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Wahlverwandtschaften

Ein Thema, zwei Perspektiven. Diese Woche auf: Wahlverwandtschaft

von Mia

Meine Familie hat, wie alle Familien, immer ihre Probleme gehabt, aber in einer Sache war sie erstklassig und großzügig bis an den Rand der Protzerei: Niemand machte je einen Unterschied zwischen Blutsverwandtschaft und Wahlverwandtschaft. An Oma Mathildes rundem Esstisch in der kleinen Küche in dem Dorf, in dem ich aufwuchs, waren alle Freund:innen ihrer Kinder willkommen. Eigentlich war immer irgendjemand zu Besuch, erzählte mir meine Mutter, alle wurden gleichberechtigt gefüttert und in die lautstarken gesellschaftspolitischen Debatten eingebunden, die das Essen begleiteten.

Als ich mit elf nach Berlin kam, wohnte ich mit meiner Mutter und ihrer besten Freundin zusammen, die ich irgendwann der Einfachheit halber als »meine Tante« zu bezeichnen begann, obwohl wir nicht verwandt waren. Aber das kam der Beziehung am nächsten, die ich mit ihr hatte. Sie erzog mich. Sie war Familie.

Bis heute haben meine Mutter und meine Tante väterlicherseits eine Beziehung wie Schwestern, obwohl das einzige verbindende Element der beide Familienteile ich bin. Meine Freundinnen und meine Lover werden in den Haushalten meiner Onkels und Tanten genauso behandelt wie ich. Diese Kultur der Wahlverwandtschaft ist mir in Fleisch und Blut übergegangen.

Bis heute macht es mich wütend, wenn jemand behauptet, ein Kind brauche Mutter und Vater oder Blut sei dicker als Wasser. Es ist für mich ein Zeichen von Denkfaulheit und Mangel an Empathie, zu propagieren, ein Kind brauche Mutter und Vater. Gott (falls es sie gibt) weiß, wie viele Kinder besser dran wären, wären sie von ihren leiblichen Müttern und Vätern verschont geblieben. Gott weiß, wie viele Freund:innen der Familie, Lehrer oder andere externe Bezugspersonen die einzige Rettung in vieler Leute Kindheit waren.

Nachdem ich mir das Wissen über patriarchale Strukturen und religiöse Kulturgeschichte, das in meiner Gymnasialbildung der Nuller Jahre konsequent ausgespart worden war, im Erwachsenenalter selbst angeeignet hatte, sah ich, woher solche hartnäckigen  Glaubenssätze kommen; aus dem Katholizismus, unter dessen Herrschaft jahrhundertelang politische und wirtschaftlich gebaute Strukturen errichtet wurden, die heterosexuelle Kleinfamilien über alles andere priorisieren und davon abweichende Lebensentwürfe und Wahlverwandtschaften systematisch entwertet und bis heute bekämpft.

Eine Familie gründen wird immer noch mit Kinder kriegen übersetzt. Um eine Familie zu sein, braucht man Kinder, oder zumindest eine romantische Beziehung. Ohne Kinder und Ehe gibt es keine Familie, jedenfalls sprachlich nicht. Natürlich sind sich die meisten Leute klar darüber, dass viele Freundschaften erste und sogar zweite Ehen locker überleben, trotzdem entscheiden wir uns dafür, diese Beziehungen sprachlich zu diskriminieren, indem wir ihnen das familienhafte absprechen.

Mit dem alleine Wohnen ist es ähnlich: Die Zahl der Single Haushalte in Großstädten wird oft als eine Art Einsamkeits-Barometer verstanden, so als ob alleine wohnen gleichbedeutend mit einem Mangel an Beziehungen wäre. Die Lebensrealität der Menschen sieht schon lange anders aus und auch viele Studien zeigen, dass das nicht so richtig stimmt. Singles sind sozial besser vernetzt, verwirklichen sich häufiger im Job, engagieren sich öfter gemeinnützig, ernähren sich gesünder. Sie können nicht in den Default-Modus einer kuscheligen Paarbeziehung verfallen, in der sowieso immer von selber klar ist, mit wem man rumhängt, sondern müssen sich bewusst um ihr Umfeld kümmern. Sie können nicht 50% ihrer Persönlichkeit auslagern, sie müssen 100% sein.

