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Never complain, never explain

von Mia

Ben kommt aus Zürich und in mein Büro, während ich arbeite. Er ist schon um vier aufgestanden und powernappt auf meiner Ateliercouch. Dann wacht er auf, trinkt einen halben Liter Coke Zero, nach der er schon süchtig war, als wir uns kennengelernt haben, schreibt ein paar Emails und fängt dann an, mich von der Arbeit abzulenken, indem er ein Gespräch über künstliche Intelligenzen beginnt. Wir reden über die jüngste Forderung der Tech Giganten, ein sechsmonatiges Moratorium für KI Entwicklung zu verhängen, damit man Zeit hat, irgendwelche Regularien zu installieren, um die Technologie, die sich schneller entwickelt, als ihre Schöpfer mitdenken können, halbwegs kontrollieren zu können.

Ich habe Freund:innen in jeder Nische des (demokratischen) politischen Spektrums und ich weiß bei allen, was mich ungefähr erwartet, wenn ich mit ihnen über irgendein Thema rede. Ben ist keine Ausnahme. Er sagt, Kl sei genau das gleiche wie jede bisherige technologische Neuerung seit hunderten von Jahren: sie wird viel Elend für ein paar Leute bringen, und viel Gutes für uns alle, er sagt das mit der optimistischen Gelassenheit eines mittelalten, weißen cis Hetero Mannes – also eines Typen, der sich noch nie darum sorgen musste, dass die Zukunft eine Bedrohung für ihn oder seine Sicherheit oder sein Selbstverständnis sein könnte oder jemals strukturelle Benachteiligung in irgendeiner Form erfahren hat.

Es ist die gleiche Unbedarftheit, mit der privilegierte Leute behaupten, Diskriminierung aufgrund von Gender, Klasse oder Herkunft sei in Wirklichkeit überhaupt kein Problem mehr und in den USA funktioniere alles deswegen so wahnsinnig super, weil der Staat den Menschen so wenig Zwänge auferlege, darum könne dort auch jede:r alles schaffen und die Leute jammern nicht so viel rum, weil sie so fantastisch vorwärtskommen, nur bewaffnet mit ihrem Zukunftsoptimismus, denn mehr brauche es wirklich nicht, um es zu etwas zu bringen.

Inzwischen nehme ich solche Bemerkungen immer öfter zur Kenntnis, ohne mich auf die dazugehörige Debatte einzulassen, denn ich bin Ende dreißig und muss Energie sparen. Ich sage dann in meinem Kopf den magischen Allzweck-Satz, den ich mir von meiner Freundin Rita abgeschaut habe: »Sorry, dazu kann ich nichts sagen, das ist nicht Teil meiner Erlebniswelt.«

Die Email, die uns in dieser Woche erreicht beispielsweise, in der ein Mann uns darauf hinweist, dass wir in unserer Pick-Up-Art-Folge die nicht ausführlich genug auf die Schwierigkeiten der Männer hingewiesen haben, beantworte ich nicht.

Als mir ein männlicher Boomer im Bekanntenkreis neulich ausschweifend die Verlagsbranche mansplaint, wechsle ich unaufällig das Thema.

Als ich ein Interview mit einem Autor höre, den ich seit kurzem liebe und er, gefragt nach seinen literarischen Einflüssen, eine lange Latte an Büchern nennt, die zu 100% von Männern stammen, bin ich ernsthaft traurig, weil es mir ein bisschen meine Liebe kaputt macht.

Aber ich mache dann eben auch das, was ich in den Selbsthilfemeetings gelernt habe: Ich denke an meine eigenen blinden Flecken, meine eigenen Privilegien, meinen eigenen internalisierten Sexismus und Klassismus.

Meine Freundin Claire brachte mich vor ein paar Monaten darauf, dass ich, obwohl ich selbst ganz gerne progressiv denke, mehrheitlich entschieden konservative Männer als Boyfriends hatte. Beim Sex scheint meine politische Überzeugung also auszusetzen. 

Und mein Freund Mat – vielleicht der größte Feminist den ich kenne – weist mich jedes einzelne Mal darauf hin, wenn ich mich in irgendeiner Situation unfeministisch verhalten habe (zum Beispiel, wenn ich sexuelle Gefälligkeiten an Männer verteile, ohne die gleichen Gefälligkeiten von ihnen einzufordern). Mat sagt dann sowas wie: »Wie soll sich die Machtverteilung jemals ändern, wenn du den Typen sowas durchgehen lässt?!« (irgendwann werde ich Mat mal einen Orden verleihen oder sowas.)

Kurz gesagt, ich übe mich immer öfter in Gleichmut, bringe mein eigenes Haus in Ordnung, wie es die AA raten und halte mich an den Rat der Queen: »Never complain, never explain«.

Manchmal ist es Selfcare, ein Gespräch nicht zu führen, einen Kampf nicht auszufechten, einen Standpunkt nicht zu verteidigen. Die Zukunft wird uns allen sehr viel abverlangen und ich fühle mich manchmal wie in der Game of Thrones Folge kurz vor dem Ende, in der Nacht bevor die große Schlacht gegen das Böse stattfindet und alle ihre aktuell irrelevanten Differenzen ausgesetzt haben und versöhnlich miteinander sind.

Sparen wir uns ein bisschen Energie. Make Love, not War. 

💙

Mia

Topic Bi-Weekly

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