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Pause-Record-Play 26.02.26

Ein Bündel Freude

20 neue Alben, vermutlich eines davon ein 2026er Album des Jahres, und ein paar Jahrestage

Großartiges neues Album: Bill Callahan (Foto © Alexa Viscius)

So, allmählich komme ich in den wöchentlichen Groove. Wobei selbst das trotzdem noch viel Material-Bearbeitung bedeutet. So sind es diesmal schon wieder 20 Album-Empfehlungen aus den letzten drei Wochen (und teilweise ganz aktuell dieser Woche), die anstanden.

Das spiegelt die Realität der Menge an Veröffentlichungen der mir relevant und/oder empfehlenswert erscheinenden Alben wieder, von den zusätzlich hereinkommenden Singles dabei ganz abgesehen.

Überhaupt, vonwegen des Formats Album: Eine kürzliche Auswertung von Spotify-Daten durch den kalifornischen Datenjournalisten Daniel Parris, der Entertainment-Welt und Popkultur statistisch betrachtet, ergab, was wir schon ahnten, nämlich, dass inzwischen 75% der Tracks, die auf Alben veröffentlicht werden, für weniger als 5% der Streaming-Abrufe des jeweiligen Albums verantwortlich sind. Andersherum: Ein bis drei Tracks pro Album, wenn nicht pro Künstler*in dominieren alles, der Rest ist, nicht zuletzt dank Playlisten und deren Algorithmen, für die meisten unnützes bzw. ungehörtes, unregistriertes Beiwerk.

Das war mal etwas anders, als komplette Alben in Vinyl-, Kassetten- oder CD-Form den Musikkonsum automatisch auf das Ganze lenkten. Oder wie Parris es ausdrückt, "Listeners who encountered Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band in the 1960s are probably familiar with deep cuts like 'Fixing a Hole' or 'A Day in the Life,' while I cannot tell you a Carly Rae Jepsen song that isn’t 'Call Me Maybe.'”

Dennoch bleibt das Album die bevorzugte Release-Form der meisten Acts, zumal marketing-dramaturgisch inszeniertes Timing der Veröffentlichung (inklusive Single-Vorlauf etc.) und künstlerische Identitäts-Phasen (siehe "Eras"-Konzept von Taylor Swift) sich anhand von "Events" und "Bundles" wie eben einem Album-Release ideal umsetzen lassen.

Hier der Link zum empfehlenswerten "Stat Significant" Newsletter von Parris. (Opens in a new window)

Schöne aktuelle Platte: Lala Lala (Foto © Ariel Fish)

Musikalisch ansonsten noch kurze Olypmia-Nachlese: Mit ihrer Gala-Kür zu PinkPantheress hat die US-amerikanische Eiskunstläuferin Alysa Liu dann nicht nur sportlich, Haar/Piercing-modisch und von ihrer Ausstrahlung her, sondern auch musikalisch ein definitives Highlight des Wintersport-Events geboten. Ansonsten freuten Berichte, dass Adriano Celentanos genial-absurdes Nonsens-Stück "Prisencolinensinainciusol" sowie die Soundtrack-Experten von Calibro 35 musikalischer Teil der Opening Ceremony waren. Angeguckt hab ich mir das allerdings ehrlich gesagt nicht, dafür aber natürlich u.a. Curling und den Schaum vorm Mund der Biathleten.

Jetzt bleibt vom Ganzen nur der erhebliche Flurschaden, den so eine Event-Produktion eben immer anrichtet (bei Interesse: Hier der Guardian-Artikel "The Great Olympic lie: untold story of Winter Games' huge environmental impact" (Opens in a new window))

Bevor ich jetzt einen neuen Überlänge-Rekord beim State-of-the-Union Intro hinlege, lieber weiter im Text, diesmal mit diesen Mitschnitten

Mal wieder ein Selfie
  • 20 neue Alben u.a. mit Altin Gün, Bill Callahan, Michelle David & The True-tones, Lala Lala und Shackleton

  • Jahrestage mit The Lovin' Spoonful, The Blow Monkeys, Roy Ayers, Angie Stone und David Johansen

20 neue Alben

Bitte anhand der Kategorien und Stichwörter gucken, ob es interessiert oder alles austesten.
Gerne kurz lesen oder gleich reinhören.
Bei Gefallen am besten zusehen, dass sich Begeisterung in Unterstützung für die Künstler*innen umsetzt: Kauft Tonträger (darauf achten, wo!), unterstützt den lokalen Handel mit Tonträgern (braucht Euer Geld dringender als Jeff Bezos), geht in Konzerte (vor allem in die kleinen Clubs), kauft Merchandise usw. - Ihr wisst schon.

