Über meinen Urgroßvater und die Blitzableiter von Wien, über Zwetschkenknödel, eine Bienenwabe und Friedrich Deckerts Reise zur Weltausstellung 1900 in Paris

Nein, ein Mozart war er nicht. Auch kein Klimt und kein Freud. Auf dem Heldenplatz hat ihn keiner bejubelt und im Burgtheater niemand ihn ausgebuht. Ja, nicht mal die Vierschanzentournee hat er gewonnen! Und doch sähe Österreich heute anders aus, wäre er nicht gewesen.
Der Stephansdom: eine abgebrannte Kerze, Schloß Schönbrunn: eine Aschewolke, von hilflosen Feuerwehrleuten beweint. Ganz zu schweigen vom Belvedere und dem österreichischen Parlamentsgebäude. Alles, alles wäre ein Raub der Flammen geworden – hätte nicht mein Urgroßvater Friedrich Deckert die Türme und Dächer Wiens mit Blitzableitern versehen.
Und? Wieviele Denkmäler erheben sich zu seinen Ehren? Von wievielen Marmorsockeln grüßt seine erhabene Gestalt? Von keinem einzigen. Sein Name ist so vergessen wie der irgendeines Würstelstandbetreibers aus Ottakring. Nicht mal ein Grab gibt es mehr. Undank ist der Welten Lohn!
Dabei hatte alles so glänzend begonnen.
Nun, nicht gleich an jenem 14. September 1873, als Friedrich in der Schikanedergasse 6 im vierten Bezirk geboren wurde. Erst im Jahr zuvor hatte sein Vater Wilhelm Deckert zusammen mit dem Finanzier Eduard Homolka ein Unternehmen gegründet, das schon bald als „Telegraphen-, Telephon- und Blitzableiter-Bau-Anstalt“ in halb Europa berühmt werden sollte.
Nein, ich übertreibe nicht! Der Mann mit dem passenden wilhelminischen Bart stand offenkundig unter Strom. Im Laufe von zwei Jahrzehnten machte er aus Deckert & Homolka eine der größten elektrotechnischen Firmen der k. u. k. Monarchie mit über 1000 Angestellten und Hauptetablissements in Wien und Budapest sowie Filialen in Prag und Brünn.
Auch jenseits des Geschäftlichen scheinen sich die beiden Firmenchefs blendend verstanden zu haben. Homolka wurde der Taufpate von Friedrich, dafür wurde dieser mit zweitem Vornamen Eduard genannt. Dreizehn Jahre später war Homolka auch Friedrichs Firmpate.
Der Weg von der Firmung in die Firma war da schon vorgezeichnet. In einer Chronik, in der Friedrich alle ihm erwähnenswerten Ereignisse seines Lebens festgehalten hat, heißt es: „Am 1. Oktober 1892 in das Geschäft Deckert & Homolka in Wien eingetreten. Zuerst ein Jahr als Mechaniker etc. praktiziert. 5 Gulden die Woche bekommen.“
Parallel dazu schreibt er sich an der Technischen Hochschule in Mathematik, Physik und Elektrotechnik ein. Bereits im folgenden Jahr legt er die Prüfung in Allgemeiner und Technischer Physik „mit sehr gutem Erfolg“ ab.

Schon bald sind es 17 Gulden. Dafür bekommt Friedrich im Wiener Stadtgeschäft in der Kärntner Straße 42, schräg gegenüber der Oper, jede Menge zu tun. Für das Jahr 1894 notiert er mit kaum verhohlenem Stolz: „Telefon- und Blitzableiteranlagen ausgeführt und beaufsichtigt, Kassengeschäfte erledigt und Schecks in allen Wiener Banken einkassiert, Buchhaltung gelernt und Rechnungen geschrieben.“
Es ist das Jahr, in dem es für ihn hoch hinausgeht – nicht nur auf der Karriereleiter, sondern buchstäblich. Das erste Mal am 23. April in Mährisch-Kromau in der Nähe von Brünn: „Blitzableiter auf dem Schloß des Fürsten Liechtenstein und dessen Zuckerfabrik erstellt“, heißt es in seinen Aufzeichnungen.
