„Das Vorwärts-Abwärts“ – Eine historische Spurensuche in 12 Schlaglichtern
Auf der Hitliste der zuverlässig hochgezogenen Augenbrauen und verbalen Levaden auf den Social Media steht in den vergangenen Jahren ein Begriff ganz vorne: das Vorwärts-Abwärts. Man könnte meinen, es handle sich längst nicht mehr um eine Ausbildungsfrage, sondern um einen Konfessionskrieg. Die einen sehen im Langmachen einen unverzichtbaren Weg zu Losgelassenheit, Rückenarbeit und Vertrauen. Die anderen sehen ein Pferd, das auf der Vorhand landet, sich auf die Hand wirft oder mit tiefer Nase in Richtung Erdmittelpunkt verschwindet, während der Mensch vorgelagert oben sitzt und hofft, das Ganze möge bitte nach Gymnastizierung aussehen. Und überhaupt: Den Begriff habe es ja in der Geschichte der Reitliteratur gar nicht gegeben.
Wie so oft liegt die Wahrheit nicht im aber Schlagwort, sondern im Handwerk. Und deshalb lohnt sich ein historischer Blick. Denn das, was heute unter „Vorwärts-Abwärts“ verstanden oder missverstanden wird, ist durchaus nicht gestern als Freizeitreiter-Erfindung vom Himmel gefallen. Es steht in einer langen Entwicklung. Bald 2500 Jahre Reitliteratur belegen die Vorzüge der Zwanglosigkeit und des Reitens nach der Natur des Pferdes. Der Kürze halber werden hier ein paar bemerkenswerte Momente ins Rampenlicht gerückt. Zum Beispiel das italienische Prinzip des Nicht-Störens der natürlichen Bewegung und entscheidend für die Begrifflichkeit die deutsche Kavallerielehre der H.Dv.12 von 1937, in der Begriffe wie Losgelassenheit, Zügel-aus-der-Hand-kauen-Lassen, nach vorn gedehnter Hals und vorwärts-abwärts gerichtete Nase fachlich greifbar werden.
Zugleich muss man sauber trennen. Das historisch sinnvolle Vorwärts-Abwärts der H.Dv.12 ist nicht identisch mit dem, was heute gelegentlich unter demselben Etikett herumgereicht wird: Kopf zwar unten, Hals aber im falschen Knick gebogen, Ganasche eng, Stirn-Nasenlinie hinter der Senkrechten, Rücken fest, Verbindung rückwärts. Das ist nicht klassische Gymnastizierung, sondern ein Missverständnis mit hübschem Namen. Und hübsche Namen haben in der Reiterei leider schon manches und es schon manchem Pferd schlechter gehen lassen.
1. Vor dem Begriff: Die Natur des Pferdes
Der Ausdruck „Vorwärts-Abwärts“ ist jung. Der Grundgedanke dahinter ist alt.
Die klassische Reitlehre beginnt nicht mit der Frage: Wo soll der Kopf hin? Ursprung ist die Frage: Was ist dieses Pferd von Natur aus, und wie kann der Mensch es unter dem Reitergewicht so ausbilden, dass seine natürlichen Bewegungen nicht zerstört, sondern veredelt werden?
Schon Xenophon formuliert in der Antike den entscheidenden Grundsatz: Was das Pferd unter Zwang tut, ist nicht wirklich schön. Schönheit entsteht dort, wo das Pferd seine besten Bewegungen freiwillig zeigt. Da spricht übrigens ein Mann, der im Krieg unterwegs war und dessen Leben von seinem Pferd abhing. Sinngemäß lautet seine bis heute gültige Mahnung: Ein durch Peitsche und Sporn zum Tanz gezwungener Tänzer wäre kein schöner Tänzer. Da sind wir uns doch alle einig. Oder? Nun, das Bild ist alt, aber erstaunlich frisch.