Global, Alternative, Folk-Rock, Anadolu Rock
#Turk-Funk #Psych-Rock
#Niederlande #Amsterdam

Altin Gün - Garip (Glitterbeat)

https://altingun.bandcamp.com/album/garip (Opens in a new window)

Wer Angst hatte, der Weggang von Sängerin Merve Daşdemir könnte die Anziehungskraft von Altin Gün geschmälert haben, wird auf "Garip" eines Anderen belehrt. Der nun allein für die Vocals verantwortliche Erdinç Ecevit Yıldız, der als Bağlama-Spieler ohnehin immer schon eine zentrale Rolle bei der niederländisch-türkischen Band einnahm, meistert die zehn Stücke des sechsten Albums mühelos auch als alleinige Stimme. Das Material stammt diesmal von der 2012 verstorbenen Bağlama-Legende Neşet Ertaş, ein Musiker, der zwischen Ende 1950er und Ende der 1970er über 30 Alben veröffentlichte. Ertas ging in den 1980ern, vorübergehend krankheitsbedingt nicht musizierend, nach Deutschland, wo er bis Anfang der 2000er quasi in Vergessenheit geriet. Auf "Garip" dienen sein Kompositionen nun als idealer Showcase für den wie gewohnt mitreißenden psychedelischen Anadolu-Rock von Altin Gün.

Indie Pop
#Synth-Pop #Electro-Pop #Dark-Wave
#Kanada #Montreal

Bibi Club - Amaro (Secret City)

https://bibiclub.bandcamp.com/album/amaro-2 (Opens in a new window)

Es peitscht die Drum Machine, es rollt und pocht der Arpeggio-Synth Bass, so weit so 1982, doch wir sind 2026 und diese dark-wavigen Elemente sind Bestandteil einer ganz modernen Alt-Pop Platte aus Kanada. Wobei es die Soundwelten der früheren 1980er dem Duo angetan haben, leicht gruftige Gitarren inklusive. Da passt dann der zart verführerische Gesang der englisch und französisch singenden Adèle Trottier-Rivard, der sich vermutlich auch in einem Dream-Pop Nest wohl fühlen würde, in ein etwas schrofferes Klangbild, das sich von den leichtfüssigeren ersten Alben des Duos unterscheidet. Die Produktion ist Bedroom-Recording-Ästhetik im Großraum-Studio Format, die Stilistik so etwas wie Post-Punk-Chanson.

Singer/Songwriter, Americana
#Folk #Indie-Rock
#USA #Austin

Bill Callahan - My Days Of 58 (Drag City)

https://billcallahan.bandcamp.com/album/my-days-of-58 (Opens in a new window)

"Alternative experimental Folk", behauptet seine Bandcamp Seite per Tagging, sei auf diesem zehnten Album von Bill Callahan zu hören. Folk-Rock, Americana, Blues, Soul, alles das ist drin, aber vor allem Callahans ganz eigene Art von sonoren kontemplativen Hymnen, die aus bescheidener, unsentimentaler Perspektive mit der Welt versöhnen, weil sie von vornherein die eigene Unwichtigkeit akzeptieren, um dann in der Schönheit der kleinen Dinge, Gesten, Regungen die ganz große spirituelle Poesie zu finden, die uns mit dem Leben verbindet. Vergleiche mit Lou Reed, Leonard Cohen oder auch Zeit- und (ehemaligen) Labelgenossen wie dem verstorbenen David Berman oder Bonnie Prince Billy liegen nahe. Klänge das nicht so billig, könnte man den Musiker aus Austin zum Barden der Achtsamkeit verklären. Das liegt nicht zuletzt daran, dass der früher unnahbare Callahan als Songwriter mit den letzten Alben verbindlicher, persönlicher geworden ist. Vielleicht hat er aber auch in den über 30 Jahren und über 20 Alben (als Smog und dann unter eigenem Namen) besser gelernt, sein Innerstes als Kunst nach Außen zu kehren. So singt er auf der, wie er sagt Wohnzimmer-Platte ("Ich habe die Bläser gebeten, entspannt zu spielen, wie jemand, der auf dem Sofa sitzt. Kein Schallen aus Himmel oder Hölle") unter anderem über seinen Vater, seine Ehe und seine eigene Vaterschaft und gibt in Interviews freizügig die Krebsdiagnose preis, die er Ende 2024, Anfang 2025 erhielt. Der früh erkannte Darmkrebs scheint gebannt, aber der "Spiegel der Sterblichkeit", in den er geblickt habe, dürfte eine Teil des Albums beeinflusst haben, das vier Jahre nach Callahans letzten Studioalbum erscheint. Da wird schon mal dem Tod ins Gesicht gelacht. Andere Stücke, wie die großartige Single "Stepping Out For Air" gingen auf ein nie realisiertes Projekt mit seinem Drummer Jim White und Multiinstrumentalist Warren Ellis zurück, das seit 15 Jahren in der Schublade geblieben sei wegen Eliis' Dauerverpflichtungen mit Nick Cave. Im Grunde ist der Jahrgang von Callahans Musik aber auch fast egal, bereits seine als Anfang 40-jähriger veröffentlichten Platten klangen sozusagen bei Erscheinen gut gealtert. Der im Sinne von künstlerischer Nachhaltigkeit und Beständigkeit konservativ zu nennende Callahan hat allerdings inzwischen seine musikalische Seite immer weiter verfeinert. Auf dem 2026er Werk glänzen neben den Songs dann nicht nur seine Bariton-Stimme sondern auch wieder die Arrangements seiner Band, seien es die tollen Bläsersätze vom Sofa, die verlässlichen Drums von Jim White, die Gitarren oder das Piano. Nicht nur aber vermutlich für die Ü-50 Crowd definitv als Platte des Jahres nominierbar.

