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Die Stille der „guten“ Männer

Sie gelten als aufgeklärt, reflektiert und gleichberechtigt – die „guten“ Männer aus dem lässigen Bildungsbürger:innen-Milieu. Doch ausgerechnet jetzt, da sexualisierte Gewalt endlich breiter medial verhandelt wird, schweigen die meisten von ihnen. Ein Schweigen, das viel über männliche Sozialisation, strukturelle Verantwortung und wahrscheinlich auch tief verwurzelte Misogynie verrät – und darüber, was es politisch bedeutet und in Beziehungen anrichtet. Ein Versuch, Licht ins Dunkel zu bringen.

Christian Ulmen ist eigentlich einer von den „Guten“. Klug, kreativer Medienmacher, eloquent in seiner Ausdrucksweise und ein präziser Beobachter sozialer Normen, die er regelmäßig in seinen meist humorvollen Formaten hinterfragte. Er war 14 Jahre lang verheiratet – und das mit einer erfolgreichen Frau. Er ist Vater von zwei Kindern und war bis vor Kurzem nicht in Skandale verwickelt.

Mit Christian Ulmen sympathisiert ausgerechnet jener Teil der Bevölkerung, der sich selbst als aufgeklärt, modern und vorausschauend versteht: das lässige Bildungsbürger:innen-Milieu, urban geprägt, weniger über Besitz als über Werte definiert. Es gilt als kulturell versiert, konsumiert bewusst – gern auch Bio – und positioniert sich klar gegen Diskriminierung. Zugleich versteht es sich als besonders gleichberechtigt und dem Feminismus gegenüber aufgeschlossen. Kurz: die Männer dieses Milieus gelten gemeinhin als die „guten“.

„Gut“ meint an dieser Stelle zunächst nichts Heroisches. Es meint etwas deutlich Nüchterneres: Frauen als gleichwertig anzuerkennen – nicht abstrakt, sondern konkret. Keine Gewalt auszuüben ist dabei die Grundlage, nicht die Leistung.

Das liberale Selbstbild und sein Riss

Nun hat dieses Milieu-Idealbild durch den Fall Christian Ulmen einen Riss erhalten. Der Schatten der gegen ihn erhobenen Vorwürfe fällt längst nicht nur auf ihn selbst, sondern auf all jene „guten“ Männer, die sich bislang im Licht ihrer Aufgeklärtheit wähnten. Und mit einem Ereignis, das derzeit auch die Gesellschaft verdunkelt, stellt sich umso dringlicher die Frage: Warum bleibt der Aufschrei der privilegierten, weltoffenen, sich selbst für reflektiert haltenden Männer aus? Warum schweigen so viele von ihnen?

Was offen frauenfeindliche Männer denken (und tun), das wissen wir ja. Nicht die Manosphere ist hier das Rätsel. Auch nicht die älteren Männer in politischen Ämtern, die sexualisierte Gewalt reflexhaft externalisieren, ethnisieren oder als Problem „der anderen“ markieren wollen. (*und vieles mehr, das hier aber keinen Raum einnehmen soll).

Die beunruhigendere Frage jetzt ist, was in den gebildeten, liberalen Männern bei dem Thema unbefragt bleibt. Es sind inzwischen zu viele Fälle sexualisierter Gewalt, um sie noch als bloße Ausnahmen, als bedauerliche Ausreißer oder als bedrohliche, aber letztlich voneinander getrennte Ereignisse zu behandeln.

Sexualisierte Gewalt in Dauerschleife

Da sind die Vorwürfe gegen Christian Ulmen, der Fall Jeffrey Epstein, die Vergewaltigungen im französischen Pelicot-Verfahren, ein Fall in Aachen, in dem ein Mann seine Partnerin anderen Männern zur Vergewaltigung überlassen haben soll – und unzählige weitere Fälle davor und dazwischen. Die Kontexte unterscheiden sich, die Schweregrade, die Milieus, die juristischen Lagen. Und doch verbindet sie etwas: Es geht um sexualisierte Gewalt gegen Frauen, ausgeübt, gedeckt, ermöglicht oder relativiert von einem System gemacht von Männern.

Allein 2023 wurden in Deutschland 52.330 Frauen als Opfer von Sexualstraftaten polizeilich erfasst – also mehr als 140 pro Tag. 2024 stieg diese Zahl laut BKA sogar auf 53.451. Und selbst diese Zahlen zeigen nur das Hellfeld: Sexualisierte Gewalt gehört zu den Delikten mit besonders großem Dunkelfeld.