Ich habe schon seit Jahren mit der Idee geflirtet, Freunde-Weihnachten zur Normalität zu machen. In meinen späten Dreißigern ist es höchste Zeit dafür. Hohe Feiertage mit den Leuten zu verbringen, mit denen ich auch den Rest des Jahres verbringe, schien mir immer schon sehr logisch, aber es besteht sogar im gottlosen Berlin des 21. Jahrhunderts immer noch ein überwältigender Kleinfamilien-Sog: Leute pilgern über die Feiertage scharenweise »nach Hause« zu ihren Eltern oder Geschwistern, um sich dann tagelang mit ihnen zu streiten oder ihnen in mühevoller Kleinstarbeit gegenseitig ihre Weltanschauungen und Lebensentscheidungen zu erklären, die sie gegenseitig weder verstehen noch gutheißen. Dann kommen sie gestresst zurück und sind froh, dass das alles erstmal wieder für ein Jahr vorbei ist.

Das letzte Weihnachten habe ich mit Freunden gefeiert. (Okay, Blutsverwandtschaft war auch dabei — das Weihnachtsessen meines Onkels lässt man sich nicht entgehen — aber der Grund dafür war nicht unsere Blutsverwandtschaft, sondern, dass wir uns auch sonst sehr gut verstehen.) Meine Abi Mädels Gang und ich haben ansonsten viel gegessen und den ganzen Abend gekichert, als wäre seit 2005 kein Tag vergangen.

Da war super. Auch nächstes Jahr mache ich wieder Freunde Weihnachten. Ich habe die leicht größenwahnsinnige Idee, dass sich eines Tages die Wahlverwandtschaften auch formell zum Gravitationszentrum unserer Leben entwickeln: Dass langjährige Freundschaften der Dreh- und Angelpunkt der Festivitäten werden, dass man an Weihnachten nicht mehr seine Beziehungspartner:innen mit zu seinen Eltern nimmt oder sich in der Kleinfamilie abschottet, sondern dass man seine Beziehungspartner:innen und seine Eltern mit zu seinen Freund:innen nimmt, dass die Wahlverwandtschaften auch offiziell zur Home Base werden, zu der man immer zurückkehren kann. Weil es ja emotional eigentlich schon längst so ist.

Wahlverwandschaften

von Mika

“Ugh, ich will’s gar nicht sagen, weil das so eso klingt, aber ich glaube, wir sind seelenverwandt”, sage ich zu K. auf einer der Bänke, die um das Reha-Gebäude herumstehen. Ich bin etwas peinlich berührt, denn ich weiß natürlich, dass ich nicht das erste Mädchen auf Kur bin, das einem Jungen gegenübersteht, der auch auf Kur ist und da eine besondere Verbindung fühlt, als hätte das Universum sie zusammengebracht. Mir ist klar, dass unter der Käseglocke des Klinikgeländes Beziehungen schnell intensiv werden, dass das Linoleum in den Gruppenräumen der Nährboden für kosmische Konvergenzen ist, die ausgetrockneten Gemüsebratlinge der Cafeteria der Stoff, aus dem wir unsere Gleichheit formen und das täglich näherrückende Abreisedatum eine Prise zeitliche Dringlichkeit in unsere offenen Wunden streut. Ich weiß das, aber es ist mir egal, also sage ich, was ich eigentlich nicht sagen will, weil es so eso klingt: Ich glaube, wir sind seelenverwandt.

K., ganz mein Seelenverwandter sagt: “ja, same.”

Für romantische Liebe nennt man solche Begegnungen Kurschatten. Für platonisch empfundene Liebe gib es da - soweit ich weiß - kein extra Wort, was vermutlich daran liegt, dass sie uns nicht ganz so crazy macht. Für eine neue Freundschaft, und sei sie noch so intensiv, müssen erstmal keine Partner:innen verlassen, überstürzte Umzüge in neue Städte geplant oder bestehende Lebensentwürfe generalüberholt werden - was nicht heißen soll, dass sie unser Leben nicht genauso nachhaltig verändern können, sie sind dabei nur meistens nicht so disruptiv.