Fast zwei Jahrtausende Jahre später, am Hof des französischen Königs Ludwig XIII., denkt dessen Reitlehrer Antoine de Pluvinel immer noch in diese Richtung, wenn er fordert, das Pferd dürfe nicht verdrießlich gemacht werden; seine natürliche Anmut, die berühmte „Blüte“, sei zu bewahren. Von ihm ist der schöne Gedanke überliefert, man solle mit Strafen sparsam und mit Liebkosungen großzügig sein, damit das Pferd aus Freude gehorche und nicht aus Furcht. François Robichon de la Guérinière wiederum, den wir gerne mit dem Zusatz „Vater der Reitkunst“ würdigen, setzt an den Anfang der Reiterei die Kenntnis des Naturells des Pferdes. Nicht abstrakt „das Pferd“ wird ausgebildet, sondern dieses Pferd: mit seinem Gebäude, seinem Temperament, seiner Kraft, seinen Schwächen, seinen Ängsten und seinem Mut.
In der deutschen Linie wird dieser Gedanke systematisiert. Das kann man bei vielen der hervorragenden Reitlehren des 19. Jahrhunderts nachlesen. Gustav Steinbrecht prägt die berühmte Formel: „Reite dein Pferd vorwärts und richte es gerade.“ Dabei meint „vorwärts“ nicht eilig, nicht haltlos und schon gar nicht: Hauptsache irgendwie nach vorne, der Rest wird schon hinterherfallen. Unter Vorwärtsreiten werden nicht eilige oder gestreckte Gangarten verstanden, sondern die Sorge, „bei allen Übungen die Schubkraft der Hinterbeine in Tätigkeit zu erhalten“.
Damit ist der Boden bereitet: Die Form darf nicht vor der Bewegung kommen. Der Hals darf nicht zuerst „gemacht“ werden. Erst muss das Pferd im Takt, im Gleichgewicht, im Vertrauen und im lebendigen Vorwärts arbeiten können. Dann kann Haltung entstehen.
2. Die Italiener: Nicht stören, bitte
Wir machen einen Schwenk nach Italien um 1900, zu Federico Caprilli und dem Ausbildungssystem um die Kavallerieschulen in Pinerolo im schönen Piemont und Tor di Quinto bei Rom. Hier ging es zunächst nicht um Dressur im engeren Sinn, sondern um Gelände, Galopp, Springen und Gebrauchsfähigkeit. Caprilli beobachtete, wie Pferde sich ohne störenden Reiter über Hindernisse und im Gelände organisieren. Seine Schlussfolgerung war, zunächst belächelt, spektakulär schlicht: Der Reiter soll das Pferd in seiner natürlichen Bewegung möglichst wenig behindern.
Das klingt fast zu einfach, um eine europäische Reitrevolution auszulösen. Aber offenbar war genau diese Einfachheit notwendig. Innerhalb von zehn Jahren seit Caprillis ersten Trial-and-Error-Experimenten hatte sich die komplette italienische Kavallerie umgestellt. Das Pferd seinen Körper selbst gebrauchen zu lassen, überzeugte auf dem Fuß durch eindeutige Ergebnisse. Der alte Springsitz mit zurückgelegtem Oberkörper, festhaltender Hand und viel menschlicher Würde im falschen Moment brachte das Pferd über dem Sprung aus dem Gleichgewicht. Caprillis Vorwärtssitz gab dem Pferd Kopf, Hals und Rücken frei – übrigens auch im entlastenden Sitz zwischen den Hindernissen. Der Hals wurde nicht als dekorativer Vorbau betrachtet, sondern als Gleichgewichtsstange. Das Pferd durfte seinen Körper benutzen.
Dieser italienische Einfluss bedeutet selbstverständlich nicht: Die Italiener erfanden das Vorwärts-Abwärts. Das wäre zu grob und historisch schief. Es gab ältere Vorläufer: englische Reitlehrer, Jockeys im Rennsitz und Reitervölker, die seit langem vorwärts und entlastend ritten. Aber Caprilli hat daraus ein bewusstes, beobachtungsbasiertes, militärisch lehrbares System gemacht. Das ist der Unterschied. Aus Italien kam ein starkes funktionales Prinzip in die europäische Kavalleriedebatte zurück: Das Pferd muss seine natürliche Bewegung unter dem Reitergewicht behalten dürfen. Der Reiter soll nicht stören.
