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Am unscheinbaren Tag*

*Vom Ursprung

Die Idee zu dem Buch stammt aus einem früheren Leben. Nein, nicht aus meiner Kindheit. Auch nicht aus meiner ersten Ehe.

So richtig ins Kraut geschossen sind die Gedanken zum unscheinbaren Tag erst mit meiner zweiten Frau. Da war viel in Bewegung. Das war für mich ein Aufbruch.

Das klingt immer so abgekaut, wenn einer sagt: Ein neues Leben hat für mich begonnen. Und deswegen drücke ich mich auch davor, das zu sagen. Aber es hat sich vieles geändert. Da war der Moment, da habe ich unter vieles einen Strich ziehen können – so wie unter einer Rechnung, unter einer Addition.

Ja, das war eine Abrechnung, aber keine endgültige. Die kommt ja noch. Es war eine Zwischensumme. Und manch einen Wert, den habe ich übertragen. Ich bin ja Kaufmann. Ein Kaufmann spricht vom Saldovortrag. Andere nennen es Karma.

Ich hab da vieles aus mir weggeworfen und anderes in mir aufbewahrt. Und um frei im Kopf zu werden, habe ich mir gedacht: Das geht jetzt in einen Text ein. Und das war der unscheinbare Tag. Der war wie ein Koffer, den man auf den Dachboden stellt. Vielleicht muss man noch mal ran. Wenn nicht, dann ist es auch gut. Jedenfalls: Aus den Augen, aus dem Sinn.

Und der unscheinbare Tag, der begleitet mich jetzt, seit ich mit meiner jetzigen Frau zusammen bin und seit meine Tochter aus der ersten Ehe wieder bei mir lebt. Sie ist ja mit zwölf Jahren von ihrer Mutter zu mir gezogen. Und da war ich dann plötzlich nicht mehr allein unter meinem Dach, sondern ich hatte – nach neun Jahren – wieder Frau und Kind. Eine andere Frau und ein herangewachsenes Kind. Das ging ja schon ins Gymnasium.

Damals haben sich die Ereignisse überschlagen. Zu meiner Tochter und meiner jetzigen Frau kam noch Corona – und endlich ein Umzug in ein anderes Haus. Zunächst wohnten wir ja alle drei in meinem Elternhaus. Wobei: Alle drei, das ist ja nicht richtig. Da waren ja noch die Hündin und die Katze meiner Frau.

In dem unscheinbaren Tag wurde dann so ziemlich alles verarbeitet: die neuen Lebensumstände ebenso wie die, die für den Koffer bestimmt waren.

* Worum es geht

Da ist der Ursprungsort, also der Ort der Herkunftsfamilie. Und dann tritt der neue Ort auf den Plan. Der steht für die Zukunft – aber auch für das Loslassen. Man kann so alt werden, wie man will: Immer geht es ums Loslassen. Da denkt man, man hat einmal etwas auf Dauer. Aber es geht immer mehr ums Loslassen. Am Ende bleibt nur noch das Loslassen.

Der Umzug vom Herkunfts- in den Zukunftsort – der steht für das Loslassen. Die Herkunftsfamilie ist nicht mehr am Leben. Vater und Mutter sind tot. Die Großeltern sowieso. Obwohl: Meine eine Großmutter hat sie alle überlebt. Der Bruder bleibt am alten Ort zurück. Er ist eine Art Nachlassverwalter – ein Bewahrer einer längst untergegangenen Welt.

Und dann sind da so viele Erinnerungen. Die stecken in so vielen Dingen. Und nicht alle Dinge können und sollen auch an den neuen Ort mit umziehen. Mit dem Packen der Umzugskisten beginnt die große Auslese. Da ziehen alle Erinnerungen noch einmal an einem vorüber. Nein – sie gehen einem doch durch!