Ich habe nach Klinikaufenthalten schon alles mögliche gesehen: Freundschaften, die bleiben, welche die im Streit enden, welche die sich langsam verlieren. Beziehungen, die aufflammen wie ein Strohfeuer. Beziehungen, die von außen furchtbar anstrengend aussehen, die dramatisch zu Ende gehen oder vielleicht zu Ende gehen sollten. Und natürlich welche, die intensiv und stark bleiben. Doch egal wie unterschiedlich sie sich entwickeln, angefangen haben sie sehr ähnlich: Mit räumlicher Nähe, emotionaler Offenheit, sehr viel Zeit und dem Gefühl, verstanden zu werden.

Ich glaube, dass das so etwas wie Idealbedingungen sind, unter denen Beziehungen beginnen können. Es sind aber nicht unbedingt die Faktoren, die dazu führen, dass Beziehungen halten. Ich finde es immer wieder faszinierend, mit wie wenig Zeit und räumlicher Nähe auch gute Freundschaften überleben können. Sie überwintern einfach in uns und wenn die Zeit kommt, blühen sie wieder auf.

Wenn ich jene Menschen betrachte, die sich anfühlen wie Familienmitglieder, die mit einer völligen Selbstverständlichkeit zu mir gehören, bei denen weder Streit noch Krise irgendwas in Frage stellt, dann verbindet uns vor allem eins: die gegenseitige Erlaubnis, zu wachsen und die Bereitschaft sich immer wieder neu kennenzulernen. Ironischerweise ist genau das für viele Klinikbeziehungen eine der größten Herausforderungen. Denn die Klinik ist immer auch Ausbruch aus vorangegangener Isolation; die Erkenntnis, einander ähnlich zu sein, ein Katalysator für Heilung. Blöd nur, wenn man dann wieder zuhause ist, sich verändert, wächst und eine:r von beiden irgendwann ganz andere Probleme hat als die, die einen mal zusammengeschweißt haben.

Man braucht natürlich keine Klinik, um Menschen im Leben zu haben, die Veränderungen nicht mitbekommen (wollen). Das sind Beziehungen, die sich anfühlen, als würde jemand mit einer früheren Version von uns sprechen. In denen das Gegenüber Bedürfnisse antizipiert, die wir gar nicht mehr haben, aber wir uns nicht trauen, das zu sagen. Das kann ulkig und auch etwas rührend sein, wie zum Beispiel bei meiner Oma, die jahrzehntelang extra für mich ohne Erbsen gekocht hat, weil es mal circa zwei Jahre gab, in denen ich keine Erbsen mochte. Es kann aber auch enervierend und verletzend sein, wie zum Beispiel bei meinem Freund M., der in einer depressiven Episode ständig Rückversicherung brauchte. M. hat sich inzwischen verändert und ist sicherer mit sich selbst geworden, doch noch immer hat er Freund:innen, die ihn behandeln, als würde ein schiefer Blick ausreichen, um eine Panikattacke auszulösen. Er fühlt sich nicht gesehen und manchmal ein bisschen verarscht.

Ich spiele deshalb gerne manchmal ein gedankliches Spiel: Wenn ich eine Person, die ich schon lange kenne, heute zum ersten Mal treffen würde, was wäre mein Eindruck? Wie würde ich mich verhalten? Was sind die Themen, über die wir sprechen würden? Ich denke dabei an die Tarotkarte “Die Welt” - die letzte Karte der großen Arkana. Eine androgyne Frau tanzt in einem Oval, das an eine Null erinnert, drum herum sind jede Menge Symbole, von denen ich keine Ahnung habe, was sie bedeuten. Meist wird die Karte mit Vollendung beschrieben, als eine Art Schlusspunkt. Meine Lieblingsdeutung ist diese: vollständig, aber nicht abgeschlossen.

Auch das spüre ich mit K., meinem (ich will’s ja gar nicht sagen, weil das so eso klingt) Seelenverwandten. Denn langfristig ist das viel wichtiger, als die Ähnlichkeit, die uns anfangs zusammengebracht hat: Die Erfahrung, dass eine Beziehung mit uns mitwachsen kann, dass wir Menschen lieben können, die anders sind als wir und sich unser Bild von ihnen verändern darf. Dass eine Beziehung vollständig sein darf, und doch nicht abgeschlossen.

Topic Bi-Weekly

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