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„Taktvolles Verhalten ist ein Charisma, eine Gabe, ein Talent“

Der Kulturwissenschaftler, Theologe und Autor Uwe Wolff beantwortet den Taktvoll-Fragebogen.

Ein mittelalter Mann mit einem weißen Oberhemd, braunen Haaren und einer Brille hält ein aufgeschlagenes Buch in der Hand.
Uwe Wolff (Foto: privat)
🎼

Manchmal machen mich die Antworten auf den Taktvoll-Fragebogen richtig glücklich. Ich merke, da hat jemand Freude gehabt an den Fragen, sich Zeit genommen für die Antworten, die berühren und zum Nachdenken anregen. In diesem Sinne glücklich gemacht hat mich die Rückmeldung des Kulturwissenschaftlers und Theologen Uwe Wolff auf meine Anfrage hin.

Wolff hat mehrere Bücher über das Thema „Engel“ geschrieben und bezeichnet sich selbst als „Engelforscher“. Zuletzt, passend zum 150. Geburtstag des Dichters Rainer Maria Rilke (1875 bis 1926), erschien sein Buch „Tausend Nächte tief: Rilke und die Engel seiner Dichtung“ im Patmos-Verlag.

Wer Uwe Wolff und sein aktuelles Werk kennenlernen möchte, dem sei diese Sendung (Opens in a new window) im Deutschlandfunk empfohlen.

Er spricht darin zum Beispiel über den „heilsamen Schrecken“: „Da bricht plötzlich mit dem Engel eine andere Wirklichkeit in unser Leben ein. Da blicken wir durch oder machen eine Grenzerfahrung. Wir machen die Erfahrung von Bestärkung, von Resilienz. Also das ganz Andere wird in unserem irdischen Leben sichtbar und insofern ist es immer auch ein Erschrecken.“

  1. Lerche oder Eule?

In meiner Heimatstadt Münster gab es bis in die Siebzigerjahre eine Diskothek mit dem Namen „Eule“.  Richtig getanzt wurde dort ab 24.00 Uhr. Da lag ich schon im Bett. Engel kommen gerne in Träumen. Daher machen Engelforscher die Nacht nicht zum Tage.

  1. Was gehört für Sie unbedingt zu einem guten Start in den Tag?

Meine Ruhe: Ich stehe früh auf und lese jeden Morgen bei Kaffee und Müsli zwei Stunden lang Sachbücher und Wissenschaftsliteratur. So erwacht mein Geist aus der Umarmung der Nacht. Dann gehe ich mit Bodil, unserem Retriever-Mädchen, in den Wald. Er liegt hinter der Haustür und erstreckt sich über viele Kilometer. Bodil und ich sind bei unseren Streifzügen im Umkreis fast immer allein.

  1. Pflegen Sie eine spirituelle Praxis?

Meine Frau und ich sind vor einigen Jahren zur Katholischen Kirche konvertiert. Wir haben das sehr selten gewordene Glück, Teil einer Gemeinde zu sein, die noch das Mysterium feiert. Unser Priester ist einer der Letzten seiner Art: ein Meister der Inzensation (Red.: das Beräuchern mit Weihrauch) und der liturgischen Vergegenwärtigung.

  1. Wie bereiten Sie sich auf ein besonderes Ereignis vor (einen Wettkampf, ein Konzert, ein schwieriges Gespräch …)?

Da ich meine Vorträge frei halte, bereite ich mich durch Gartenarbeit, Holzhacken oder Wanderungen vor. So komme ich zu der inneren Ruhe, aus der ich dann spreche. Die Vorbereitung auf schwierige Gespräche besteht darin, dass ich alle Erwartungen ablege und dem Engel als meinem Wegbegleiter die Hand reiche. Das Ergebnis muss ich dann annehmen.

  1. Was bringt Sie aus dem Takt?

Über jedem Leben gibt es einen Plan. Ich bin viele Wege geführt worden, die ich nicht gehen wollte. Daher haben mich als Autor die Symbole „Labyrinth“ und „Irrgarten“ beschäftigt. Mich bringt heute so schnell nichts mehr aus dem Takt, weil ich meinen inneren Rhythmus im Laufe des Lebens kennengelernt habe. Ich habe Momente der Unruhe, ja, der Panik erlebt. Aber ich habe auch erfahren, dass sich aus einer mir unbekannten Tiefe der Seele irgendwann wieder meine Lebensmelodie meldet. Dann bin ich wieder im Takt.

Danke💚
  1. Welche Jahreszeit mögen Sie besonders? Warum?

