Eigentlich sollten wir zu dritt sein an Bord. Für Fred war dieses Weihnachten in Rhodos aber wohl zu kalt. Sarah und ihr Begleiter hatten sich in einem Hotel eingemietet. Sie wollten hier an Bord kommen für eine Segelreise nach Zypern.
Schon eine Woche davor hatte ich die LOREA an dem westlichen Betonponton im Hafen Mandraki festgemacht, steuerbord längsseits. Mit Vor- und Heckleine und Spring lag die dreizehn Meter lange Ketsch dort sicher und ruhig. Es gibt eine Versorgungssäule für Wasser und Elektrizität.
Von hier sind es nur ein paar Schritte hinüber in die Altstadt hinter den wuchtigen Mauern aus der Zeit der des Johanniterordens. Jetzt spielt sich das Leben eher vor den runden Tortürmen ab. Bunt glitzernde Lichtergirlanden, erleuchtete Weihnachtsbäume und allerlei Marktstände fliegender Händler locken gleich jenseits der Uferstraße das Publikum an. Einheimische vorwiegend, denn Touristen sind in diesen Tagen dünn gesät. Obgleich es eigentlich nicht richtig kalt ist.
Im Sommer liegen die Yachten gegenüber an dem uralten straßenbreiten Kai. Der zieht sich am Fuß der mächtigen Mauer entlang, auf der drei historische Mühlen ihre spindeligen Windräder längst nutzlos in den Himmel recken. Man setzt dort den Buganker mitten ins Hafenbecken und vertäut das Schiff achteraus mit zwei Trossen an den in die Steinblöcke eingelassenen Eisenklampen.
Sich auf den Anker zu verlassen, schien mir unter winterlichen Bedingungen hier eine eher unsichere Sache. Dieser Ponton nahe der Stadt hat eine ganz andere Qualität. Tatsächlich kommt der Hafenmeister auf seinem Motorrad herübergeknattert und erteilt mir seinen Segen für den sicheren und komfortablen Platz gegen einundsechzig Euro Liegegeld für die Woche.
Die flackernde Lichtergirlande, welche auf der LOREA den Großbaum zierte, hat ihm sehr gefallen. Die hatte mein Freund Roland besorgt. Der stammt aus Hessen, lebt seit zwanzig Jahren auf Rhodos, stadtbekannter Anarchist und Handwerker für alle Gelegenheiten. Eine andere Geschichte.
Fred und Sarah kommen am 23. Dezember an Bord. Fred Anfang der Siebzig, Sarah Ende Vierzig. Sie sportlich schlank, mittelblonder Lockenkopf, ein Engelsgesicht mit Brille. Sie kommt aus Berlin, segelt auf dem Wannsee. Er schlank und aufrecht, schmales Gesicht, voll ergraute dichte Bürste auf dem Kopf, kommt aus Bristol, Wales, erzählt viel von Seefahrt, freut sich auf die Reise, hustet und schnieft. Die Augen nicht ganz klar. Ich denke er hat Fieber. Sarah sieht das auch so.
»Perhaps is better you stay here for some days.«
»Yes darling, I will follow you by plane. Perhaps see a doctor in a hospital.«
Mich verwirrt die Situation etwas. Die hübsch gelockte Weihnachtsengelin vom Himmel über Berlin richtet sich in der Bugkabine ein. Am Morgen des 25. Dezember steht Fred im dunklen warmen Mantel gehüllt auf dem windigen Ponton, als in der LOREA der alte Volvo anspringt. Ich hole die Spring ein, Sarah die Bug- und ich die Heckleine.
Es gibt etwas Nordwest. Blöd zum Ablegen, weil das Schiff leicht gegen den Ponton gedrückt wird. Bisschen das Heck in die Fender drücken, damit der Bug wegkommt, dann Ruder gerade, Drehzahl rauf und schon geht es los. Fred bleibt winkend zurück.
