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Über verkaufte Seelen und andere Kleinigkeiten

Seit Jahren sorgen wir in Venedig uns um den Palazzo Labia (Opens in a new window), den Barockpalazzo in Cannaregio, in dem sich nicht nur der Hauptsitz der RAI befindet, sondern auch einer der bedeutendsten Malereizyklen des venezianischen 18. Jahrhunderts, darunter die Fresken von Giambattista Tiepolo im Salone delle Feste.

Wenn ich den Palazzo für ein Radiointerview betreten durfte, habe ich das jedes Mal als großes Privileg betrachtet - und stets mit den Technikern darum gebangt, ob wir uns beim nächsten Mal wieder im Palazzo Labia sehen würden - oder irgendwo auf dem Festland …

Noch im März 2024 initiierten Italia Nostra (Opens in a new window), Terra e Acqua (Opens in a new window) und Venessia.com (Opens in a new window) eine Petition gegen die Entscheidung der RAI, die Immobilie zum Verkauf anzubieten - weil hier wie so oft öffentlicher Raum in privaten Besitz verhext werden soll. Leider war die Petition vergeblich: Jetzt wird der Palazzo offiziell Teil des Immobilienpakets, das vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk zum Verkauf angeboten wird.

Und nicht nur das: Palazzo Labia sei für “Beherbergungszwecke” vorgesehen. Also ein neues Hotel in einer Stadt, in der es bereits mehr Touristenbetten als Einwohner gibt? Und wo ungeachtet des 2017 gefassten “Hotel-Stopp-Beschlusses” neue Hotels nur so aus dem Boden schießen? (Opens in a new window) Hotels, die als BnB getarnt werden?

Jetzt ist der Verkauf beschlossene Sache - die um so beunruhigender ist, als der Gazzettino auf die Verkaufsanzeige aufmerksam macht, in der steht, dass die Tiepolofresken “teilweise nicht entfernt werden können”. Teilweise? Geht’s noch?

Aber klar, wenn in den an Benetton verkauften Renaissancepalazzo des Fondaco dei Tedeschi eine Rolltreppe und eine Aussichtsterrasse geknallt werden konnten, warum nicht mal schnell ein paar Fresken abkratzen. Die Benettons griffen damals zu und verhexten den Fondaco, unsere ehemalige Hauptpost, in ein Luxuskaufhaus - das bald pleite ging und jetzt leer steht. Hintergründe hier (Opens in a new window).

Eine kleine Änderung im Baunutzungsplan bringt in Venedig Millionen ein. Nicht umsonst wird das venezianische Rathaus deshalb auch »Ca’ Farsetti Real Estate« genannt. Als die Hauptpost noch nicht verkauft war und ich den damaligen Bürgermeister Cacciari danach fragte, rastete der “Philosophenbürgermeister” aus und brüllte: Ich verteidige sie mit den Zähnen! Sie kostet fünfzig Millionen Euro – und ebenso viel die Renovierung! Und sie ist bereits im Baunutzungsplan als Hotelgewerbe eingetragen! Welche Forschungsgesellschaft, welches Dienstleistungsunternehmen gibt so viel Geld aus? Für ein Gebäude, das man nicht anrühren darf?

Da war der Deal mit Benetton wohl schon in trockenen Tüchern. Was das “Nicht-Anrühren” betrifft, hatte das Denkmalschutzamt kein Problem mit einer Rolltreppe und einer Aussichtsterrasse in einem Renaissancepalazzo. Unterzeichnet wurde das Geschäft von Cacciaris Nachfolger Orsoni, der später wegen des Empfangs von Schmiergeldern für das Flutsperrwerk Mose zurücktreten musste. Cacciaris Nachfolger im Amt führten seine Politik getreulich wie Testamentsverwalter weiter, auch der Unternehmer-Bürgermeister Luigi Brugnaro hat sich nicht von seinen Vorgängern unterschieden, ganz im Gegenteil.

Aber es gibt auch gute Nachrichten aus Venedig: Wie Sie inzwischen sicher wissen, hat die Fenice die Zusammenarbeit mit Beatrice Venezi beendet. Intendant Colabianchi gab bekannt: „Diese Entscheidung wurde auch aufgrund der schwerwiegenden und wiederholten öffentlichen Äußerungen des Maestro getroffen“ (man achte auf die maskuline Form). Zuletzt hat sie/er von Argentinien aus auch noch die Stirn gehabt, dem Orchester "Vetternwirtschaft" vorzuwerfen - und das sagte eine/einer, deren/dessen wesentliche Qualifikation in der Freundschaft zu Giorgia Meloni bestand ... Über die sie/er sich jetzt auch noch beklagt: “Wenn ich noch mal von vorne anfangen könnte, würde ich der beharrlichen Aufforderung von Meloni, auf einer Veranstaltung der Fratelli D’Italia vor der Wahl 2022 zu spielen, nicht nachgeben“, bekannte Beatrice Venezi dem Corriere della Sera (Opens in a new window), sie sei für Melonis “Brüder Italiens” nichts als Kanonenfutter gewesen, ja, es habe eine regelrechte Hasskampagne gegen sie gegeben.

In Venedig war auf jeden Fall die Freude groß, als die Beendigung der Zusammenarbeit mit Venezi bekannt wurde:

https://www.nuovavenezia.it/cronaca/venezi-licenziata-la-fenice-esultanza-orchestra-pubblico-video-p38o3e2x?ref=fbfnv&fbclid=IwY2xjawRfAHtleHRuA2FlbQIxMQBzcnRjBmFwcF9pZBAyMjIwMzkxNzg4MjAwODkyAAEeETO_My_RUtBSc_7pu-xI0mW_8lXaLHNlSSiwfxYJk9nVRv1D0MK3PB2FZO8_aem_-TlSB1vo_ahSoOKVlvbg_Q (Opens in a new window)

Wie es zu der bizarren Ernennung kam, darüber habe ich in Reskis Republik wiederholt geschrieben, nachzulesen hier (Opens in a new window) und hier (Opens in a new window) und hier (Opens in a new window).

