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Ein Handschuh. Und was er bedeuten kann

“A volte tornano”, “Manchmal kehren sie zurück” sagen italienische Journalisten, wenn es darum geht, auf beunruhigende, wiederkehrende Phänomene aufmerksam zu machen - an denen es in der italienischen Politik nicht mangelt. Ein Ausdruck, der nicht zufällig an Stephen Kings Motiv von einem wiederkehrenden, bösen Wesen gemahnt, das alle paar Jahrzehnte zurückkehrt, um Kinder zu fressen. Nur dass es sich hier um keinen Horrorfilm, sondern um die italienische Wirklichkeit handelt.

Gestern wurde eine spektakuläre Wende rund um den Mord an dem sizilianischen Regionalpräsidenten Piersanti Mattarella (und Bruder des jetzigen Staatspräsidenten) bekannt, der am 6. Januar 1980 in Palermo ermordet wurde: Keine 45 Jahre später wird der ehemalige sizilianische Polizeibeamte Filippo Piritore verhaftet - bzw. wegen seines Alters unter Hausarrest gesetzt - weil ihm vorgeworfen wird, ein entscheidendes Beweisstück verschwinden gelassen zu haben (Opens in a new window): einen Handschuh, den Mattarellas Killer im Auto hinterließen.

Die berühmte Fotografin Letizia Battaglia war die erste am Tatort der Ermordung Piersanti Mattarella, sie fotografierte, wie sein Bruder, der heutige Staatspräsident Sergio Mattarella die Leiche seines ermordeten Bruders aus dem Auto zog. (Opens in a new window)
Letizia Battaglias berühmtes Foto nach der Ermordung von Piersanti Mattarella

Spektakulär ist diese Entdeckung, weil die Rolle der extremen Rechten an der Ermordung von Piersanti Mattarella (Opens in a new window) bis heute nicht ausreichend geklärt ist. Der Erste, der diese Spur aufdeckte, war Giovanni Falcone, der bis kurz vor seinem Tod ermittelte und die Rolle der extremen Rechten an den Tag brachte. Falcone hielt den Rechtsterroristen Giusva Fioravanti (Opens in a new window), der von der Frau des Präsidenten auf den Fahndungsfotos zusammen mit dem neofaschistischen Terroristen Gilberto Cavallini (Opens in a new window) erkannt worden war, für einen der Mörder von Piersanti Mattarella.

Piersanti Mattarella, Bruder des jetzigen Staatspräsidenten, vertrat Aldo Moro (Opens in a new window)s Linie des Historischen Kompromisses (Opens in a new window), also der Zusammenarbeit zwischen der christdemokratischen und der kommunistischen Partei - und galt als Moros Nachfolger: Zwei Jahre nach der Ermordung von Aldo Moro wurde auch er umgebracht. Und später wurden auch diejenigen ermordet, die diese um die Hintergründe seiner Ermordung wussten: Giovanni Falcone und Paolo Borsellino.

Nach dem Mord an Falcone wurde in sein - versiegeltes - Büro eingebrochen, um seine Akten über Gladio (Opens in a new window), die während des Kalten Krieges aktive geheime paramilitärische Struktur, zu verändern. In dem elektronischen Terminkalender, den Falcone stets bei sich trug, wurden die Notizen zum Mord an Mattarella manipuliert. Die Dateien wurden später wiederhergestellt, die Identität der Hacker, die sich Zugang zum Justizministerium verschafft hatten, ist bis heute unbekannt. Und Paolo Borsellinos roter Taschenkalender, der nach seiner Ermordung aus dem noch brennenden Auto entfernt wurde, ist bis heute verschwunden.

Isaia Sales hat die Nähe zwischen Mafia und Rechtsextremisten in einem Artikel sehr überzeugend beschrieben - hier auf Deutsch nachzulesen (Opens in a new window). Wie Sales richtig schreibt, verband die Mafia ihren Antikommunismus mit den Interessen der DC, die neofaschistischen Umstürzler hingegen mit denen der Geheimdienste, die die Strategie der Spannung (Opens in a new window)entwickelt hatten, um die italienische Kommunistische Partei zu hindern, an die Macht zu kommen.

Auch ich wurde auf die enge Verbindung zwischen Mafia und Rechtsterroristen schon während meiner journalistischen Anfänge in Palermo 1989 aufmerksam gemacht – eine Verbindung, die sich, wie ich in den folgenden Jahren beobachten konnte, über die Jahrzehnte festigte – und die nicht zuletzt den Aufstieg und die jahrzehntelange Herrschaft von Silvio Berlusconi ermöglichte. Aus der nebenbei Giorgia Meloni hervorging. Die enge Verbindung zwischen rechtsextremen Terror und Mafia ist der eigentliche rote Faden von Italiens Geschichte.