Sarah grinst zufrieden. Endlich geht es los zu ihrer allerersten Seefahrt auf dem Meer. Raus aus dem Hafen zwischen den beiden Säulen durch, auf denen die italienischen Besatzer in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts einen monumentalen Hirschen auf der einen, und eine ebenso große Hirschkuh auf der anderen Seite platziert haben. Seitdem Wahrzeichen von Rhodos.
Genau an der Stelle soll in der Antike etwa 300 Jahre vor der Zeitenwende der Koloss von Rhodos gestanden haben: Der Sonnengott, vierunddreißig Meter hoch mit gespreizten Beinen über der Hafeneinfahrt, ein Fuß auf der Nikolaus-Mole, den anderen auf der Mühlenmole, in der erhobenen Rechten eine riesige brennende Fackel. Schon sechzig Jahre später soll die gewaltige Bronze-Statue bei einem Erdbeben eingestürzt sein. Historisch gesichert scheint die Geschichte nicht zu sein. Immerhin galt das Teil in der Antike als eines der sieben Weltwunder.
Die Hirsch-Säulen liegen schnell achteraus. Wir wollen nach Osten. Da passt der Nordwest super. Raumschots. Also Besan und Genua. Maschine aus und LOREA zieht los. Bloß kommen wir ziemlich bald in den Windschatten von Rhodos. Da müssen wir erst mal rausmotoren. Dann wird’s was mit Segeln.
Allerdings auch mit Seegang. Nicht viel aber genug, um dem himmlischen Wesen mit dem sportlichen Anspruch ein grünes Näschen zu verpassen.
»Ich muss mich mal kurz hinlegen.«
Der Lockenkopf klettert behände in den Salon hinunter und verschwindet in der Bugkabine. Die folgenden elf Stunden rennt LOREA raumschots unter Besan und Genua ohne Maschine nach Osten. Zwischen vier und sechseinhalb Knoten über Grund.
Nun ist es wirklich kalt. Pullover unter der dicken Seejacke, dicken Wollschal um den Kragen. Raumschots heißt: Die Kälte kommt von achtern ins offene Steuerhaus. Heißer Tee aus der Pantry frisch aufgegossen hilft ein wenig.
Spätnachmittags kommt das Ziel weit vor dem Bug schemenhaft in Sicht. Schwarze Klötze im glitzernden Meer, an denen sich Wellen brechen und weiße Gischt hoch spritzt. Zuerst die winzige Insel Ro. Dahinter, also östlich davon, weist die Seekarte ein paar locker verteilte, Felsen, Klippen und eine Untiefe auf. Nur die Untiefe soll eine Markierung tragen, die Steine liegen bald in der Finsternis.
Und die bricht jetzt im Winter früh herein. Im Schein der Positionslichter sprühen am Bug die Wellen in roten und grünen Funken.
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Unbehagliches Gefühl in der Magengegend. Wie vermeide ich diese Felsen und die Untiefe jenseits der Insel? Gegen 20:00 verflüchtigt sich der Wind. Der Volvo muss wieder helfen. Genua wegrollen, Besan mittig festsetzen. Im Bug vorne höre ich die Tür klappern. Die Engelin erscheint im Niedergang.
»Verzeih. Ich bin wohl ein Totalausfall heute.«
»Kein Problem. Gewöhnungssache. Hauptsache, es geht Dir wieder gut.«
»Geht schon.«
»Zieh Dich warm an. Ist bisschen kühl hier draußen.«
»Ich merk es grad.« Sie verschwindet wieder.
Das Inselchen Ro ist längst von der Nacht verschluckt.
Auf dem hellen Navionics-Display am Notebook sehe ich meinen Kurs, die Felsen, die Untiefe. Die Insel Ro bleibt an steuerbord, gut eine halbe Meile entfernt. Schon kann ich voraus die nachtschwarze Masse erkennen. Fast dreihundert Meter hoch:
Kastellorizo.
Der Name hat nichts mit Horizont zu tun, sondern mit Castelrosso. Die Kreuzritter des Johanniter-Ordens hatten auf dem Eiland eine mächtige Festung errichtet aus rötlichem Gestein.