Deep Listening
#Ambient #Minimal #Meditation
#Australien #Sidney #Eora

Megan Alice Clune - Repetition Study I: imagine being (Meakusma)

https://meakusma.bandcamp.com/album/repetition-study-i-imagine-being (Opens in a new window)

Ihre Stimme, ein Klavier und eine Klarinette, sowie Hall- und Echo-Pedale standen der australischen Musikerin zur Verfügung, als sie die hier zu einem vier-sätzigen Werk zusammengefassten Aufnahmen live in Brüssel respektive in Berlin produzierte. Clunes Arbeiten besetzen einen Raum zwischen Minimal-Komposition und Ambient, sind klar, präzise und licht. Aus zunächst statisch wirkenden Sounds entwickeln sich unerwartete Dynamiken, öffnen sich zunächst verborgene Klangschichten.

Soul, Retro Soul
#Gospel-Soul #Northern-Soul #Southern-Soul
#Niederlande #Amsterdam

Michelle David & The True-tones - Soul Woman (Record Kicks)

https://michelledavidandthetruetones.bandcamp.com/album/soul-woman (Opens in a new window)

Vom ersten Uptempo-Beat an ist klar, dass sich an der Formel von Michelle David & the True-tones fast nichts geändert hat: Soul in Stil und Sound der 1960er und 1970er, als R&B noch Rhythm&Blues hieß und auf der Bühne Entertainment-Etikette galt. Fast nichts, weil wie beim Titelstück inzwischen auch mal klassischer Afro-Beat zum Baukasten gehört, den die amerikanische Wahl-Niederländerin mit ihrer Band nutzt, um uns in eine Vergangenheit zu versetzen, die hier vor allem souverän durch Northern und Southern Soul, die Sweetness von Diana Ross und die Grittiness von Irma Thomas, das ganze Besteck der Prä-Disco Soul-Sounds evoziert wird. Die mit ihren Mitmusikern Onno Smit und Paul Willemsen komponierten Stücke der True-tones bestehen dabei den Qualitätstest, dem Musik von Labels wie Motown oder Stax seinerzeit unterzogen wurde, als so eine Musik noch die Mainstream-Charts erobern konnte.

Art Pop, Indie Pop
#Alternative #Electronic #BritPop
#UK #London

Gorillaz -The Mountain (Kong)

https://gorillaz.bandcamp.com/album/the-mountain (Opens in a new window)

