Klimaschutz durch mehr Empathie? Das wird ja immer schöner hier.

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#97 #Klimafolgen #Essay
Ein Appell an die Empathie
Wenn wir kein Mitgefühl mehr zulassen, profitieren rechte und fossile Akteur*innen. Höchste Zeit also, sich mit den Betroffenen der Klimakrise zu solidarisieren. ~ 9 Minuten Lesezeit

Auf dem Weg zum Theater habe ich mich noch gefragt, warum ich mir das überhaupt antue. Es ist Sonntagabend im Mai in Berlin und ich bin dabei, mich in einen dunklen Raum zu setzen, um mir tragische Geschichten anzuhören.
Der Regisseur Michael Ruf hat Interviews mit Betroffenen aus Pakistan, Bangladesh, den USA und Kenia geführt und daraus ein Theaterstück gemacht: die Klimamonologe (Opens in a new window). An diesem Sonntag hatte er uns zu einer Vorstellung im Heimathafen Neukölln und zu einem anschließenden Gespräch mit dem Publikum eingeladen.
Auf der Bühne stehen vier Schauspieler*innen und erzählen die Geschichten der Betroffenen – Wort für Wort, nur ab und zu begleitet von Gesang und Cello.
Vor uns ist Qabale aus Kenia, die glücklich verheiratet war und viele Ziegen und sogar Kamele besaß – bis die Dürre (Opens in a new window) kam. Die Tiere fanden nichts mehr zu fressen und verhungerten, eins nach dem anderen. Die Familie hatte irgendwann selbst nicht mehr genug zu essen. Qabale aß immer als Letzte; damit sie den Hunger nicht so spürte, zog sie einen Gürtel fest um ihren Bauch.
Und da ist Leigh-Ann, eine Krankenpflegerin aus dem kalifornischen Ort Paradise (Opens in a new window). Als ein Waldbrand die gesamte Stadt in ein Inferno verwandelte, versuchte sie, so viele Patient*innen wie möglich zu retten. Sie war sich sicher, dass sie sterben würde und hat nur dank eines Truckers, der sie mitnahm, in letzter Sekunde überlebt.
Ich saß in diesem kleinen, dunklen Theatersaal, zusammen mit circa 50 anderen Menschen und auf einmal wusste ich, warum ich mir das antue. Ich glaube, den anderen ging es ähnlich. Wir waren hier, um endlich wieder die Empathie in uns zuzulassen, die wir im Alltag regelmäßig unterdrücken.

Empathiemüdigkeit in der Polykrise
Empathie in der Klimakrise ist eine immer knapper werdende Ressource. Wir sind gerade auf dem besten Weg, uns an Wetter zu gewöhnen, das es vor 20 Jahren noch auf die Titelseiten geschafft hätte. Heute ist eine Hitzewelle in Indien und Pakistan (Opens in a new window) mit 52 Grad und rund 500 Toten vielen Redaktionen kaum noch eine Randnotiz wert. Es ist absurd, aber wenn Leid zur Normalität wird, bekommen die Betroffenen nicht mehr, sondern weniger Aufmerksamkeit und Mitgefühl.
Dabei kann das fossile Weiter-so nur dann funktionieren, wenn wir die Klimafolgen verdrängen. Wenn wir nicht an uns heranlassen, was Betroffene wie Qabale und Leigh-Ann durchmachen müssen. Wenn wir ihre Namen nicht aussprechen.
Genau deshalb war die kollektive Empathie in diesem kleinen Theatersaal ein Akt des politischen Widerstands.
(Opens in a new window)Wir müssen uns die Empathie zurückholen, was natürlich viel leichter gesagt ist als getan. Schon wenn ich die Startseite der Tagesschau aufrufe, werden meine Empathie-Synapsen nervös. Sie wissen, dass gleich viel mehr Arbeit auf sie zukommt, als sie leisten können.
Eine junge Mutter in Kiew, die mit ihrer Tochter an der Hand vor den Ruinen ihrer zerbombten Wohnung steht. Ein Palästinenser, dessen Bruder erschossen wurde, als er auf Hilfsgüter wartete. Iran, Syrien, Israel, Kongo, Jemen, das Mittelmeer. Mit all dem sind meine Empathie-Synapsen heillos überfordert. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass Du und die meisten anderen Menschen diese Überforderung nur zu gut kennen.