Seit ihrer Berufung im September vergangenen Jahres gab es kaum eine Beleidigung, die Venezi gegenüber dem Orchester und dem Publikum der Fenice ausgelassen hätte: Die Abonnenten zu alt, das Orchester in der Hand von Anarchisten, die Belegschaft „vier Nieten“ (wie es ein Journalist im Interview ausdrückte und Venezi dem nicht widersprach). Es hätte nur noch gefehlt, dass Beatrice Venezi dem Intendanten mit dem Zeigefinger ins Auge gestochen hätte, und selbst dann wäre sie von ihm, dem Bürgermeister und dem Kulturminister mit gezücktem Schwert verteidigt worden.

Warum es jetzt anders gelaufen ist? Ganz einfach: Weil in Venedig die Wahlen vor der Tür stehen und es für die “Brüder Italiens” und ihre Verbündeten nicht gut aussieht.

Zu den Verbündeten der Brüder Italiens gehört auch der Kandidat der Rechtskoalition, der Bürgermeisterkandidat Simone Venturini (Opens in a new window), der im Stadtrat für Tourismus und sozialen Zusammenhalt zuständig war, und elf Jahre lang treu an der Seite von Bürgermeister Brugnaro diente. Und dem als bescheidenem ehemaligem Stadtrat doch erstaunlich viel Geld für seinen Wahlkampf zur Verfügung steht ⬇️

Rechts im Vergleich dazu die gemeldeten Wahlkampfkosten der Bürgerliste Terra e Acqua (Opens in a new window), für die ich mich als Kandidatin engagiere. Zufällig berichtete der Gazzettino von einem “Wahlabendessen” Venturinis in einem Palazzo am Canal Grande mit Reedern und Hoteliers - und von der wundersamen Verdoppelung der Anzahl seiner Wahlkampfbüros dieses Kandidaten der Rechtskoalition im Zentrum von Mestre.

Vor ein paar Tagen hatten die Venezianer Gelegenheit zu hören, was die Bürgermeisterkandidaten zum Thema Lagune zu sagen haben. Und es war bezeichnend, dass der Brugnaro-Klon Simone Venturini gar nicht erst daran teilgenommen hat - wohl auch, um zu signalisieren, dass er Brugnaros Politik weiterführen will: der Zerstörung der Lagune auch weiterhin keinen Stein in den Weg zu legen.

Gefreut hat mich zu sehen, dass so viele Venezianer anwesend waren, denen das Schicksal der Lagune, anders als dem scheidenden Bürgermeister Brugnaro und seinem Ministranten Venturini nicht gleichgültig ist.

Bei der Biennale (Hintergründe dazu auch hier) (Opens in a new window) rumpelt es weiter gewaltig: Kulturminister Giuli schickte nun auch noch “Inspekteure” nach Venedig , die nachprüfen sollten, ob bei der Teilnahme Russlands alles mit rechten Dingen zugegangen ist. Die Jury verkündete, dass Künstler aus Ländern, deren Staats- und Regierungschefs vom Internationalen Strafgerichtshof Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorgeworfen werden, bei der Preisvergabe nicht berücksichtigt würden - was de facto nur auf Israel und Russland zutrifft, aber dennoch eine absurde Entscheidung ist - weshalb sich viele fragten: Was ist mit den USA? Oder mit Iran? Mit China? Und: Was für ein Preis wäre dann der Goldene Löwe?

Vielleicht kam auch die Jury zu dieser Erkenntnis - und trat geschlossen zurück. (Opens in a new window) Statt der üblichen Preise sollen nun die Besucher im November zwei »Leoni dei Visitatori« (»Besucherlöwen«) vergeben werden. Für die alle Länderpavillons zur Auswahl stehen. Auch Russland und Israel.

Ist für meinen Geschmack eine etwas populistische Lösung, die an “Ist das Kunst oder kann das weg?” (Opens in a new window) erinnert. Aber gut.

An dem Wahlkampf in Venedig nehme ich teil, weil ich seit Jahrzehnten zusammen mit vielen Venezianern gegen den Niedergang der Stadt kämpfe. Außerdem ist so etwas auch als Lebenserfahrung interessant. Meine Teilnahme am Wahlkampf 2020 habe ich unter anderem in meinem Buch “Als ich einmal in den Canal Grande fiel” (Opens in a new window) beschrieben. Dieses Mal machen wir in Venedig Wahlkampf vom Boot aus - eigentlich naheliegend. Wenn da nicht die Bürokratie wäre: Wenn wir anlegen und aussteigen, wäre das, was die Nutzung öffentlichen Raums betrifft, eine Versammlung, für die eine Genehmigung notwendig ist. Wenn wir hingegen auf dem Boot bleiben, nicht. Also bleiben wir im Boot, wie es sich für Venedig gehört.

Meine Tour findet am 7. Mai statt. Falls Sie in Venedig sind und vorbeikommen wollen: Die Etappen sind folgende: Madonna dell’Orto 10-12 Uhr, Santa Croce (sotto il consolato tedesco) von 12.30 - 14.30 Uhr, Rialto mercato 14.45 - 16.30 Uhr, Sant’Elena 17.00 - 19.00 Uhr. Schwitze schon jetzt vor Aufregung, nicht dass am Ende noch irgendwas schief geht, und ich - unabsichtlich! - eine Gondel über den Haufen fahre …

In diesem Sinne grüßt Sie herzlich, Ihre Petra Reski

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