Natürlich ist von einer neuen Gorillaz-Platte 2026 nicht wirklich die große Überraschung zu erwarten. Neun Alben hat das virtuelle Band-Projekt von Damon Albarn und Jamie Hewlett in den letzten 25 Jahren veröffentlicht, auf denen der eklektische Mix von Albarns melancholischem Brit-Pop, Elektronik, Trip und Hip Hop Einflüssen, großer Gästeliste und weltmusikalischen Beimischungen sich zu einem Soundtrack des 21. Jahrhunderts entwickelt hat. Auch das "The Mountain" zugrunde liege Thema der Trauerarbeit und Beschäftigung mit Tod und dem Leben danach ist ebenfalls nicht neu in Albarns Katalog. Aber dennoch ist "The Mountain" mehr als nur ein Druck auf die kreative Repeat-Taste. Mit einem indischen Schwerpunkt (u.a. durch viel Sitar-Spuren von Anoushka Shankar repräsentiert) und einer eindrucksvollen Reihe von posthum vertretenen früheren Gorillaz-Gästen (Bobby Womack, Trugoy von De la Soul, Mark E. Smith, Denis Hopper, Tony Allen und D12 Rapper Proof sind nochmal zu hören; nur die im Gorillaz-Archiv noch liegenden Lou Reed Aufnahmen wurden nicht freigegeben) besitzt "The Mountain" so etwas wie Gravitas, hat die richtige Tiefe für ein Autoren-Pop Album. Und so sind die Gorillaz also mal wieder über den Berg und wir haben die nächste, 15 Tracks umfassende Saison dieser andauernden Serie alternativer Kunst.

—-

Alternative/Indie, Folk
#Free-Pop #Synth-Folk
#UK #NewcastleUponTyne

Hen Ogledd - Discombobulated (Domino)

https://henogledd.bandcamp.com/album/discombobulated (Opens in a new window)

Hen Ogledd, das Projekt um Harfenistin Rhodir Davies und den hier Bass spielenden Sänger und Songwriter Richard Dawson, haben auf den ersten Blick manchmal die Ausstrahlung einer Gruppe Mittelalter-Cosplayer*innen, die eine Hipster-Popact-Performance geben, manchmal die einer kreativen Selbsthilfegruppe, die das alles hier nur als Hobby betreibt. Und tatsächlich: Spleeniger wird es nicht im gegenwärtigen Indie-Sound. Allerdings hat das Methode: Das Projekt, benannt nach einem walisischen Ausdruck für die Regionen nördlich von Wales, im Norden Englands und Süden Schottlands, nutzt ihren diesmal u.a. mit Synthpop-Rap-Anklängen versetzen Indie-Folk-Post-Rock Sound als Vehikel für eine auf mehreren Ebenen widerständige Musikästhetik, die sich bei Impro-Traditionen, alt-englischen Folklore-Mythen und im Chor vorgetragenen anti-kommerziellem Selbstbewusstsein bedient, um Systemkritik zu üben. Schräge Sounds gegen Rechtsruck, Tech-Bro-Oligarchen Monopole und andere Verwirrungen.

Jazz
#Chor #Vokal-Jazz #UK-Jazz
#UK #London

Dave Holland, Norma Winstone, Kenny Wheeler - Vital Spark (Music Of Kenny Wheeler) (Edition)

https://daveholland.bandcamp.com/album/vital-spark-music-of-kenny-wheeler (Opens in a new window)

Gelassen altmodisch kommt diese Würdigung des seit den 1950ern in UK ansässigen und 2014 verstorbenen kanadischen Flügelhorn-Spielers und Trompeters Kenny Wheeler daher. Vokal-Jazz, dann noch mit Chor, das gerät oft altbacken und war schon in den 1960ern und 1970ern meist eher bemüht als zwingend. Doch das 25-köpfige London Vocal Project , angeleitet durch Pete Churchill, der aus Skizzen Wheelers diese Stücke ausarbeiten konnte, erzeugt auf "Vital Spark" den entscheidenden Textur-Unterschied, der die ohnehin schon brillante Aufnahme in Top-Besetzung aus dem Business-as-usual-Sound moderner Jazzaufnahmen herausholt und um eine quasi psychedelische Qualität ergänzt. Britische Weggenossen führen die letzten Stücke Wheelers auf: Vokalistin Norma Winstone, Saxophonist Mark Lockheart, Pianistin Nikki Iles, Gitarrist John Parricelli, Drummer James Maddren und Bass-Legende Dave Holland harmonieren untereinander aber eben auch mit dem Chor auf eine zeitlos-wunderbare Art, die das Beste aus den europäischen jazz-Traditionen herausholt, die der großartige Kenny Wheeler mitgeprägt hat.