Dass diese Debatte inzwischen breiter geführt wird, ist immerhin ein Fortschritt. Auffällig ist nur, wie asymmetrisch sie geführt wird. Während Frauen seit Wochen, Monaten, eigentlich seit Jahren sprechen, schreiben, protestieren, dokumentieren, demonstrieren, analysieren, bleibt der große männliche Aufschrei erstaunlich verhalten.

Natürlich: Es gibt Männer, die mit auf Demonstrationen gehen, die in Podcasts Stellung beziehen, die auf Social Media Solidarität zeigen, die feministische Texte teilen oder im Freundeskreis Haltung beweisen. Aber das sind sehr wenige und es ändert wenig am Gesamteindruck. Die wirklich breite, kollektive, laute Reaktion vieler Männer bleibt aus. Man sieht sie nicht in größerer Zahl auf der Straße. Man hört sie nicht als Chor. Man erlebt sie nicht als politische oder kulturelle Kraft, die sagt: Das ist auch unser Problem. Nicht nur eures.

Wo sind die Turnschuh- und Beanie-tragenden Väter?

Wo sind genau jetzt die „guten“ Kerle aus dem Bildungsbürger:innen-Milieu? Die Männer, die sich selbst nicht für sexistisch halten. Die Turnschuh- und Beanie-tragenden Kreativen, die kulturkompetenten Väter, die freundlichen Kollegen in den Agenturen, die Männer mit Therapieerfahrung, Feminismus-Podcast-Wissen und Bio-Wein im Design-Winecooler. Diejenigen also, die in fast jedem anderen gesellschaftlichen Feld schnell gelernt haben, wie moralische Positionierung funktioniert (zumindest verbal) – und die nur hier bei diesem Thema plötzlich auffällig leise bleiben. Wo seid ihr und warum lagert ihr die Reflexion an uns Frauen aus?

Die Antwort auf diese Frage ist wie erwartet komplex. Denn es gibt ein ganzes Potpourri an Gründen, die in ihrer Zusammensetzung bei jedem vermeintlich guten Mann sicherlich anders portioniert sind.

Die Limits männlicher Empathie

Der erste Punkt ist etwa, dass Männer – auch in gebildeten, bürgerlich-progressiven Milieus – im Durchschnitt deutlich schwächer zur emotionalen Wahrnehmung, Artikulation und Beziehungsarbeit sozialisiert werden als Frauen. Das Problem ist weniger ein biologisches „Besitzen“ von emotionaler Intelligenz als ein sozial erlerntes Defizit in emotionaler Kompetenz. Das ist mittlerweile auch belegt. Eine größere neuere *Studie von 2023 zeigt: Bei Selbstberichten zu Empathie schneiden Frauen durchgehend höher ab als Männer. Gleichzeitig zeigt dieselbe *Studie aber auch: Der Unterschied ist nicht einfach „natürlich“, sondern stark von Geschlechterrollen und sozialen Erwartungen geprägt. Zudem zeigt die *Forschung zur Erkennung von Emotionen (Mimik, Affekte, emotionale Signale) seit Jahren einen kleinen bis moderaten Vorteil, der bei den Frauen liegt.

Das heißt nicht, dass Männer „keine Gefühle oder Leid bei anderen verstehen“. Es heißt eher, dass Frauen im Schnitt häufiger gelernt haben, emotionale Zwischentöne, Spannungen und Signale wahrzunehmen und angemessen einzuordnen. Bildung, kulturelles Kapital und ein aufgeklärtes Selbstbild lösen männliche Sozialisationsmuster dabei nicht einfach auf. Auch der moderne, reflektierte Mann kann emotional erstaunlich ungeschult sein – nur oft sprachlich eleganter.