Für die Remonte, also das junge Pferd unter dem Reiter, ist dieser Gedanke zentral. Ein junges Pferd braucht zunächst kein äußerlich zusammengesetztes Dressurpferdgestell. Es braucht Balance, Vorwärts, Vertrauen und Rückenfreiheit. Es muss lernen, das zusätzliche Reitergewicht in seine Bewegung einzubauen, ohne sich festzuhalten, zu fliehen oder hinter der Hand zu verschwinden.
3. Gustav Rau und die Lehre aus Paris 1924
Noch eine Rückblende, diesmal nach Frankreich in den Roaring Twenties. Wir tauchen ein in eine erstaunlich aktuell klingende Diskussion – nach der Pariser Olympia-Dressurprüfung 1924. Gustav Rau, seit 1913 Generalsekretär des Deutschen Olympiade-Komitees für Reiterei, zog damals als Beobachter eine entschiedene Schlussfolgerung für eine erfolgreiche Entwicklung der deutschen Reiterei im Sport. Rau forderte entschieden:
„Die Grundsätze der überlieferten deutschen Schule müssen erhalten bleiben. [...] Mehr auf Gebrauchsgänge in guter Haltung mit langem Hals am Zügel hinwirken. [...] Kein Zusammenziehen der Pferde. Vor allem eine feinere Hand und feinere Hilfen.“ (Nach Erich Glahn, „Reitkunst am Scheideweg“, 1956)
Das ist eine Schlüsselstelle. Rau fordert nicht „tiefer“, „runder“ oder gar spektakulärer. Er fordert Gebrauchsgänge, gute Haltung, langen Hals am Zügel, kein Zusammenziehen und feinere Hilfen. Man könnte diesen Satz direkt über manchen heutigen Abreiteplatz bannern. Vermutlich müsste man ihn dort allerdings gut festnageln, sonst würde ihn der Zeitgeist – und leider die damit verbundenen Sehgewohnheiten – hurtiger wieder abhängen als die aktuell erlaubten zehn LDR-Minuten rum sind.
Raus Formulierung aber zeigt, worum es geht: nicht um optische Halskosmetik, sondern um funktionale Reiterei. Ein Pferd soll in brauchbarer, natürlicher, gesunder Bewegung an den Hilfen stehen. Der lange Hals am Zügel ist kein Kontrollverlust, sondern Ausdruck einer elastischen, nach vorn gerichteten Verbindung. 1928, als die Deutschen nach dem Ersten Weltkrieg erstmals wieder teilnehmen durften, war das Comeback dann sehr stark, besonders in der Dressur. In Amsterdam gewann Carl-Friedrich Freiherr von Langen die Einzel-Dressur und führte Deutschland auch zu Mannschaftsgold in der Dressur.
4. Die H.Dv.12: Aus Erfahrung wird System
Mit der H.Dv.12 wird diese Entwicklung in der deutschen Kavallerielehre systematisch greifbar. Die H.Dv.12 ist keine romantische Zierde für Bücherregale, sondern eine durchaus auch heute praktische Vorschrift für Reiter und Pferd: knapp, handwerklich, auf Gebrauchsfähigkeit, Ausdauer, Gehorsam, Gesundheit und Gelände bezogen. Sie fußt in ihren Fassungen von 1912, 1926 und 1937 wesentlich auf Steinbrechts „Gymnasium des Pferdes“.
Der Begriff Losgelassenheit wird in dieser Kavallerielinie zu einem zentralen Ausbildungsbegriff. Programmatisch heißt es:
„Losgelassenheit des Pferdes ist die erste Vorbedingung für den Erfolg der gesamten Dressur.“
Das ist nicht nebensächlich. Losgelassenheit steht nicht als hübsches Extra neben der Ausbildung. Sie ist die erste Vorbedingung. Ohne sie ist alles Folgende nicht solide, sondern dekoriert.
Auch der Begriff Zügel-aus-der-Hand-kauen-Lassen gehört in diese deutsche Kavallerielinie. Er meint nicht: Der Reiter wirft den Zügel weg, betet kurz und nennt das Ergebnis Optimismus. Die H.Dv.12 beschreibt ihn als Prüfstein:
„Ein guter Prüfstein für die richtige Arbeit sind nachgebende Zügelhilfen, wobei der Reiter sich die Zügel aus der Hand kauen läßt, ohne die treibenden Hilfen aufzugeben. Das Pferd muß dabei mit nach vorn gedehntem Hals, die Kammlinie leicht nach oben gewölbt, und vorwärts-abwärts gerichteter Nase völlig entspannt dahingehen und darf nicht eiliger treten.“
Diese Stelle sollte man langsam lesen. Sie enthält mehrere Gegengifte gegen heutige Missverständnisse.