Unten, an der Uferlinie des schwarzen Berges erkenne ich das Feuer. Weißer Blitz alle 4,5 Sekunden so steht es in der Karte geschrieben. Ganz automatisch zähle ich: einundzwanzig, zweiundzwanzig… bei fünfundzwanzig leuchtet der nächste Blitz auf. Stimmt. Das Feuer steht am Nordkap von Kastellorizo. Laut Karte hat es einen roten Sektor. In den sollte ich nicht hineingeraten. Noch nicht. Denn der blinkt über die Felsen und Klippen.
Erst eine halbe Meile vor der Insel dreh ich nach backbord. Hier ist das Wasser über hundert Meter tief. Keine Klippen in der Nähe. Das Feuer nun an steuerbord wird flugs rot. Noch eine Meile, dann wird sich die Bucht an steuerbord öffnen und es werden die Lichter des Hafenorts sichtbar sein. Sarah taucht jetzt wieder auf. Dicker Anorak über Pullover.
»Das ist jetzt echt neu für mich. Nachts auf dem Wasser. Man sieht gar nichts. Wo sind wir?«
»Gleich eine halbe Meile westlich von Kastellorizo. In einer halben Stunde im Hafen. Schau da drüben, das Blitzlicht, da müssen wir vorbei.«
»Hab ich die ganze Reise verpennt?«
»Naa, nur den ersten Tag. Unten ist noch Tee, wenn Du magst.«
Sie mag. Das Blinklicht wechselt wieder die Farbe. Blinkt jetzt weiß und wandert rasch achteraus. Das Schiff läuft brummend sechs Knoten. Plötzlich sind an steuerbord eine Menge Lichter zu sehen. Die Lichterkette der Uferstraße, erleuchtete Fenster, Reklame. Noch zwei Kabellängen geradeaus, um von der untiefen Küste wegzubleiben.
Sarah kommt wieder an Deck. »Ui, was ist das? Eine Stadt?«
»Kastellorizo. Nicht groß, aber recht hübsch.«
»Können wir da anlegen?«
»Im Prinzip schon. Wenn Platz ist.«
»Jetzt im Dezember?«
»Sollte gehen. Aber ich bin saumüde. Ich glaub wir schmeißen einfach den Anker rein. Können morgen mal schauen.«
»Bleiben wir hier eine Weile?«
»Können wir machen. Pressiert ja nicht.«
Höre ich da einen Seufzer der Erleichterung? Sie nimmt noch einen Schluck Tee. In ihren Brillengläsern spiegeln sich die Lichter. Die Locken quellen aus einer bunten Wollmütze hervor. Sie steht neben dem Steuerrad, hält sich am Griff neben dem Fenster fest, in der anderen Hand die Teetasse. Sie wendet sich nach Backbord.
»Und das ist die Türkei?«
»Ja. Die Lichter von Kas. Der nächste Hafen in der Türkei.«
»Ganz schön nah.«
»Zwei Meilen ungefähr.«
Es wird Zeit, Ruder zu legen. Der Bug dreht nach steuerbord in die Bucht von Kastellorizo, direkt auf die Lichterkette der Straßenlampen zu. Noch liegen die Ufer der Bucht weit auseinander. Wo an Backbord die ersten Lichter schimmern, verengt sich die Einfahrt auf weniger als hundert Meter. Dort drinnen erkenne ich ein großes dunkles Etwas an backbord. Ein großes Schiff, spärlich beleuchtet. Ich nehme das Fernglas zu Hilfe.
»Hey da drinnen liegt ein riesen Kriegsschiff.«
»Huch. Welche Flagge?«
»Weiß noch nicht. Denke mal… Ziemlich langes Teil. Die Flagge am Heck, weißblau, griechisch.«
»Haben wohl Manöver oder was.«
»Hab ich was verpasst? Ist irgendwas passiert? Der Erdogan…«
Auch ohne Glas war jetzt der Raketenwerfer auf dem Heck zu erkennen, die Kanone auf dem vorderen Deck. Wir passierten das lange dunkle Schiff in rund fünfzig Metern Abstand.
»Da vorne im Eck gibt es einen Kai aus Stein. Zwei Poller drauf.«
Vor Jahren hatte ich dort mal festgemacht. Sarah lehnte sich aus dem Cockpit und peilte nach vorn.
