(Opens in a new window)Gestern wurde zum 33. Mal der Ermordung von Paolo Borsellino gedacht - in der Via D’Amelio, wo der Antimafia-Staatsanwalt zusammen mit seinen Leibwächtern vor dem Haus seiner Mutter in die Luft gesprengt wurde. Hier im Bild: Borsellinos Bruder Salvatore (Opens in a new window), der von Nino Di Matteo (Opens in a new window)umarmt wird, dem Staatsanwalt, der den Prozess um den Pakt zwischen der Mafia und dem italienischen Staat geführt hat. Heute, 33 Jahre später, wissen wir immer noch nicht, wer die Auftraggeber der Morde an Falcone und Borsellino waren.
In den Minuten nach dem Attentat wurde Paolo Borsellinos Aktentasche aus den noch rauchenden Trümmern entfernt. Von einem Polizisten, der die Tasche einem Staatsanwalt gab, der sich an nichts mehr erinnern will. In der Tasche befand sich jene agenda rossa, von der sich Paolo Borsellino nie trennte und in die er Begegnungen und Beobachtungen aus der Zeit nach der Ermordung seines besten Freundes notierte: Obwohl Paolo Borsellino kein Mandat für diese Ermittlungen hatte, befragte er Zeugen, Kollegen, Polizisten, Carabinieri und Kronzeugen, er führte in Rom sogar Gespräche mit Ministern und protokollierte alles in seinem roten Taschenkalender.

Im Jahr 2005 taucht dieses Foto auf: Es zeigt den Carabiniere, der Paolo Borsellinos Aktentasche an dem noch rauchenden Autowrack vorbeiträgt. Wem er die Tasche gegeben hat, daran will sich der Carabiniere nicht mehr erinnern. Für den Verbleib des Kalenders muss er sich vor Gericht verantworten – und wird freigesprochen. Ein am Tatort anwesender Staatsanwalt, der die Tasche in der Hand gehabt und mit dem Carabiniere einen Blick hineingeworfen haben will, gibt sieben verschiedene Versionen über ihren Verbleib ab. Weitere Polizisten und Staatsanwälte liefern weitere Versionen ab.
Salvatore, der Bruder von Paolo Borsellino, bezeichnet den roten Terminkalender als »Blackbox« des Massakers in der Via D’Amelio: »Ich bin überzeugt, dass wir die wahren Mörder von Paolo finden würden, wenn wir wüssten, wer diesen Kalender an sich genommen hat: Jene ›anderen‹, über die Paolo mit seiner Frau Agnese sprach, als er sagte, dass die Mafia ihn töten werde, aber andere dies ermöglicht hätten. Wäre der Inhalt der agenda rossa bekannt geworden, also dass Teile des Staates mit den Mördern Falcones verhandelt haben, dann wäre in Italien ein Bürgerkrieg ausgebrochen.«
Um so obszöner ist die Tatsache, dass Paolo Borsellinos Aktentasche in diesen Tagen in einem Glaskubus im Transatlantico-Saal der Abgeornetenkammer zur Schau gestellt wird: Die Tasche von Borsellino als Fetisch, den man verehrt, wie den Knochen eines Heiligen. Dahinter verbirgt sich der verzweifelte Versuch der italienischen Rechten, angeführt von Giorgia Meloni, das Erbe von Paolo Borsellino für sich zu beanspruchen.
Anlässlich der Gedenkfeiern für Paolo Borsellino sagte Meloni, dass das italienische Volk das Recht habe, die Wahrheit über das Massaker in der Via d'Amelio zu erfahren. Die Frage ist nur: Welche Wahrheit?