Erstens: Die Zügelhilfen sind nachgebend.
Zweitens: Die treibenden Hilfen werden nicht aufgegeben.
Drittens: Der Hals geht in seiner Länge nach vorn.
Viertens: Die Nase ist vorwärts-abwärts gerichtet.
Fünftens: Das Pferd geht völlig entspannt.
Sechstens: Es darf nicht eiliger treten, bleibt also im Takt.
Damit ist das klassische Vorwärts-Abwärts eben nicht ein tiefes Weglaufen, oder Auf-die-Vorhand-Kippen, kein passives Dahinschlurfen und auch nicht ein hinter dem Zügel verschwundenes Pferd. Es ist ein Moment, in dem das Pferd im Vorwärts den Hals länger werden lässt, die Hand sucht, ohne sich auf sie zu legen, und dabei Takt, Ruhe und Gleichgewicht erhält.
Hier eben liegt der Unterschied zwischen Lang-Machen und bloßem „Kopf runter“. Das Pferd soll sich die Zügel aus der Hand kauen. Es soll also selbst nach vorn in die Länge suchen. Es wird nicht heruntergestellt. Der Reiter fragt, das Pferd antwortet. Nicht so: Der Reiter zieht, das Tier ergibt sich und alle nennen es dann sportliches Pferdetraining.
5. Paul Stecken und die Remonte: tiefe lange Nase als Ausbildungsprüfung
Wie ernst diese Arbeit genommen wurde, zeigt die in der Fachdiskussion häufig zitierte Erinnerung Paul Steckens an die Remontenbesichtigung. Sie gehört in den Kontext der H.Dv.12/1937 und der Kavallerieausbildung der Wehrmachtszeit, wie viele der reiterlich wichtigen, aber historisch natürlich belasteten Quellen der 1930er- und 40er-Jahre. Stecken beschreibt sinngemäß:
„Wer bei zehn bis zwölf Remonten im Galopp auf zwei Zirkeln die Zügel bis zur Schnalle rauskauen lassen konnte, mindestens zwei bis drei Runden weiter galoppieren ließ, die Pferde bei gleichmäßigen Abständen zum Sitzen und Treiben kommen lassen konnte – die Pferde mit tiefer langer Nase – dessen Besichtigung war ein voller Erfolg.“
Das ist ein starkes Bild. Zehn bis zwölf junge Pferde, Galopp, zwei Zirkel, Zügel bis zur Schnalle, weitergaloppieren, gleichmäßige Abstände, Sitzen, Treiben, tiefe lange Nase. Wer das konnte, hatte nicht ein bisschen am Hals herumgebastelt. Der hatte Losgelassenheit, Takt, Vertrauen, Reiterdisziplin und Ausbildungssystem bewiesen.
Gerade im Galopp zeigt sich, ob das Pferd wirklich loslässt oder nur die Nase irgendwo parkt. Eine Remonte, die bei länger werdendem Zügel nicht davoneilt, nicht auseinanderfällt, nicht hinter den Zügel kriecht und nicht auf die Hand plumpst, sondern im Gleichmaß weitergeht – überhaupt sich traut, weiterzugehen –, zeigt: Sie hat den Rücken, den Reiter und sich selbst nicht verloren.
Das ist der Kern.
6. Bürger/Zietzschmann: Anatomie gegen Halskosmetik
Bei den Veterinären Udo Bürger/Otto Zietzschmann und ihrem Buch „Der Reiter formt das Pferd“ von 1939 erhält diese Linie eine anatomisch-funktionelle Begründung. Der natürliche Gang der Remonte ist kein Nebenthema, sondern Grundlage. Haltung und Zügelanlehnung dürfen nicht gegen diesen natürlichen Gang gestellt werden.
