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How to feel the Feels

Emotionen managen wie ein Profi in einem einzigen einfachen Schritt

von Mia

Neulich hat mich jemand auf den Gefühle Text (Opens in a new window) angesprochen, in dem ich darüber schreibe, was für eine revolutionäre Errungenschaft das für mich war, in der Nüchternheit zunehmend weniger von meinen Feels beherrscht zu werden als zu Trinkzeiten. Ich habe sie natürlich noch! Ich habe jede Menge Feels. Aber sie bestimmen nicht mehr, was ich tue oder lasse. Zumindest nicht, ohne dass mein Denken vorher einen gründlichen Background-Check macht. 

Jedenfalls wünschte sich die Person, die mir schrieb, einen Text über praktisches Emotionsmanagement. Und hier ist er: How to Feel the Feels.  

Was ist Emotionsmanagement?

Emotionsmanagement heißt: Ich bin CEO und die Gefühle sind die Freelancer, die für mich arbeiten. Sie haben Expertise, sie beraten mich, sie sitzen in meinen Meetings. Ich höre ihnen zu, ich bezahle sie (!!!), ich vertraue ihren spezifischen Fähigkeiten. Ohne sie würde das daily business sofort zusammenbrechen. 

ABER sie sind weg, wenn das Projekt abgeschlossen wurde. Sie unterschreiben nicht meine Verträge. Sie haben keine Anteile an der Firma. Sie haften nicht. Sie sind nicht das Unternehmen. 

Um das so zu handhaben, braucht es eine gewisse emotionale Distanz. (Die ich trinkend nicht annähernd hatte, LOL). Distanz heißt einfach nur: Eine Partei bin ICH und die andere Partei ist das GEFÜHL. Beispiel Angst: Das allererste, was ich verstehen muss, ist, dass ICH und ANGST zwei unterschiedliche Sachen sind. Ich bin nicht die Angst, ich habe die Angst. Sie wird vorbeiziehen. 

(Natürlich können Gefühle auch chronisch werden. Wenn Angst oder Traurigkeit nicht weggehen, sollte man Hilfe in Anspruch nehmen, und zwar nicht erst, wenn man schon zehn Tage nicht das Haus verlassen hat.)

Das Zweite, was ich verstehen muss, ist dass die Angst nicht in feindlicher Absicht gekommen ist. Sie hat einen Job. Es gibt keine schlechten oder minderwertigen Gefühle, sie sind alle gut. Traurigkeit ist dazu da, mir zu zeigen, was wertvoll ist, Wut schützt mich und meine Grenzen, Neid zeigt, was ich will, Ekel zeigt, wovon ich mich besser fernhalte, Scham erinnert mich an die Regeln meiner Gruppe, Schuld ist mein innerer moralischer Kompass, Ärger ist der Motor für Veränderung. Und die Angst ist hier, um mich zu warnen. Nicht alle Gefühle sind angenehm, aber alle sind wertvoll. 

Dennoch tun wir sehr krasse Dinge, um Gefühle zu vermeiden. Zum Beispiel Trinken.

Mika sagt gern: Suchtdruck ist nur der Wunsch, ein Gefühl zu beenden. Und wir alle haben permanent den Wunsch, irgendwelche Gefühle zu beenden, und die müssen nichtmal dramatisch sein, manchmal reicht schon sowas Profanes wie die Langeweile einer uninteressanten Party.

Alle, die eine Sucht hinter sich lassen, müssen neu lernen, pure, unverfälschte Gefühle zu fühlen, ohne die Option, sie in Eigenregie zu beenden, zu betäuben, zu manipulieren. Ich bin darin in den letzten Jahren sehr viel besser geworden. Und, weil ich hier bin, um – wie man bei den AA sagt – Erfahrung, Kraft und Hoffnung zu teilen, sage ich euch: Good News! Das How-To besteht nur aus einem einzigen, einfachen Schritt (wirklich)! 

(Und weil der Text sonst viel zu kurz wäre, gebe ich danach noch ein paar Infos, die diesen einen Schritt einfacher machen.)

Hier ist er also, Schritt 1/1:

Schritt 1/1: Fühle das Gefühl. 

Du musst nur eine Sache machen. Das Gefühl fühlen, vom Anfang bis zum Ende. Anerkennen, dass es da ist. Es will ansonsten nichts von dir, es kann auch sonst nichts, es kann nur gefühlt werden. Dann hat es seinen Job erledigt und macht Feierabend. Man kann das Fühlen trainieren, wie einen Muskel. 

