Im ersten Teil dieses Textes (Opens in a new window) ging es um hilfreiche Gedanken, um mich mit meiner Aufmerksamkeit anzufreunden. Im zweiten Teil geht’s um die Frage, was eigentlich passiert, wenn man sich bewusst ablenken lässt.

Wie die meisten meiner ADHS-Freund:innen bin auch ich absolut fasziniert von Produktivitätstipps. Ich habe mit den Jahren zahlreiche »Hacks« der Gurus ausprobiert, die mit immer neuen Systemen die endgültige Antwort für ein unkontrollierbares Leben propagieren. Bullet-Journals, Micro-Habits, Time-Boxing, Morgenroutinen, der perfekte Kalender – ich bin an allem davon gescheitert.
Bullet-Journals, Micro-Habits, Time-Boxing, Morgenroutinen, der perfekte Kalender – ich bin an allem davon gescheitert.
Oder besser gesagt: Alles davon war vorübergehend ein bisschen hilfreich. Nichts davon war die endgültige Lösung.
Für eine Zeit hoffte ich dann noch, dass das Bullet-Journal sein Versprechen doch noch einlösen würde. Wenn ich es schaffe, es strikt zu verwenden und mir ganz viel Mühe gab, würde es vielleicht irgendwann mühelos sein. Doch bald darauf kam der Moment, in dem mich das ungute Gefühl beschlich, dass das System aufgehört hatte, mir zu dienen. Stattdessen begann ich dem System zu dienen.
Selbst, wenn alles okay läuft, setzt bei mir irgendwann eine sonderbare Gereiztheit ein. Ich halte mich wacker in einem Korsett aus Aufgaben und Terminen – und trotzdem (oder deshalb) ist da diese Spannung in mir. Meine erste Reaktion ist meistens, das Korsett noch enger zu schnallen. Mir das Wichtige noch mehr vor Augen zu führen. Mir die Sachen noch mehr vorzunehmen. Und erst wenn mir das verzweifelte Ringen mit der To-Do-Liste wieder nicht die erhoffte Erleichterung verschafft hat, fällt es mir irgendwann ein: Mein Gehirn braucht Auslauf. Es ist Zeit für etwas, das ich »Dümpeltage« nenne.
Vielleicht ist es dir ohnehin klar, dass man manchmal Tage braucht, an denen man keinem festen Plan folgt. Dann findest du diesen Newsletter wahrscheinlich ziemlich banal. Mir war es allerdings lange Zeit überhaupt nicht klar – oder besser gesagt: Ich war so beschäftigt damit, mich um Struktur zu bemühen, dass ich überhaupt nicht sah, was passierte, wenn ich die Struktur bewusst wegließ. So groß war die Angst, dass dann alle negativen Annahmen über mich bestätigt werden würden: Wenn ich mich nicht triezte, dann würde ich einfach aufhören, überhaupt etwas zu machen.
Dümpeln ist nicht Nichtstun
Bei »Dümpeltagen« geht es nicht ums Nichtstun. Sie sind auch kaum möglich, wenn ich ausgebrannt bin oder gerade richtig doll Long Covid habe – dann ist halt Ruhe angesagt. Vielmehr geht es darum, die Ablenkung zum Prinzip zu machen. Und dann – es klingt etwas banal – mache ich, worauf ich gerade Lust habe. Nicht das, was ich mir vorgenommen habe, weil es langfristig gut ist. Nicht das, worauf ich am Morgen noch Lust hatte. Und nicht das, wofür sonst die Zeit fehlt oder das, was ich eigentlich gerne mache. Sondern das, was der Moment – und zwar genau dieser hier – mir vorschlägt. Wie ein Kahn auf dem Wasser, der je nach Wellengang mal hierhin und mal dorthin dümpelt, lasse ich mich von einem Impuls zum anderen schubsen. Es ist die absolute Unverbindlichkeit.
Ich fange Sachen an, aber zwinge mich nicht dazu, sie zu beenden. Meistens räume ich irgendwas auf, starte einen Text oder mache eine Leinwand voll, bringe irgendwas weg, daddel am Handy, snacke, recherchiere irgendwas, gucke viel aus dem Fenster – you get the idea. Am Ende vom Tag stehen wahrscheinlich ein paar Schranktüren offen, irgendwo in der Wohnung ist ein Haufen mit Zeug entstanden, aber bisher gab es noch keine größeren Katastrophen. Und fast jedes Mal schaue ich auf den Tag zurück und stelle überrascht fest, wie viel ich eigentlich gemacht habe.
Manchmal kommt es sogar vor, dass ich Dinge mache, die ich seit Wochen aufgeschoben habe. Ich weiß aber nie, wo ich am Abend gelandet bin – das macht diese Tage irgendwie magisch. An ihnen fühle mich als Teil eines natürlichen Flow des Lebens. Sie sind eine gute Erinnerung daran, dass alles weitergeht, auch wenn man es nicht kontrolliert, eine große innere Erlaubnis und eine Liebeserklärung an die Ablenkung.