Das körpermechanische „Warum“ hinter der Forderung nach der langen Nase erschließt sich erst beim Blick unter die Hautoberfläche. Bürger und Zietzschmann beschreiben hier ein System, das ohne das Nacken-Rückenband (Ligamentum nuchae) nicht funktionieren würde. Wie eine elastische Sehnenbrücke spannt sich dieses Band vom Hinterhauptbein über die Halswirbel bis hin zu den Dornfortsätzen des Rückens. Dehnt sich das Pferd aktiv nach vorne-unten, gerät dieses Band unter Spannung und fächert die Dornfortsätze der Brustwirbelsäule mechanisch auf. Es ist ein faszinierendes Paradoxon der Natur: Erst durch das „Lass-mich-vorne-los“ des Halses gewinnt der Rücken die Stabilität und Freiheit, den Reiter überhaupt problemlos tragen zu können.
In diesem Zusammenhang gehört auch die zugelassene Nickbewegung im Schritt. Sie ist kein Schönheitsfehler, den die Hand wegpolieren müsste, sondern Teil des natürlichen Bewegungsablaufs. Ein Schritt, dessen Kopf-Hals-Bewegung festgehalten wird, verliert Raumgriff, Schwingen, Rücken und nicht selten auch seinen klaren Viertakt. Wer im Schritt die Hand still im Sinne von „fest“ macht, hat keine feine Hand, sondern einen Deckel auf dem Kochtopf. Pferde sind halt nur leider keine Kartoffeln.
Eine dem Ausbildungsstand entsprechende Kopf-Hals-Haltung ermöglicht den Oberhalsmuskeln, frei und unverkrampft zu arbeiten und sich besonders in den ersten Trainingshalbjahren zu kräftigen. Muskelzuwachs braucht nicht nur Arbeit, sondern auch Entspannung und Regeneration. Eine dynamische, an Gangart, Alter und Belastungsdauer angepasste Kopf-Hals-Einstellung ermöglicht dem Pferd, seinen Rücken bei geschickter Reitereinwirkung losgelassen, frei und unverkrampft zu tragen.
Das ist wesentlich: Die Kopf-Hals-Haltung ist nicht statisch. Sie hängt von Alter, Gangart, Ausbildungsstand, Belastung und Ziel der jeweiligen Arbeitsphase ab. Ein junges Pferd braucht andere Rahmenbedingungen als ein weit ausgebildetes Pferd. Ein Pferd in der Lösungsarbeit sieht anders aus als eines in der Versammlung. Ein Pferd am Schluss der Einheit dehnt anders als ein Pferd, dass sich zu Beginn lang machen soll, das erst sein Gleichgewicht unter dem Reitergewicht findet.
Deshalb ist jede Ideologie verdächtig, die aus einer Kopfposition eine Religion macht. Klassisch ist nicht „immer tief“. Klassisch ist auch nicht „immer oben“. Klassisch ist, dem Pferd in der jeweiligen Situation die Haltung zu ermöglichen, in der es sich losgelassen, taktmäßig und mit tätigem Rücken im Fluss bewegen kann.
7. Die Hand: Der Unterschied zwischen Nachgeben und Wegwerfen
In unserer heutigen Praxis ist eine weitere Unterscheidung wichtig: Lang-Machen, Zügel-aus-der-Hand-kauen-Lassen und hingegebener Zügel sind nicht dasselbe.
Soll sich das Pferd im Hals lang machen, gibt der Reiter genügend mit der Hand nach und schafft der Bewegung des Pferdes den nötigen Platz. Beim Zügel-aus-der-Hand-kauen-Lassen bleiben die Fäuste zunächst am Platz; die Finger öffnen sich bei treibender Kreuz- und Schenkeleinwirkung, und das Pferd nimmt sich die Zügel allmählich aus der Hand – immer im leichten Kontakt. Erst am hingegebenen Zügel hängt der Zügel lose durch, und die verhaltende Hilfe ist nicht mehr gegeben.
Diese Differenzierung ist nicht pedantisch. Man könnte sie auch den Unterschied zwischen Reiten und „mal schauen, was passiert“ nennen. Das Pferd soll nicht in die Länge fallengelassen werden, sondern sich die Länge nehmen dürfen. Der Mensch bleibt verantwortlich. Nur hält er eben nicht fest.
