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Redensarten Nr. 16 - Wenn sich der kranke Strumpf auf die Socken macht

Liebe Redensarten-Freundinnen und Freunde,

willkommen zu meinem sechzehnten Newsletter.

Mein letzter ist ewig her und Ihr habt Euch wahrscheinlich schon gefragt, was mit mir los ist und ob ich die Schreiberei aufgegeben habe. Die Antwort ist einfach: Ich lag mehrere Wochen mit einer heftigen Grippe im Bett, danach war ich eine Woche beruflich unterwegs und dann musste ich noch meine Steuer machen. Ich nehme das mal zum Anlass, mal ein paar Redewendungen zu behandeln, die mit Krankheit zu tun haben.

ein Kranker im Bett

(Quelle: depositphotos.com (Opens in a new window))

Wie gesagt, war ich wochenlang "ans Bett gefesselt (Opens in a new window)". Das ist natürlich nicht wörtlich gemeint, sondern soll ausdrücken, dass man aufgrund einer Krankheit das Bett nicht verlassen kann bzw. sollte. Ganz ähnlich gibt es auch "an den Rollstuhl gefesselt (Opens in a new window)" sein - eine Redewendung, die viele Rollstuhlfahrer aber nur ungern hören dürften, weil sie damit in eine Opferrolle gedrängt werden. Insofern würde ich diese Redewendung nicht unbedingt verwenden und stattdessen ganz neutral "im Rollstuhl sitzen" oder "einen Rollstuhl benötigen" sagen. Und da bin ich nicht der einzige, denn sie wird nicht mehr so häufig gebraucht wie früher.

Dann kann man auch "das Bett hüten (Opens in a new window)", also krank im Bett liegen. Das ist eine Redensart, die schon sehr alt ist (seit dem 16. Jahrhundert belegt) und ursprünglich scherzhaft gemeint war: Hüten bedeutet ja eigentlich bewachen, beaufsichtigen. Typischerweise hütet man also eine Herde Schafe usw. In der Redewendung wird das Bett, das man nicht verlassen darf oder kann, behandelt wie etwas, auf das man aufpassen muss.

Das Wort "hüten" ist auch in anderen Redensarten zu finden, z. B. "seine Zunge hüten (Opens in a new window)", also aufpassen, was man sagt. Gemeint ist damit, dass man vorsichtig ist beim Sprechen, also z. B. keine Geheimnisse versehentlich ausplaudert oder freche Dinge sagt. Man kann auch etwas "hüten wie seinen Augapfel (Opens in a new window)", also mit einer Sache besonders vorsichtig umgehen und aufpassen, dass sie nicht kaputtgeht. Das entsprechende Sinnbild versteht sich hier von selbst, schließlich ist das Auge eines der empfindlichsten Organe, das der Mensch besitzt.

Mit "hüten" verwandt ist übrigens "die Hut" (weiblich), was nicht zu verwechseln ist mit "dem Hut" (männlich): Während der Hut den Kopf bedeckt, bedeutet die Hut Obhut und Schutz. Früher wurde das Wort vor allem beim Militär genutzt im Sinne Wache, Posten zum Schutz gegen den Feind - daher auch die militärischen Begriffe Vorhut (militärische Einheit, die den Truppen beim Marsch zur Sicherung und Aufklärung vorausgeschickt wird) und Nachhut (den Rückmarsch militärischer Einheiten sichernder Truppenteil), aber das nur nebenbei.

Bautzen, Aufziehen der Wache des 4. Königlichen Infanterie-Regiments 103, 1902 (Quelle: commons.wikimedia.org (Opens in a new window))

Heute ist das Wort fast nur noch in der Redewendung "auf der Hut sein (Opens in a new window)" (aufpassen, vorsichtig sein) erhalten. Früher bedeutete das nichts anderes als "Wache schieben".

Wie gesagt haben also die Hut und der Hut völlig unterschiedliche Bedeutungen, und dennoch haben beide Begriffe den gleichen Ursprung (Quelle (Opens in a new window)), denn der Hut ist ja ein Gegenstand, der den Kopf sichert und schützt, nämlich vor Regen oder Kälte.

Gerade merke ich, dass ich mal wieder "vom Hölzchen aufs Stöckchen gekommen (Opens in a new window)" (also abgeschweift) bin, denn eigentlich wollte ich ja das Thema Krankheit behandeln.

Es gibt noch einige weitere Redensarten mit der Bedeutung "krank sein", wie "außer Gefecht sein (Opens in a new window)", was natürlich (mal wieder) der Militärsprache entnommen ist und letztlich das Leben als ständigen Kampf deutet, aber das sollte man nicht zu ernst nehmen. Wenn es einem schlecht geht, dann "geht man auf dem Zahnfleisch (Opens in a new window)" oder "pfeift aus dem letzten Loch (Opens in a new window)", wobei diese beiden Wendungen etwas allgemeiner sind und auch Erschöpfung bedeuten können, oder auf Gegenstände angewendet: Geräte, die verschlissen sind oder nicht mehr richtig funktionieren.

