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#8 Von Waffenruhen, Chören und Reise-Plänen

Hallo allerseits,

an dieser Stelle meldet sich heute Theresa mit hitzigen Grüßen. Bevor ich euch verrate, welche Schuhgröße Jesus hat und was mir auf meinem letzten Flug nach Beirut durch den Kopf gegangen ist, möchte ich mit einem Dank beginnen: Seit wir diesen Newsletter gestartet haben, wächst unsere Leser*innenschaft stetig an - das freut uns sehr.

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Viel Vergnügen beim Lesen!

Auf Recherche in Armenien und dem Libanon

Ende Mai bin ich nach Armenien gereist, wo eine richtungsweisende Parlamentswahl anstand. Es ging nicht nur um die Zukunft von Premier Nikol Paschinjan, sondern auch um den außenpolitischen Kurs des Landes: weitere Annäherung an Europa und die Nachbarn Türkei und Aserbaidschan - oder am alten Bündnis mit Russland festhalten.

Paschinjan war einst Hoffnungsträger der Samtenen Revolution von 2018 - inzwischen ist er selbst Teil des Establishments. Auf einer Wahlkampfveranstaltung, wo ich für die WOZ (Opens in a new window)recherchierte, gab er sich siegessicher. “Gut” laufe es, sagte er strahlend inmitten der Menge.

Zu seinen Herausforderern gehörte Gagik Zarukjan, einer der reichsten Männer Armeniens. Der Oligarch baute mit Geschäften von Cognac bis Zement ein Imperium auf und mischt seit Jahren in der Politik mit. Manche nennen ihn “Dodi Gago”, den dummen Gagik, andere den “Donald Trump Armeniens”. Für Aufsehen sorgt derzeit sein himmlisches Projekt: Zarukjan lässt die größte Jesus-Statue der Welt bauen - 33 Meter hoch, auf einem über 60 Meter hohen Sockel. Die mächtige armenisch-apostolische Kirche ist dagegen.

Wartet auf den Abtransport: Jesus am Stadtrand von Jerewan. Foto: Nazik Armenakyan

Das habe ich mir für reformiert. (Opens in a new window) am Stadtrand von Jerewan mal genauer angeschaut. Dort wartet die Statue in ihren Einzelteilen nämlich gerade im Atelier des kauzigen Künstlers Armen Samvelyan auf ihren Abtransport. Welche Schuhgröße Jesus wohl trage, fragte ich Samvelyan beim Betrachten der gewaltigen Zehen. “105 vielleicht”, antwortete der Künstler. Ganz sicher sei er sich aber nicht.

Paschinjan hat die Wahl Anfang Juni übrigens gewonnen, Zarukjans Partei scheiterte knapp am Einzug ins Parlament - trotz seiner Ankündigung, nach dem Mega-Jesus nun auch noch eine Arche Noah im Land nachbauen zu wollen. Rund um den Berg Hatis wird derweil am Sockel weitergebaut. Dort soll Jesus bald über Armenien thronen. Amen.

Nennt Oligarchen Tsarukjan nur "den Auftraggeber", als wolle er die Diskussion um Macht, Kunst und Politik von seinem Werk fernhalten: Künstler Armen Samvelyan. Foto: Nazik Armenakyan

Auch wenn ich selbst kein religiöser Mensch bin, habe ich mir im Flieger nach Beirut insgeheim etwas göttlichen Beistand gewünscht. Nach Armenien ging es nämlich via Zypern direkt weiter in den Libanon. Von Larnaka nach Beirut sind es gerade einmal 40 Minuten - nur das tiefblaue Mittelmeer trennt Europa von Westasien. Dann taucht die Küste und die Skyline Beiruts auf.

Der Flughafen grenzt direkt an Dahiyeh, die südlichen Vororte der Stadt - ein Gebiet, in dem die Hisbollah großen Einfluss hat und das seit Monaten immer wieder Ziel israelischer Angriffe ist. Da bin selbst ich, als mittlerweile recht erfahrene Reporterin in Kriegs- und Krisenregionen, etwas nervös.

Ende Mai/Anfang Juni war die Anspannung in der Stadt wieder besonders groß. Ganz zu schweigen vom Süden des Landes, wo Israels Besatzung in den vergangenen Monaten immer weiter vorangeschritten ist. Und das trotz “Waffenruhe” seit Mitte April, an die sich weder die Hisbollah noch Israel gehalten haben.