Die Reiterhand muss sich dabei ins Vorwärts der Bewegung einfügen; Zügelhilfen sollen das Pferd unterstützen, nicht stören oder behindern. Erst wenn zur Losgelassenheit Schwung kommt, der Reiter mit leichter Hand führen kann und das Pferd in Maul und Genick Folge leistet, entsteht Durchlässigkeit. Das ist deutlich näher an „Treiben, aufnehmen, leichter werden“ als an „Hals runter, Problem weg“. Und liefert damit die Antwort auf die Frage, wie man von der tiefen Nase zum Schließen des Pferdes kommt.
8. Der falsche Knick: Alte Warnung vor dem modernen Irrtum
Nun kommt ein entscheidender Punkt für die heutige Debatte. Denn das, was heute manchmal als Vorwärts-Abwärts gezeigt wird, hat mit der H.Dv.12-Forderung wenig zu tun. Der Kopf ist zwar unten. Aber der Hals ist nicht lang nach vorn. Er ist an einer falschen Stelle gebogen. Die Ganasche ist eng. Die Stirn-Nasenlinie ist hinter der Senkrechten. Das Pferd tritt nicht an die Hand heran, sondern weicht ihr rückwärts aus.
Geht ein Pferd durch starke Handeinwirkung mit der Stirn-Nasenlinie hinter der Senkrechten, liegt entweder ein momentaner Fehler der Hilfengebung oder ein Fehler der bisherigen Ausbildung vor. Das Pferd nimmt die Zügelhilfen nicht mehr an, sondern weicht rückwärts aus und tritt nicht an die Reiterhand heran; die fehlende gleichmäßige Verbindung macht es in Lektionen und Übergängen nicht regulierbar.
In Steinbrechts „Gymnasium des Pferdes“ ist die Problematik des falschen Knicks bereits messerscharf beschrieben:
„Wird aber der Hals an einzelnen Stellen so stark gebogen, dass die Berührungsfläche der betreffenden Wirbel zu klein wird, so entsteht ein falscher Knick, in welchem sich sowohl die Anzüge der Hand, wie auch die vortreibenden Hilfen brechen werden […]. Dies erzeugt dann die gefährliche Art des ‚Hinter-den-Zügeln-sein‘ beim Pferde […].“
Das ist hochaktuell. Im falschen Knick bleiben die Hilfen stecken. Eben dies sieht man beim so praktizierten „modernen“ V-A: Die Verbindung von hinten nach vorn ist unterbrochen. Der Energiefluss unterbrochen. Das Hinterbein kommt nicht mehr zur Hand durch. Das Pferd ist nicht lang, sondern geknickt wie ein Pappstrohhalm in der Tütenlimo. Nicht Vorwärts-Abwärts, sondern Rückwärts-Abwärts entzieht es sich.
9. Warum falsches Vorwärts-Abwärts nicht nur unschön, sondern unlogisch ist
Das modern interpretierte V-A erkennt man daran, dass der Kopf zwar unten ist, aber der Hals nicht als Balancestange nach vorn genutzt wird. Die Nase bleibt nicht vorn, sondern verschwindet hinter der Senkrechten. Der Ganaschenwinkel wird eng. Die Hand erhält scheinbar wenig Widerstand; aber nicht, weil das Pferd losgelassen ist, sondern weil es sich verkrümelt hat. Es nimmt die Hand nicht an, tritt nicht heran und verschwindet. Oder legt sich drauf.
Das ursprüngliche Vorwärts-Abwärts der H.Dv.12 fordert das Gegenteil: nach vorn gedehnter Hals, Kammlinie leicht nach oben gewölbt, vorwärts-abwärts gerichtete Nase, Entspannung ohne Eilen. Der Reiter gibt nach, ohne das Treiben aufzugeben. Das Pferd sucht die Länge, ohne aus dem Takt zu geraten.
Falsches V-A dagegen produziert häufig genau jene Fehler, die Gegner des Vorwärts-Abwärts zu Recht kritisieren: Vorhandlastigkeit, fehlende Selbsthaltung, schwere oder leere Verbindung, fehlende Regulierbarkeit, Rückenfestigkeit, Taktverlust, mentale Abschaltung. Wer das kritisiert, hat recht. Nur kritisiert er dann nicht das historische, sinnvolle Vorwärts-Abwärts, sondern dessen scheinliberale Farce.