Neue Musik
#Kammermusik #Contemporary-Classical
#Kanada #Neufundland/Labrador

Robert Humber - Into Air (Redshift)

https://redshiftmusicsociety.bandcamp.com/album/into-air (Opens in a new window)

Vier neue Werke eines vielseitigen Musikers: Zuletzt war Humber auf einem elektro-akustischen Album ("Threnody For Rocking Chair") zu hören, sowie mit einer Prog/Folk Platte unter seinem Pseudonym R Sheaves ("Mary Spins"). "Into Air" nun versammelt vier strenger gefasste kompositorische Arbeiten der Neuen Musik; Stücke für Solisten, die per Multitracking Mehrstimmigkeit erzeugen. Das Titelstück für fünf Violinen, "Mothmouth" für drei Gitarren, "Murmurations" für sechs Klaviere sowie "Singing In Circles" das er für Solo-Cello und Cello Oktett geschrieben hat. Minimalistisch produziert, teilweise als Home Recordings, aber trotzdem mit Konzertsaal-Aura; letztendlich Lockdown-Arbeiten, die post-lockdown ihre ganze Schönheit entfalten.

Alternative/Indie, Indie Pop
#Indie-Songwriter #Bedroom
#USA #LosAngeles

Lala Lala - Heaven 2 (Sub Pop)

https://lalabandlala.bandcamp.com/album/heaven-2 (Opens in a new window)

Auf den ersten Eindruck ein bisschen Post-Sad-Girl-Sound aber eigentlich die Fortsetzung einer Indie-Rock/Bedroom-Pop Karriere, die in Chicago begonnen hat. Mittlerweile ist Lillie West, die Künstlerin hinter dem Pseudonym Lala Lala in Los Angeles gelandet (nach Zwischenstationen in New Mexico, Island und London). LA kennt sie als Tochter eines Hollywood-Regisseurs ohnehin, hat sich dort aber nach eigener Aussage neu gefunden und jetzt ihr viertes Album seit 2019 als Lala Lala vorgelegt (ein weiteres, unter eigenem Namen veröffentlichtes, instrumentales Ambient-Pop Album erschien 2024). "Heaven 2" verbindet retro-futuristischen Synthpop mit Singer/Songwriter Musik. Melina Duterte alias Jay Som (u.a. Live-Bassistin von Boygenius) stand musikalisch zur Seite und füllt die emotionalen Räume, die durch die kunstvolle Teilnahmslosigkeit entstehen, die der Gesang vorgibt auszudrücken. Ein Soundtrack für Identitätskrisen, voll von nur vermeintlich einfachen Popmomenten. "Get me out of America / Something in the water makes me sick", singt West im Album Opener "Car Anymore". Rette sich, wer kann, aber besonders optimistisch, dass wir weit kommen, ist sie nicht: "Heaven is a moment / Hell is a life", wie es im Titelstück heißt.

Jazz Punk, Fusion
#Post-Hardcore #Jazzrock
#USA #Washington #NewYork

The Messthetics & James Brandon Lewis - Deface The Currency (Impulse)

https://themessthetics.bandcamp.com/album/deface-the-currency (Opens in a new window)

Manchmal harter Stoff, wie nicht anders zu erwarten, wenn sich eine Band, die aus der Rhythmusgruppe der Post-Hardcore Band Fugazi (1986-2003) und einem für Experimente offenen Fusion-Gitarristen besteht, und ein kompromissloser Jazz-Saxophonist zusammen tun. Das haben die Messthetics und James Brandon Lewis erstmals 2024 getan und jetzt gibt es zum zweiten Mal Musik aus dieser Verbindung auf Albumlänge. Eine gewisse 1980er jazzy Punk-Funk Ästhetik ist gern gesehene Referenz und gibt Anlass zu spielfreudigen Tracks, die direkt gemeinsamen Live Sets entsprungen scheinen. Der trocken geknüppelte Groove nebst verzerrter Gitarren sind ein optimaler Kontrapunkt für Lewis' expressives Spiel und die vielseitige Gitarre von Anthony Pirog darf sich ebenfalls ausleben. Die richtige Balance aus filigran virtuosem Gefrickel und punk(t)genauem Drive ist dabei das Entscheidende.

Neo-Klassik, Electronics
#Art-Punk #Post-Rock #Percussion #Violine #Keyboards
#Spanien #Calonge

Los Sara Fontan - Consuelo (Aloud)

https://lossarafontan.bandcamp.com/album/consuelo (Opens in a new window)

Intensive, performative Musik eines katalanischen Duos (eine Violinistin und ein Drummer, die mit einem um Keyboards erweitertem Instrumentarium arbeiten), das häufig stark politisch aufgeladene Musik serviert, die zwischen schwer verdaulicher Wut und schräg-schönen Momenten wechselt. Oder wie es ihre Bio ausdrückt: "...minimalistische Oasen, Garagen voller Lärm und Öl, Strände, an denen die Zeit sich dehnt, undurchdringliche Klangwände, die Basis für den Rapper in uns, romantische Klippen, Unterwasserakrobatik, hedonistische Discos, Gärten voller duftender Blumen...".

