Kamm scheren können und es b) so klingen lassen, dass die anderen die Welt immerhin so weit darin wiedererkennen, dass sie Mund und Nase aufsperren und mit dem Finger auf den Mann zeigen, der ja so gut Sachen verallgemeinern kann. Das erklärt irgendwie intuitiv, warum das als “Ding” ein bisschen schlecht gealtert ist.
Philosophie ist wie Sprach-Schach. Jemand macht einen Zug und ein anderer setzt ihn unter Druck. Bestimmte Themen verlaufen sich in Pattsituationen, genau wie beim Schach, das wären in der Philosophie Fragen wie: Gibt es einen freien Willen oder ist alles durch das vorangegangene vorherbestimmt? Täuschen uns unsere Sinne oder können wir die Welt tatsächlich erkennen? Oder ganz süß: Gibt es Moral nur im Zusammenhang mit einer Gesellschaft oder auch ohne, sozusagen im luftleeren Raum?
In einer Zeit, die so düster ist wie die unsrige, in der so vieles brutal gesprengt wird, was als einigermaßen gesichert galt, wäre es doch angebracht, sich wieder mal mit diesen alten Fragen zu befassen, dachte ich mir und ging alle ollen Kerle durch, auf der Suche danach, wer mir dafür geeignet schien. Ist gar nicht so einfach, alte Ideen auf die Zeit des iPhone-Monolithen (siehe Prophezeiung in „Space Odyssee“) anzuwenden…
Aber dann hatte ich jemanden gefunden, der einigermaßen zu passen schien.
Wenn er nicht im Leben so ein feiges Arschloch gewesen wäre, könnte man es ja (mit eine Übersetzungshilfe, denn der Mann schrieb empörend kompliziert) nochmal mit Adorno versuchen, finde ich. Adorno hat, zusammen mit Horkheimer, soweit ich das verstehe, gesagt, die viel gerühmte Aufklärung hat sich leider in ihr Gegenteil verkehrt. Wir wollten den Menschen als „Herren“ (würg) über die Welt einsetzen, ha’m wa auch gemacht, jetzt ha’m wa den Salat. Die Aufklärung wollte uns alle vom blinden Glauben an übernatürlichen Blödsinn befreien. An die Stelle von Gott oder dem “Dao” setzen wir heute die sogenannte „instrumentelle Vernunft“, also alles, was effizient ist und materielle Ergebnisse erzielt, als höchstes Ziel ein.
Kurz: Alles, was Nutzen bringt, ist legitimiert. Damit sind wir eine Kultur von Arschlöchern geworden, die den Menschen selbst als Teil der Natur „beherrschen“ und keinen Platz zulassen können, für „Abnormes“ oder, ja, am Ende auch nur für Menschliches, was ja auch mal hässlich, unbequem oder auch nur ratlos sein kann. Adorno hätte sich im Grab umgedreht wenn er gesehen hätte, wie heute eine öffentlich sprechende Person dafür sorgen muss, sich schonmal grundsätzlich wie ein US-amerikanischer Showmaster zu präsentieren, entweder sehr witzig oder sehr pathetisch, am besten beides. Selbst die Sprache gleicht sich an, nicht zuletzt durch ChatGPT, was gleich weiter unten einen kleinen Auftritt in dieser Kolumne hat.
Alles wird „effizient“, alles wird „effektiv“, menschliche Regungen werden zur Pose. Wer da nicht mitmacht, fällt vom Tellerrand und damit sind wir wieder Sklavinnen einer neuen Herrschaftsform. Leider war der gute Adorno ja famously so pessimistisch, dass er meinte: Es gibt gar keinen Punkt mehr, von dem aus man das Ganze von außen betrachten kann. Wir stecken alle so tief drin, dass es kein Entkommen gibt („Es gibt kein richtiges Leben im Falschen“).
Daher finde ich es auch höchst unangenehm, wenn sich Leute wie dieser unsägliche Solinger mit den langen Haaren in die Talkshows setzen und in erster Linie mal eines sind: charismatische Entertainer. Wer heute ein charismatischer Entertainer ist, der braucht gar keinen Inhalt. Der Appell an unsere tribalistische Seite („Ach guck, das könnte glatt mein Kumpel sein, so witzig und schlagfertig wie der ist!“) reicht völlig aus, um uns emotional an Menschen zu binden, die ihrerseits vor allem Kohle machen wollen und eben nicht vor allem irgendetwas wirklich infrage stellen oder gar voran bringen wollen. Wahrscheinlich, weil Adorno es tatsächlich geschafft hat und dem Unbehagen einen Namen gab: Wir FÜHLEN, dass wir gar nicht mehr heraus können aus dem alles umspannenden neoliberalen, bis hin zu faschistischen System.
Dabei sind wirksame Ideen doch tatsächlich gefährlich und das wäre unser Potenzial.
Als Adorno in die Studentenproteste in den Sechzigerjahren hineingezogen werden sollte, kamen barbusige Frauen auf ihn zu, bewarfen ihn mit Blumen und versuchten ihn zu küssen. Leider war der Gute durch seine eigenen radikalen Ideen bereits so paranoid, dass er, mit seiner Aktentasche um sich schlagend, Reisaus nahm und was den aktiven Widerstand gegen das alte System betraf, ziemlich feige gekniffen hat.
Aber vielleicht geht es ja doch, vielleicht kann man das System ja doch irgendwie kapern?
Vor meinem inneren Auge erscheint eine junge Influencerin mit „dem Instagram-Gesicht“, weiße Striche überall, als hätte ihr ein Kind eins mit der Straßenkreide übergezogen, gestyltes, langes, braunes Haar, kleine Nase, Mandelaugen, aufgespritzte Lippen, dünn. Profilname: Melanie Adorno.
Sie seufzt in die Handykamera, dann sagt sie: „Kennt ihr das auch? Man geht so durchs Leben, macht seine Morning Routine, total gründlich, richtig effizient, aber die Widersprüche lösen sich nicht auf??“ Ein kurzer, nachdenklicher Blick auf den Boden, sie schüttelt sanft den Kopf, dann schaut sie wieder in die Kamera und lächelt: „Es klingt jetzt irgendwie total weird, aber manchmal denk ich mir echt so: Was, wenn zum Beispiel meine Morning Routine, ne? Wenn die einfach nur Teil einer ewigen, dialektischen Negation unseres Daseins wäre, Alter?!“ Ungläubiges kleines Lachen, das ihre strahlend weißen Zähne zeigt. „Manchmal denk ich echt, die Rationalisierung meines weiblichen Körpers und die Unentrinnbarkeit meiner persönlichen Kommerzialisierung decken meine eigene leere Pose auf schmerzhafte Art auf - habt ihr da schonmal drüber nachgedacht?“ Sie zwinkert, dann schickt sie einen Luftkuss in die Kamera. „Najaaaa, jedenfalls freu ich mich, wenn du meinen Kanal abonnierst! Lass mir gerne einen Kommentar da, wo dich die Dialektik der Aufklärung in deinem Alltag quält! Byyyyye!“