Um Missverständnissen vorzubeugen, muss man hier noch einen weiteren Trennstrich zu modernen „Dehnungs“-Begriffen wie LDR (Low, Deep and Round) oder der sogenannten Rollkur ziehen. Die offizielle Unterscheidung lautet seit der FEI-Round-Table-Konferenz 2010: Rollkur/Hyperflexion sei eine Halsbeugung, die durch aggressive Kraft erreicht werde, und daher nicht akzeptabel; LDR sei dagegen akzeptabel, wenn die Beugung ohne unangemessene Kraft erreicht werde, um zeitlich begrenzt die Oberlinie zu dehnen, das Pferd geschmeidig zu machen, kontrolliert an die Hilfen zu bringen, Ausdrucksstärke zu erzeugen und nervöse Tiere ruhig zu stellen. „Moderne Sportpferde brauchen andere Trainingsmethoden“ – nur um ein ganz großes Hauptargument mal gehört zu haben.
Das klassische Vorwärts-Abwärts jedenfalls ist keine Positionshaltung. Während das historische Ideal ein Suchen der Hand durch das Pferd beschreibt, ist die Rollkur ein Feststellen durch den Reiter. Wo das Pferd in der H.Dv.12 die Nase vor der Senkrechten lässt, um die Oberlinie zu längen, wird es im LDR für eine erkleckliche Dauer hinter die Senkrechte gezwungen, was die Halsbasis unterbricht und den Rücken blockiert. Ein tiefer Hals allein ist also noch keine Gymnastik – er kann im schlimmen Fall auch das sichtbare Zeichen einer körpermechanischen Kapitulation sein.
10. Die französische Gegenposition: berechtigte Mahnung, anderer Weg
Ein Blick ans andere Ende. Während die klassische deutsche Lehre das Pferd von hinten nach vorne denkt, beginnt der Dialog in der französischen Schule oft an der Maulspalte. Zur historischen Einordnung gehören bis heute viel genannte Namen wie François Baucher und Alexis-François L’Hotte einfach dazu. Aus deutscher Sicht war Baucher lange verpönt, weil seine Methode stärker über Kiefer, Genick, Halsflexionen und die Kontrolle der Kräfte des Pferdes dachte. Steinbrechts scharfe Kritik an der Baucher-Methode steht in diesem Zusammenhang. Er fürchtete, dass durch zu viel Halsbearbeitung auf der Stelle kein biegsames, sondern ein wackeliges, hinter dem Zügel stehendes Pferd entsteht.
Man sollte die französische Schule dennoch nicht als bloße Handreiterei abtun. Ihr Ideal der Légèreté, also der Leichtigkeit, ist ein hoher Anspruch. Ein Pferd soll nicht auf der Hand liegen, nicht schwer werden, nicht gegen den Reiter arbeiten. Der spätere Baucher formuliert mit „Hand ohne Bein, Bein ohne Hand“ sogar einen Gedanken, der grobe Gegeneinwirkungen gerade vermeiden will. Und L’Hotte fasst die französische Linie mit „calme, en avant, droit“ – ruhig, vorwärts, gerade – in eine Formel, die der deutschen Schule erstaunlich nahekommt.
Der Unterschied liegt in der Reihenfolge und Gewichtung. Die deutsche H.Dv.-Linie denkt von Takt, Losgelassenheit, Vorwärts, Rücken und natürlichem Gang her. Die französische Baucher-Linie denkt von Kiefer, Genick, Hals, Gleichgewicht und Leichtigkeit her. Gute Reiter schaffen das. Beides kann aber, wenn es schlecht geritten wird, entgleisen. Schön wird Reiten erst dort, wo Vorwärts, Rücken, Gleichgewicht und Leichtigkeit zusammenfinden.
Für unser Thema und unsere deutsche klassische Sicht heißt das: Die französische Mahnung zur Leichtigkeit ist ungemein wertvoll. Aber sie ersetzt nicht die Notwendigkeit, die Remonte im natürlichen Gang über den Rücken und in ehrlicher Dehnungsbereitschaft zu entwickeln.