Dazu passt, dass männliche Sozialisation bis heute stark auf Affektkontrolle, Autonomie und emotionale Vereinzelung setzt. In der psychologischen Forschung wird seit Jahren unter anderem über das Konzept der „normative male alexithymia“ diskutiert – also die Tendenz, dass Männer Gefühle schlechter identifizieren, benennen und kommunizieren, nicht weil sie biologisch dazu unfähig wären, sondern weil genau das sozial eingeübt wurde. Eine aktuelle Open-Access-Studie in Sex Roles beschreibt erneut, dass Männer im Schnitt höhere Werte für Alexithymie berichten, und verweist dabei ausdrücklich auf männliche Normsozialisation: Jungen lernen früh, bestimmte Gefühle – vor allem Angst, Verletzlichkeit, Ohnmacht, Bedürftigkeit – eher abzuspalten oder in sozial akzeptiertere Formen wie Wut oder Distanz zu übersetzen. Das hat politische Folgen. Denn wer auf Kränkung, Beschämung oder moralische Verunsicherung primär mit Rückzug, Trotz oder Abwehr reagiert, wird sich auch einer Debatte über sexualisierte Gewalt anders nähern als jemand, der gelernt hat, Irritation als Erkenntnischance zu verarbeiten.

Systemkritik ist kein Angriff, oder doch?

Aber das erklärt nur einen Teil. Denn die auffällig schwache Reaktion vieler Männer ist nicht nur ein Problem mangelnder Erfahrung, sondern auch eines mangelnden Begriffs. Ein großer Teil der männlichen Abwehr in feministischen Debatten speist sich aus einer bis heute erstaunlich robusten Verwechslung: der Verwechslung von Systemkritik mit persönlicher Schuldzuweisung.

Wenn Feministinnen über patriarchale Strukturen sprechen, über männlich dominierte Institutionen, über rape culture, über die banale Normalität von Frauenabwertung, dann hören viele Männer nicht: Hier wird ein gesellschaftliches System beschrieben. Sie hören: Du bist schuld. Du bist gemeint. Du bist Täter. Und weil diese Wahrnehmung affektiv so stark ist, scheitert an diesem Punkt oft bereits die gesamte weitere Kommunikation.

Dabei wäre die Unterscheidung nicht besonders kompliziert. Es ist ohne Weiteres möglich, zugleich kein Vergewaltiger zu sein und dennoch in einer Ordnung zu leben, in der Männer Priviliegien haben von denen sie strukturell profitieren. Es ist möglich, selbst keine Gewalt auszuüben und dennoch in einem Klima sozialisiert worden zu sein, das weibliche Grenzen relativiert, weibliche Perspektiven verkleinert und männliche Ansprüche normalisiert.

Die elegante Form der Misogynie

Es ist möglich, sich selbst für anständig zu halten und trotzdem Teil eines Geschlechterarrangements zu sein, das Frauen systematisch mehr Unsicherheit, mehr Rechtfertigungsdruck und mehr Gefährdung zumutet. Genau diese Fähigkeit zur Ebenentrennung – zwischen individueller Schuld und struktureller Verantwortung – ist allerdings etwas, das viele Männer nicht gelernt haben. Vielleicht auch nie lernen mussten.

Denn Männer sind es kaum gewohnt, als Gruppe moralisch adressiert zu werden. Das ist ein zentraler Punkt, über den erstaunlich selten gesprochen wird. Frauen kennen das sehr gut. Frauen werden seit Jahrhunderten kollektiv bewertet, kollektiv diszipliniert, kollektiv moralisiert: zu laut, zu emotional, zu sexuell, zu ehrgeizig, zu wenig mütterlich, zu wenig bescheiden, zu viel von allem. Männer hingegen werden kulturell deutlich stärker als Individuen behandelt. Sie werden an Leistung, Status, Verhalten, Erfolg, Rationalität oder Scheitern gemessen – aber seltener als geschlechtliches Kollektiv, das Verantwortung trägt. Genau deshalb wirken feministische Anrufungen auf viele Männer so irritierend. Nicht, weil sie unverständlich wären. Sondern weil sie ihnen eine Form kollektiver Zuständigkeit zumuten, die sie biografisch, sozial und emotional kaum eingeübt haben.


Und dann ist da noch etwas, das schwerer zu benennen ist – gerade weil es in einem Milieu-Alltag wie dem beschriebenen oft so unauffällig bleibt: die Misogynie. Denn Frauenhass tritt in liberalen Milieus normalerweise nur selten in seiner groben Form auf. Gebildete, eloquente Männer grölen ihre Verachtung für Frauen nicht heraus, sie machen (eher selten) sexistische Kommentare oder versenden Deepfake Pornos von ihren Partnerinnen an andere Männer. Häufiger erscheint hier Misogynie eher als Müdigkeit gegenüber weiblicher Perspektive. Als Ungeduld. Als Herablassung in soften Tönen. Als dieses schwer greifbare „Die Frauen übertreiben“, „sie sind so emotional“, „Das ist jetzt aber auch viel“, „Nicht alle Männer“ oder auch „So pauschal kann man das doch nicht sagen“.

