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Maria ohne Unterleib

Über die Krippenfiguren meiner Großeltern und das gerettete Weihnachtsfest 1945, über die Pfefferkuchenfrau und die halbe Muttergottes im Vogelhäuschen zu Bethlehem

Jedes Jahr im Advent, wenn ich die Krippenfiguren aus der verstaubten Schachtel nehme, sehe ich das Gesicht meiner Großmutter vor mir. Die weißgrauen Locken, die tausend kleinen Fältchen und das verschmitzte Lachen, wenn sie von der „Maria ohne Unterleib“ sprach.

Nein, das war nicht respektlos gemeint! Und wenn in ihrem sächsischen Tonfall auch ein leiser Spott mitschwang, dann galt er sicher nicht der Muttergottes oder gar der unbefleckten Empfängnis.

War es überhaupt Spott oder nicht doch ein verschämter Stolz, der mit einem Augenzwinkern getarnt werden mußte? Schließlich hatte sie der großen Historie ein Schnippchen geschlagen und einer Todgeweihten ein neues Leben geschenkt.

Und das kam so:

Mit viel Glück waren die Krippenfiguren meiner Großeltern dem Dresdner Bombenhagel entgangen. Ein bißchen Verstand war freilich auch dabei: Daß Dresden verschont bleiben würde, konnte sich mein Großvater beim besten Willen nicht vorstellen. Hatte nicht sogar der Kölner Dom gebrannt?

Tapfer ignorierte er das Kopfschütteln der Nachbarn und schaffte Bü­cher, Briefmarken- und Fotoalben, Geschirr und Dutzende gefüllter Einweckgläser zu seinen Eltern nach Radebeul.

Was in der Wohnung in der Johannstadt zurückblieb, ging am Faschingsdienstag 1945 in Flammen auf. Wo das Haus gestanden hatte, in dessen zweitem Stock vier Jahre zuvor mein Vater geboren worden war, erstreckt sich heute ein staubiger Sportplatz.

Die Krippenfiguren waren gerettet – anders als die Nähmaschine meiner Großmutter, der von Onkel Gustav geerbte venezianische Spiegel und die von meinem Großvater mit empörten Randbemerkungen versehene Ausgabe von Hitlers „Mein Kampf“.

Aber noch war die Gefahr nicht gebannt. Ein weiteres Mal hing ihr Schicksal am seidenen Faden.

Bei Kriegsende durchkämmten russische Sol­daten in Radebeul die Häuser, auf der Suche nach Uhren, Schnaps und Frauen. Da trat ein Rotarmist auf den Karton mit den Krippenfiguren. Josef und das Christkind, die Hirten mit ihren Schafen, ja sogar die drei Könige überlebten. Aber die Maria zerbrach.

Der Schreck war groß. Ausgerechnet die Maria! Woher sollte man in diesen Zeiten eine neue nehmen?

Als das erste Nachkriegsweihnachten herankam, besah sich meine Großmutter noch einmal die Bescherung. Schließlich warf sie die zerbrochenen Beine in den Kohleneimer und klebte die obere Hälfte mit dem sanften Gesicht, das ihr so gut gefiel, auf einen Holzklotz.

Fertig war die „Maria ohne Unterleib“.

Der Stall zu Bethlehem, ein ehemaliges Vogelhäuschen, in das die heilige Familie mit Ochs und Esel bequem hineinpaßte, wurde so mit Stroh ausgelegt, daß man die Prothese nicht sah.

Die Zeit verging. Mein Vater wurde selber Vater, meine Großmutter wurde Großmutter. Nur das Christkind schaffte es nie aus den Windeln. Aber das schien keinen zu stören.

Wenn wir Kinder am zweiten Weihnachtsfeiertag bei meinen Großeltern einfielen, steuerte ich als erstes die Krippe an, die auf dem Büfett im Wohnzimmer aufgebaut war.

Eine mit einer Glühbirne versehene Laterne warf einen rötlichen Schein auf die Locken des Neugeborenen. Doch am meisten bewunderte ich die drei Könige in ihren langen farbigen Gewändern, vor allem den mit dem Turban und dem dunklen Gesicht.

Und dann war da noch der kleine graue Esel. Während die Hirten und der Ochs nur Augen für das Christkind hatten, sah er uns aufmerksam zu, wie wir mit der Kuchengabel die Rosinen aus dem Stollen pulten, den Plätzchenteller plünderten und den Engeln die Flügel abbissen.