(Quelle: depositphotos.com (Opens in a new window))

Ursprünglich bezog sich die Redensart “aus dem letzten Loch pfeifen (Opens in a new window)“ auf die Löcher eines Blasinstrumentes. Wenn man auf dem letzten Loch bläst, erklingt der höchste Ton, den das Instrument spielen kann - dann ist man sozusagen "am Ende", dann "geht es nicht mehr weiter", was in dieser Redensart im bildlichen Sinn zu verstehen ist. Natürlich spielt hier auch die oft negative Bewertung von “letzte” eine Rolle, die wir auch in der Redewendung “das Letzte / Allerletzte sein (Opens in a new window)“ finden.

Dann noch zwei Redewendungen, die wohl kaum jemand kennen dürfte. "In keiner guten Haut stecken" ist heute veraltet und bedeutete oft krank sein, sich in einer schlechten Lage befinden. Aus dieser dürfte "nicht in jemandes Haut stecken wollen (Opens in a new window)" (sich nicht in der schlechten Lage einer anderen Person befinden wollen) hervorgegangen sein, die heute allgemein geläufig ist. So kann man sagen über jemanden, der in Schwierigkeiten ist:

  • Sie hat gestern ihren Job verloren. In ihrer Haut möchte ich nicht stecken

Dann gibt es noch "nicht (gut) im Strumpf sein (Opens in a new window)" (leicht krank / unpässlich sein; sich unwohl fühlen; schlecht gelaunt sein; nicht in guter Verfassung sein), das nur noch in der Schweiz zu hören ist. Ursprung ist wohl die Vorstellung, dass wenn der Kranke genesen ist und wieder aufstehen und sich anziehen kann, wieder "im Strumpf" ist. Dazu passt die Redensart "auf dem Strumpf sein", die noch im 19. Jahrhundert in der Studentensprache üblich war und heute keiner mehr kennt. Der Dichter Heinrich Heine z. B. schreibt 1826 in einem Brief: "Meine Gesundheit verbessert sich allmählig, und komme ich einmal ganz auf den Strumpf, so dürfen Sie viel Erfreuliches von mir erwarten" (Quelle (Opens in a new window)).

Eine dagegen sehr häufige Redensart ist "sich auf die Socken machen (Opens in a new window)" (loslaufen, schnell weggehen, aufbrechen), die ein ähnliches Sinnbild nutzt und in der Studentensprache des 18. Jahrhunderts entstanden ist. Man läuft schließlich mit den Füßen, und diese tragen meist auch Socken. Noch verständlicher wird das Sinnbild, wenn man sich die Herkunft des Wortes Socke anguckt:

Soccus (Quelle: commons.wikimedia.org (Opens in a new window))

Es stammt aus dem lateinischen "soccus", das einen leichten, weichen Schuh bezeichnete, in den man hineinschlüpfen konnte und nicht gebunden wurde - ein früher Hausschuh sozusagen.

Aber zurück zum Thema Krankheit. Natürlich gibt es auch Abstufungen, je nach Schwere: Wenn man sich nicht wohlfühlt, schwach, unkonzentriert oder erschöpft ist, aber auch nicht richtig krank, dann "fühlt man sich matschig (Opens in a new window)", ist "etwas angeschlagen (Opens in a new window)", "schwach auf der Brust (Opens in a new window)" oder "nicht (ganz) auf der Höhe (Opens in a new window)". Die dahinter stehenden Sinnbilder sind leicht zu erraten, wobei “schwach auf der Brust (Opens in a new window)“ möglicherweise von einer alten jüdischen Anekdote (Opens in a new window) herrührt.

Man kann auch "herumlaufen wie Falschgeld (Opens in a new window)" (desorientiert, krank, unpassend wirken; verwirrt und unkonzentriert sein).

(Quelle: depositphotos.com (Opens in a new window))

Die Redewendung hat wohl seinen Ursprung darin, dass jemand nicht dahin gehört, wo er sich gerade befindet (z. B. auf der Arbeit), sondern nach Hause (ins Bett), um sich zu erholen. Wie Falschgeld eben, das nicht in Umlauf sein sollte und das man aus dem Verkehr ziehen sollte.

Dann gibt es natürlich noch das andere Extrem: Wer schwer krank oder schon nah am Tod ist, sieht aus "wie das Leiden Christi (Opens in a new window)", "trägt den Kopf unter dem Arm (Opens in a new window)", sieht aus "wie der Tod (Opens in a new window)" oder gar "wie eine wandelnde oder lebende Leiche (Opens in a new window)".

So weit war es bei mir dann doch nicht, obwohl es mir zeitweise wirklich schlecht ging, nachdem ich mir "was weggeholt (Opens in a new window)" habe. Mittlerweile bin ich längst wieder "auf dem Damm (Opens in a new window)". Was es damit "auf sich hat (Opens in a new window)", erfahrt Ihr bei meinem nächsten Newsletter.

Viele Grüße,

euer Peter vom Redensarten-Index

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