Als Gärtner liebe ich den Rhythmus der Jahreszeiten: die Märzenbecher im Frühling, die Rosen des Sommers, die Astern im Herbst und den Raureif auf den winterlichen Gräsern. Die ganze Schöpfung ist Musik, und alles hat seinen eigenen Klang.

  1. Schreiben Sie Tagebuch?

Für die Familie, für Freunde und Interessierte lasse ich unseren Hund Bodil Wochenberichte schreiben. In Wort und Bild berichtet sie von unseren Abenteuern bei den Wanderungen im Umkreis. Meine innere Welt findet Ausdruck in meinen Büchern.

  1. Welche Rituale ihrer Kindheit praktizieren Sie heute noch, evtl. jetzt mit den eigenen Kindern?

Ich verdanke alles, was mich im Innersten trägt, meinen Eltern. Alles Handwerkliche meinem Vater, alles Geistige und Geistliche meiner Mutter. Sie lehrte mich das Gebet. Eine Welt voller Engel. Die große Herrlichkeit von Matthias Claudius’ „Sternseherin Lise“. Diese Tradition habe ich an meine Kinder weitergegeben: „Guten Abend, gute Nacht, von Eng’lein bewacht …“ oder Paul Gerhardts „Breit aus die Flügel beide …“ - das war daher der Titel meines ersten Engelbuches (1993).

https://www.youtube.com/watch?v=il9uSqGVzgU (Opens in a new window)

Rituale der Kindheit können für Jahrzehnte vergessen sein. Im Alter kehren sie wieder ins Bewusstsein. Ein Kreis schließt sich. Das Leben wird durchsichtig.

  1. Tanzen Sie?

Oh ja! Ich bin ein leidenschaftlicher Tangotänzer. Dieses Talent habe ich erst in fortgeschrittenen Jahren entdeckt. Meine Frau ließ nicht locker, bis ich mit ihr einen Tango-Kurs besuchte. Ich brauchte zehn Jahre, bis nicht ich mehr tanzte, sondern der Tango in mir.

Der Tango ist wie die katholische Messe streng ritualisiert. Er besteht aus Modulen, die erlernt werden müssen, wie das rechte Sitzen oder die Atemtechnik in der Meditation, wie das Klavierspielen oder die Führung des Pinsels. Die Bausteine werden von jedem Tänzer individuell variiert. Tango ist Form und Freiheit. Sein Prinzip ist „Führen und Folgen". Traditionell führt der Mann. Bei uns war es anders: Sie führte, ich folgte.

  1. Sie kommen nach einem anstrengenden Tag nach Hause, welche Musik hören Sie?

Finnischen Tango und immer wieder Leonard Cohen. Diese Musik öffnet mir den Himmel. Zu meinen abendlichen Entspannungsritualen gehören Filme (DVDs). Wie Kinder ihre Lieblingsmärchen immer wieder hören mögen, so sehe ich meine Lieblingsfilme, etwa von Woody Allen. „Manhattan“, „Hannah und ihre Schwestern“ oder „Der Stadtneurotiker“ – und jeder Anhauch von Hypochondrie verflüchtigt sich auf wunderbare homöopathische Weise.

Immer wieder schauen wir uns auch unsere dänischen Lieblingsserien in der Originalsprache an: „Borgen“ oder „Badehotellet“. So hat meine Frau nebenbei die Sprache HC Andersens gelernt.

  1. Ein freier Tag liegt vor Ihnen, was machen Sie am liebsten?

Ich liebe das stille, gleichförmige Leben im Wechsel von vita activa und contemplativa. Meine Kinder meinen, ich hätte auch Benediktiner (Opens in a new window) werden können. Wenn ich wirklich einmal eine Unterbrechung der gewohnten Taktung brauche, dann räume ich den Keller auf oder trenne mich von den zu umfangreich gewordenen Beständen meiner Bibliothek. Ich bin ein Meister im Entsorgen.

  1. Welche Rhythmen in der Natur begeistern Sie?

Das Kommen und Gehen der Wellen an der Westküste Dänemarks. Dorthin zieht es uns immer wieder in ein Haus hinter den Dünen. Am Meer ist nichts los, und doch brandet dort die Fülle des Lebens an den Strand. Wunder überall am Wegesrand. Aber man muss die Augen für das Unscheinbare öffnen und die Stille aushalten können.

Zu den Rhythmen in der Natur gehört auch der Wechsel des Tageslichtes. Ich brauche in der Regel keine Uhr. Wie dem alten Indianer sagt mir der Blick in den Himmel, wie spät es ist. Deshalb haben mich die weißen Nächte auf meiner Reise mit Ulrich Schacht durch die Inselwelt der russischen Arktis irritiert.

