Skip to main content

Bewusstes Nicht-Zelebrieren

Morgen wird der Tag sein, an dem ich die ersten Probedrucke meines ersten Buches (Opens in a new window) in Händen halte. Heute ist die Spannung in mir so greifbar wie das Gewitter, das für heute Nachmittag angekündigt ist.

Natürlich arbeite ich seit Jahren auf diesen Moment hin. Natürlich ist dies ein Teil der Logistik und ganz klar geht es direkt weiter: Die ersten Exemplare versende ich als Rezensionsexemplare an Blogger:innen. Die Zeit ist knapp, denn parallel ist das meine letzte Woche vor einem zweiwöchigen Camping- und Surfurlaub mit Mann und vier Kindern und ich springe zwischen Wäschebergen, Einkaufslisten und Dingen, die ich nicht vergessen darf, hin und her.

Ich bin kein Typ für Bühnenmomente.

Wirklich nicht.

Ich habe sogar heimlich geheiratet.

Mein Mann und ich sind damals nach Dänemark gefahren. Unsere Große war ein halbes Jahr alt. Nur unsere Trauzeugen kamen mit, denn man braucht Trauzeugen in Dänemark. Fast wäre es uns ganz allein lieber gewesen.

Seit ein paar Jahren arbeite ich daran, meinen eigenen Geburtstag zu vergessen. Nicht, weil ich Probleme mit dem Älterwerden hätte. Ich feiere jedes graue Härchen und schminke mich ja schon seit Jahren nicht mehr.

Auch als Autorin sehne ich mich nicht nach einer Bühne. Ich kann mich kaum überwinden, in eine laufende Handykamera zu sprechen - trotzdem werde ich demnächst online vorlesen (Opens in a new window).

Das ist okay, ich sehe es als Teil der Jobbeschreibung, und ich freue mich sogar drauf (, aber ein bisschen Schiss habe ich auch). Grundsätzlich mag ich es total, mit anderen Menschen ins Gespräch zu kommen, die sich für meine Geschichten interessieren. Ich bin eher introvertiert, aber ich man sagt mir nach, dass ich in Gesellschaft charmant, witzig und sympathisch sein kann.

Ich freue mich auch auf die Buchmessen und weitere Begegnungen. Trotzdem ist das nicht das erste, an das ich denke, wenn ich an meine Bücher denke. Ich habe so die Tendenz, mich verstecken zu wollen. Hinter Wörtern und Texten und bald hinter Büchern. Das ist der Grund, warum ich schreibe und keinen YouTube-Kanal habe.

Aber manchmal, gerade wenn so ein Moment wie der morgige vor der Tür steht, stelle ich fest, dass diese Haltung auch Nebenwirkungen hat.

Der Nachteil des bewussten Nicht-Zelebrierens ist, dass man manche Meilensteine nicht so richtig würdigt.

Sinnbildlich steht die Flasche Champagner in unserem Schrank dafür: Sie wurde uns mal irgendwann von jemandem geschenkt, der auf jeden Fall mehr Geld hat als wir. Für einen besonderen Anlass.

Ob dieser Moment morgen gekommen ist? Oder wird das erst der Moment sein, in dem das Buch veröffentlicht ist? Einen Verkaufs-Meilenstein erreicht hat? Womöglich einen Preis?

Wie erkennt man denn zelebrierungswürdige Momente?

Einige sind ja gesellschaftlich definiert: Geburtstag, Hochzeitstag, Weihnachten usw. Wehe, wenn man es wagt, sich dem zu entziehen! Aber ja, ich freue mich über Glückwünsche zu meinem Geburtstag, aber ich freue mich auch an jedem anderen Tag über Nachrichten - nicht nur, weil ich Geburtstag habe.

Das war schon immer meine Kritik an diesen Feierlichkeiten: Sie sind vorgeschrieben. Und wenn ich dagegen rebelliere und es vielleicht nur anders mache, fragen sich alle, ob ich ein psychisches Problem habe. Dabei mag ich es nur nicht, auf Knopfdruck glücklich sein zu müssen oder aus einem Tag etwas Besonderes zu machen, obwohl ich das gar nicht fühle.