»Ich seh den Kai. Es liegt eine Yacht daneben.«
»Ich hol das Besansegel runter und mach den Anker klar. Der Autopilot ist aus. Bleibst Du am Ruder?«
»Ich?«
»Sicher. Ich nehme die Drehzahl runter, wir sind ganz langsam. Halt einfach Kurs.«
Sie stellt die Tasse ab und nimmt das hölzerne Ruderrad in die Hand. Die Maschine brummelt nun kaum hörbar. Ich steig aus dem Cockpit und geh nach achtern.
Das Besansegel ist schnell geborgen und festgebändselt. Dann zum Bug vor. Ich nehme den Sicherungsstift aus dem Schaft des Ankers, drücke an der Winsch den Abwärts-Knopf, wodurch die Ankerwinsch etwas Kette rauszieht, schiebe den Anker nach vorn, bis er schräg in der Waage hängt. Zurück ins Cockpit.
»Schon fertig?« fragt Sarah.
»Alles gut. Der Anker ist klar. Moment, bin gleich wieder da.«
Durch die Arbeiten ist mir echt heiß geworden. Schal weg, die dicke Seejacke ausziehen. Hier in der Hafenbucht gibt es kaum noch Wind. Im glatten schwarzen Wasser spiegeln sich die Lichter der kleinen Stadt, die sich in einem offenen Viereck um das Wasser zieht.
»Jetzt pass auf. Das ist ganz einfach.«
Ich übernehme das Steuer wieder. Wir sind tief in der Bucht.
»Schau, dort liegt eine große rote Boje. Von der müssen wir frei bleiben.«
Die LOREA reagiert auf das Ruder und wendet den Bug gegen die leichte Luftströmung, die aus Norden in die Bucht zieht. Sechs Meter Wassertiefe unter dem Kiel. Das ist der richtige Platz. Ich drücke am Armaturenbrett die beiden Knöpfe »Anker» und »Ab«. Am Bug surrt die Winsch los.
Der Anker platscht ins Wasser, die Kette läuft rasselnd raus. Ich schau auf die Uhr im Steuerhaus. Der Sekundenzeiger ist mir das Wichtigste. Gleichzeitig stelle ich den Motorhebel auf kleine Fahrt achteraus.
Nach fünfundvierzig Sekunden lass ich die Knöpfe los und kupple die Maschine aus. Noch läuft das Schiff achteraus. Jetzt bleibt es stehen. Jedenfalls relativ zu den Lichtern an Land tut sich nichts mehr, keine Bewegung.
»Wir sind da.« Ich stelle die Maschine ab. Welch eine Stille! Es ist 23:40 Uhr. Position 36°08‘875 N 029°35‘556 E. 75 Seemeilen zurückgelegt, 7,3 Meter Tiefe, 30 Meter Kette. Ich schreib die Daten ins Logbuch unter dem 25. Dezember 2019.
»Und jetzt zur Bescherung?«
»Welche, was?« grinst Sarah.
»Hunger?« Sie nickt.
In der Pantry entsteht eine kleine Mahlzeit. Der Gasherd heizt den Salon etwas. Kartoffelscheiben in die Pfanne, Eier dazu. Wurst und Brot, zwei Mythos. Ihr Mobiltelefon dudelt. Sie sieht aufs Display, verlässt den Salon, geht nach vorn. Spricht Englisch.
Das Bier schmeckt klasse. Sie kommt wieder.
»Es geht ihm angeblich besser. Er sucht einen Flieger nach Larnaca. Wann werden wir wohl dort sein?«
»Aha. Kommt darauf an. Wie lange…«
»Es eilt nicht. Er soll sich erstmal wirklich erholen.«
»Okay. Bleiben wir morgen hier. Bis Larnaca brauchen wir vermutlich zwei Tage, 48 Stunden.«
»Also Silvester oder so?«
»Ja könnte hinkommen. Da sind wir sicher dort. Wndk.«
»Was wndk?«
»Wenn nix dazwischen kommt. Wndk. Gilt immer beim Segeln auf dem Meer.«
Sie kichert allerliebst.
