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StreetLetter #9: New York kann ja jeder – Braunschweig als Schicksal und Chance

Willkommen liebe mittlerweile über 200 Leser*innen! Ich freue mich sehr, daß ihr schon so viele seid. Ein ganzes Rudel kam ja über die Vorspeisenplatte, wo der Rest genau herkommt, weiß ich gar nicht. Schreibt mir gerne mal auf Insta (Opens in a new window), wie ihr eigentlich auf den StreetLetter gestoßen seid, ich bin neugierig.

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Heute gibt es wieder Interviewcontent, und zwar mit Thomas Hackenberg (Opens in a new window). Er hat ein Zine bei bumpbooks (Opens in a new window) veröffentlicht, es heißt “Braunschweig” und ich habe Fragen.

© Thomas Hackenberg

Erste Frage: Braunschweig. Du wohnst da, das ist jetzt nicht gerade die Metropole der Straßenfotografie. Ist das für dich Fluch oder Segen, ist das Schicksal oder Chance?

Also erstmal ist Braunschweig meine Heimatstadt. Ich glaube, daß man die besten Fotos da macht, wo man wohnt und wo man sich auskennt. Matt Stuart sagt immer mal, die besten Bilder macht man in seinem home turf, und ich glaube, da ist auch was dran. Man weiß, an welchen Tagen am meisten los ist, wann das Licht wo ist. Von daher ist Braunschweig schon ok.

Mit geht das in Frankfurt genauso.

In Frankfurt oder in New York kann jeder gute Fotos machen! Braunschweig ist eine Herausforderung.

Was sind denn die Dinge, die dir auf der Straße als erstes auffallen? Worauf schaust du, was sind deine optischen Trigger?

In der Tat sind das Menschen. Interessante Gesichter, interessante Kleidung, Tattoos. Dann schaue ich auf den Vorder- oder Hintergrund. Die große Kunst ist, ein schön gelayertes Bild zu stagen, den Rahmen schön zu füllen. Aber ich schaue auch auf Skurrilitäten, auf Menschen. Ich bin kein so großer Freund von Silhouetten und Schatten. Ich finde auch mal so light pockets ganz nett, wo Gesichter herauskommen und es hinten schwarz ist. Aber ich schaue auf kleine Geschichten in der Geschichte, Storytelling ist mein Ding.

Es gibt wirklich genug andere, die Silhouetten fotografieren, das müssen wir nicht auch noch machen.

Das will ich überhaupt nicht werten. Ich bin eher Fan von Melissa O’Shaughnessy (Opens in a new window), Paul Kessel (Opens in a new window), Peter Kool (Opens in a new window) in Belgien, es gibt so viele gute! Das ist eher meins, so ganz klassische Straßenfotografie. Gucken, was der glückliche Moment mir bringt.

© Thomas Hackenberg

Dein bekanntestes Bild ist das hier in der Mitte mit dem halb abgesoffenen Golf. Was zur Hölle ist da eigentlich passiert?

Ich habe das mal bei @showmedourduds von Sonia Goydenko (Opens in a new window) erzählt. Das ist ein Instagram-Account, da zeigt sie die Bilder, die zu einem bekannten Schuss geführt haben. Da und auch bei Soul of Street habe ich das erklärt, und es ein bißchen bereut. Wenn mich heute nochmal einer fragen würde, würde ich es nicht erklären, weil das Bild natürlich auch von der Magie lebt. Hinterher haben mir ein paar Leute geschrieben und gesagt, sie hätten das gar nicht wissen wollen. Sollte mir nochmal so ein Bild gelingen, was ich nicht glaube, würde ich es nicht mehr erzählen.

[Thomas hat es mir dann doch erzählt. Aber wer es wissen will, der klickt auf den Link von showmeyourduds (Opens in a new window), da steht alles.]

Wie bist du denn eigentlich zu bump books gekommen? Das ist ja schon eine ganze Reihe von zig Fotograf*innen, die dort diese Zines veröffentlichen.