Die Forschung benennt es als „ambivalent sexism“. Dieser besagt, dass Sexismus nicht nur offen feindselig auftritt, sondern auch in bevormundenden, scheinbar wohlmeinenden, kultivierten Formen fortbesteht. Eine große Überblicksarbeit in Nature Reviews Psychology zeigt, wie sich offener und wohlwollend getarnter Sexismus wechselseitig stabilisieren und Frauen in beiden Fällen auf niedrigere Kompetenz, höhere Emotionalität und größere Schutzbedürftigkeit festlegen. Anders gesagt: Nicht jede Frauenabwertung muss laut sein, um wirksam zu sein.

(*siehe dazu auch den STORY.HELDIN-Artikel „Die Gewalt der kleinen Sätze“ (Opens in a new window))


Wenn Schweigen Beziehungen verändert

Vielleicht liegt genau hier der unangenehmste Gedanke dieses ganzen Themenkomplexes. Nicht darin, dass es offen frauenfeindliche Männer gibt – das ist unerquicklich, aber nicht überraschend. Sondern darin, dass auch in den „guten“ Männern, also den gebildeten, klugen, zivilisierten Männern, Formen von Frauenabwertung fortleben, die sie selbst vielleicht erkennen – vielleicht aber auch nicht (wenn man eben auch bedenkt, dass es mit der emotionalen Intelligenz manchmal nicht ganz so gut bestellt ist.)

Vielleicht ist es kein Hass. Vielleicht nicht einmal eine bewusste Geringschätzung. Sondern eine tief eingelagerte Selbstverständlichkeit, Frauen weniger Autorität, weniger kompetentes Gewicht, weniger moralische Dringlichkeit zuzugestehen. Man sieht das in kleinen Szenen des Alltags: in der Art, wie weibliche Wut schneller als Überreaktion markiert wird, wie weibliche Klarheit als Härte gelesen wird, wie weibliche Ambition als Kälte, weibliche Verletzlichkeit als Überempfindlichkeit und weibliche Komplexität als „anstrengend“ erscheint. Nicht zufällig zeigen neuere *Analysen politischer Online-Diskurse, dass Frauen im öffentlichen Raum zwar durchaus viel Aufmerksamkeit bekommen – aber häufig nicht in derselben professionellen, respektvollen Weise wie Männer, sondern stärker über Körper, Emotionalität, Namen, Tonfall oder soziale Rolle adressiert werden.

Möglicherweise erklärt genau das auch, warum die Empörung vieler Männer über sexualisierte Gewalt so oft theoretisch bleibt. Solange das Problem in der eigenen Wahrnehmung vor allem bei den Monstern, den Kriminellen, den Perversen, den „falschen Männern“ liegt, bleibt das eigene Selbstbild unangetastet. Schwieriger wird es aber dort, wo die Debatte nicht nur nach dem Täter fragt, sondern nach dem Milieu. So wie im Fall Christian Ulmen.

Und genau hier wird es plötzlich auch für die „guten“ Männer heikel. Denn dann geht es nicht mehr nur um Strafbarkeit, sondern um Nähe. Um Komplizenschaft im weiteren Sinn. Um das, was man nicht gesagt, nicht unterbrochen, nicht ernst genommen, nicht weitergedacht hat.

Wenn die „guten“ Männer zu Gewalt gegen Frauen nun also schweigen, enttäuscht dass Frauen nicht nur politisch – es verändert die Beziehungen. Ihr Schweigen signalisiert, dass selbst in intimen oder freundschaftlichen Beziehungen weibliche Verletzbarkeit nicht wirklich mitgetragen wird oder zählt. Für viele Frauen entsteht daraus vielleicht emotionale Einsamkeit oder sogar Misstrauen gegenüber dem Partner und Freund: die Erfahrung, mit einer Realität zu leben, die der Mann zwar theoretisch versteht, aber emotional nicht wirklich mitträgt.

Genau hier bekommt das Bild des „guten“ Mannes dann seinen Riss. Nur dass aus dem Spalt dann kein Licht, sondern Schatten austritt. Der Schatten, der vom Fall Christian Ulmen nun auf dieses Milieu fällt und der bis dato von den Männern aus demselben Kosmos nicht wirklich erhellt wurde.

