Jetzt brauche ich einen Ship-Chandler oder irgendeinen anderen Laden, der Bowdenzüge auf Lager hat. Die Schaltung für die Propellerverstellung ist gebrochen, draußen auf dem Bristol-Channel.
Zwar bin ich kein Mechaniker, aber ich habe keine Lust aufzugeben. Schon wegen der sechs Damen und Herren nicht, die sich wie ich von dieser Segelreise nach Schottland viel erwarten.
Gerade haben wir die achtzehn Meter lange DAISY im hintersten Eck des Hafens von Milford Haven festgemacht. Eine Stahlketsch, 170 Quadratmeter Segel am Wind, 30 Tonnen schwer. Habe ich gechartert für eine erste Etappe in einem größeren Reiseprogramm mit diesem Schiff.
Die Beschaffung sollte möglich sein in einem Hafen mit einer Tradition wie diesem. Von hier sind sie schon im zwölften Jahrhundert unter Henry II. zur Eroberung Irlands ausgelaufen und im 17. gleich nochmal unter dem Kommando von Oliver Cromwell. Aber erst 1793 wurde die Stadt gegründet. Zeit genug, ordentliche Schiffsausrüster und Werkstätten anzusiedeln. Immerhin liegen gut und gerne hundert Yachten in der Marina und drüben ein Dutzend Fischtrawler.
Vom Liegeplatz der DAISY aus hinter dem großen Motorkutter lässt sich die Anlage ganz gut überblicken. Das Becken ist landseitig gesäumt von offenbar nagelneuen roten Klinkerfassaden. Drei- und vierstöckig. Sieht nach Wohnungen aus.
»Where is the office?«
Der junge Marinero, der mir den Platz zugewiesen und uns die Leinen angenommen hat, steht in seinem grünen Overall noch am Steg. Er weist quer über den Hafen.
»You will find the office over there. But I show you, if you like.«
Bernd, der Co-Skipper erklärt sich bereit, mit dem Burschen zu gehen. Er packt das Schiffsdokument ein und steigt auf den Steg hinüber.
»An other question: I need a ship-chandler. Where I can find…«
»It is close. Only short behind these buildings.«
»Thanks a lot.«
Erst mal Maß nehmen. Bowdenzüge gibt es sicher in vielen Längen. Das Gewinde am Ende des Stahlkabels der hydraulischen Propellerverstellung ist gebrochen. Nach diesem Knacks habe ich den Schaltmechanismus um 90° gedreht, damit die Gewindestange nicht mehr bei jedem Schaltvorgang gebogen werden musste. Aber nun saß die Haltemutter nur auf den letzten drei Windungen. Kann so nicht bleiben.
Sylvia hat eine Einkaufsliste für die Küche zusammengestellt und meldet sich mit der übrigen Crew zum Landgang ab. Walter unser Senior ist nicht gut zu Fuß, übernimmt die Bordwache. Er hilft mir beim Ausmessen des Bowdenzugs. Ich lass den alten noch drin, für den Fall, dass ich keinen neuen bekomme.
Bernd kommt zurück: »Alles erledigt.« Ich frag nicht nach, was »Alles« zu bedeuten hat. Ein Kommunikationsfehler. Ich denke, er hat den Hafen bezahlt. Mit meinem Rucksack zieh ich endlich los.
Zwischen den Neubauten hindurch gelange ich in eine Art Gewerbegebiet. Ein ebenerdiger Bau mit flachem Satteldach, an der Giebelseite eine große Fensterfront mit Glastür. Jede Menge Reklameschilder von maritimen Ausrüstern. Sieht gut aus.
Die Eisentür mit Glasfüllung öffnet quietschend. Drinnen eine Mischung aus Werkstatt und Lager. Alles, was man an Bord so braucht. Hinter der Theke ist ein bärtiger Mensch mit grauem Haarschopf in einem reichlich gebrauchten Blaumann, mit irgendwas beschäftigt. Er schaut auf.
»Hello. How can I help you?«
»I am looking for a steering cable. Four meters and thirty centimeters.«
»Steering cable?«
»Yes a Bowden cable, if it is the right expression.«
»Oh yes. I have. One moment.«
Der Typ zieht eine große Schublade auf. Aufgerollte Bowdenzüge in blau, rot, schwarz kommen zum Vorschein. Viermeterdreißig hat er nicht aber viermeterfünfzig. Lieber zu lang als zu kurz. Muss halt irgendwo eine Kurve eingebaut werden.
»Okay, looks very good.«
»Where you come from?«
»Germany. We are sailing to Dublin and Scotland.«
»Oh nice sailing. Ambitious. To Ireland!«
»Yes we arrived yesterday night from Falmouth.«
»Oh nice. Good travelling.«
»This is a nice shop. But less sun behind this buildings, is nt it?«
»Yes the bloody English build this houses for tourists. Before I had a nicely view over the harbour.«
Okay, wir sind in Wales gelandet. England ist woanders. Ich erwerbe noch eine Sprühflasche WD40 und bezahle.