Damit wäre eigentlich auch schon die wichtigste Nüchternheitsarbeit getan. Wenn Gefühle das eigentliche Problem wären. Aber Gefühle sind gar nicht das Problem! Sie dauern nicht lange an und sie können nichts weiter ausrichten, als zu nerven oder zu erfreuen. Was aber durchaus zum Problem werden kann, ist die Schlussfolgerung, die man aus einem Gefühl ableitet. 

»Ein Gefühl dauert anderthalb Minuten. Alles, was danach kommt, ist eine Haltung.«

hat ein AA Freund mal gesagt, und es ist eine meiner wertvollsten Merksätze in der Nüchternheit geworden.

Die Schlussfolgerungen oder gar Haltungen, die man aus seinen Gefühlen ableitet, sind stark beeinflusst von kulturellen Normen und unbewussten Glaubenssätzen. Wenn man beim Anbandeln einen Korb bekommt, dann fühlt sich das grässlich an. Ablehnung ist ein ganz mieses Gefühl, weil wir so furchbar soziale Wesen sind. Wie wir dieses Gefühl interpretierten, hängt aber sehr davon ab, wie es um meinen Selbstwert bestellt ist und was meine Kultur mir über die Wichtigkeit der romantischen Liebe beigebracht hat. Jemand mit schwachem Selbstwert und hoher Priorisierung der romantischen Liebe schlussfolgert aus der Abfuhr vielleicht: Ich bin unattraktiv und werde daher niemals glücklich sein. Jemand mit einem starken Selbstwert und weniger Prio auf der romantischen Liebe schlussfolgert: Tja, ich bin halt einfach nicht ihr Typ, gibt ja noch Millionen anderer Leute.

Natürlich kann man sowas wie eine scheiß Kultur und mangelnden Selbstwert nicht von heute auf morgen entmachten, aber die Erkenntnis, dass es nichts auf der Welt gibt, das man auch ganz anders sehen könnte, hat mir persönlich sehr geholfen. Es gibt zumindest die Möglichkeit, dass ich nicht unattraktiv bin und niemals glücklich sein werde.

Neben Kultur und Kindheit kann auch ein drittes großes K meine Schlussfolgerungen stark beeinflussen: Körper! 

Embodiment: Verkörpertes Denken

Denn Gefühle sind nur ein Teil des Phänomens Emotion. Emotionen bestehen immer aus drei Teilen: Dem emotionalen Erleben selbst, der körperlichen Empfindung, und der intellektuellen Schlussfolgerung. Die einzelnen Teile bedingen sich gegenseitig. beispielweise kann ein Gedanke eine körperliche Reaktion nach sich ziehen. Du denkst beispielsweise an Björn Höcke und dir wird schlecht. Und, hier kommt das Abgefahrenste überhaupt: Eine körperliche Empfindung kann zu intellektuellen Schlussfolgerungen führen. Und zwar auch zu einer starken Meinung über ein vollkommen unkörperliches Thema.

Forschende haben dazu in den letzten Jahren eine ganze Reihe wirklich abgefahrener Phänomene (Opens in a new window) beobachtet: 

Leute, die einen warmen Kaffeebecher halten, nehmen andere als sympathischer wahr als Leute, die eine kalte Cola halten.

Leute, die auf unbequemen Stühlen sitzen, verhandeln härter, als Leute, die auf weichen Stühlen sitzen.

Leute, die sich Notizen auf schweren Klemmbrettern machen, schätzen Dozierende als kompetenter ein. 

Leute, die schwere Klemmbretter halten, sind auch eher bereit, mehr Geld für Sachen auszugeben, als Leute, die leichte Klemmbretter halten.

Leute, die einen Bleistift zwischen den Zähnen halten, finden Cartoons lustiger als Leute, die einen Bleistift zwischen ihren Lippen halten. 

Leute, die Wellenlinien zeichnen, haben hinterher originellere Ideen, als Leute, die gerade Linien zeichnen. 

Leute in einer schmutzigen Umgebung sind eher bereit, unmoralisches Verhalten von Arbeitskolleg:innen durchgehen zu lassen als Leute in einer sauberen Umgebung.

Leute, deren Stirnmimik durch Botox lahmgelegt ist, verstehen negative Emotionen und Aussagen nicht mehr so gut wie positive und glückliche. 

usw usw usw!!!