»Verstehe.«
Es bleibt bei einem Mythos. Nach der kleinen Mahlzeit räume ich die Teller in die Spüle und verabschiede ich mich.
»Gut Nacht. Ich bin übrigens kein Frühaufsteher.«
»Das beruhigt mich. Ich auch nicht.«
Es wird eine erholsam ruhige Nacht. Unter der dicken Bettdecke in meiner Achterkabine merkt man nicht, dass es Dezember ist. Das Boot liegt lautlos, schwankt nur ganz leicht in einer sanften Grunddünung, die den Weg in diese Hafenbucht findet.
Die Häuser am westlichen Ufer leuchten schon in der Sonne, als ich aus der Dusche komme. Warm anziehen und in die Pantry. Tee kochen, Frühstück bereiten. Spiegelei, gebratene Tomaten, Fruchtsalat. Blick durch das Kombüsenfenster.
Drüben auf dem Kriegsschiff ist jetzt Leben zu sehen. Es liegt im Schatten der östlichen Berge. Soldaten an Deck, Soldaten an Land, Militärfahrzeuge auf der Pier.
Aus dem Vorschiff der LOREA höre ich Bewegung. Die Wasserpumpe springt an, die Dusche rauscht. Während ich den Tisch im Salon decke, erscheint Sarah. Rosige Wangen sonniges Lächeln. Putzmunter.
»Wie kommen wir an Land? Nehmen wir das Schlauchboot?«
»Wäre eine Möglichkeit. Wir könnten auch verlegen an den Kai dort, nach dem Frühstück.«
»Das wäre ja klasse.«
So passiert es. Nach dem das Geschirr verstaut ist, Maschinenkontrolle. Öl, Kühlwasser, Keilriemen. Alles im grünen Bereich. Motorklappe zu, Maschinenstart.
»Komm ich zeig Dir wie das mit dem Anker funktioniert.«
Einkuppeln, einen kurzen Schub nach voraus geben, auskuppeln. Das Schiff liegt jetzt näher am Anker, die Kette fällt senkrecht ins Wasser. Wir gehen beide zum Bug, zur Ankerwinsch. Ich entferne das Tau der Kettenentlastung.
»Schau, das ist der Knopf für Kette aufholen. Drück mal drauf.«
Wir hocken beide neben der weißlackierten Ankerwinsch.« Sarah drückt den »Auf«-Knopf. Die Winsch zieht die Kette aus dem Wasser. Sie schüttelt ihre Locken aus dem Gesicht.
»Musst jetzt nur darauf achten, dass sich die Kette im Kasten schön verteilt. Kommt manchmal vor, dass sich drinnen ein Kettenberg bildet. Dann gibt es einen Stau. Dann muss man den Berg mit dem Ankerstock umwerfen. Hier durch das Kettenloch. Ganz einfach.«
Der Ankerstock ist neben der Winsch am Süllbord festgeklemmt. Die Kette läuft. Der Anker kommt aus dem Wasser.
»Jetzt stopp mal. Langsam. Der Anker darf nicht aus der Rolle springen, wenn er hochkommt.«
Sie macht das gut. Der Anker ist oben.
»Wir werden ihn gleich wieder brauchen, wenn wir achteraus an den Kai gehen.«
Ich schiebe den Anker wieder etwas raus in die Waage, klar zum Fallen. Zurück auf das Achterdeck bereite ich die Festmacher vor. Wieder ins Cockpit, Gang rein und los. Paar Schiffslängen vor dem Kai lass ich den Anker wieder ins Wasser, fahr achteraus an den steinernen Steg.
An Land spielen ein paar Buben Fußball. Nur auf dem Kai, Komisch. Sie bleiben stehen und schauen interessiert auf die LOREA. Als das Heck nur noch drei Meter vom Kai entfernt ist, geh ich zu Sarah auf das Achterdeck, nehme einen Festmacher und winke damit den Burschen. Die verstehen sofort. Ich werfe ihnen die Leine rüber. Der Größere nimmt sie auf, legt sie um den Poller und wirf mir das Ende zurück.
