Der Sinnfragen-Newsletter vom 6. Februar 2026
Liebe Sinnfragen-Leserinnen und -Leser,
herzlich willkommen zu meinem zweiten Newsletter mit frischen Glaubensgeschichten aus Sachsen. Schön, dass Sie wieder mit dabei sind. Heute geht es um Licht in der Dunkelheit – der heutigen und der vergangenen. Ich freue mich auf Ihre Gedanken und Meinungen - schreiben Sie mir an roth@sinnfragen.info (Opens in a new window).
Ihr Andreas Roth

Wie ein Licht erzgebirgische Katholiken und orthodoxe Ukrainer zusammenbringt – und beide wärmt
Für einen Moment glaubte ich am vergangenen Sonntag, als seien gut 1000 Jahre Spaltung zwischen Ost- und Westkirche wie weggewischt: Ein orthodoxer Priester besprengte in der katholischen Kirche Mater Dolorosa in Aue Kerzen mit Weihwasser, sang die slawische Liturgie neben seinem katholischen Amtsbruder – danach orgelte ein echt erzgebirgischer Kantor aus einer Wismut-Familie und zum Schluss segneten beide Priester einträchtig jeden Einzelnen aus beiden Gemeinden.
„Ich habe Freude, gewisse Grenzen zu überschreiten und zu gucken, ob uns das nicht wieder einen Schritt nach vorn bringt“, sagte mir leicht verschmitzt der katholische Pfarrer Przemek Kostorz. Und sein ukrainisch-orthodoxer Amtsbruder Andriy Shydelko (der übrigens ohne Bezahlung seine Flüchtlingsgemeinde rund um Chemnitz betreut) fand: „Meiner Meinung nach müssen alle Kirchen zusammenarbeiten, weil wir haben einen Gott, Jesus Christus, und wir haben eine Bibel. Das ist für mich persönlich ein Licht und ein großes Signal und eine große Unterstützung.“
In diesem ganz besonderen Lichtmess-Gottesdienst schien es, als würde die Dunkelheit der Welt die Augen für das Wesentliche öffnen. Ukrainerinnen mit Kerzen in den Händen erzählten mir von ihren frierenden Verwandten, von den Schrecken des russischen Angriffskrieges, von einem an der Front verwundeten und seitdem schwer behinderten Bruder.
Die Dunkelheit ist groß dieser Tage. Und die Konturen der Grenzen und Abgrenzungen der Kirchen scheinen in ihr zu verschwimmen, so war es in Aue. Vielleicht kein Zufall, dass dies im Osten Deutschlands, in Sachsen geschieht: Wo die über Jahrhunderte gewachsenen Mauern der kirchlichen Tradition bröckeln, werden sie durchlässig. Für das Licht. Für eine Hoffnung, die Grenzen und Mauern überspringt.
Meinen kleinen Film über dieses verbindende Licht in Aue sehen Sie hier. (Opens in a new window)

Der schwere Weg zum Erinnern
Der blinde Fleck liegt mitten in Dresden, wie in einem toten Winkel. Ich habe ihn Jahrzehnte übersehen. Auf einer Brache neben dem Neustädter Bahnhof liegt er, die Rampen von Unkraut überwuchert, die Gebäude verfallen. Vom Alten Leipziger Bahnhof aus wurden hunderte Dresdner Jüdinnen und Juden ab 1942 in den Tod deportiert.
Mit Renate Aris, die als Kind versteckt die Schoah in Dresden überlebte, bin ich über den verwitterten Bahnsteig gegangen, auf dem Verwandte von ihr Dresden für immer verlassen mussten. Kaum einer erinnerte bis vor kurzem daran. Renate Aris ist 90 Jahre alt – an ihrem Geburtstag wünschte sie sich nur das: Noch zu erleben, dass hier ein würdiger Gedenkort entsteht.
Doch der Weg dahin führt durch die Schluchten der aktuellen, aufgeheizten Debattenlage – das wurde in den letzten Tagen in Dresden offenbar. Im Dresdner Stadtrat konnte ich es aus nächster Nähe beobachten. Da ging es hoch her: Von links wurde jede Verzögerung der Unterstützung dieses Projektes auf die Fallhöhe von Antisemitismus gehoben (obwohl es oft um ganz sachliche Fragen wie den bisher nicht gelungenen Kauf des Grundstücks von einer Handelskette oder um die geplanten Zuschüsse von 1,6 Millionen Euro jährlich für die Erinnerungsstätte in Zeiten akuter städtischer Finanznot ging) – von rechts verstieg sich die Buchhändlerin Susanne Dagen aus der AfD-Fraktion raunend zu der Unterstellung, „dass das Thema Gedenkkultur in Deutschland geprägt ist von einer aufgeblähten, abhängigen, zu 100 Prozent subventionierten Kulturkreativwirtschaft. Hier leben wesentlich mehr von einer Aufarbeitung als dafür“ (wie Gedenkkultur ohne staatliche Gelder finanziert werden sollten, das führte die AfD nicht weiter aus – vielleicht gar nicht).
Was im Getöse beinahe unterging: Eine sehr breite Mehrheit in der Dresdner Stadtpolitik und wohl auch in der Gesellschaft will diesen Gedenkort, der auch ein Ort der Begegnung mit dem heutigen jüdischen Leben werden soll. Das ist die gute Nachricht. Denn ein solcher Ort scheint gerade so dringend wie selten seit 1945.
Außerdem empfehle ich Ihnen, falls Sie ihn noch nicht gehört haben, meinen Sinnfragen-Podcast – zur Premiere mit Landesbischof Tobias Bilz.
(Opens in a new window)Sinnfragen gelingt nur mit Ihnen: Mit Ihren Gedanken und Fragen, Ihrer Kritik und Ihren Themenvorschlägen – ich freue mich, von Ihnen zu hören! Schreiben Sie mir roth@sinnfragen.info (Opens in a new window) .
Und Sinnfragen gelingt dauerhaft nur mit Ihrer Unterstützung, die dieses neue Medium über den Glauben in Sachsen wachsen lässt und finanziell möglich macht. Werden Sie Sinnfragen-Mitglied.