11. Von damals zu heute: stehende Begriffe und ihre Ordnung
Wenn man die bisher genannten Gedanken (natürlich gibt es da noch mehr!) systematisch ordnet, ergibt sich folgendes Bild:
Zuerst steht der uralte Grundsatz der Reitkunst: nach der Natur des Pferdes ausbilden. Das Pferd soll seine natürlichen Bewegungen nicht verlieren, sondern unter dem Reitergewicht wiederfinden und veredeln.
Später kommt eine funktionale Erweiterung durch das italienische System dazu: nicht stören. Kopf, Hals und Rücken müssen für Balance, Gelände, Galopp und Sprung frei arbeiten können.
In der deutschen Kavallerielehre der H.Dv.12 werden daraus feste Ausbildungsbegriffe: Losgelassenheit als erste Vorbedingung der Dressur, Zügel-aus-der-Hand-kauen-Lassen als Prüfstein, nach vorn gedehnter Hals, vorwärts-abwärts gerichtete Nase, kein Eilen, keine aufgegebene treibende Hilfe.
Bei Bürger/Zietzschmann wird die Sache anatomisch untermauert: Der natürliche Gang, die Halsfreiheit und die Beweglichkeit des Pferdes sind Grundlage. Die Haltung darf nicht gegen den Bewegungsmechanismus gestellt werden.
In der heutigen Begriffswelt wollen wir zusätzlich unterscheiden zwischen Lang-Machen und Dehnen, um die Benennungen gut unterscheiden zu können. In unserem Verständnis ist das Lang-Machen in der ersten Arbeitsphase nicht identisch mit der Schlussdehnung. Das Lang-Machen gehört wesentlich in die Lösungsarbeit jeden Pferdes und in die Entwicklung des jungen oder korrekturbedürftigen Pferdes: Es hilft, Balance, Vertrauen, Rücken und Losgelassenheit zu finden. Das Dehnen am Schluss einer sportlichen Einheit ist dagegen der bewusste Abschluss nach Arbeit, Schließen und gegebenenfalls Versammlung: Das Pferd erweitert den Rahmen wieder, atmet durch, regeneriert körperlich und seelisch.
Vorwärts-Abwärts ist damit kein Dauerzustand. Es ist ein Werkzeug, Prüfstein und ja, ein Moment der Wahrheit.
12. Warum das ursprüngliche Vorwärts-Abwärts sinnvoll bleibt
Das historisch verstandene Vorwärts-Abwärts ist somit keine verfehlte Idee, wie manche Religionsstifter:innen uns glauben machen wollen. Der Irrtum beginnt dort, wo man es auf eine Kopfposition reduziert.
Das Pferd soll nicht „runter“. Es soll lang werden. Es soll nicht hinter die Senkrechte verschwinden, sondern die Nase vorlassen. Es soll sich nicht der Hand entziehen, sondern sie suchen. Es soll nicht eilig werden, sondern im Takt bleiben. Es soll nicht auf die Vorhand fallen, sondern unter dem Reitergewicht sein Gleichgewicht finden. Es soll nicht in einer Haltung geparkt werden, sondern durch diese Arbeit fähiger werden, später geschlossen und schließlich versammelt zu werden.
Darum ist das Vorwärts-Abwärts der H.Dv.12 ein sinnvoller und gangbarer Weg: Es dient nicht dem tiefen Hals, sondern dem freien Rücken. Um es mit dem amerikanischen Architekten Louis Henry Sullivan zu sagen: „Form ever follows function.“ Es zählt nicht das schnelle Foto, sondern die Ausbildung.
Und vielleicht liegt genau darin sein Wert in der heutigen Debatte. In einer Zeit, in der Bilder schneller beurteilt werden als Bewegungen verstanden, erinnert das klassische Vorwärts-Abwärts daran, dass Reiten kein Halsstellungswettbewerb ist. Es ist die Kunst, das Pferd nicht zu stören und es sich entwickeln zu lassen, während man es ausbildet.
Das klingt einfach. Ist es aber natürlich ganz und gar nicht. Sonst würden es ja alle machen 😉.
© Dido Nitz