Sarah wirft die andere Leine. Schon sind wir fest. Ankerkette bisschen dicht holen, Badeleiter runterklappen damit die Relingspforte offen ist, Gangway rüber, festbinden. Fertig. Sarah balanciert an Land.
»Efkaristo!«ruf ich dem Buben zu. Er winkt lässig. Das Ballspiel auf der schmalen Pier geht weiter.
Maschine aus, Türen zusperren, Landschuhe an und los. Es wird schnell klar, warum die Kinder nur auf dem kurzen Kai spielen. Die Gehwege sind überspült. Das Wasser reicht teilweise zentimeterhoch bis an die Hausmauern heran. Da hat es wohl bisschen viel Westwind gegeben und das Wasser nach Osten gedrückt oder Südwind.
Die touristischen Tavernen an der Uferstraße sind alle geschlossen. Am östlichen Ufer sitzen vier oder sechs Männer an kleinen Tischen. Hier hebt sich der Gehweg bisschen über das Wasser. Die Tür zu dem kleinen Café steht offen.
Wir folgen einem Schild mit der Aufschrift »Supermarket«. Nach ein paar Schritten über uraltes blankes Pflaster öffnet sich ein Platz. Hinter einer Hausecke präsentiert sich tatsächlich ein Laden. Obst- und Gemüsekisten davor, Stapel von Mineralwasserflaschen. Momentan brauchen wir nichts. Später vielleicht paar Sixpacks Wasser.
Wieder am Wasser wandern wir am östlichen Ufer entlang, kommen an dem Militärboot vorbei. Junge Soldaten sind mit irgendwas beschäftigt. Laden Zeugs aus Militärtransportern aus. Einige registrieren uns freundlich verwundert. Ich gehe auf einen zu und lass meiner Neugier freien Lauf.
»Whats the matter, why you are here? Exercise?«
Der Typ in der oliv-farbenen Arbeitsmontur nickt etwas schräg mit seinem kurzgeschorenen Kopf. Auf griechisch heißt das »ochy« Nein. Er ist vielleicht gerade mal zwanzig.
»No my friend. This is not an exercise. We have to watch,« und wendet sich wieder dem Lastwagen zu.
Wir wandern noch zum Kap. Reste einer Befestigung. Ein Leuchtturm. Hinter den Häusern der ersten Reihe ragt ein schlankes weißes Minarett auf neben der rosafarbenen Kuppel einer alten Moschee. »Archeological Museum of Kastellorizo« steht auf einem Hinweisschild. Der Uferweg führt über schmale steinerne Treppen weiter nach Osten. Die Felsen fallen fast senkrecht ins klare Meer ab.
»Könnte einen Kaffee gebrauchen,« lässt sie mich wissen.
»Okay, lass uns zurückgehen.«
Wir steigen zu einer Straße hinauf und wandern durch den Ort zurück zum Hafen. Uralte, teilweise verfallene Gemäuer zu beiden Seiten. Grauer Naturstein, Katzen schleichen um alle Ecken.
Wir finden zurück runter zum Ufer. Vor dem Café Mouray hocken immer noch dieselben Männer. Da ich keinen Kaffee trinke gibt es für mich ein Mythos. Muss ja nicht mehr fahren heute.
Sie sitzt mir mit ihrem brünetten Lockenkopf schräg gegenüber, genießt den Kaffee, den ihre Lippen schlürfen. Tut gut, hier einfach rumzuhocken. In den Brillengläsern blitzt das Meer, die grüngrauen Augen dahinter wandern zum gegenüberliegenden Ufer.
Auch das will erkundet sein und die Gassen im Inneren der Ortschaft.
»Gehen wir da noch rüber?«
»Gern.«
»Loagorismo parakalo!« rufe ich dem Wirt zu. Als er an den Tisch kommt, fragt er, woher wir kommen. »Germany,« Er gibt sich erstaunt. Und wohin es geht? »Zypern!«
»Ah! Very good, very nice.«
Wir bezahlen und wandern weiter um das Hafenviereck herum, am Supermarket vorbei wenden wir uns in die hinter Gassen. Vorbei an vielen verlassenen Häusern.
