Jeden Mittwoch verschicke ich einen Impuls für mehr Rhythmus im Leben. Heute: Kunstwerk Vogelnest

Still stehend oder langsam schreitend und scheu, so kannte ich den Graureiher bisher von Tümpel oder Wiese. Am letzten Wochenende zeigte sich der Vogel von einer anderen Seite. Ich hatte das Glück, fast einen Tag lang auf einer sonnigen Wiese lesend zu verbringen. Nebenan, in einem kleinen Wäldchen, wurde die Stille immer wieder durch lautes Krakeelen, Schrackern und Gackern durchbrochen.
Die Graureiher der benachbarten Kolonie zeigten sich gar nicht scheu und schüchtern. Immer wenn ein Vogel mit einem Ast im Schnabel die Baumwipfel anflog, kündigte er das lautstark an und erntete ein entsprechendes Echo seiner Artgenossen, die ebenso eifrig am Nistplatz werkelten.
(Opens in a new window)Die Lautstärke dabei stand nicht unbedingt im Verhältnis zum Arbeitseinsatz: Denn der Reiher greift meist auf den Altbau zurück. Ist das Nest aus dem Vorjahr noch so halbwegs vorhanden, bessert er es mit neuem Nistmaterial aus. Äste und Reisig schafft das männliche Tier heran. Das Weibchen beteiligt sich am Bau. Je nach Witterung liegen dann ab März vier bis fünf, blau-grüne Eier im Nest (Opens in a new window).
Isoliermaterial gegen die Kälte
Die meisten der weltweit etwa 10.000 Vogelarten bauen Nester. Je nach Aufwand verbringen sie Tage bis Wochen damit, dem Nachwuchs eine optimale Umgebung für die Entwicklung zu verschaffen und Eier und Nestlinge vor Fressfeinden und Parasiten zu bewahren.
(Opens in a new window)Der Embryo im Ei entwickelt sich optimal bei 36 bis 40 Grad Celsius. Hierzulande schwanken die Temperaturen in der Brutzeit zwischen März und Mai noch stark: Im Mittel ist es acht Grad Celsius warm, es können aber sowohl Minusgrade als auch knapp 25 Grad sein. Die Auswahl des Nistmaterials, vor allem der Isolierstoffe, wirkt sich unmittelbar auf den Bruterfolg aus.
Mit der Steinesammlung das Weibchen beeindrucken
Die genutzten Materialien sind vielfältig: Schlamm, Gras, Zweige, Blätter, Moss, Federn, tierische Haare und auch künstliche Zutaten wie Plastiktüten und Zigarettenstummel finden sich in Vogelnestern. Die Menge an Plastik in den Vogelnestern spiegelt direkt das Ausmaß wieder, mit der wir Menschen die Umwelt belasten: Enthielten im Jahr 1992 (Opens in a new window) noch knapp 40 Prozent der Nester einer dänischen Kolonie mit Dreizehenmöwen Plastik, waren es gut zehn Jahre später schon 60 Prozent. Wie es da heute, nochmal 20 Jahre später wohl aussieht?
Der Trauersteinschmätzer nutzt bei der Gestaltung des Brutplatzes Materialien, deren Bezeichnung schon in seinem Namen steckt: Steine. Er baut sein Nest, das aus verflochtenen Grashalmen und Würzelchen besteht, in Höhlen zwischen Felsen. Innen polstert er es mit Ziegenhaaren aus. Vor dem Eingang liegt häufig ein Wall aus Steinen, der das Gelege vor Feinden und Wetter schützen oder (so eine andere Theorie) das Weibchen beeindrucken soll: Das Männchen trägt nämlich während der Bauphase innerhalb weniger Tage ein bis zwei Kilogramm Steine (Opens in a new window) herbei – je Stein 3 bis 9 Gramm, bei etwa 40 Gramm Eigengewicht – eine erstaunliche Leistung.
Bodenständig oder hoch hinaus
Hoch oben in den Baumwipfeln, im Gebüsch versteckt, in der Baumhöhle, auf dem Wasser, auf dem Boden, auf Klippen, unter Dachziegeln, in Schornsteinen – Vögel versuchen, an sehr unterschiedlichen Orten ihren Nachwuchs großzuziehen.