Auch die Mitte Juni erneut vereinbarte Feuerpause ist eine Worthülse: Die Regierungen von Israel und dem Libanon haben zwar gerade ein historisches Rahmenabkommen in Richtung Frieden unterzeichnet. Aber die Hisbollah lehnt die Vereinbarung ab und die Bombardierungen gehen weiter. Leidtragende sind wie immer die Zivilist*innen. Einige von ihnen habe ich für DIE ZEIT (Opens in a new window)in einer Schule getroffen, die als Unterkunft für Vertriebene dient.

Blick auf den Hafen im Osten Beiruts. Foto: Anna-Theresa Bachmann

Manchmal fällt es schwer, sich vorzustellen, dass es im Libanon auch andere Zeiten gab. Zeiten, in denen nicht konfessionelle Spannungen und regionale Machtkämpfe den Alltag bestimmten. Gerade Beirut erlebte in den 1950er- und 60er-Jahren eine kulturelle Blüte, wurde zum Zentrum von Kunst und Musik in der Region und zog Menschen aus aller Welt an.

Unter ihnen waren auch Deutsche wie Heike Mardirian und Christel Bikhazi. Ich hatte die beiden Seniorinnen Anfang Januar am Rande einer anderen Recherche in Beirut kennengelernt - und wollte schon damals mehr über ihre Geschichten erfahren. Nun haben sie mit mir zurückgeblickt: auf ihre Lebenswege und ihre tiefe Verbundenheit mit einem Land, das sie trotz allem nicht verlassen möchten.

Die Playlist mit libanesischen Klassikern, die ich für das Stück zusammengestellt habe, findet ihr direkt hier. Das komplette Stück könnt ihr bei Deutschlandfunk Kultur (Opens in a new window)nachhören.

Empfehlungen aus dem Kollektiv

Wie ein Trans-Chor seine Stimmen findet

Bleiben wir noch kurz beim Thema Musik: Gemeinsam mit Nele Dehnenkamp hat mein Kollektiv-Kollege Timo ein sehr hörenswertes WDR-Feature (Opens in a new window) über das “Berliner Transemble” recherchiert - einen der wenigen Chöre für trans Personen in Deutschland.

Dabei haben sie Marius Bernard kennengelernt, einen ausgebildeten Sänger, der während seiner Transition erfuhr, wie herausfordernd die Veränderung der eigenen Stimme sein kann - so sehr, dass er beinahe mit dem Singen aufgehört hätte. Deswegen hat er das Transemble in der deutschen Hauptstadt gegründet. Dort können alle Chor-Mitglieder ihre Stimme frei ausprobieren und weiterentwickeln, ohne an feste Stimmrollen gebunden zu sein.

Festung Europa Reloaded

Seit dem 12. Juni ist die Reform des Gemeinsamen Europäischen Asylsystems (GEAS) in Kraft. Sie soll Asylverfahren an den EU-Außengrenzen beschleunigen, Abschiebungen erleichtern und Asylverfahren in Drittstaaten des Globalen Südens verlagern. Damit verschärft Brüssel eine Migrationspolitik, die bereits von Pushbacks, der Kriminalisierung von Geflüchteten und Seenotretter*innen sowie einer zunehmenden Abschottung Europas geprägt ist.

Warum diese Strategie ihre eigenen Ziele voraussichtlich verfehlen wird, welche Folgen sie für Schutzsuchende hat und warum sich Menschen gegen diese Entwicklung engagieren, zeigt mein Kollektiv-Kollege Bartholomäus eindrücklich in seinem SWR-Feature (Opens in a new window).

Wie Väterrechtsverbände die Politik beeinflussen

Im Gewand der Gleichstellung verbreitet sich in der Schweizer Politik gerade eine gefährliche Erzählung, der meine Kollektiv-Kollegin Anina für das Republik-Magazin (Opens in a new window) nachgegangen ist: Verbände setzen sich dort nämlich für (vorrangig) Scheidungsväter ein, die ihrer Ansicht nach grundlos von ihren Kindern ferngehalten würden.