Die “alternative” Wahrheit, die massiv von den italienischen Rechten verbreitet wird, versucht, wie ich bereits schrieb (Opens in a new window) - die extrem banale - Ermittlung „mafia e appalti“ rund um die Vergabe öffentlicher Aufträge als Auslöser für die Ermordung von Falcone und Borsellino darzustellen. Diese “Wahrheit” wird dank der parlamentarischen Antimafia-Kommission unter der Leitung der Meloni-Vertrauten Chiara Colosimo (Opens in a new window) verbreitet - die nicht nur zu Melonis rechten Brüdern Italiens gehört, sondern der auch nachgesagt wird, eine gewisse vertrauliche Nähe zu Exponenten der extremen Rechten zu pflegen (Opens in a new window),
Dieses Vertuschungsmanöver wird leider, leider auch von Teilen der Familie Borsellino unterstützt - eine Haltung, von der sich Paolo Borsellinos Bruder Salvatore ausdrücklich distanziert hat (Opens in a new window). Die Kinder von Paolo Borsellino haben sich in diese abenteuerliche und abstruse Interpretationen als Begründung für die Ermordung ihres Vaters verstrickt - die sehr nach den Interessen der angeklagten Politiker, Geheimdienstler und hohen Staatsbeamten riecht und von dem ehemaligen Geheimdienstchef und Carabiniere-General Mario Mori vertreten wird, einem der führenden Köpfe in den Täuschungsmanövern zum Hintergrund der Attentate. In den Dienst des ehemaligen Geheimdienstchefs hat sich der angeheiratete Schwiegersohn und Anwalt Fabio Trizzino gestellt. Er ist der Anwalt der Kinder von Paolo Borsellino. Die Geschwister von Paolo Borsellino und ihre Kinder haben jedoch einen anderen Anwalt, er heißt Fabio Repici - und ihre Positionen sind völlig anders als die von Rechtsanwalt Trizzino, der praktisch unverhüllt die Thesen des Geheimdienstchefs übernommen hat.
Repici war es auch, der in diesen Tagen ein Dokument fand, das verhinderte, dass die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Caltanissetta über die Hintergründe der Ermordung von Paolo Borsellino eingestellt wurden: (Opens in a new window)In den Tagen vor seiner Ermordung hatte Paolo Borsellino mit dem Kronzeugen Albero Lo Cicero über nichts Geringeres gesprochen, als über die Präsenz einiger Rechtsterroristen in den Tagen, als das Attentat auf Falcone stattfand.
Giovanni Falcone war der Erste, der die Verbindung zwischen Mafia und extremen Rechten aufdeckte, bis kurz vor seinem Tod ermittelte er rund um die Ermordung des sizilianischen Regionalpräsidenten Piersanti Mattarella. Diese Hintergründe kannte Paolo Borsellino. Und deshalb war es dringend notwendig, Paolo Borsellino umzubringen, bevor er in Caltanissetta aussagen konnte - der Staatsanwaltschaft, die mit der Ermittlung der Hintergründe der Ermordung seines Freundes und Kollegen Giovanni Falcone beauftragt war.
Und deren bis heute laufende Ermittlungen fast eingestellt worden wären, wenn Salvatore Borsellinos Anwalt Repici in diesen Tagen nicht ein Protokoll präsentiert hätte, das beweist, wie sehr sich Paolo Borsellino für die Aussagen von Lo Cicero interessiert hat, dem Kronzeugen, der über die Beteiligung der Rechtsextremisten dem Attentat auf Giovanni Falcone berichtet hatte: Borsellino hatte sich entschieden für die Zusammenarbeit von Alberto Lo Cicero mit der Justiz eingesetzt und sogar verlangt, dass der Zeuge in der ersten Phase ausschließlich der Staatsanwaltschaft von Palermo Bericht erstatten sollte.

Für die Gedenkveranstaltung in der Via D’Amelio hatte Salvatore Borsellino ausdrücklich klargemacht, dass die Anwesenheit von staatlichen Vertretern nicht erwünscht sei. Als sich Roberto Lagalla, rechter Bürgermeister von Palermo, mit einem Kranz näherte, stellten sich die Aktivisten der “Roten Agenda” um den an der Unglücksstelle gepflanzten Olivenbaum, mit dem Rücken zu dem Bürgermeister und ließen ihn nicht näher kommen.
Er ging mit seinem Kranz wieder weg.

In all den Jahren, in denen ich Salvatore Borsellino kenne, hat er sich nie angepasst, niemals nachgegeben, ist niemals mit dem Strom geschwommen. Er hat immer Rückgrat gezeigt, immer für die Wahrheit gekämpft, immer Widerstand gegen die Lügen geleistet. Er war immer renitent, Gott sei Dank. Für mich repräsentiert er das Italien, zu dem ich gehören wollte, als ich mich um meine italienische Staatsbürgerschaft bemühte.
