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Weekly: Mika über alte Scham

Hallo lieber SteadyKlub,

vor ein paar Monaten schlug mir meine sehr freundliche Sachbearbeiterin bei der Arbeitsagentur vor, an einem vierwöchigen Workshop zum Thema Existenzgründung teilzunehmen. Eigentlich hatte ich mir für den Juni vorgenommen, mein Projekt »Nichts-Tun« weiter voranzubringen (oder vielleicht treffender: zu verdaddeln). Aber einer Sachbearbeiterin direkt zu sagen, dass man eigentlich lieber nichts tun wolle, erschien mir taktisch unklug. Also sagte ich: Ok.

Es ist ein bisschen widersprüchlich, auf der einen Seite an einem Workshop für angehende Unternehmer:innen teilzunehmen, bei dem regelmäßig unsere Eigenverantwortlichkeit betont wird und auf der anderen Seite an einer Maßnahme der Arbeitsagentur, bei der diese Eigenverantwortlichen ihre Anwesenheit nachweisen müssen. Ich bin natürlich immer pünktlich da und muss bloß einmal die Woche früher weg, um es rechtzeitig zu meiner Therapie zu schaffen. Sympathischerweise hat mein Workshopleiter sehr offensichtlich kein persönliches Interesse an irgendwelchen Nachweisen, die ihm erwachsene Menschen über ihre Arzttermine zukommen lassen.

Doch als ich meinen (mehrfach geknickten) Bestätigungszettel meines Therapeuten einreichte, spürte ich etwas, das ich nicht erwartet hatte. Ich schämte mich.

Mein Workshopleiter, der weiß, dass ich eine Suchtgeschichte habe, weil ich im Rahmen der Fortbildung an einem Coaching- und Begleitungsangebot für Menschen in der langfristigen Nüchternheit arbeite, weiß nun auch, dass ich in Therapie gehe. »Na Und« sagte ich zu mir. Doch es fühlte sich nicht an wie »Na Und«. Es fühlte sich kacke an. Und ich frage mich die ganze Woche schon wieso. Den Stand meiner Gedanken will ich mit euch teilen.

Zwei Arten von Scham

Ich glaube, Scham gibt es in zwei Varianten: Gesellschaftliche Beschämung und natürliche Scham. Die Beschämung kommt von außen und redet uns ein, wir wären defekte Menschen, die es nicht wert sind, geliebt zu werden, solange wir X tun oder Y denken. Die Beschämung haben wir entweder verinnerlicht, weil man uns gesagt hat, dass wir aus irgendwelchen Gründen abnormal, schlecht, ekelig oder moralisch verwerflich sind. Oder wir haben beiläufig mitbekommen, wie man über andere spricht, die aus irgendwelchen Gründen als abnormal, schlecht, ekelig oder moralisch verwerflich gelten. Diese Scham geht immer auch mit der Ur-Angst einher, dass wir ausgestoßen werden, wenn jemand sieht wie wir »wirklich sind«. Die Beschämung dient anderen und hält eine toxische Norm aufrecht.

Die zweite Variante ist die natürliche Scham. Sie bezieht sich auf das Private, auf Dinge, die unsere eigenen sind. Wir alle haben Räume, die intim sind und es auch bleiben sollen – Dort findet eine andere Form von Nähe und Vertrautheit statt. Diese Räume können nichts anderes sein als exklusiv. Denn in dem Moment, in dem sie eine:n Beobachter:in haben, verändern sie ihre Eigenschaften (kleine Quantenanspielung, um meine Schwester zu belustigen, die diesen Newsletter liest). Natürlich spreche ich öffentlich über viele private Details, aber natürlich kuratiere und ich filtere ich sie auch. Ja, ich rede vor tausenden von Menschen (potenziell der ganzen Welt) darüber, dass ich zur Therapie gehe. Aber ihr wisst nicht wann. Ihr wisst auch nicht bei wem. Und ganz bestimmt gebe ich euch keinen Zettel, auf dem ich euch beides bestätige.

Es ist ein Unterschied, ob ich jemandem Wort für Wort erzähle, was ich gestern in mein Tagebuch geschrieben habe oder ob dieselbe Person mein Tagebuch liest.

Die natürliche Scham dient uns selbst – Sie schützt unsere Grenzen, unsere Privatheit und letztlich unsere Freiheit.

Der Zettel und die Scham

Ich glaube, als ich den Zettel meines Therapeuten abgab, fühlte ich beide Arten der Scham gleichzeitig. Meine natürliche Scham meldete sich und signalisierte: Das hast du dir gerade nicht ausgesucht. Du wirst gezwungen, etwas preiszugeben. Dabei ging es weniger um die Information »Mika geht zur Therapie« als um die Form »Weisen Sie Ihren Arztbesuch nach«. Doch überraschenderweise erkenne ich auch noch Reste dieser alten, klebrigen Beschämung.

Es gibt diesen kurzen Moment, bevor ich jemandem Informationen über mich gebe, die öffentlicher nicht sein könnten: Suchtgeschichte, ADHS (und alles was sich potenziell daraus ableiten ließe). Binnen einer Sekunde fährt mein System hoch, mobilisiert Energie für den Fall, dass ich mich gleich erklären, verteidigen oder in Sicherheit bringen muss. Meistens sind die Reaktionen überrascht, interessiert oder freundlich gleichgültig, und mein Nervensystem beruhigt sich umgehend. Nie habe ich offene Ablehnung erfahren. Gleichzeitig weiß ich nicht, ob es Türen gibt, die zugeblieben sind, weil ich insgeheim als »unzuverlässlich«, »labil« oder »nicht belastbar« abgespeichert wurde. Ich denke darüber kaum noch nach, aber irgendetwas in mir erinnert sich noch, dass ich genau davor jahrelang eine Scheißangst hatte.

Phantomscham

Ich muss an die Geschichten von Menschen denken, denen ein Bein amputiert wurde. Obwohl es das Bein nicht mehr gibt, fühlen sie manchmal einen Schmerz im Knie oder ein Kitzeln im Fuß. Ich stelle mir vor, dass diese Phantomschmerzen deshalb auftreten, weil wir so daran gewöhnt sind, dass unsere Knie schmerzen oder unsere Füße kitzeln, dass unser Gehirn einfach damit weitermacht, obwohl es buchstäblich in die Leere fühlt. 

Vielleicht gibt es also auch so etwas Phantomscham: Mein Nervensystem warnt mich, weil ich es jahrelang darauf trainiert habe, meine Geheimnisse zu verstecken. Doch wenn ich dorthin gucke, wo die Geheimnisse mal waren, finde ich nichts.

Ich weiß nicht, ob die Phantomscham irgendwann aufhört. Sie ist aber ein guter Reminder, wie tief die gesellschaftliche Beschämung in unseren Körpern verankert ist. Das beste Gegenmittel ist (wie immer) das zu tun, was die Beschämung am wenigsten mag: Sie ausstellen, zeigen und über sie sprechen. Es ist egal, wie groß oder wie öffentlich der Raum ist, solange wir auf unsere natürliche Scham hören und uns selbst ein Schutzbedürfnis einräumen. Meist sind die Menschen überrascht, interessiert oder freundlich gleichgültig – und das ist gut. Aber manchmal werden sie auch ganz plötzlich hellwach. Sie schauen dich an, sie richten sich auf und ein unwillkürliches Lächeln breitet sich aus. Sie sagen »Ey! Ich auch!« und ZACK hast du eine:n neue:n Freund:in gefunden. Das ist das beste.

Love,

Eure Mika

Topic Bi-Weekly

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