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Tag gegen Gewalt an Sexarbeiter*innen

…ist der 17. Dezember. Unter einem roten Schirm fordern Sexarbeiter*innen und ihre Verbündeten weltweit Rechte und Schutz – statt Bevormundung, Verbote, Diskriminierung und Gewalt. Auch ich setze mich für die Entkriminalisierung von Sexarbeit ein: für Selbstbestimmung, Sicherheit und gleichberechtigte Arbeitsrechte. Unter anderem habe ich deshalb eine Petition unterschrieben (Opens in a new window). Wenn du möchtest, kannst du das ebenfalls tun (Link separat (Opens in a new window)) – und die gern auch in deinem Netzwerk teilen.

Dabei ist klar: Reaktionen aus dem eigenen Umfeld können von Unverständnis bis Unwissen reichen. Umso wichtiger ist es, vorbereitet zu sein – mit Fakten, Argumenten und Perspektiven von Betroffenen. Eine gute Gelegenheit zur Auseinandersetzung bietet das Buch Warum sie uns hassen. Sexarbeitsfeindlichkeit (Opens in a new window) von Ruby Rebelde.
Am Samstag, den 20. Dezember, liest Ruby im Artheater Köln (Opens in a new window) aus dem Buch. Kommt vorbei – ich werde auch da sein und trinke gern eine Limonade mit euch.

eine hand hält das buch warum sie uns hassen. sexarbeitsfeindlichkeit von ruby rebelde in die kamera

Gleichzeitig kürzt die Bundesregierung seit Jahren Mittel für Demokratisierungsprojekte. Dieses Mal betroffen ist unter anderem der Verein Teller ohne Rand e. V.

instagram post vom verein teller ohne rand e.v.: unsere gemeinnützige arbeit steht heute – das erste mal nach 9 jahren – vor dem aus. die bundesregierung gat uns gestern spontan und ohne jede ankündigung den stecker gezogen. (Opens in a new window)

Der Verein schreibt: „Wenn wir bis Silvester den Fehlbetrag von 70.000 € nicht über Spenden ausgleichen können, müssen wir unsere Arbeit zum 01.01.2026 nach neun Jahren einstellen, drei Mitarbeiter*innen entlassen und über 60 Workshops an Schulen absagen.“

Was das konkret bedeutet? Unter anderem würden Workshops wie „Umgang mit Sexismus bei Schüler*innen“ für Lehrkräfte wegfallen. Oder Angebote, in denen Schüler*innen lernen, Songs zu schreiben, Comics zu zeichnen, Graffiti zu gestalten oder Filme zu machen. Auch Workshops zu Rassismus und anderen Diskriminierungsformen stünden vor dem Aus. Auf diese Angebote können – und dürfen – wir nicht verzichten.

Auf der Website von Teller ohne Rand e. V. (Opens in a new window) könnt ihr spenden und erhaltet eine Spendenquittung. Ich habe bereits gespendet. Jeder Beitrag zählt.

So wichtig Solidarität und Zusammenhalt in diesen Zeiten auch sind – wir dürfen eines nicht aus dem Blick verlieren: Diese Probleme entstehen nicht zufällig. Sie entstehen, weil die Bundesregierung keine zwei Ficks auf die Demokratie gibt, sprich: Weil sie der Demokratie faktisch keine Priorität einräumt.

Während überall die Preise erhöht werden – Mieten, Lebensmittel, Mobilität, Energie, kurz: alles, was Menschen zum bloßen Überleben brauchen –, wird an Kultur, Bildung und Demokratisierungsarbeit gespart. Das ist kein Versehen, sondern eine politische Entscheidung.

Viele Menschen würden sehr gern für Kultur und Demokratie spenden. Sie können es sich schlicht nicht leisten, weil am Ende des Monats nichts übrig bleibt. Deshalb gilt: Ja, wer kann, sollte bitte spenden. Aber Spenden dürfen nicht zur Dauerlösung für staatliches Versagen werden.

Genauso notwendig ist es, die Bundesregierung zur Rechenschaft zu ziehen und von ihr einzufordern, deutlich mehr öffentliche Mittel für Demokratiearbeit und Kultur bereitzustellen. Denn Demokratie ist kein Luxus – sie ist eine staatliche Pflicht.

Ich bin gerade auf Wohnungssuche. Es ist ein Albtraum. Nicht nur, weil Vermieter*innen für schmutzige, völlig heruntergekommene Schimmelwohnungen inzwischen astronomische Mieten verlangen. Ein Teil des Problems sind auch die Vormieter*innen.

Umzüge sind teuer, also wollen viele ihren Kram nicht mitnehmen. Das kommt Vermieter*innen entgegen: Die bisherigen Mieter*innen übernehmen gleich die Nachmietersuche, der Aufwand entfällt, Maklerkosten werden gespart. Was bequem klingt, ist in der Praxis oft pure Willkür.

Denn wer eine Wohnung sucht, ist dann den Forderungen der Vormieter*innen ausgeliefert. Und die sind teilweise absurd. Eine Person sagte mir zum Beispiel ganz offen, ich müsse ihre Küche für 4.500 Euro übernehmen, wenn ich überhaupt eine Chance auf die Wohnung haben wolle. Sie habe vor anderthalb Jahren 6.000 Euro dafür bezahlt – 4.500 Euro seien daher „fair“.