Zurück an Bord schraube ich den alten Bowdenzug von der Kupplung im Motorraum los, ebenso von der Schaltmimik im Achtercockpit und ersetzte ihn durch den neuen. Die zwanzig Zentimeter verlieren sich unter den Bodenbrettern des achteren Flurs. Gut geölt flutscht die Propellersteuerung jetzt fast federleicht, ohne dass die Gewindestange geknickt werden musste.
Allerdings steht der Hebel draußen im Steuercockpit in Neutralstellung nun nicht mehr senkrecht, sondern waagerecht. Daran sollte man sich gewöhnen können. Nach unten Achterausfahrt, nach oben Vorausfahrt. Eigentlich ganz einfach. Eigentlich.
Mein Herzchen hüpfte ein bisschen. Warum musste erst ich mechanistischer Superlaie an Bord kommen, um dieses Problem auf der großartigen DAISY zu lösen? Ich fühlte Feierstimmung.
Jetzt sollte nur noch der Generator ein Stündchen Strom produzieren. Er fängt auch fleißig damit an. Aber nach fünfzehn Minuten etwa schaltet er ab. Zu heiß, sagt das Panel. Neustart. Es läuft kein Kühlwasser. Ich kenne das Teil nicht, habe null Erfahrung mit Einzylinder-Dieselgeneratoren. Ich brauche einen Mechaniker. Also geh ich nochmal zum Ship-Chandler. Der scheint mir irgendwie kompetent.
»Hi sir, do you know about Fischer-Panda-Generators?«
»What happens?«
»To hot. No cooling-water.«
»Okay. I send you my mechanic. Ships-name?«
»DAISY. Netherlands flag.«
Zurück zum Schiff. Halbe Stunde später klopft jemand an die Reling. Ein junger blonder Mensch im Blaumann, noch keine dreißig, Werkzeugtasche unterm Arm.
»You have a problem with the generator? «
Die hölzerne Dämmwand unter dem Kartentisch ist schnell entfernt. Gebannt schau ich dem jungen Mann über die Schulter. Er holt den Impeller der Seewasserpumpe raus. Das ziemlich kleine Teil sieht ungesund aus: Es fehlen ein paar Flügel. Der junge Mann setzt einen neuen ein, schraubt den Deckel wieder drauf. Generator-Start. Läuft. Kühlwasser spritzt. Zehn GBP. Trinkgeld?
»No thanks. Give me a smile.«
Noch ein Erfolg. Das nächste Mal kann ich das selbst.
Der Abend ist da.
Die Neuigkeiten, die die Crew aus der Stadt mitbringt, passen zu meiner Stimmung. Statt ein Dinner in der Bordküche zuzubereiten, schlagen die Damen und Herren vor, zur Feier des Tages die Kulinarik der Stadt auszuprobieren.
»In England, in Wales? Kennen die hier Jamie Oliver?«
»Das Risiko müssen wir nicht eingehen,« meint unsere kulinarische Sachverständige Sylvia. »Wir sind an einem Inder vorbeigekommen. Sieht gut aus.«
»Inder hört sich gut an. Gehen wir.«
Das indische Restaurant Tandori finden wir mitten in der Stadt. Ein bunter Tupfen in den ansonsten eher grauen Straßen.
Im Reiseführer ist zu lesen, daß die etwa 14.000 Menschen, die hier leben das im Wesentlichen vom Fischfang tun, vom Schiffbau und vom Öl. Große Raffinerien bestimmen seit den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts das Wirtschaftsleben. Die gut geschützte Bucht bietet sich freilich seit je her Seefahrern als Stützpunkt an. Mag sein, dass ich schon mal hier war, damals in der Zeit der Drachenboote. Mechaniker brauchte es seinerzeit nicht.
Das Dinner beim Inder zieht sich köstlich in die Länge. Geht freilich von der Nachtruhe ab. Der nächste Schlag soll uns, ganz typisch für diese Hafenbucht, nach Irland bringen. Dublin ist unser Ziel, beziehungsweise der Yachthafen Dun Laoghaire. Hundertzwanzig Seemeilen.
»Da gehen wir wohl wieder durch die Nacht?«
»Anders schaffen wir das nicht.«
»Wenn wir früh loslegen, kommen wir früh an. Haben den ganzen Tag in Dublin.«
»Guter Plan. So machen wir das.«
»Frühstücken kann man ja auch unterwegs.«
»Sind bloß drei Leute nötig zum Ablegen, die Übrigen können in der Koje bleiben.«
Angela, Heike und Hartmut sagen zu.
Unser Tag beginnt kurz nach Sonnenaufgang. Wolkenloser Himmel, etwas frisch. Friedlich und bewegungslos liegen drüben die Yachten aufgereiht an ihren Stegen, die Masten spiegeln sich im platten Hafenwasser zusammen mit den Backsteinhäusern der bloody English.
»Wie kommen wir nun aus dem Eck heraus?«