An dieser Stelle möchten wir Dir eine Ausstellung in Berlin ans Herz legen, die etwas in den Fokus rückt, was in unserem Alltag so gut wie unsichtbar bleibt: Müll – und wie sehr er Klima und Natur schadet. Die schwedische Ausstellung „So ein Müll!“ zeigt, wie wir unseren Umgang mit Ressourcen ändern können – weg von Abfall, hin zu einem Kreislaufsystem.
Sie kombiniert Fotos des schwedischen Künstlers Mattias Käll (siehe unten) mit einer Infoausstellung vom Schwedischen Institut. Zu sehen noch bis zum 11. Juli im Felleshus der Nordischen Botschaften in Berlin. Der Eintritt ist frei. Am letzten Tag (11. Juli) findet zudem ein Upcycling-Workshop statt.

Der Shoutout ist eine bezahlte Kooperation mit der Schwedischen Botschaft in Berlin.
So viel Empathie zu produzieren, sind unsere Synapsen nicht gewohnt. Als eine Art Schutzmechanismus ziehen sich viele ins Private zurück und lesen keine Nachrichten mehr. Eine Analyse des Reuters Institute (Opens in a new window) ergab, dass 41 Prozent der Befragten sich von der Menge der verfügbaren Nachrichten erschöpft fühlen.
Wer krisenmüde ist, rationiert seine Empathie. Erst kommen die dran, die einem am nächsten sind, Familie und Freund*innen, danach vielleicht noch entferntere Bekannte. Hier und da bleibt noch ein kleiner Empathierest für Menschen in einem der Konfliktgebiete. Wer aber ziemlich sicher leer ausgeht, sind Betroffene von Klimafolgen. Das ist nicht nur bitter, sondern auch eine verpasste Chance.
Empathie-Bashing als politische Strategie
Rechte und fossile Akteur*innen profitieren davon, wenn Menschen abstumpfen. Das haben wir beim rassistischen Wahlkampf der Union gesehen, der mit dazu geführt hat, dass Rechtsextreme die zweitstärkste Kraft in Deutschland wurden. Und das sehen wir auch beim Klimaschutz.
Je weniger Empathie wir für Betroffene von Klimafolgen haben, desto gleichgültiger werden wir gegenüber der nächsten Tonne CO₂, die ausgestoßen wird. Auch wenn es anstrengend ist – dort hinzugucken, wo die Klimakrise wütet und im besten Fall noch darüber zu reden, ist immer ein Auflehnen gegen das fossile System und seine Nutznießer.
Menschen wie Elon Musk machen nicht einmal ein Geheimnis daraus, dass sie Empathie delegitimieren wollen. Vor kurzem sagte er in einem Podcast (Opens in a new window): „The fundamental weakness of Western civilization is empathy.“ Mitgefühl, das vielleicht größte evolutionäre Feature des Menschen, ist seiner Meinung nach die größte Schwäche der westlichen Gesellschaft.
Empathie abzuwerten sei dabei eine gezielte Strategie, sagt Klimajournalistin Verena Mischitz (Opens in a new window). Rechte Akteur*innen wie Elon Musk würden damit ihre menschenunwürdige politische Agenda rechtfertigen. „Wenn es nicht mehr normal ist, mit anderen mitzufühlen oder anderen zu helfen, ist es auch einfacher, die Einwanderungspolitik zu verschärfen.“
Ein Akt des politischen Widerstands
Jakob Huber leitet an der FU Berlin die Forschungsgruppe „Democratic Hope“. Laut ihm setzt Hoffnung immer voraus, daran zu glauben, etwas verändern zu können. Deshalb fühlen sich momentan viele Menschen hoffnungslos: weil sie sich nicht mehr als Akteur*innen wahrnehmen. Das hat auch mit grundlegenden gesellschaftlichen Entwicklungen zu tun, die das Individuum vor das Kollektiv stellen.
Viel wichtiger aber vielleicht noch: Viele sind laut Huber frustriert davon, dass ihr demokratisches Engagement nicht gehört wird. Die Klima-Bürgerräte, die es in Frankreich und Deutschland gab, wurden mehr oder weniger einfach ignoriert. Hunderttausende Menschen, die auf der Straße gegen den Rechtsruck demonstrierten, wurden vom mittlerweile mächtigsten Mann des Landes, schlichtweg als grüne und linke Spinner beleidigt. Der Zivilgesellschaft das Gefühl zu nehmen, etwas bewirken zu können, scheint für die Union und Friedrich Merz eine legitime Strategie zu sein.
