Wie höhere Temperaturen und der Verlust der Artenvielfalt unsere Geruchslandschaften verändern.

Ein kurzer Gang in den Garten, über die Wiesen oder in den Wald erfreut das Gemüt zurzeit auf einmalige Weise: Wie das duftet!
Besonders am frühen Morgen oder gegen Abend riecht es in der Natur sooo gut: Über den Kleingärten liegt eine Duftwolke aus Flieder und Obstblüten. Am Weg entlang des Baches steigt der Duft des frisch gemähten Grases in die Nase. Im Wald macht sich das feuchte Eichenlaub aus dem letzten Jahr mit etwas herberer Note bemerkbar.
Jede Jahreszeit hat ihren eigenen Geruch. Der Frühling kündigt sich oft schon im ausgehenden Winter an, wenn die ehemals gefrorene Erde wieder zu atmen beginnt. Es sind die Bodenbakterien, die dann den einzigartigen Duft des nahenden Frühlings „produzieren“. Die Mikroorganismen werden dank der steigenden Temperaturen aktiver, setzen neben vielen anderen auch flüchtige Substanzen frei, die wir Menschen riechen können.
Zu diesen Substanzen gehört etwa Geosmin, ein natürlich vorkommender Alkohol, den Bakterien der Sorte Streptomyces herstellen. Die menschliche Nase reagiert äußerst empfindlich auf Geosmin, es reicht also, wenn nur ein paar Moleküle davon in der Luft liegen. Diese Substanz ist auch beteiligt am typischen Geruch, der auftritt, wenn es anfängt zu regnen und die ersten Wassertropfen auf die trockene Erde fallen.
Die Aktivität der Bakterien ganz allgemein ist umso größer, je mehr organisches Material (Opens in a new window) im Boden vorhanden ist. Kein Wunder also, dass der Boden in Wald und Feld viel intensiver duftet als ein akkurat gepflegter Vorgarten, in dem ein paar einzelne Rhododendren stehen.
Wenn Düfte verschwinden
Die menschliche Nase kann mehr als eine Billion verschiedene Duftstoffe wahrnehmen. Aber: „Eine dreifache Bedrohung aus Umweltverschmutzung, Verlust der Biodiversität und höheren Temperaturen verändert die Art und Weise, wie unser Planet riecht“, schreibt die (Opens in a new window) Journalistin Serena Jampel im US-amerikanischen Smithsonian Magazine. Wie manche gefährdeten Tier- oder Pflanzenarten könnten bald auch einige Düfte aussterben.
Im Vergleich zu allen anderen Sinneswahrnehmungen nimmt das Riechen eine besondere Position ein: Die „Geruchssensoren“ in der Nase senden ihre Signale über den Riechnerv direkt in das Gehirn – nicht noch über zwischengeschaltete Stationen wie das beim Sehen, Hören, Schmecken oder Fühlen der Fall ist.
Das Riechhirn ist außerdem sehr eng mit den Bereichen im Gehirn vernetzt, die mitverantwortlich sind für unsere Emotionen (Amygdala oder Mandelkern) und unser Gedächtnis (Hippocampus). Kein Wunder also, dass manche Gerüche sofort und unmittelbar bestimmte Erinnerungen hervorrufen.
Gibt es diese Gerüche nicht mehr oder verändern sie sich – aus welchen Gründen auch immer –, könnte das auch unsere Erinnerungen, unser Gedächtnis beeinflussen und dem immateriellen Kulturerbe der Menschheit einen nicht wieder gutzumachenden Schaden zufügen, schreibt Serena Jampel und zitiert die Duftforscherin Cecilia Bembibre vom University College London: Ohne diese Gerüche „verlieren wir Informationen, wir verlieren Bedeutung, wir verlieren Geschichte“.
Wenn wir das Schild „Landschaftsschutzgebiet“ sehen oder ein Naturschutzgebiet betreten, denken wir wahrscheinlich besonders an die schützenswerte Flora und Fauna. Dass sich unter dem Einfluss von Industrialisierung, Umweltverschmutzung und Klimawandel auch die Geruchslandschaft einer Gegend verändern kann, hatte ich bisher noch nicht so auf dem Schirm. So riechen die Wälder, die Felder, die Wiesen, die Flüsse und die Meere schon heute anders als noch zu den Zeiten unserer Großeltern. Wie wird sich das Duftspektrum erst für unsere Enkelkinder verändern?
Wenn die Temperaturen steigen und die Duftmoleküle in der Luft sich schneller bewegen, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass unsere Nase mehr mit Düften von menschengemachten Materialien beschäftigt ist, Formaldehyd zum Beispiel oder Benzol.
Wenn auf der anderen Seite Pflanzen völlig aus unseren Landschaften verschwinden, könnten manche Düfte völlig verschwinden, schreibt Jampel: „Sandelholz, Vanille, Bergamotte, Lavendel und Hunderttausende anderer Pflanzen sind durch die sich verändernden Umweltbedingungen bedroht.“ Auch Boswellia-Bäume sind gefährdet, und dadurch könnte auch ihr duftender Baumharz, der Weihrauch, bald Mangelware werden.
Waldbaden und veränderte Duftcocktails
Der Verlust an natürlichen Düften beeinflusst auch unser Wohlbefinden. Der wohltuende Effekt des Waldbadens (Opens in a new window) beispielsweise geht ganz unmittelbar auf die Wahrnehmung der verschiedenen Duftstoffe im Wald zurück. Verändert sich der Cocktail an flüchtigen Substanzen, den die Nase im Wald riechen kann, könnte sich das auch auf die Gesundheit auswirken. Die veränderte Wahrnehmung muss nicht immer mit dem Fehlen bestimmter Organismen der Flora und Fauna zu tun haben. Auch die Sensibilität der Nase kann variieren: Personen, die in Regionen mit starker Luftverschmutzung leben, unterscheiden Düfte mitunter schlechter als Menschen, die gesunde Luft einatmen.
Das internationale Forschungsprojekt SCENTinel (Opens in a new window) hat es sich zur Aufgabe gemacht, gefährdete Düfte zu erfassen, sie (also deren chemische Zusammensetzung) zu digitalisieren und zu bewahren. Dadurch sollen auch zukünftige Generationen „Zugang zu diesem oft übersehenen, aber unschätzbaren Aspekt des menschlichen Erbes haben“, so das Ziel des Projekts.
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