Alternative/Indie, Indie Rock
#Deutschsprachig #Post-Punk
#Dland #München

Die Sauna - Tut beni (Popup)

https://die-sauna.bandcamp.com/album/tut-beni (Opens in a new window)

Nicht so sehr "The Beaten Generation" (The The, 1988), sondern eher "Die niedergeschlagene Generation": Im Zeitgeist-Gefühl liegt Die Sauna mit ihrer in Moll gehaltenen, manchmal fast shoegaze-igen Indie-Schrammel-Musik mit Texten, die romantischer sind, als dass es nur Ironie sein könnte, irgendwo zwischen den Düsseldorf Düsterboys, Wiener Schule und Depri-Schlager. Für Indie-Surf-Sounds á la The Drums und Co. fehlt in München bekanntlich inzwischen die Eisbachwelle, für Dream Pop fehlt dem Sound von "Tut beni" der absichtlich übertriebene Hallraum. Entsprechend machen Die Sauna eine eher epischen Klangwelten zugetane Art emotiven Post-Punks, zu der man am Besten gleich im Bett bleibt. Vielleicht beim nächsten Mal nicht vom Meer träumen, sondern von den Bergen? Die liegen von München aus näher und so ein Alpen-Panorama-Sound könnte den Sauna-Songs spannende Perspektiven öffnen.

Jazz
#Kammer-Jazz #Kontrabass #Prog/Folk
#USA #NewYork

The Setting - The Setting (Loyal)

https://eivindopsvik.bandcamp.com/album/the-setting (Opens in a new window)

Treffen sich ein Norweger, ein Österreicher und ein Amerikaner in New York und nennen sich The Setting: Wunderbar entspannte dabei leicht vertrackte Musik des Bassisten und Komponisten Eivind Opsvik, der seit 30 Jahren an der amerikanischen Ostküste lebt und arbeitet. Ohne Drummer dafür mit den vielseitigen Sounds seiner Mitmusiker entstehen smart-charmante Kunststücke zwischen Jazz, 1970er Prog/Folk, ECM-Atmo, Soundtrack-Weite und Post-Rock. Keyboarder Elias Sterneseder instrumentiert überaus passend mit Klavier, E-Piano, dezenten Synthesizern und einem Lautenklavier (Cembalo-ähnliches Barock-Instrument mit Darm-Saiten), während Will Graefes Gitarrenspiel dezent wie immer daherkommt. Es zupft, klopft, ist muggelig-winterlich und im genau richtigen Mass elektrifiziert.

Advanced Electronics
#Bass #Gloom #Percussion
#UK #Dland #Berlin

Shackleton - Euphoria Bound (AD 93)

https://samshackleton.bandcamp.com/album/euphoria-bound (Opens in a new window)

Auch 2026 kann man von Sam Shackleton kaum dubsteppige Banger erwarten, wie er sie ab 2005 mit Appleblim für ein paar Jahre auf dem Skull Disco Label herausbrachte (wobei das auch damals schon eine eher darke Unterart von Dubstep war). Spätestens mit Gründung seines Woe To The Septic Heart Labels um 2010 entfernte sich der inzwischen in Berlin lebende Brite zunehmend vom Club-Kontext zugunsten einer Musik, die eher an Rituale, dunkle Mächte, Trance und Trommelworkshops denken lies. Mit „Euphoria Bound“ hat er jetzt Album veröffentlicht, das für meine Ohren zu den seither best-hörbaren Releases von ihm zählt, ohne auf die ganze akustische Percussion zu verzichten, die, wie mittlerweile zu erwarten, dem Ganzen durchgehend mehr oder weniger präsent klöppelnd den Takt gibt. Dezidiert nicht-ethnisch-inspirierte Musik mit Referenzen an Industrial-Tribalismus und Steampunk-Himmelschöre, Voodoo-Extase und Sound-System-Subbass-Sex, die trotzdem nach Indien, Bali, Sub-Sahara und sonstwo klingt. Nur halt alles auf einmal. Wo andere Sound-Design betreiben, ist bei Shackleton Worldbuilding im Programm. Ob man sich in seine musikalische Parallel-Welt begibt, ist wie die Entscheidung, im Kino in den experimentellen Horrorfilm zu gehen: Nicht für alle, aber ein besonderes Vergnügen.