Und was passiert in Venedig, der kleinen Stadt im Wasser? Sie wurde gestern mal wieder niedergerannt, weil gestern hier mit Redentore das “Ende der Pest” (?) gefeiert wurde. Es ist zu einem Fest des Festlands verkommen, wie ich schon öfter beschrieben habe, zuletzt hier (Opens in a new window). Folglich meiden die meisten Venezianer die Stadt in diesen Tagen, flüchten in die Berge oder setzen keinen Fuß vor die Tür, so wie ich.
Und falls man das Haus verlässt, sollte man seine Tasche schön festhalten, weil Venedig ja von Taschendieben überschwemmt wird, wie jetzt auch unser famoser Bürgermeister bemerkt haben will.
https://www.zeit.de/news/2025-07/17/die-stadt-der-kanaele-und-taschendiebe (Opens in a new window)Leser von Reskis Republik wissen natürlich, dass zum Erfolg der Taschendiebe Mario Draghis Justizreform wesentlich beigetragen hat: Die EU belegt Italien mit hohen Geldstrafen, weil die Prozesse hier zu lange dauern, im Schnitt sieben Jahre (!). Auf welche Idee kam dann Justizministerin Cartabia, um die Justiz zu entlasten? Einfach ein paar Delikte abzuschaffen: Seit dem 1. Januar 2023 ist die Anzeige des Opfers bei bestimmten Straftaten Voraussetzung für die Strafverfolgung: Es handelt sich dabei um Kleinigkeiten - wie Entführung, Körperverletzung, Raub oder Diebstahl. Täglich berichten die Zeitungen über auf frischer Tat ertappten Tätern, die nach ihrer Verhaftung sofort wieder auf freien Fuß gesetzt werden mussten, weil die Opfer keine Anzeige gegen sie erstattet haben (entweder aus Angst, wie es bei Mafiadelikten häufig der Fall ist, oder aus dem einfachen Grund, weil das Opfer des Einbruchs gerade im Urlaub ist oder weil es sich um Touristen handelt, die nicht wissen, dass sie, nachdem sie beraubt wurden, Anzeige erstatten müssen): Es wird, dank der Justizreform nicht mehr "von Amts wegen" ermittelt. Fertig.
Als wir kürzlich (Opens in a new window) wegen des Diebstahls der Brieftasche meines Onkels vorstellig wurden, fragte mich die Carabiniera denn auch streng, ob mir klar sei, dass mein Onkel, falls es zur Strafverfolgung komme, zwecks Aussage wieder nach Venedig anreisen müsse? Wir ließen uns jedoch nicht abschrecken und beharrten darauf, dass wir an einer Strafverfolgung interessiert seien. Und dass mein Onkel, falls gewünscht, bereit sei, noch mal nach Venedig zu reisen.
Nun hat also auch der Bürgermeister von Venedig gemerkt, wie günstig sich diese Loch in der Gesetzgebung auf die Taschendiebe auswirkt, zumal die Bürger - die sich von der Polizei im Stich gelassen fühlen - zur Selbstjustiz (Opens in a new window) greifen. So geschehen in der Vaporetto-Anlegestelle San Zaccaria, als ein spanischer Tourist gegen einen deutschen Touristen handgreiflich wurde, weil er ihn für den Dieb seiner Brieftasche gehalten hat. Der Spanier sah den Deutschen in seiner Nähe, rief “Haltet den Dieb”, und griff den Deutschen an. An dem Handgemenge beteiligten sich auch einige Gondolieri, die von den Schreien alarmiert worden waren. Vergeblich beteuerte der Deutsche, nicht der Täter zu sein, bis die Carabinieri eintrafen, die ihn zur Wache brachten, um den Sachverhalt zu rekonstruieren und zu klären, was wirklich passiert war. Dort stellte man fest, das gegen den 60jährigen Deutschen nichts vorlag. Er hatte Prellungen im Gesicht, war fassungslos und erstattete Anzeige gegen seine Angreifer.
Allein die Gemeindepolizei hat in Venedig seit Jahresbeginn 1300 geleerte und weggeworfene Geldbörsen eingesammelt, das sind 15 volle Säcke, berichtete Venezia Today (Opens in a new window). Also: Immer schön aufpassen - auch bevor Sie sich in ein Handgemenge verwickeln …
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In diesem Sinne grüßt Sie aus Venedig, Ihre Petra Reski
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