Der Chefarzt der Uniklinik Essen führt keine Schwangerschaftsabbrüche durch (Opens in a new window). Er erlaubt auch nicht, dass andere in seinem Team sie durchführen – Schwangerschaftsabbrüche werden dort ausschließlich bei medizinischer Indikation vorgenommen. Eine medizinische Indikation liegt vor, wenn das Leben oder die körperliche beziehungsweise seelische Gesundheit der Schwangeren durch die Schwangerschaft schwerwiegend gefährdet ist. Um an der Uniklinik Essen einen Abbruch zu erhalten, muss man also erst in akuter Gefahr sein.
Wenn das keine Verachtung ist. Wenn das keine Gewalt ist.
Ist es wirklich eine kontroverse Meinung zu sagen, dass Menschen, die Schwangerschaftsabbrüche weder durchführen noch ermöglichen wollen, nicht als Ärzt*innen arbeiten sollten? Für mich ist das schlüssig, logisch und notwendig.
Wer nicht helfen will, sollte nicht den Anspruch erheben dürfen, einen Heilberuf auszuüben – und daran auch noch sehr viel Geld und gesellschaftlichen Respekt zu bekommen. In diesem Fall handelt es sich um einen Chefarzt an einer öffentlichen Einrichtung. Unsere Steuergelder finanzieren also jemanden, der Hilfe verweigert, wenn Menschen sie dringend brauchen.
Deutschland, du bist manchmal so unfassbar ekelhaft.
Dr. Kimmig – so heißt der Chefarzt der Uniklinik Essen – sagt, er halte Schwangerschaftsabbrüche persönlich für Tötung. Er behauptet, nicht über Leben und Tod anderer Menschen entscheiden zu können. Genau das tut er aber: Wer Schwangerschaftsabbrüche verweigert oder verhindert, trifft Entscheidungen mit potenziell lebensgefährlichen Folgen.
Die häufigsten Ursachen für Müttersterblichkeit sind mangelhafte medizinische Versorgung, Komplikationen während Schwangerschaft und Geburt sowie unsichere oder illegale Schwangerschaftsabbrüche. Fehlender Zugang zu sicheren Abbrüchen kostet Menschenleben. Wenn Mediziner*innen ihre persönliche Ideologie über die medizinische Versorgung stellen – insbesondere in leitenden Positionen an Universitätskliniken –, hat das reale Konsequenzen. Diese wirken nach, auch wenn ebenjene in den Ruhestand gehen.
Dr. Kimmig inszeniert sich als jemand, der Leben schützt, während seine Haltung in der Realität Menschen gefährden kann. Es wäre wichtig zu untersuchen, welche Auswirkungen diese Politik in Essen tatsächlich hatte: Gab es Fälle, in denen Schwangere notwendige Eingriffe nicht rechtzeitig erhalten haben? Nach 25 Jahren endet seine Amtszeit in diesem Sommer. Die Frage, ob in dieser Zeit Menschen besser hätten versorgt werden können, stellt sich nicht, die Antwort lautet ja. Ob es aber Menschen dafür krank wurden oder sogar sterben mussten, wüsste ich gerne. Denn es kann sein, dass das medizinische Personal die medizinische Indikation nicht stellt, obwohl sehr wohl Lebensgefahr besteht – so wie in meinem Fall (Opens in a new window).
Besonders absurd ist, dass Dr. Kimmig den §218 StGB (Opens in a new window) als Ausdruck eines gesellschaftlichen Konsenses bezeichnet. Tatsächlich spricht sich seit Jahren eine deutliche Mehrheit – 75 bis 80 Prozent – der Bevölkerung dagegen aus, Schwangerschaftsabbrüche im Strafgesetzbuch zu regeln. Dennoch sitzen an entscheidenden Stellen weiterhin Menschen, die aus ideologischen Gründen notwendige Veränderungen blockieren. Und viele warten darauf, dass dieser Stillstand endlich endet.
Wenn Dr. Kimmig sagt, er könne niemandem „eine tödliche Spritze“ geben, ignoriert er die Realität: Abtreibungsverbote sind tödliche Spritzen. Diese Haltung als moralische Überlegenheit darzustellen, wirkt zutiefst zynisch.
Ich bin wütend.
Am Donnerstag sollte ich im Kulturbunker Köln aus meinem neuen Buch „Mein Körper – wessen Entscheidung? Warum wir reproduktive Gerechtigkeit brauchen“ (Opens in a new window) lesen. Leider musste die Veranstaltung abgesagt werden. Das tut mir sehr leid – ich hätte euch sehr gern getroffen.
Ich hoffe aber, dass sich bald ein neuer Termin in Köln ergibt. Unten findet ihr einige andere Lesungstermine, weitere sind bereits in Planung. Sobald neue dazukommen, veröffentliche ich sie auf meiner Website (Opens in a new window).

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Liebe Grüße
Sibel Schick 🍋