Auch wenn das im Einzelfall vorkommen kann, hat das Lobbying eine fatale Schlagseite. Denn es wird mit unwissenschaftlichen Konzepten und einer in Teilen misogynen Rhetorik hantiert. Die Folge: Betroffenen von häuslicher Gewalt wird systematisch misstraut.

Fotos des Monats

Angesichts der Hitzewelle in Europa nimmt uns Kollektiv-Fotografin Sandra in dieser Ausgabe mit auf eine Reise nach München an die Isar. 2023 hat sie dort das Leben am Fluss mitten in der Stadt für die New York Times (Opens in a new window) festgehalten:

Als die Stadt München im Jahr 2000 den Isarplan auf den Weg brachte, ging es um weit mehr als eine Flusssanierung. Rund 28 Millionen Euro investierte die Stadt, um auf acht Kilometern Länge den Fluss wieder in einen naturnahen Zustand zu versetzen, der über Jahrzehnte kanalisiert und verbaut worden war. Elf Jahre lang wurden Schutt und Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg beseitigt, Betonbefestigungen aufgebrochen und der Isar wieder Raum gegeben, ihren natürlichen Lauf zu finden. Foto: Sandra Singh
Heute gilt das Projekt als Vorbild für eine klimaangepasste Stadtentwicklung. Die renaturierte Isar kühlt die aufgeheizte Stadt, schützt angrenzende Viertel durch ihre breiten Ufer besser vor Hochwasser und ist zugleich zu einem der wichtigsten Naherholungsgebiete Münchens geworden - einem der wenigen großen, kommerzfreien Orte, der allen Menschen frei zugänglich ist. Foto: Sandra Singh
(Opens in a new window)
Internationale Aufmerksamkeit erhielt der Isarplan unter anderem 2023 durch den NYT-Artikel "Let Them Swim - Climate Change Demands That We Clean Up Our Rivers" von Paul Hockenos. Dafür begleitete Sandra die Isar während der Sommermonate fotografisch und dokumentierte, wie eng Natur, Klima und städtisches Leben hier miteinander verbunden sind. Foto: Sandra Singh

Was machen die Kolleg*innen?

Das Kitt-Kollektiv (Opens in a new window) hat für eine Recherche im MEDIUM-Magazin (Opens in a new window)rund 200 Journalist*innen of Color sowie Journalist*innen mit Migrations- und Fluchtgeschichte befragt. Das Ergebnis ist erschreckend und sollte uns als Branche wachrütteln: 90 Prozent der Befragten haben in ihrer journalistischen Arbeit bereits Rassismus erlebt.

Was Redaktionen dagegen tun und wie wir alle Betroffenen beistehen können, hat Kitt in sieben Punkten (Opens in a new window)ausgearbeitet.

Ausblick

In den kommenden Wochen sind viele von uns auf Reisen:

Laila und Olivia kommen gerade aus Hamburg zurück, wo sie (und Bartholomäus im Geiste) ein Recherchestipendium (Opens in a new window) der Otto-Brenner-Stiftung zu unserem Jahresthema “Aufrüstung” eingesackt haben.

Paul ist als IJP-Fellow bereits nach Mexiko aufgebrochen, wo er beim Kollektiv Avispa (Opens in a new window) andockt.

Ann ist gerade auf Lesetour und macht am 1. Juli in Berlin-Kreuzberg in der Bezirksbibliothek Pablo Neruda (Opens in a new window) Halt.

Für Eva geht es bald in die USA mit dem Daniel-Haufler-Stipendium (Opens in a new window). Und mich, Theresa, zieht es mit einer Förderung von real21 bald wieder zurück nach Syrien.

In diesem Sinne: Stay hydrated und bis ganz bald,
Theresa und das Selbstlaut-Kollektiv

Das Selbstlaut-Kollektiv sind Ann Esswein, Karolina Kaltschnee, Olivia Samnick, Bartholomäus Laffert, Anina Ritscher, Anna-Theresa Bachmann, Alicia Prager, Paul Hildebrandt, Sandra Singh, Laila Sieber, Helena Lea Manhartsberger, Eva Hoffmann und Timo Stukenberg. Mehr Infos und Links zu unseren Veröffentlichungen findet Ihr auf unserer Website (Opens in a new window), auf Instagram (Opens in a new window), LinkedIn (Opens in a new window) und BlueSky (Opens in a new window).

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