Es gibt ein ganzes Forschungsfeld, das sich mit dieser sogenannten »verkörperten Kognition« dem »Embodiment« beschäftigt, und es zeigt sich: Der Geist zieht den Körper zurate, um aus abstrakten Konzepten Sinn herzustellen. Auch wenn es überhaupt keinen Zusammenhang gibt!!! außer dass wir zufälligerweise eine körperliche Empfindung UND einen abstrakten Gedanken zur gleichen Zeit haben.

»Solche bizarren Zusammenhänge deuten darauf hin, dass unser Gehirn nicht wirklich zwischen unserer physischen Schnittstelle mit der Umwelt und dem abstrakten Denken auf höherer Ebene unterscheidet.« sagt der Psychologe Arthur Glenberg der Arizona State University. 

Nichts zeigt uns mehr, was für primitive Tiere wir sind, als wenn wir durch eine Temperaturschwankung plötzlich der Meinung sind, dieser Fremde in der U-Bahn sei total nett. 

Das heißt: es ist überhaupt nicht egal für unser Urteilsvermögen, unser Selbstbild, unser Verständnis der Realität, was unser Körper erlebt. Um das Gefühle fühlen so leicht und unstressig wie möglich zu machen, sollte man sich also immer zuerst um den Körper kümmern. Stichwort: Die Basics. Schlafen, Essen, Trinken, Atmen. 

Es kann sich wie Hohn anfühlen, inmitten der emotionalen Superkrise einer PMS-Welle alles auf den körperlichen Zustand zu schieben, oder sich zu vergegenwärtigen, dass man nur deswegen so negativ denkt, weil einem kalt ist oder man zu wenig geschlafen hat, aber wenn man erstmal verstanden hat, wie sehr der Körper unser Realitätsbild mitgestaltet, kann man sich viel besser selbst beim Fühlen helfen. 

Also: Mit Übung, Distanz und einem geschulten Verständnis dafür, welches Gefühl ich gerade fühle und was es will, lassen sich Erkenntnisse ableiten, die oft akut und manchmal sogar nachhaltig helfen. 

Beispiel Scham: Wenn ich mich schäme und weiß, dass ich mich schäme und warum ich mich schäme, also den Job der Scham kenne (mich schmerzlich daran zu erinnern, nach welchen Regeln mein soziales Bezugssystem funktioniert und mich davor zu warnen, dass mir möglicherweise soziale Strafe droht), dann kann ich mich fragen, ob ich die richtigen (also hilfreichen) Schlussfolgerungen aus meinem Gefühl ableite. Wenn ich mich wegen Trinken schäme, dann hätte ich früher vielleicht gedacht: Ich bin schuld, ich bin schlecht, weil ich es nicht schaffe, damenhaft zu trinken. Und ich hätte vielleicht Angst gehabt, aus der Kneipengruppe ausgeschlossen zu werden. 

Jetzt weiß ich, dass die Scham eine Folge des Stigmas um Sucht ist, und dazu dient, mich und meine Sucht in der dunklen Zone des Tabus zu lassen, wo wir niemanden beim Trinken stören. Noch einfacher gesagt: Die Scham soll mich ganz konkret daran hindern, zu einem AA-Meeting zu gehen. Und wenn man diese Dynamik erst einmal wirklich verstanden hat, dann kann man sich entscheiden, ob die Schlussfolgerungen, die man zuvor aus der Scham gezogen hat, wirklich die richtigen waren und man kann sich entscheiden, ob die Kneipengruppe langfristig wirklich der Club ist, zu dem man um jeden Preis gehören will. 

(Das alles bedeutet nicht unbedingt,  dass die Scham sich sofort auflöst, aber langfristig wird sie vermutlich komplett verschwinden, zumindest ist das bei mir passiert). 

Wenn man erstmal verstanden hat, dass man die Gefühle nicht fürchten muss, weil sie allein eigentlich ziemlich harmlos sind, und die wahre Gefahr von meinen eigenen Schlussfolgerungen ausgeht, kann man sich von ihnen emanzipieren. 

Man bleibt zum Beispiel nicht mehr in schlechten Beziehungen, weil man den Schmerz der Trennung fürchtet. Man weiß, dass man mit ihm fertig werden wird, und ist deswegen in der Lage, das Richtige zu tun, unabhängig davon, wie scheiße sich das kurzfristig anfühlt. Man ist emotional nicht mehr erpressbar. Man ist emotional souverän. Unabhängig. Und das ist ein wirklich unbezahlbares Gefühl. 

Topic Bi-Weekly

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