Advanced Electronics, Club/Dance
#IDM #Post-Tropical
#Niederlande #Amsterdam

styn - BLUPRNT (nachtwinkel)

https://stynstyn.bandcamp.com/album/bluprnt (Opens in a new window)

Hier tanzt der "Planet Rock" im Tropical Mosh-Pit zu Sound-System-tauglichen Tiefbässen, die Folklore ist elektronisch, die Hardware billig, die Stimmung zerebral aber ausgelassen. Post-Reggaeton Elektronik-Tanzmusik, die alles in einen digitalen Melting Pot schmeißt: Kudoro, Bubbling, Juke, Electro, Dembow, Dubstep - Hauptsache es ist laut, macht Spass und ist irgendwie rhythmisch desorientierend. Feet, don't fail me now; Schüttel', was du hast.

#Jazz
#Kammer-Jazz #Fender-Rhodes
#USA #NewYork

Triple Blind - Cold Walk (AISA)

https://tripleblind.bandcamp.com/album/cold-walk (Opens in a new window)

Triple Blind sind vier Musiker, deren urspüngliches Zusammenspiel vom Covid-Lockdown geprägt war, eine Remote Combo. Für ihr neues Album sind sie nun in Studio/Live Sessions auf Tuchfühlung gegangen. Ausgehend von Kompositionen des Saxophonisten (spielt auch weitere Holzblas-Instrumente) Kyler Nasser und grundiert vom Bassisten Nick Jost, bringen die Stücke auf "Cold Walk" eine leicht verfremdete Art von Modern Jazz hervor. Der Sound von Old-School Fender Rhodes, Mellotron und Synthesizer-Sounds (Dov Manski) verwischt den Zeitstempel, das vielteilige Drum- und Perkussion-Set (Peter Kronreif) sorgt für Abwechslung, das Zusammenspiel ist souverän aber nicht abgehangen.

Deep Listening, New Age
#Ambient #Electronics #Psychedelic
#UK #London

Various Artists - Mastery: Quantum Sound (Houndstooth)

https://houndstoothlabel.bandcamp.com/album/mastery-quantum-sound (Opens in a new window)

Augen zu und durch: Mit "Quantum Sound" präsentieren Mastery ("London’s pioneering sound studio") ihre Vision von meditativer Ambient-Musik, die mehr sein soll als nur designte Klangwelt. Heilende Wirkung, psychedelische Bewusstseinserweiterung, die klangliche Entsprechung zu mehr oder weniger hoch dosierten, mehr oder weniger neurowissenschaftlich fundierten Ketamin-, Pilz- oder sonstwas Trips. Mit Musik u.a. von Djrum, Hannah Holland, Wata Igarashi und Ruthlss.

Electronics
#Dub #Ambient #Minimal
#Japan #Nagoya

Various Artists - Nagoyaka Na Kaze (Quiet Wind) (Wisdom Teeth)

https://wisdomteethuk.bandcamp.com/album/nagoyaka-na-kaze-quiet-wind (Opens in a new window)

In den 1920ern entwickelte der gelernte Zimmermann Toyoda Sakichi in Nagoya einen automatisierten Webstuhl mit autonomer Fehlererkennung, dessen Patent Erlöse brachte, die, zusammen mit politischer Förderung durch die auf Kriegstauglichkeit ausgerichtete japanische Regierung, seinem Sohn Anfang der 1930er die Gründung einer Automobilproduktion ermöglichten. Heute ist Toyota der größte Automobil-Hersteller der Welt und Nagoya (etwas über 2,3 Millionen Einwohner) ist nach Tokyo, Yokohama und Osaka die viertgrößte Stadt Japans. Kulturell tritt Nagoya eher selten in Erscheinung. Für die dort ansässige Musikszene offenbar eine gute Voraussetzung, um eine eigenständige Soundkultur wachsen zu lassen, die sich jetzt mit acht exklusiv für diese Compilation des Londoner Labels Wisdom Teeth (K-Lone und Factas Label) produzierten Tracks präsentiert. Erstklassige Soundarbeit, stilistische Bandbreite von Ambient bis Dub, Minimal bis Downtempo und ein smartes Sequenzing machen aus "Nagoyaka Na Kaze" ein so deepes wie kurzweiliges Hörvergnügen.