In den folgenden Wochen setzt er Blitzableiter auf diverse Schlösser von Fürsten, Grafen und Erzherzögen, auf Heil- und Pflegeanstalten, Rathäuser, Gymnasien und Hotels sowie auf die Dächer von Pulver- und Zündschnurfabriken. Nein, Höhenangst scheint er keine gekannt zu haben. Nicht mal vor einem dreistündigen Aufstieg auf die damals noch seilbahnlose Raxalpe scheut er zurück – auch das Erzherzog-Otto-Schutzhaus bekommt seinen Blitzableiter.
Ich sehe ihn vor mir, wie er ein Dach nach dem anderen erklimmt. Ein junger Mann, halb milch-, halb schnurrbärtig, gewandt und drahtig, rank und schlank – kein Wunder: seit 1891 ist er ordentliches Mitglied der Wiener Turnerschaft. (Bin ich wirklich sein Urenkel?)
Was ihn antreibt? Mit ein bißchen Küchenpsychologie läßt es sich erahnen. Er ist der Sohn vom Chef – aber nicht deshalb ist er hier! Das will er allen zeigen. Sie sollen sehen, was für ein Kerl er ist: gescheit und geschickt, technisch beschlagen. Ein Gewinn für die Firma, womöglich ihre Zukunft! Und so steigt er immer weiter auf – und nicht nur auf Dächer: Am 1. November 1897 tritt er in das Technische Büro von Deckert & Homolka ein, „mit 100 Gulden monatlich“.
Als bald darauf im Neuen Wiener Tagblatt ein Artikel über die Firma erscheint, heißt es darin: „Eines besonders guten Rufes erfreut sich das Unternehmen auf dem Gebiet der Blitzableiteranlagen.“ Das ist sein Verdienst! In der Firma ist der Sohn vom Chef der „Sachverständige für Blitzschutz und Blitzableiter-Bau“.
Und jetzt ist er buchstäblich ganz oben: Am 16. August 1899 steigt er das erste Mal auf den Stephansdom, um unter einem von Schäfchenwolken bevölkerten Himmel die gesamte Blitzableiteranlage zu rekonstruieren.
Während ich mir vorstelle, wie Friedrich in luftiger Höhe seiner Arbeit nachgeht, fällt mir ein, was Adalbert Stifter über den Blick „Vom Sankt Stephansturme“ auf die morgendliche Stadt geschrieben hat:
„Wie eine ungeheure Wabe von Bienen liegt sie unten, durchbrochen und gegittert, und doch allenthalben zusammenhängend, nur die Gassen nach allen Richtungen sind wie hineingerißne Furchen, und die Plätze wie ein Zurückweichen des Gedränges, wo man wieder Luft gewinnt. Senkrecht im Abgrund unter uns liegt der Platz St. Stephans, die Menschen laufen auf dem lichtgrauen Pflaster wie dunkle Ameisen herum, und jene Kutsche gleitet wie eine schwarze Nußschale vorüber, von zwei netten Käferchen gezogen, und immer mehr und mehr werden der Ameisen und immer mehr der gleitenden Nußschalen.“
Daß das Buch, in dem diese Beschreibung steht, 1844 gedruckt wurde, merkt man nur den wortreich wuchernden Sätzen an. Das Geschilderte selbst könnte genauso gut der Gegenwart entstammen. Die Gassen und Plätze in der Tiefe, das lichtgraue Pflaster – sogar die Pferdekutschen sind noch da.
Nicht viel anders wird es an jenem Sommertag gewesen sein, als Friedrich da oben seine Blitzableiter montierte. Wer unten stand und den Kopf hob, sah eine Ameise auf einer umgedrehten Zuckertüte.