Ich sehe das so: Eine Person trifft in einer Mietwohnung die Entscheidung, 6.000 Euro für eine Küche auszugeben – obwohl es problemlos deutlich günstigere Alternativen gegeben hätte. Sie entscheidet sich für Hochglanz und Luxus, zieht nach kurzer Zeit wieder aus und erwartet dann, dass jemand anderes für diese Entscheidung aufkommt.

In einer funktionierenden Welt wäre das ihr Problem. In Deutschland wird daraus dein Problem.

Eine wildfremde Person kann ihre schlechte Konsumentscheidung zu deiner machen – nicht freiwillig, sondern unter Zwang. Weil du ein Dach über dem Kopf brauchst. Weil Wohnraum künstlich verknappt ist. Weil Vermieter*innen wegschauen oder profitieren.

Was ist das für ein System? Ein mafiöses. Anders lässt sich das kaum beschreiben.

screenshot aus einer nachricht aus der plattform kleinanzeigen. eine person schreibt: "hallo! die sachen haben nun mal ihren wert und wir nicht die kapazität sie mitzunehmen. daher wollen wir einen durchaus fairen preis für die möbel, wenn jemand nicht das geld dazu hat soll das nicht unser problem sein. ebenso einen schönen abend und eine gute zeit.

Diesen Screenshot schickte mir eine Person auf Instagram.
Bei der Wohnungssuche stieß sie auf eine Anzeige für eine vergleichsweise günstige Wohnung in einer westdeutschen Großstadt. Es gab allerdings einen Haken: Der Vormieter wollte so gut wie nichts mitnehmen. Alles sollte übernommen werden – alles.

Der Vormieter hatte eine detaillierte Liste erstellt, bis hin zu Glühbirnen, die bezahlt werden sollten. Für eine einfache Kleiderstange verlangte er 10 Euro, für eine gebrauchte Mülltonne fast 40 Euro. Insgesamt sollten die Nachmieter*innen 12.000 Euro zahlen, um eine Wohnung beziehen zu dürfen, deren Kaltmiete unter 700 Euro lag.

Als die wohnungssuchende Person das (vermutlich) als unfair bezeichnete, lautete die Antwort – wie im Screenshot zu sehen:
„… wenn jemand nicht das Geld dazu hat, soll das nicht unser Problem sein.“

Die Sache ist: Diese gebrauchten Gegenstände sind objektiv nicht annähernd so viel wert. Nicht einmal ansatzweise. Aber in Deutschland wird Müll oft für wertvoll gehalten. Darüber habe ich auch in meinem Leseheft Deutschland schaff’ ich ab (Opens in a new window) geschrieben. Das erklärt, warum Menschen ihre leeren Marmeladengläser lieber in „Zu verschenken“-Kisten auf die Straße stellen, statt sie zum Glascontainer zu bringen. Der eigene Müll wird überhöht – materiell wie moralisch.

Vor allem aber ermöglicht der weitgehend unregulierte Wohnungsmarkt, dass Menschen plötzlich Türsteher spielen können. Und weil unsere Gesellschaft von tief verankerten Hierarchien und Machtverhältnissen geprägt ist, verstehen viele nicht, dass Macht nicht zwangsläufig ausgenutzt werden muss. Sie glauben, sie müssen profitieren. Sie müssen noch einen draufsetzen. Auf Machtausübung zu verzichten fühlt sich für sie an wie eine verpasste Gelegenheit – nicht wie Verantwortung. Dabei hätten wir alle wirklich Besseres verdient.

Auch Zwischenmieten sind in meinen Augen ein massives Problem. Menschen entscheiden sich freiwillig für längere Auslandsaufenthalte – beruflich oder privat. Niemand wird gezwungen, mehrere Monate durch Südostasien zu reisen oder unbedingt ein Auslandssemester zu machen. Das sind Entscheidungen, die Menschen treffen, weil sie sich davon einen persönlichen Nutzen versprechen.

Dass sie in dieser Zeit ihre Wohnung oder ihr Zimmer untervermieten, ist nachvollziehbar. Dass sie daraus Profit schlagen, ist schlicht unmoralisch. Am Ende lassen sie ihre Reise oder ihr Praktikum von anderen finanzieren – von Menschen, die schlicht ein Dach über dem Kopf brauchen. Das ist eine extreme Schieflage.

Und doch geht es mir am Ende nicht darum, mich über einzelne Personen aufzuregen. Das hier ist kein individuelles Moralproblem. Es ist politisch verursacht. Ich frage mich ernsthaft, wie lange das noch so weitergehen soll.

Wohnraum wird als Ware behandelt, obwohl Wohnen ein Menschenrecht ist – ein Grundbedürfnis, notwendig zum Überleben. Gleichzeitig wird Wohnraum künstlich verknappt. Das öffnet Diskriminierung und Ausbeutung Tür und Tor.

Wir werden arm, weil wir wohnen müssen.
Das geht nicht.
Das geht wirklich nicht.

Mein neues Buch “Mein Körper – wessen Entscheidung. Warum wir reproduktive Gerechtigkeit brauchen” erscheint am 25. Februar bei S. Fischer. Ihr könnt das heute über Autorenwelt (Opens in a new window) vorbestellen – und zwar mit Signatur (keine persönliche Widmung).

signierkampagne: jetzt vorbestellen und ab 25. februar lesen! bis 01.02. nur über https://autorenwelt.de/meinkörper (Opens in a new window)

Sobald Termine mit dem neuen Buch feststehen, werde ich sie hier, auf meiner Website (Opens in a new window) und auf meinen Social-Media-Kanälen mitteilen.

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Bleibt sauer,
Sibel Schick

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