Das kultivierte Schweigen und ein Lösungsvorschlag

So, also: Die „guten“ Männer schweigen nicht, weil sie nichts mit dem Problem zu tun hätten. Sie schweigen, weil sie es oft emotional nicht gut genug erfassen, strukturell nicht als eigenes Thema begreifen und feministische Kritik noch immer eher als Kränkung denn als Analyse wahrnehmen.

Vielleicht liegt genau darin ihr blinder Fleck: dass sie sich längst für reflektiert genug halten, um nicht mehr gemeint zu sein. Dass sie gelernt haben, die richtigen Begriffe zu kennen, ohne sich von ihnen wirklich betreffen zu lassen. Und dass sie deshalb ausgerechnet dort verstummen, wo es nicht um Haltung als Pose, sondern um Haltung als Zumutung ginge. Hinzu kommt, dass selbst im liberalen, gebildeten Milieu Misogynie selten verschwindet – sie verändert meist nur ihre Form: weg vom offenen Hass, hin zur kultivierten Abwehr. Das Schweigen der sogenannten guten Männer ist deshalb nicht bloß Bequemlichkeit oder Unsicherheit. Es ist Ausdruck einer männlichen Sozialisation, in der Distanz, persönliche Kränkbarkeit und die elegante Form der Frauenabwertung oft wirkmächtiger bleiben, als das eigene aufgeklärte Selbstbild.

How To „guter“ Mann

Was genau aber können die „guten“ Männer denn nun tun, um wirklich die „Guten“ zu sein?

Punkt eins wäre es zu verstehen, dass verantwortungsbewusstes Handeln über das individuelle Anständigsein hinausgeht. Es reicht nicht zu sagen: „Ich bin keiner von denen.“ Es reicht nicht, privat respektvoll, progressiv oder partnerinnentauglich zu wirken. Wenn sexualisierte Gewalt gegen Frauen ein strukturelles Problem ist – und alles spricht dafür –, dann braucht es nicht nur die Distanzierung vom Täter, sondern die Bereitschaft, die eigene Gruppe, das eigene Umfeld, die eigenen Routinen und Abwehrmechanismen zu prüfen. Und ja, auch die eigene Bequemlichkeit und Vorsicht anzuecken.

Männer müssen verstehen, dass sie nicht außerhalb der Geschichte stehen. Sondern mittendrin. Sie müssen sich der Debatte anschließen und dürfen die Reflexion nicht den Frauen überlassen.

Dafür müssen sie keine perfekten Sätze finden und auch nicht die richtigen Bücher gelesen oder die richtigen Begriffe verinnerlicht haben. Sie müssten zunächst etwas viel Einfacheres tun: aufhören, sich für unbeteiligt zu halten. Die Frage ist längst nicht mehr, ob Männer gemeint sind. Sondern warum so viele von ihnen noch immer glauben, sie seien es nicht.

Und dann braucht es Mut zur Verantwortung. Entscheidend ist hier, dass Männer auch unter Männern sprechen: dort, wo sexistische Witze, Verharmlosungen oder Grenzüberschreitungen oft folgenlos bleiben. Dazu gehört auch, Irritation auszuhalten, statt sofort in Abwehr, Relativierung oder Rechtfertigung zu gehen.

Wer das Schweigen wirklich brechen will, darf Frauen außerdem nicht länger die ganze Übersetzungs- und Aufklärungsarbeit überlassen, sondern muss selbst lesen, zuhören, einordnen und Position beziehen.

Männer müssen anfangen emotional präsent zu sein, zuzuhören, zu glauben und weibliche Verletzbarkeit nicht länger als etwas zu behandeln, das sie nur indirekt betrifft.

“Gut” ist nicht, wer er einfach behauptet

Was der „gute“ Mann das im feministischen Kontext also bedeutet?
Ein „guter Mann“ ist kein Held oder Versorger, sondern jemand, der Verantwortung übernimmt.

Das zeigt sich daran, dass Sexismus nicht nur als Problem der anderen gesehen wird und dass Kritik am patriarchalen System keine Abwehr auslöst. Er ist nicht nur in Gegenwart von Frauen feministisch, sondern auch unter Männern – dort, wo es tatsächlich etwas kostet. Er akzeptiert Grenzen ohne Kränkung, erkennt emotionale Arbeit an und begegnet Frauen nicht automatisch als Projektionsfläche, sondern als Menschen.