Ehrlich gesagt habe ich mich an vielen Meilenstein-Tagen meines Lebens entsetzlich einsam gefühlt.

Abitur.

Magisterabschluss.

Das sind Erinnerungen, die ich mit Leere verbinde. Ich hatte etwas geschafft, worauf ich durchaus stolz bin, aber speziell meine Magisterarbeit hat mir innerlich so viel abverlangt, dass mir die Tränen kommen, während ich dies schreibe.

Es war gut, das los zu sein. Aber ein Grund zum Feiern? Ich habe nichts gefühlt damals. Und mich schlecht gefühlt deswegen.

Am nächsten Tag war ich arbeitslos und es ging mir noch beschissener als vorher. Es ging mir wirklich beschissen, ich war schwer depressiv damals. Ironischerweise hatte ich den besten Job meines Lebens während meiner Studentenzeit. Ich habe super verdient, hatte die beste Chefin der Welt und war in einem super Team.

Arbeitstechnisch ging es nach dem Studium nur noch bergab, obwohl ich sogar schon Führungskraft war und eine gute Ausbildung bei IKEA im Traineeprogramm genommen habe (- es war nicht alles schlecht! Aber so schön wie in meinem Studijob war’s nie wieder).

Heute hänge ich in diesem Teilzeitjob, in dem ich mich zu 60% langweile und zu 40% über meinen Chef ärgere (Opens in a new window). (Und leider habe ich noch nichts Neues gefunden.)

Vielleicht bin ich deshalb skeptisch mit Meilensteinen. Oder sagen wir: vorsichtig.

Manchen Ereignissen messen wir so viel Bedeutung bei, dabei bedeuten sie am Ende gar nichts oder markieren einen Punkt, nach dem alles nur noch schlechter wird.

Und andere Ereignisse kommen so unscheinbar daher. Man erkennt sie kaum unter der Schicht von Staub und Dreck und man muss sie erstmal freirubbeln. Manchmal entdeckt man sie erst Jahre später wieder und denkt sich: “Hätte ich doch den Champagner damals aufgemacht.”

Ich verrate dir was: Ich werde morgen den Champagner nicht öffnen. Morgen habe ich einen furchtbaren Tag mit sehr früh aufstehen und Kinder zum Sportfest karren, Büro, später Kinder zum Impfen karren und letzte Sachen bei Rossmann shoppen, bevor ich ENDLICH gegen Nachmittag/Abend meine Buchlieferung öffnen darf. Ich werde zu diesem Zeitpunkt schweißgebadet sein und irgendwelche anderen Katastrophen werden dazukommen. Gleichzeitig werde ich den Kindern wahrscheinlich Melone schneiden und Wäsche machen und das Badezimmer putzen.

Vielleicht werden mein Mann und ich uns abends draußen hinsetzen und ne kleine Weinschorle trinken (der Wein ist noch vom Wochenende auf).

Aber am Samstag, wenn wir in Frankreich auf unserem Campingplatz angekommen sind und unser Camp steht, werden wir dann gemeinsam den Schampus öffnen und ich werde meinem zwanzig Jahre jüngeren Ich zuprosten. Schriftstellerin sein hatte ich damals schon gewollt, aber keinen Weg dahin gesehen. Zumindest das habe ich nun geschafft.

Ob immer alles gut wird, weiß ich nicht. Angesichts der Lage der Welt habe ich begründete Zweifel.

Aber was ich gelernt habe, ist: Es kommen beschissene Zeiten und es kommen auch wieder bessere Zeiten. Und wenn man in Frankreich am Atlantik sitzt und sein erstes Buch geschrieben hat, dann ist der Sonnenuntergang ein würdiger Zeitpunkt für ein Glas Champagner.

Hat dir der Text gefallen? Dann freue ich mich, wenn du dabei bleibst: Mein Newsletter ist kostenlos! Die nächste Ausgabe folgt nach meinem Urlaub.

Topic Autorenleben

0 comments

Would you like to be the first to write a comment?
Become a member of Phantastopia - Sonja Tornefeld - Dark Fantasy Autorin and start the conversation.
Become a member