Der jetzt verhaftete ehemalige Polizeibeamte Filippo Piritore wurde übrigens (wie alle Beamte, Geheimdienstler etc. die sich in den Dienst der “Strategie der Spannung” stellten) für seinen Einsatz mit einer brillanten Karriere belohnt.

Wer sich für mehr Informationen über die Verbindung von Geheimdiensten und Terrorismus in Italien interessiert, der wird viele Informationen in zwei Büchern von Regine Igel (Opens in a new window)finden, "Andreotti. Politik zwischen Geheimdienst und Mafia" (Opens in a new window), das noch antiquarisch zu erhalten ist. Und in “Terrorjahre. Die dunkle Seite der CIA in Italien” (Opens in a new window). Die Autorin hat die Bücher auf Basis unzähliger Parlaments- und Justizakten, frühen freigegebenen US-Akten und der nach 1989 explodierenden, radikaldemokratischen Zeitgeschichtsschreibung geschrieben.

Und was passiert in Venedig, der kleinen Stadt im Wasser? Da taucht immer wieder ein Delfin auf, der, auf den Namen Mimmo getauft, es unter der Überschrift “Wilde Wassershow in Venedig: Flipper startet Überraschungs-Besuch” (Opens in a new window)sogar bis in die Bildzeitung geschafft hat.

Der venezianische Kulturkrampf (Opens in a new window) rund um die Ernennung der Musikdirektorin Beatrice Venezi hat es immerhin in die Süddeutsche Zeitung geschafft (Opens in a new window), die ihr eine Seite Drei gewidmet hat. Nach den Protesten gegen die Ernennung von Beatrice Venezi zur Musikdirektorin haben die Mitarbeiter des Theaters nun offiziell auch die Entlassung des Intendanten Nicola Colabianchi (Opens in a new window) gefordert, der, wie die Leser von Reskis Republik wissen, ebenfalls ein Liebling der Rechten ist: Colabianchi begann seine Karriere als künstlerischer Leiter des Teatro dell'Opera di Roma unter dem rechtsextremen, wegen Korruption und illegaler Parteienfinanzierung verurteilten römischen Bürgermeister Gianni Alemanno (Opens in a new window). Als Colabianchi Intendant des Opernhauses von Cagliari war, wurde gegen ihn ermittelt, es ging um Nichtigkeiten wie Unregelmäßigkeiten bei der Einstellung von Personal, Anschuldigungen wegen Amtsmissbrauchs (Delikt wurde später gestrichen), Betrugs und Fälschung. Besser kann man sich nicht qualifizieren für einen Posten als Intendant der Fenice.

„Das Ergebnis der Demonstration vom 17. Oktober mit über zweitausend Teilnehmern hat gezeigt, dass die Fenice es nicht akzeptiert, ohne Respekt, ohne Gehör und ohne Vision geführt zu werden“, schreiben die Gewerkschaften der Oper. „Die Mobilisierung wird nicht aufhören, bis ein Klima des Respekts, der Transparenz und der Beteiligung wiederhergestellt ist, das der Fenice würdig ist“, schließen sie.

Interessant in dieser Auseinandersetzung ist, dass seit einiger Zeit ein Gesetzesentwurf kursiert, der die Kontrolle des Staates (vulgo der Meloni-Regierung) auf die Leitung von Theatern und überhaupt der darstellenden Kunst erhöhen soll: So müssten sich die Gran Teatri d'Opera (so der neue Name für die derzeitigen Opern- und Symphonie-Stiftungen) in Zukunft zur „Aufwertung der großen Werke der italienischen Tradition” koordinieren, wobei Experimenten und kulturellen Risiken nur sehr wenig Gewicht beigemessen wird. Es kehre, wie die RAI schreibt (Opens in a new window), das Duo Identität und Tradition zurück, das das gesamte neue Gesetz durchdringe.

Wer nicht weiß, was der Ausdruck “Identität” im politischen und kulturellem Zusammenhang bedeutet, kann das hier (Opens in a new window) und hier (Opens in a new window) und hier (Opens in a new window) nachlesen.

Worüber ich mich sehr gefreut habe, ist endlich die italienische Übersetzung von “All’italiana. Wie ich versuchte, Italienerin zu werden” in der Hand zu halten: Diventare italiana (Opens in a new window)erscheint am 31. Oktober in Italien - und an dieser Stelle möchte ich mich noch mal bei meinem italienischen Übersetzer Stefano Porecca (Opens in a new window) bedanken.

Aus Venedig, der Stadt, die ungeachtet des Mists, der uns umgibt, unverdrossen mit Schönheit nur so um sich wirft, grüßt Sie Ihre Petra Reski

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