Indie Folk, Psych Folk
#Psychedelic #Streicher #Retro #Cinematic
#UK #Manchester

Matthew C. Whitaker - Songs For The Weary (Cosmic Dross)

https://matthewcwhitaker.bandcamp.com/album/songs-for-the-weary (Opens in a new window)

Primär bekannt für seine Beteiligung bei der Band Henge, deren Stil seine Biografie als Cosmic Prog-Rave bezeichnet, veröffentlicht der aus Manchester stammende Matthew C. Whitaker unter eigenem Namen ganz anders beschreibbare Musik: Satte Streicher im Kontrast zur sehnsüchtig verhallten Vibrato-Gitarre, sentimentale Theremin-Melodien und der Klang eines großen Aufnahmeraums verraten eine Vorliebe für alte Soundtracks, sein sanfter Gesang, der nach einer tatsächlichen Ouvertüre einsetzt, vervollständigt den Klangeindruck, dass hier ein aus der Zeit gefallenes Showorchester aufspielt, irgendwo zwischen Sgt. Peppers einsamen Herzen, den Exotica-Träumen von Martin Denny und Co., "Nature Boy"-Jazz-Folk-Hippietum und einem charmanten "Wandavision"-Serien-Spinoff-Score, der eine alternative 1950er Jahre Realität vertont. Der Titel verrät das Konzept eines Albums, in dem es um eine (Lebens-)Müdigkeit geht, der fast an Syd Barrett gemahnende Track "Portrait Of The Artist As An Old Man" bringt den variierten Oscar-Wilde-Gedanken auf den Punkt. Dabei erwartet man irgendwie, das gleich einer dieser Schnitt-Effekte einsetzt, der die Traumwelt als eben solche outet und uns schroff in die profane Gegenwart zurückwirft. Aber für kurze 25 Minuten wirkt die angenehme Betäubung, sind wir im musikalischen Tagtraum von Matthew C. Whitaker.

The Messthetics & James Brandon Lewis (Foto @ Pat Graham)

Und sonst:

Gibt es ein paar Jahrestage.

Im Februar vor 60 Jahren erschien ein Signature Hit der 1960er mit dem programmatischen Titel "Daydream". Hier ein Auftritt von The Lovin' Spoonful in der Ed Sullivan Show. Die Band um John Sebastian verband ihre Herkunft aus der Jug-Band-Tradition mit dem damals neuen Sound des Folk Rock und war vorübergehend eine der beliebstesten Musikgruppen der USA.

https://youtu.be/DpKFmabCjlw?si=TkJB4XSy-DJh1yIM (Opens in a new window)

Im Februar von 40 Jahren erschien das zeitlose "Digging Your Scene", einer der großen Hits von The Blow Monkeys. Die britische Band stand für den Sophisticated Pop mit politischer Haltung, der Mitte der 1980er kurzzeitig Konjunktur hatte. "Digging Your Scene" gilt als einer der ersten Songs, der AIDS thematisierte. Blow Monkeys Frontmann Dr Robert singt hier (als Hetero-Mann) aus der Perspektive eines nicht geouteten Homosexuellen, der von der Erkrankung eines Liebhabers erfahren hat.

https://youtu.be/no5XeOJHxK8?si=lt_CLz8Cy6JY3qK1 (Opens in a new window)

Hier ein Interview, das der ehemalige MTV-Moderator Steve Blame letztes Jahr mit "Dr." Robert Howard für seinen Podcast "Pop - the History Makers" geführt hat. (Opens in a new window)

Und ein paar Todestage jähren sich dieser Tage zum ersten Mal:

Am 28.02.2025 verstarb die New York Dolls Legende David Johansen (alias Buster Pointdexter). Hier der 1984er Videoclip zu "Heard The News" vom "Sweet Revenge"-Album.

https://youtu.be/3C29L6G6jFU?si=fUefTVZ-LDsSiKUZ (Opens in a new window)

Am 01.03.2025 verstarb die Neo-Soul Diva Angie Stone. Hier das Video zu "No More Rain (In This Cloud") vom 1999er Album "Black Diamond"

https://youtu.be/UgG0Hu_FeiA?si=d8Ng_0LSNI1qJgjp (Opens in a new window)

Am 04.03.2025 verstarb der Jazz/Funk/Soul Musiker Roy Ayers. Hier sein Tiny Desk Konzert für NPR aus dem Jahr 2018

https://youtu.be/CghK8iVUHBs?si=dCmSrOjHTu32qRZY (Opens in a new window)

RIP und damit von mir Bye-Bye.

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https://steady.page/de/pause-record-play/about (Opens in a new window)