Manchmal begeben sie sich dabei sogar in die Nähe von potenziellen Fressfeinden. Die Alpenkrähe zum Beispiel (Opens in a new window) sucht die Nähe von Rötelfalken, da diese mögliche Nesträuber sehr aggressiv bekämpfen. Wenn die Krähe nicht zu nahe kommt, profitiert auch sie davon. Dohlen haben teilweise größere Bruterfolge, wenn sie aus einem ähnlichen Grund in der Nähe von Turmfalken brüten. Der Turmfalke jagt die Dohlen nicht.
Die Baukunst der Elstern und Webervögel
In meiner Kindheit wohnte neben uns im Reihenhaus eine ältere, tierliebende Dame. Es wird erzählt, dass sie eines Tages, während eines heftigen Frühlingsregens, mit einem aufgespannten Schirm in ihrem Garten stand. Den hielt sie aber nicht über sich, sondern über ein Nest, das ein Amselpaar in einem Strauch gebaut hatte. Mit dieser Aktion wollte die Nachbarin die junge Vogelfamilie unterstützen. Was den Drosseleltern in dieser Situation mehr Stress bereitete – der Regen oder der Mensch mit Schirm – ist nicht überliefert.
Manche Vogelarten, etwa die Elstern, bauen gleich ein Nestdach mit, zum Schutz vor Sonne, Regen und Fressfeinden. „Das wichtigste Körperteil, das Vögel zum Nestbau verwenden, ist ihr Schnabel, obwohl einige Vögel zusätzlich ihren Körper und ihre Füße einsetzen“, schreiben die britische Evolutionsbiologin Catherine Sheard (Opens in a new window) und ihre Kolleg:innen.
Die Bauweise von Vogelnestern ist vielfältig. Von luschig bis höchstkompliziert. Tauben etwa reicht es offenbar aus, ein paar Zweige locker auf einer Astgabel oder einem Häusersims zu platzieren, und schon geht es los mit dem Eierlegen. Der Ansatz ist nicht immer erfolgreich. Manchmal reicht ja auch schon ein heftiger Windstoß aus, um die wüste Konstruktion mitsamt Ei einstürzen zu lassen.

„Die Größe der Vogelnester spiegelt (…) die Vielfalt ihrer Erbauer wider, vom unscheinbaren Fingerhut des Bienenkolibris bis hin zu Adlernestern, die die Größe und Form umgestürzter SUVs haben und bis zu mehreren Tonnen wiegen“, schreibt der Autor David Greer bei 3 Quarks Daily (Opens in a new window).

Den Rekord für das größte Vogelnest halte das Australische Buschhuhn, das fast drei Monate damit verbringe, einen riesigen Hügel aus Laub und Erde mit einem Durchmesser von bis zu sechs Metern anzuhäufen.
Mitunter kann der Brutplatz für die Eier bis zu vier Tonnen schwer werden. „Es versteht sich von selbst, dass das Buschhuhn bei den Vorstadtbewohnern von Brisbane nicht besonders beliebt ist, deren Gärten ohne Rücksprache für diesen großartigen Zweck requiriert werden können“, schreibt Greer.
Besonders aufwändig und filigran sind die Nester der Webervögel. Bei der Befestigung der kunstvollen Konstruktion, verwenden die Männchen zunächst grüne Blattstreifen und verschiedene Arten von Schlingen, Knoten und Haken (Opens in a new window). Danach flechten die Vögel das Nistmaterial in diese Grundstrukturen ein. Das Weibchen übernimmt den Innenausbau des Nestes.
Blaumeisen lernen dazu
Vogelforscherinnen und -forscher haben beobachtet, dass sich ältere Webervögel beim Nestbau geschickter anstellen als junge Tiere. Insgesamt scheinen Vögel beim Nestbau dazu und auch aus ihren Erfahrungen lernen zu können. Lange Zeit hielt man das für unmöglich, weil man sämtliche Brutaktivitäten unter der Überschrift „Instinkt“ verbuchte.
Tatsächlich stehen Vögel beim jährlichen Nestbau vor mindestens drei Entscheidungen: Wo, wie und welches Material? Forschende der Heriot-Watt-University in Edinburgh haben herausgefunden (Opens in a new window), dass Erfolge oder Misserfolge bei der Aufzucht der Jungvögel den Nestbau im Folgejahr beeinflussen: Blaumeisen, die erfolgreich Nachwuchs hervorbrachten, fügten beim Nestbau Isoliermaterial in ähnlicher Menge zu wie im Vorjahr.
Die Vogeleltern hingegen – bei den Blaumeisen ist allein das Weibchen für den Nestbau verantwortlich –, die keinen Erfolg hatten, sammelten mehr Isoliermaterial und steigerten damit die Chancen auf einen Bruterfolg. Ist das nicht wunderbar?
Text: Dr. Ulrike Gebhardt
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