Als Friedrich Deckert ein halbes Jahrhundert später im Sterben lag und die Bilder seines Lebens an ihm vorbeizogen, stand ihm die Bienenwabe mit den Ameisen und Käferchen wieder vor Augen. Noch einmal fühlte er den leichten Schwindel, der ihn beim Blick in die Tiefe erfaßt hatte.
Doch es war ein glücklicher Schwindel: Gemessen an der Distanz zwischen Himmel und Erde war der Blitzableiter auf dem Stephansdom der Höhepunkt seines Lebens gewesen – näher war er den Wolken nie wieder gekommen.
In diesem Augenblick spürte er eine Hand auf seiner schweißnassen Stirn. Obwohl er die Augen geschlossen hatte, wußte er: Es war die Hand, die er vor langer Zeit in Wien im Ballsaal Ronacher zum ersten Mal geküßt hatte. Es war ein Frühlingstag gewesen, er erinnerte sich sogar noch an das Datum: 15. März 1898. Denn dieser Tag hatte alles verändert.
Etwas war in sein Leben getreten, etwas Großes, Wunderbares – mit nichts zu vergleichen, was er bisher gesehen und gefühlt hatte. Ich zögere, das Wort hinzuschreiben, aber es gibt keins, das so treffend bezeichnet, wie es ihn getroffen hatte: blitzartig.
Ja, wie ein Blitz hatte ihn die Liebe erwischt: ausgerechnet ihn, den Sachverständigen für Blitzschutz! Wie ein morscher Dachstuhl stand er in Flammen. Und er konnte nichts dagegen tun, nicht das geringste.
Helene ... Ihr Name ging ihm nicht mehr aus dem Kopf. Ihr Name und das Lächeln, das sie ihm zugeworfen hatte, als er an den Tisch trat, an dem sie mit ihren Eltern und ihrer Schwester saß. Sein Freund Hermann Jakob hatte Friedrich vorgestellt.
„Helene“, flüsterte er jetzt, so viele Jahre später. Und wieder spürte er die Hand auf seiner Stirn. Ihre weiße, zarte Hand, die sie ihm damals so übermütig wie keck entgegengestreckt hatte. Jene Hand, um die er erst drei Jahre später hatte anhalten können. So lange mußte er sich gedulden, denn bei ihrer ersten Begegnung war sie noch nicht einmal 16.
„Ich werde auf sie warten!“ hatte er feierlich erklärt, als er nachher noch mit Hermann Jakob auf der Straße stand. Der hatte den Kopf hin- und hergewiegt, aber gesagt hatte er nichts. Vielleicht weil er wußte, was für ein Sturkopf dieser Deckert war. Wenn er sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte, brachten ihn keine zehn Pferde davon ab.
Und tatsächlich: Dreieinhalb Jahre später, am 3. September 1901, wurden Friedrich und Helene im ersten Bezirk getraut. Das Warten hatte sich gelohnt – und das gleich in doppelter Hinsicht: Seit zwei Monaten war Friedrich Chefingenieur und Prokurist der Firma Deckert & Homolka.
Tags darauf ging es auf Hochzeitsreise: nach Salzburg und Innsbruck, ausführlich in die Schweiz und schließlich nach München. Auf dem Rückweg machten sie Station in der Villa Deckert in Seewalchen, wo sie in der Herbstsonne im Attersee schwammen. Am 28. September kehrten sie, wie die Chronik vermerkt, nach Wien zurück. „Alle Zimmer waren mit Blumen geschmückt, und das neue Dienstmädchen stellte sich vor.“
Friedrich brauchte nur eines der Bilder zu betrachten, schon stürzten die Erinnerungen auf ihn ein. Unwillkürlich entfuhr ihm ein Seufzer. Der Blick vom Stephansdom hinab mochte wunderbar gewesen sein. Doch an das Glück, das er in jenen Septembertagen empfunden hatte, reichte nicht einmal die große summende Bienenwabe heran.