(Opens in a new window)Wenn wir Empathie als Akt des politischen Widerstands begreifen, liefert das die Möglichkeit, sich diese Erfahrung der Selbstwirksamkeit zurückzuholen. Wer seinen Mitmenschen gegenüber aufgeschlossen ist, sich in ihre Lage versetzt, wird dann automatisch zur politischen Akteur*in. Das Schöne ist, dass wir damit nicht nur eine Wirkung auf unser unmittelbares Umfeld haben, sondern weit darüber hinaus.
Die Philosophin und Autorin Natalie Knapp (Opens in a new window) betont, dass wir systematisch unterschätzen, wie viel Einfluss wir auf andere Menschen haben. Es sei empirisch belegt, dass wir über drei bis vier Kontaktpunkte hinweg einen positiven Effekt haben können. Also auch auf Menschen, die wir gar nicht kennen. Knapp spricht dabei von Kettenreaktionen des Glücks und der Zufriedenheit. Du kannst es ja gleich direkt mal ausprobieren und der nächsten Person, die Du triffst, davon erzählen, warum Empathie gerade so wichtig ist.
Zwischen Empathie und Widerstand
Heißt das alles also, je mehr Mitgefühl wir haben, desto besser? Nur bis zu einem gewissen Grad – denn auch in der Polykrise braucht unsere Empathie Grenzen. Zum einen, um uns selbst zu schützen und uns nicht emotional stärker zu belasten, als wir in einem Moment vertragen können. Zum anderen, um keinen Zweifel an der eigenen Haltung zuzulassen, wenn Menschen andere Menschen gefährden.
Kristina Lunz (die auch Autorin bei Unlearn CO2 (Opens in a new window) ist) schreibt in ihrem aktuellen Buch (Opens in a new window), dass „nur Empathie allein nicht den nötigen gesellschaftlichen Wandel erzeugt“. Empathie brauche einen Mit- und Gegenspieler – und dieser notwendige Antagonist sei der Widerstand. Dem Widerstand wendet sie sich dann zu, wenn Menschen mit Macht ihre Position ausnutzen, um anderen Menschen zu schaden.
Genau dieses Balancieren zwischen Empathie und Widerstand ist in der Klimakrise besonders schwierig. Bei Politiker*innen und Manager*innen, die ihre Macht für ein fossiles Weiter-so missbrauchen, ist die Antwort recht klar: Widerstand. Denn sie gefährden damit ein friedliches Zusammenleben auf diesem Planeten.
Aber was ist mit denjenigen, die innerhalb des fossilen Systems vermeintlich normale Dinge tun? Mit Leuten, die einen BMW X7 fahren, zum Beispiel. Oder sich eine Pizza Salami bestellen. Auch sie schaden anderen. Ihnen jedoch nur mit Widerstand statt mit Empathie zu begegnen, bringt uns nicht weiter. Brücken abzureißen und Gräben auszuheben, freut diejenigen, die von gesellschaftlicher Spaltung profitieren.
Wenn wir uns hingegen trauen, Empathie immer wieder zuzulassen, öffnen sich ganz neue Möglichkeiten für das, was Klimaschutz noch alles sein kann, außer Müll zu trennen und die Heizung runterzudrehen. Elon Musk gefällt das nicht.
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Unser Klimasong kommt dieses Mal vom Berliner Rapper Alligatoah: Musik ist keine Lösung (Opens in a new window).
Du denkst, du gibst dem System eine Reparatur
Unterschätzt dabei nur das Gesetz der Natur
Denn wir kommen mit Kohlekraft
Dem Monopol der Macht, mit Munition en Masse
Durch Korruption ergattertem Logen-Platz
Du kommst mit Notenblatt, wir haben uns tot gelacht!
Die nächste Ausgabe bekommst Du am 12. Juli. Wir nähern uns der 100. Ausgabe …
Bis dahin
Julien
PS: In der aktuellen Folge vom Pod der guten Hoffnung ist Investigativjournalistin Annika Joeres zu Gast. Sie hat zusammen mit Susanne Götze vor kurzem „Die Milliarden-Lobby (Opens in a new window)“ herausgebracht. Im Podcast spricht sie darüber, wie eine Handvoll Männer immer wieder die Transformation blockiert. Hier geht’s zur Folge auf Spotify (Opens in a new window). Alternativ suche einfach im Podcast-Player deiner Wahl nach „Pod der guten Hoffnung“.
(Opens in a new window)👨🏻🎨 Alle Illustrationen wie immer in Handarbeit von Manuel Kronenberg
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