»Was war hier los? Die Häuser dahinten. Die sind alle kaputt.« Sarah blieb vor einer überwucherten Ruine stehen. Nur noch die Natursteinwände standen, kein Dach, keine Fenster, nur leere Löcher. Drinnen Müll und Sträucher. Paar Katzen natürlich.
»Als ich zum ersten Mal hier war, hat mich das auch gewundert. Hab nachgelesen. Es war mal eine blühende Insel, die größte Handelsflotte des Dodekanes. Zwanzigtausend lebten hier.«
»He? Zwanzigtausend?«
»So bis zum ersten Weltkrieg. In den zwanziger Jahren sind viele, eher die meisten, nach Australien ausgewandert. Die Italiener besetzten die Insel, dann die Engländer, dann Franzosen, und wieder die Italiener und dann die Deutschen im zweiten Krieg.«
Wir laufen die Straße weiter. Ruine reiht sich an Ruine. Wir gelangen durch schmale Gassen wieder zum Ufer. Hier sind viele Häuser frisch renoviert und an anderen ruht die Arbeit wohl wegen der Feiertage. Wir haben wieder den Blick auf den Hafen und das große Kriegsschiff drüben mit den Soldaten und die LOREA. Sie liegt friedlich in der Sonne an der kurzen Pier.
»In den vierziger Jahren ist ein Munitionsdepot explodiert. Dabei soll die Hälfte aller Häuser hier zerstört worden sein. Danach ist der Rest auch ausgewandert. Alle nach Australien. Jetzt leben nur noch paar hundert Leute hier.«
»Ist ja gespenstisch. Was machen denn die Menschen hier?«
»Fischen, Tourismus. Im Sommer ist schon allerhand los. Der griechische Staat fördert die Leute angeblich. Die wollen die Inseln nicht verlieren.«
»Ach ja der Erdogan.« Sarah bleibt an der Wasserkante stehen. Das Meer ist auch hier glasklar. Jenseits der schmalen Uferstraße steht ein perfekt renoviertes oder eher neugebautes Haus, weiß mit klassischen Simsen um die Fenster, ganz im griechischen Stil, große Terrasse. Ein Restaurant im Winterschlaf. »Alexandras Restaurant« steht auf der Tafel über den Fenstern an der Hafenfront.
»Apropos, wir könnten was essen,« schlägt Sarah vor.
»Werfen wir die Bordküche an?«
»Haben wir was?«
»Klaro. Steaks oder Hühnerbeine, was magst?«
»Klingt gut.«
Damit schlagen wir den Weg zum Schiff ein. Die Fußballbande ist längst weg. Sarah balanciert flink und anmutig über die Gangway.
»Bratkartoffeln a la LOREA plus Hühnerbeine und Salat?«
»Klingt zumindest gut. Was heißt a la LOREA?«
»Rohe Kartoffelscheibchen in die Pfanne, Salz, Pfeffer darüber in Olivenöl anbraten, mit Weißwein weich garen.«
»Okay. Ich kann Kartoffel schälen.«
»Super dann schaffen wir das locker.«
»Was?«
»Nicht länger als eine halbe Stunde.«
»Wieso?«
»Länger will ich fürs Kochen einer Mahlzeit nicht brauchen. Paar Grundsätze braucht der Mensch.«
Sie lacht. »Okay versuchen wir’s«
Die Zusammenarbeit klappt. Bald duftet es nach gebratenen Hühnchen. Wir haben noch eine halbe Gurke und bisschen grünen Salat und zwei Tomaten. Es gibt noch ein Mythos. Wir sitzen im Salon gegenüber.
»Morgen durch die Nacht?« fragt sie.
»Ja geht wohl nicht anders, nach Zypern.«
»Wie machen wir das?«
»Ich bleib immer so bis Mitternacht rum an Deck. Dann brauch ich paar Stunden Schlaf. Da müsstest du aufpassen.«
»Das Wetter?«