Vor allem aber versteht er, dass es im Feminismus nicht nur um Moral oder gute Absichten geht, sondern um Macht, Sicherheit und Strukturen. Genau deshalb erkennt man „gute“ Männer selten an ihrem Selbstbild – sondern daran, wie viel Sicherheit, Raum und Wirklichkeit sie Frauen tatsächlich zugestehen.

Ein „guter Mann“ ist nicht der, der sich selbst für sicher hält. Sondern der, bei dem Frauen nicht darauf hoffen müssen.  

 

*In Solidarität mit Collien Fernandez und mit all den vielen anderen Frauen, die sexualisierte Gewalt erfahren haben – weit über das lässige Bildungsbürger:innen-Milieu hinaus.

Teaserbild von Zoë Gayah Jonker (Opens in a new window) auf Unsplash (Opens in a new window)

Studien und Quellen, auf die im Text Bezug genommen wird:

  • Empathie: Neuere Forschung zeigt, dass Frauen in Studien konsistent höhere Empathiewerte angeben als Männer. Gleichzeitig wird betont, dass diese Unterschiede stark sozial geprägt sind und nicht einfach als „natürlich“ verstanden werden können. (pmc.ncbi.nlm.nih.gov (Opens in a new window))

  • Emotionserkennung: Studien zeigen einen kleinen, aber stabilen Vorteil von Frauen beim Erkennen emotionaler Signale wie Mimik oder Affekt. Männer sind im Durchschnitt also etwas weniger treffsicher in der emotionalen Wahrnehmung. (pubmed.ncbi.nlm.nih.gov (Opens in a new window))

  • Geschlechterunterschiede auch in gebildeten Kontexten: Der OECD-Bericht 2024 zeigt, dass Unterschiede in sozial-emotionalen Kompetenzen auch in formal gebildeten, modernen Kontexten nicht automatisch verschwinden. (oecd.org (Opens in a new window))

  • Normative male alexithymia: In der psychologischen Forschung wird seit Jahren diskutiert, dass Männer im Durchschnitt Gefühle schlechter identifizieren, benennen und kommunizieren – nicht als biologische Eigenschaft, sondern als Folge männlicher Sozialisation. (pmc.ncbi.nlm.nih.gov (Opens in a new window))

  • Aktuelle Studie zu Alexithymie (Sex Roles): Eine neuere Open-Access-Studie zeigt erneut, dass Männer höhere Alexithymiewerte berichten, und verknüpft das ausdrücklich mit männlicher Normsozialisation – also mit der frühen Einübung von Affektkontrolle, Autonomie und emotionaler Härte. (link.springer.com (Opens in a new window))

  • Politische Relevanz emotionaler Sozialisation: Forschung zu Alexithymie und Geschlechterrollen legt nahe, dass Menschen, die Gefühle wie Verletzlichkeit, Scham oder Ohnmacht schlechter verarbeiten können, eher mit Abwehr, Distanz oder Rückzug reagieren. Das ist auch für das männliche Schweigen bei Gewalt gegen Frauen relevant. (pmc.ncbi.nlm.nih.gov (Opens in a new window))

  • Ambivalenter Sexismus: Die Forschung zu ambivalent sexism zeigt, dass Sexismus nicht nur offen feindselig auftritt, sondern auch in paternalistischen, scheinbar wohlmeinenden und kultivierten Formen fortbesteht. Eine Überblicksarbeit in Nature Reviews Psychology beschreibt, wie sich feindseliger und wohlwollender Sexismus gegenseitig stabilisieren und Frauen dabei gleichermaßen auf geringere Kompetenz, höhere Emotionalität und größere Schutzbedürftigkeit festlegen. (nature.com (Opens in a new window))

  • Politische Online-Diskurse: Eine große Studie zu 10 Millionen Reddit-Kommentaren über Politiker:innen zeigt, dass Frauen zwar viel Aufmerksamkeit erhalten, aber häufiger über Vornamen, Körper, Kleidung oder Familie adressiert werden – also weniger institutionell und professionell als Männer. (arxiv.org (Opens in a new window))

  • Aussehen statt Kompetenz: Eine neuere Analyse von über 32 Millionen Posts zu politischen Kandidat:innen zeigt, dass bei Frauen das Aussehen deutlich häufiger thematisiert wird, während Männer stärker über Kompetenz, Führung und Inhalte verhandelt werden. (sciencedirect.com (Opens in a new window))

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