  1. Wie sehen kleine Atempausen in Ihrem Alltag aus?

Wir kennen den Umkreis recht gut. Atem schöpfe ich an meinen Lieblingsorten oder im Winter durch den Besuch der Soletherme. Eine Atempause schenkt mir auch das tägliche Ritual des Kochens zur Mittagszeit. Kochen ist wie Gärtnern oder Tangotanzen ein ritueller Akt freier Komposition. Daher besitze ich keine Kochbücher und lese auch keine Rezepte.

  1. Zeitung lesen: Papier oder digital?

Am besten keine Zeitung lesen. Aber das lässt meine Frau nicht zu. So abonnieren wir zuweilen für ein Jahr eine Zeitung wie die NZZ digital. Jeden Samstag kaufe ich die lokale Zeitung, um zu sehen, wer gestorben ist. Dazu die Wochenendausgabe der FAZ, die meist ungelesen liegen bleibt.

Kostenfrei:
  1. Urlaub: immer das gleiche Ziel oder jedes Mal Neues entdecken?

Bloß nichts Neues mehr! „Hab’ die ganze Welt gesehen, von Singapur bis Aberdeen …“ Immer die raue Westküste Dänemarks. Ankommen und eintauchen!

  1. Wie wichtig sind Ihnen gemeinsame Mahlzeiten mit dem Partner/Partnerin, der Familie?

Wir lieben die gemeinsame späte Mahlzeit. Dazu Wein und einen Film aus unserer Sammlung, der mich nicht in die Träume verfolgt.

  1. Partnerschaft, Ihre Erfahrung: „Gegensätze ziehen sich an“ oder „Gleich und gleich gesellt sich gern?“

Gegensätze ziehen sich an. Aber meistens scheitert dann die Partnerschaft irgendwann. Zum großen Glück des Alltags gehört eine gemeinsame Grundschwingung in allen wichtigen Dingen. Als ich meine Frau kennenlernte und sie Rilke, Goethe oder Fouqués „Undine“ zitierte, da wusste ich: Sie ist es! Nach dem Buch Tobit (Tobias) werden Ehen im Himmel geschmiedet, und zwar von den beiden Schutzengeln eines Paares. Das habe ich erlebt.

  1. Lesen Sie vor dem Einschlafen? Welches Buch liegt gerade auf Ihrem Nachttisch?

Ich habe keinen Nachttisch, und zum Einschlafen nehme ich meine Frau in den Arm. Einige Bücher liegen griffbereit auf dem Holzfußboden, falls ich in der Wolfsstunde erwache. Zur Zeit der „Lesebegleiter“ meines verstorbenen Freundes Tobias Blumenberg (1959 bis 2026) und die Tagebücher meines Urfreundes Heimo Schwilk.

  1. Gibt es eine Zahl, die eine besondere Bedeutung in Ihrem Leben hat?

1888. Bei meiner weitschweifenden Lektüre stoße ich immer wieder auf die Jahreszahl 1888. Über die Ereignisse in diesem Jahr möchte ich mal ein Buch schreiben.

  1. Welche Rituale oder Rhythmen sind Ihnen unangenehm?

Entkleidung in der Sauna, Fest-Umzüge jeder Art, Besuche von Kino, Theater oder Konzerten mit anschließendem bildungsbürgerlichen Geplauder. Unangenehm sind mir viele Disharmonien in der Musik. Die Welt der Engel ist Harmonie. Ihr Leben Gesang. Ihre Bewegung der Reigen im einfachen Dreischritt. Die Welt der Teufel dagegen Kakophonie, meinte jedenfalls Hildegard von Bingen (Opens in a new window).

21. Was fällt Ihnen zum Begriff „taktvoll“ ein?

Höflichkeit, Einfühlungsvermögen, Demut und Dankbarkeit sind Grundlagen eines taktvollen Verhaltens. Wie das meiste im Leben ist taktvolles Verhalten nur bedingt lernbar. Es ist ein Charisma, eine Gabe, ein Talent, letztlich Gnade. Ein Wunder eben.

Mehr erfahren über Uwe Wolff:

https://engelforscher.com/ (Opens in a new window)https://steady.page/de/taktvoll/posts/685ba9e9-4156-4f2f-8653-47c020fa9926 (Opens in a new window)https://steady.page/de/taktvoll/posts/9e8bdb32-4aeb-46ea-a818-90d1a72e205b (Opens in a new window)

Topic Spiritualität + Rhythmus

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