Dreieinhalb Jahre! So lange hatte er gewartet: beharrlich, geduldig. Hatte Helene umschwärmt (wie ein nettes Käferchen?) und sich ihren Eltern als Schwiegersohn empfohlen, dem man bedenkenlos das Glück der geliebten Tochter anvertrauen konnte. Alles, alles hatte er in die Waagschale geworfen – und sich bei einem seiner unzähligen Besuche in ihrem Haus sogar den Magen verdorben: Um seiner zukünftigen Schwiegermutter zu imponieren, hatte er zu viele ihrer berühmten Zwetschkenknödel gegessen.
Von seiner Beharrlichkeit zeugt ein Stapel Postkarten, die er im Laufe der Zeit an Helene geschickt hat. Wo immer er hinfuhr, um Blitzableiter zu montieren, die Firma zu vertreten, Geschäftspartner zu treffen, schrieb er an sie – oft mehrmals am Tag.
In diesem Augenblick liegen sie vor mir: Postkarten aus Basel, Budapest, Triest – mit einer schönen, schwungvollen Handschrift bedeckt, die Buchstaben so winzig, daß man Fliegenbeine draus schnitzen könnte. Adressiert sind sie an: Fräulein Helene Lechner in der Sechskrügelgasse 8 in Wien. Manchmal ersetzt Friedrich das „Fräulein“ scherzhaft durch „Hochwohlgeboren“. Schreibt er aus Paris, steht da: „Mademoiselle“.
Aus Paris? Aber ja! Er kam ordentlich herum, nicht nur in Kakanien. Und nach Paris mußte er doch, um Deckert & Homolka würdig zu vertreten: auf der Weltausstellung 1900. Er konnte es selbst kaum glauben. Die niederösterreichischen Teer- und Zündschnurfabriken lagen hinter ihm – jetzt stand ihm die Welt offen!
War der Stephansdom der luftige Höhepunkt und die Hochzeitsreise mit Helene das Glück auf Erden, dann muß Paris das größte Abenteuer seines Lebens gewesen sein. Zumindest war die Zahl der Postkarten, die er an seine Zukünftige schickte, so hoch wie nie zuvor.
Als ich eine Jahrhundertwende später das erste Mal über die Champs-Elysées flanierte, ahnte ich nicht, daß vieles von dem, was ich da anstaunte, errichtet worden war, um meinen Urgroßvater zu beeindrucken. Na gut, nicht nur ihn! Da waren ja auch noch die anderen 48 Millionen Besucher.
Nicht, daß man für die Weltausstellung noch einen zweiten Eiffelturm neben die Seine gestellt hätte (der erste, beim letzten Mal errichtet, ragte noch immer ins Himmelsblau). Aber flußaufwärts hatte man weder Kosten noch Mühen gescheut und die halbe Stadt neu möbliert.
Da waren, beide wie aus dem Ei gepellt, das Grand Palais und das Petit Palais. Da war die Pont Alexandre III, eine der schönsten Brücken von Paris. Da war die Gare d’Orsay, deren prächtige Hallen heute keine Dampfwolken mehr erfüllen, sondern die Ahs! und Ohs! der Betrachter von Monets „Seerosen“ und Manets „Olympia“. Und da war die Gare de Lyon, von wo aus noch immer die Züge in den Süden fahren.
Sogar in die Unterwelt hatte man sich vorgewagt und die erste Linie der Pariser Métro gebaut. Sie verkehrte zwischen Porte Maillot und Porte de Vincennes. Allerdings war man nicht rechtzeitig fertiggeworden – kein Wunder bei nur 17 Monaten Bauzeit (Grüße nach Stuttgart!). Und so fuhren die Züge erst im Juli. Da war Friedrich schon wieder über alle Berge.