Der Höhepunkt des Festes war erreicht, wenn die Kerzen am Christbaum angezündet und alle Geschenke ausgepackt waren und meine Großmutter den Klavierdeckel aufklappte. Ihr Lachen verhieß das Gegenteil von „Stille Nacht“. Beherzt griff sie in die Tasten, und alles schmetterte:

Wenn’s Weihnachten ist, / wenn’s Weihnachten ist, / dann kommt zu uns der heil’ge Christ. / Da bringt er eine Muh, / da bringt er eine Mäh / und eine schöne Tschingterätätä. / Weihnacht, Weihnacht, / Weihnacht ist ein schönes Fest, juchhe!

Ich weiß nicht, ob bei dem „Muh“ der Ochs zusammenzuckte und bei dem „Mäh“ die Schafe. In diesen Minuten hatte ich nur Augen für meine Großmutter, die ich nie so ausgelassen sah wie zu Weihnachten, wenn wir uns alle in ihr kleines Wohnzimmer drängten, in dem man die Luft hätte schneiden können, und sie Klavier spielte, daß die Pedale rumpelten und die Kaffeetassen klirrten, und wir aus voller Kehle von der Pfefferkuchenfrau und ihrem Mann aus Olbernhau sangen:

Er knackt ihr eine Nuß, / er knackt ihr einen Kern / und hat sie, ach, zum Fressen gern. / Weihnacht, Weihnacht, / Weihnacht ist ein schönes Fest, juchhe!

Später, wenn ich ihr im Korridor in die Arme lief, strahlte sie mich an und sagte: „Na, du Griewatsch?“, was auf Sächsisch so viel heißt wie Lausejunge. Niemand sonst sagte das zu mir oder hat es je wieder zu mir gesagt.

Manchmal ertappe ich mich dabei, wie ich die zwei Silben vor mich hinspreche, wie um mich zu versichern, daß es das Wort noch gibt. Ich schließe die Augen und stelle mir meine Großmutter vor: ihre kleine gebeugte Gestalt und ihre Stimme, die schon so lange verstummt ist.

So viel Zeit ist vergangen, ist davongerauscht wie ein Fluß, der über die Ufer tritt und mitnimmt, was er greifen kann. Wenn ich in den Spiegel blicke, wundere ich mich, wo die Silberfäden an meiner Schläfe herkommen. Sah ich sie nicht eben noch im Tannengrün des Christbaums, vor dem aus allen Nähten platzenden Bücherschrank in Radebeul?

Auch das Lied von der Pfefferkuchenfrau habe ich nie mehr gesungen. Aber jetzt höre ich es wieder, und mir ist, als würde ich uns alle da sitzen sehen: meinen Onkel und meine Tante vergnügt auf dem Sofa, umringt von meinen lachenden Cousins; im Sessel Big Ben, wie wir meinen Großvater riefen, weil er es haßte, Opa genannt zu werden; meinen beflissen singenden Vater und meine drei älteren Brüder, dünn wie die Bohnenstangen, obwohl sie gerade einen ganzen Stollen verputzt hatten.

Und zwischen ihnen den blonden Griewatsch, der ich war und immer sein werde, wann immer ich mich an jene Weihnachten erinnere. 

Bevor wir uns am Abend mit roten Wangen auf den Heimweg machten, warf ich noch einen Blick auf die Krippe. Reglos standen die Figuren in dem Vogelhäuschen. Ein Engel spielte Geige, ein anderer zupfte an seiner Harfe. Ein Hirte mit zerbeultem Hut trug ein weißes Lamm auf den Schultern.

Das Wohnzimmer war erfüllt vom Rauch der Kerzen, die jemand in meinem Rücken ausgepustet hatte. Ein letztes Mal betrachtete ich das Christkind und den kleinen grauen Esel, der mit den Beinen im Stroh versank.

Ob es noch die lädierte Maria war, die ich neben dem bärtigen Josef sah?

Irgendwann, so hat mir mein Onkel erzählt, wurde sie durch eine neue ersetzt. Anwesend blieb sie dennoch, Jahr für Jahr. Kein Weihnachten, an dem meine Großmutter nicht mit dem immer gleichen Augenzwinkern von der „Maria ohne Unterleib“ sprach.

Was aus ihr geworden ist? Mein Onkel zuckt ratlos die Achseln, und mein Vater schüttelt den Kopf.

Ich nehme an, sie ist jetzt dort, wo meine Großmutter ist: mit ihren weißgrauen Locken, ihrem Gesicht voll tausend kleiner Fältchen und ihrem verschmitzten Lachen.

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