Abschied und Neubeginn – darum geht es. Und darum, wie der neue Ort zum Schreibort wird – so, wie es der alte Ort nie sein konnte. Da sind die Gedanken immer in die Tiefe gegangen, nie zum Himmel. Schon allein im neuen Garten und in der Natur, die hinter der Gartenhecke einfach so weitergeht – über das Feld, in den Wald.

Der unscheinbare Tag am neuen, dem unscheinbaren Ort, wird zum Rahmen für so viele Geschichten, die sich über die Jahre in meinem Kopf verdichtet haben. Und darum geht es im Buch vom unscheinbaren Tag – auch darum: um das, was gesagt werden muss, um die vielen kleinen und großen Geschichten aus meinem Kopf.

Und darum, dass ein Tag einfach für sich stehen kann – darum geht es auch. Er braucht keinen Zusatz, kein Extra, kein besonderes Ereignis. Er soll auch nicht für die Zukunft stehen. An ihm soll nichts vorbereitet werden für morgen. Er soll das sein, was er ist: pure Gegenwart.

* Über den Schreibprozess

Zu der Zeit, als es mit dem unscheinbaren Tag anfing, habe ich noch kein Werktagebuch geführt. Eigentlich tue ich das heute auch noch nicht – nicht so konsequent. Das ist schade. Da kann ich jetzt auf nichts zurückgreifen. Immerhin führe ich ein Tagebuch, und darin halte ich Gedanken zu schwierigen Textpassagen fest – wenn mir etwas durch den Kopf will und nicht mehr herauskommt. Darüber rede ich mit dem Tagebuch.

Aber überhaupt kenne ich keinen festen Schreibprozess. Ein Prozess – das ist für mich etwas, das wie am Schnürchen läuft. So wie geschmiert. Eine Hand greift in die andere. Ein eingeübter Prozess, der im Kopf beginnt – in einer vagen Vorstellung – und der sich dann in einen ersten Satz fortsetzt. Und dazu noch verlässlich, wie ein Uhrwerk. Ja, das hätte ich gerne. Aber das ist selten so. Von Verlässlichkeit keine Spur.

Da spielt der Alltag eine große Rolle. Ich bin ja nicht einfach nur so ein Écrivain, der alle Zeit der Welt hat, um seinen Gedanken nachzuhängen. Ich habe eine Arbeit, die mich beansprucht. Und genau dieser Anspruch der Welt an mich – der braucht dann doch wieder auch das Schreiben. Vielmehr brauche ich das Schreiben. Als Gegenentwurf. Ja, es ist eine Kraft, eine Stütze, damit nicht alles über mich herfällt. Und dann hilft das Schreiben ja auch, die Sprache zu entwickeln. Und die brauche ich wiederum für meine Arbeit.

Denn im Grunde bin ich ja ein stiller, fast stummer Mensch. Mit einer Scheu – einer Scheu vor Menschen. Also eher vor dem, was sie so denken und dann womöglich auch noch tun. Aber dem kann ich begegnen – mit Sprache. Denn viele Menschen können ja nicht sprechen. Also, natürlich wird geredet – aber ob vorher hinreichend gedacht wird? Und wenn du eben schreibst, dann bringst du das besser zusammen: das Denken und das Reden.

Aber zurück zum Thema – also zum Buch. Am Anfang waren da viele lose Enden. Mal habe ich etwas in mein Tagebuch notiert, mal etwas ins Smartphone diktiert – oder einfach auf ein Blatt Papier gekritzelt. Hauptsache, es geht kein Gedanke verloren. Am neuen Ort – es war ja noch Corona-Zeit – habe ich mich dann hingesetzt, um den Text zu knüpfen. Aber die meiste Arbeit, die hat mein Kopf ja vorher schon getan – meist nebenbei, unbewusst. Das da im Kopf – das schreibt sich dann, nein, das fühlt sich dann auf das Papier. Ja, das Schreiben ist ein Fühlen.

Begleitmaterial

Notizen, Skizzen, Schauplätze, …

… bleiben den Textwerker:innen vorbehalten.

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