Anhand der Postkarten kann ich verfolgen, wann er in Paris eintrifft (am 12. April 1900), wo er wohnt (im Hotel „Moderne“ an der Place de la Republique) und was er ißt (Austern? Rindfleisch aus Burgund?) – ach nein, das schreibt er ja gar nicht! Im Gegenteil: Mit knurrendem Magen wetzt er durch Paris. So klingt es jedenfalls, wenn er klagt: „Nicht mal zum Essen hat man Zeit.“
Tatsächlich, in den ersten Tagen hat er alle Hände voll zu tun. Ruckzuck muß er in der österreichischen Abteilung im „Palais de l’Electricité“ die Präsentation der Firma aufbauen. Schon am 15. April ist die Eröffnung, und die Aussteller werden, wie Friedrich notiert, „voller Rohheit angetrieben“, damit alles rechtzeitig an seinem Platz ist. „Ich hätte mir 20 Hände gewünscht!“ stoßseufzt er an Helene.
In dem Band „Die Pariser Weltausstellung in Wort und Bild“, erschienen 1900 in Berlin, kann man nachlesen, was genau es war, das an seinem Platz zu sein hatte: „Deckert & Homolka, Wien, ist durch ein umfangreiches Assortiment von Telephonstationen für die verschiedensten Bedürfnisse und in mannigfaltiger Ausführung, Telephonumschalter, Blitzschutzvorrichtungen und Abschmelzsicherung, sowie einen akustischen Apparat zur Konstatierung der Lautstärke von Mikrophonen repräsentiert.“
Ich lese das voller Bewunderung – und mit einer erhobenen Augenbraue. Von Friedrichs elektrotechnischem Sachverstand habe ich so wenig geerbt wie vom Firmenvermögen von Deckert & Homolka. Daß ich mich stundenlang über die Exponate meiner Vorväter gebeugt hätte: ich kann es mir nur schwer vorstellen.
Friedrich hätte wohl auch keine Zeit gehabt, mir jede „mannigfaltige Ausführung“ zu erklären. Schon am 27. April macht er sich wieder auf die Heimreise. Bis dahin ist er ein vielbeschäftigter Mann. Morgens um acht geht er in die Ausstellung, abends um acht kehrt er zurück. Was genau er dort treibt, ist nicht überliefert. Aber die Geschäfte scheinen glänzend zu gehen.
Von dem, was er sieht und erlebt, zeigt er sich begeistert. Wie großartig die Weltausstellung sei, teilt er Helene mit, könne er nur mündlich schildern. „Das allgemein angestaunte Fach“, berichtet er voller Stolz, „ist die Elektrotechnik; sie hat enorme Fortschritte gemacht.“
Sein Urenkel, den wohl demnächst die KI ersetzt, muß neidlos anerkennen: Friedrich hat auf das richtige Pferd gesetzt.

Durch seine frühe Abreise entgeht ihm manches. Bei der Eröffnung ist die Ausstellung erst halb fertig; an allen Ecken und Enden wird noch hektisch geschraubt und gehämmert. Auf den überlieferten Ansichten erstrahlt der Elektrizitätspalast nach Sonnenuntergang wie ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht. Nur Friedrich geht kein Licht auf – in den ersten Wochen ist es nach Einbruch der Dunkelheit stockduster.
Kein Wunder, daß seine Kartengrüße nicht so überschwenglich klingen, wie man vermuten könnte. In Paris herrsche ein „unbeschreiblicher Rummel“, läßt er Helene wissen. Die Stadt sei eine einzige große Baustelle, viele Straßen seien aufgerissen und unpassierbar. Ein ums andere Mal beklagt er den Staub, die Hitze und den Trubel. „Ein ohrenbetäubender Lärm erfüllt die Luft bis in die Nacht hinein.“
Das hindert ihn nicht daran, Paris ausgiebig zu besichtigen. Die 24 Postkarten, die er in die Sechskrügelgasse schickt, zeigen den Eiffelturm bei Mondschein und Schloß Versailles, dessen Gärten ihn entzücken, den von Pferdekutschen wimmelnden Boulevard de la Madeleine und die Oper, die Place de la Bastille mit der Julisäule und immer wieder die Weltausstellung. Beschwingt vom Pariser Frühling versucht er sich sogar an ein paar Sätzen Französisch.