Genau, David Solomons in London. Ich bin Fan von bump books, ich habe ganz, ganz, ganz, ganz viele. Ich fand die immer besonders schön.

Ich hab festgestellt, wenn man sie einzeln kauft, liegen sie unter der Grenze für Einfuhrzölle aus UK.

Ich durchschaue es nicht ganz. Ich bin ziemlicher Fotobuchsammler und bestelle viele Fotobücher gerade in England, weil ich großer Fan der Fotografie aus UK bin, und mal zahlt man Zoll, mal nicht. Jedenfalls, David Solomons hat eine “Submissions”-Kategorie auf seiner Website. Ich hab ihm zwei Themen angeboten, die fand er nicht so gut, meinte aber: Laß uns mal was über Braunschweig machen. Also die Idee, die kam von ihm. Er hat ja gern geographische Orte, Carcassonne oder Ghana oder Lissabon oder Moskau. Ich glaube auch, er fand das Foto von dem Golf im Fluß ganz gut. Auf meiner Website habe ich die Kategorie “Braunschweig Street”, daraus hat er sich zusammengestellt was er möchte und das Editing komplett selbst gemacht.

Wie funktioniert das bei bump books, ist das mit Kostenbeteiligung, oder macht Solomons das auf eigenes Risiko?

Auf eigenes Risiko. Er will kein Geld haben. Man bekommt als Fotograf auch nichts dafür, aber ich fand es schön, mein eigenes Zine bei bump books zu haben. Er hat 200 Stück gedruckt, ich habe zum Autorenpreis fünfzig Stück gekauft und eine Charity-Aktion daraus gemacht. Die Braunschweiger Zeitung hat eine ganze Seite über mich und meine Fotografie gebracht, und ich habe das Zine gegen Spenden hergegeben. Dreißig oder fünfunddreißig Kopien sind weggegangen, und ich habe 850 Euro an Spenden eingenommen für Parkbank e.V., das ist eine Obdachlosenzeitung, die sich um Wohnsitzlose und Kinder in Not kümmert. Ich fand das schön. Letztlich nutze ich die Stadt und nehme dankend die Motive entgegen, die sie mir bietet, und kann die Leute vorher nicht fragen, die in meinen Bildern sind. Das ist eine Form davon, eine Kleinigkeit zurückzugeben und danke zu sagen.

© Thomas Hackenberg

Links

  • Fill the Frame Documentary komplett auf Youtube (Opens in a new window), eine Doku über amerikanische Streetfotograf*innen. Von Samuel gibt es auch ein Interview (Opens in a new window) mit dem Regisseur.)

  • Total und Close: Doku über Andreas Gursky (Opens in a new window) (ja, der mit dem Rhein-Foto)

  • Im “Die Motive”-Podcast ist diesmal der Fotobuch-Experte Markus Schaden zu Gast (Opens in a new window). Alexander Hagmann von “Die Motive” hat übrigens auch einen lesenswerten Newsletter (Opens in a new window), in dem er Fotografie eher von der Kunst-Perspektive aus angeht. In der letzten Ausgabe (Opens in a new window) schreibt er auch zum Ende der Photopia, die wir alle nun aus unseren Kalendern streichen können: “Die Fototechnik (wie auch die Videotechnik) hat in ihrer Geschichte ein Alter erreicht, in dem das technische Verfahren kaum noch Neues zu bieten hat und gleichzeitig so selbstverständlich ist, dass man sich über die Erzeugung des Bildes eigentlich keine Gedanken zu machen braucht. […] Damit einher geht die Entwicklung, dass fotografische Bilder in der allgemeinen Wahrnehmung keinen materiell-technischen Ursprung mehr haben, sondern fast ausschließlich einen sozialen Nutzen. […] Bilder sind zu einer solchen Selbstverständlichkeit, zu einem solchen Massenphänomen geworden, dass eine Messe (oder eine technikhistorische Ausstellung) nur noch für eine sehr kleine Zahl von Technikbegeisterten von Interesse ist. Für die Hersteller von Fototechnik ist das natürlich ein Problem.”

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