Eine besondere Anmerkung gilt Notre-Dame: „Diese Karte“, schreibt er an Helene, „zeigt Ihnen die Eigentümlichkeit der französischen Kirchtürme. Es macht den Eindruck, als ob man in der Mitte vom Bauen aufgehört hätte.“ Nein, ein Kunsthistoriker war Friedrich nicht.
Mit einem Dampfer fährt er auf der Seine und staunt über die Pracht der am Quai d’Orsay aufgereihten Pavillons: „dieser Teil der Ausstellung ist wohl der allerschönste“. Er ruht nicht eher, bis er jeden einzelnen erkundet hat. Wenn ihm die Beine wehtun, gleitet er für 50 Centimes auf dem Rollenden Fußweg über das Ausstellungsgelände, am Eiffelturm vorbei – mal mit „grande vitesse“ und mal mit „petite vitesse“, je nachdem, wie eilig er es hat.
Am Ende ist sein Blick so müde, daß er nichts mehr hält. Am 27. April kündigt er Helene seine Abreise an: „Es ist eine förmliche Erleichterung für mich, endlich aus diesem Getriebe und Staub herauszukommen. Man ist infolge der Größe der Stadt und Ausstellung jeden Abend müde, und froh bin ich, daß diese Jagerei ein Ende hat.“
Natürlich ist Paris wunderbar! Aber es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, mit denen es auch eine Weltausstellung nicht aufnehmen kann. Und so schreibt er: „Ich habe hier unendlich viel gesehen und gelernt, aber mir ist alles schon gleichgültig, und ich sehne mich wirklich schon sehr, in Ihre lieben Augen blicken zu können, was mein ganzes Glück ist. Allerinnigste Grüße von Ihrem treuen, aufrichtigen Fritz.“
Es ist seine letzte Postkarte aus Paris. Über Basel, Zürich und Innsbruck geht es heimwärts. Er kann es kaum erwarten.
Vier Wochen später, am 24. Mai 1900, wird seine Noch-nicht-ganz-Verlobte 18 Jahre alt. Friedrich gratuliert mit einem Strauß duftender Rosen und mit Pralinen, die er in einer Pariser Confiserie gekauft hat.
Tags zuvor ist er erneut auf den Stephansdom gestiegen, um die Blitzableiter zu überprüfen. Unter ihm brodelt die Stadt. Vielleicht steht diesmal Helene auf dem lichtgrauen Pflaster und reckt den Hals. Nur hin und wieder folgt jemand neugierig ihrem Blick – aber nur um sogleich weiterzuhasten und sich zu fragen: Hält sie Ausschau nach den Tauben?
Das können die Leute ja nicht wissen! Daß die Ameise auf der umgedrehten Zuckertüte der Chefingenieur Friedrich Deckert ist, der es an diesem Morgen auf die Spitze treibt und einmal mehr Wien vor einer Feuersbrunst bewahrt.

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https://www.paypal.com/paypalme/renatusdeckert (Opens in a new window)Schon einmal habe ich über meine Wiener Vorfahren geschrieben. In „Sommerhaus, früher“ geht es um Blitzableiter und Kirchturmspitzen, ein Grab auf dem Wiener Zentralfriedhof und die Sommervilla meines Ururgroßvaters Wilhelm Deckert am Attersee. Sie finden die Geschichte hier:
https://steadyhq.com/de/renatus-deckert/posts/51d8ba0c-9dee-467b-925f-5632c6c1dec6 (Opens in a new window)Zu den Fotos:
Die schönen Bilder bzw. Hintergrundbilder mit Motiven der Weltausstellung 1900 entstammen dem dreibändigen Werk „L‘Exposition de Paris“, Librairie Illustrée. Montgrédien & Cie, Paris 1900.