
Am vergangenen Samstag, dem 14.02.2026, fand eine Demonstration gegen das iranische Regime auf der Theresienwiese in München statt.
Die Polizei hat eine Teilnehmerzahl von 250.000 Menschen bestätigt. Auf Social Media gibt es nun einige Behauptungen, es seien weit weniger Teilnehmer gewesen.
Eine schöne Fingerübung um Montagsmorgens beim Käffchen wieder warm zu werden.
Ich werde kurz erklären, wie das Zählen von Menschenmengen überhaupt funktioniert, was die Quellen sagen und zu welchem Schluss ich komme.
Aufgrund des Bildmaterials muss ich das barrierefrei auf der eigenen Plattform darstellen.
Wer mich nicht kennt:
In einem früheren Leben war ich Unteroffizier einer nachrichtendienstlichen Spezialeinheit, ich war Luftbildauswerter, spezialisiert auf die russische Flotte, auch für die NATO und im Einsatz.
Wie wird gemessen?
Die Demonstration begann gegen 13:00 Uhr und dauerte bis etwa 18:00 Uhr. Das bedeutet, wir haben ein dynamisches Geschehen über fünf Stunden hinweg.
Die Polizei beurteilt, wie viele Teilnehmer in der Spitze an einer Demonstration teilgenommen haben.
Und um Verschwörungsmythen vorzubeugen:
Für diese Zählungen verantwortlich sind die zuständigen Einheiten der Landespolizeien. Und die sind selbstverständlich den Bundesländern unterstellt. Zu glauben, eine Polizei in München, Hamburg oder Berlin würde aus bundespolitischem Interesse getürkte Zahlen herausgeben, ist schon sehr konstruiert.
Zudem besteht immer die Gefahr, dass sie erwischt würden. Denn einige Universitäten zählen im Rahmen verschiedener Studiengänge mit. Und die könnten natürlich wissenschaftlich belegen, wenn sie zu einem anderen Ergebnis kommen. Zum Beispiel beschäftigt sich die Deutsche Sporthochschule Köln mit so etwas.
Was man macht, ist im Grunde sehr einfach. Man misst bei solchen Demonstrationen die Fläche.
Dann schaut man, wie dicht die Menschen stehen. Das wird in Personen pro Quadratmeter angegeben.
Bei ein bis zwei Personen pro Quadratmeter spricht man von einer geringen Dichte. Bei Demonstrationen ist eine mäßige Dichte üblich, das sind bereits drei bis vier Personen. Ab fünf Personen wird es gefährlich, ab sechs Personen herrscht Lebensgefahr.
Bei der Love Parade 2010 in Duisburg kamen im Gedränge sieben Personen auf einen Quadratmeter.
Natürlich stehen die Menschen am Rand lockerer, vor einer Bühne dichter. Dafür gibt es Modelle, um das genauer zu kalkulieren.
Das kann ich nicht, denn das ist ja nicht Kern dessen, was ich gelernt habe. Aber wir können uns mit sehr einfachen Mitteln annähern.
Fläche, Dichte und Propaganda
Man muss also zunächst die Fläche definieren, auf der eine Demonstration stattgefunden hat.
Und da taucht das erste Problem auf.
Die Theresienwiese ist für so etwas natürlich optimal. Es gibt aber keine richtigen Luftbilder von der Veranstaltung. Weil der Überflug mit Drohnen untersagt war. Die Polizei war da aus Sicherheitsgründen natürlich hinterher.
Wenn man also nicht selber dabei war und die Menschenmenge einmal umkreist hat, muss man anhand verschiedener Bilder Informationen sammeln.
Und das ist der größte Knackpunkt.
Ich habe mehrere Postings gesehen, die aus für mich nicht wirklich nachvollziehbaren Gründen Bilder von Überwachungskameras genommen und diese mit irgendwelchen Tools online vermessen haben. Diese Bilder waren aber zumeist nicht vom Höhepunkt der Veranstaltung, sondern von davor. Das kann man auch teilweise ganz einfach am Wetter erkennen, wann es wie stark geregnet hat.
Zudem habe ich zwei Beispiele gesehen, in denen Bilder aus der Ferne verwendet wurden, und die Fläche viel zu klein definiert wurde.
Ob das Absicht war, kann ich nicht beurteilen. Denn durch die Winkel kann das schon sehr täuschen. Andererseits sind die Flächen durch das Raster der Theresienwiese ja sehr leicht einzuordnen.
Eine relativ große Reichweite hatte meiner Wahrnehmung nach ein Posting des Accounts „PolitRealist“. („Enthüllung von Propaganda | Analysen zu NATO, EU, Russland, Ukraine | Geopolitik“) Der u.a. auch von „Kriegspropaganda der Medien“ sprach und scheinbar das ganze Wochenende damit beschäftigt war, irgendetwas zu widerlegen und Memes zu erstellen.
Der hat die Fläche jedoch nicht nur falsch vermessen, sondern die Zahl der Menschen auf 1,5 pro Quadratmeter gesetzt.

Und so kam er auf 15.000 Menschen.

Was ich ebenfalls bemerkenswert finde ist, dass Screenshots von wiesn.tv (Opens in a new window) gezeigt wurden. Das ist eine Plattform, die eine Live-Kamera anbietet.

Da diese aber nicht aufzeichnet, muss also jemand bewusst da gesessen und Screenshots erstellt haben, um irgendetwas zu be- oder widerlegen… Ich verdiene mit sowas mein Geld und hatte trotzdem Samstagnachmittag echt Besseres zu tun.
Einfache Rechnung
Was ich gemacht habe, ist sehr einfach.
Ich habe mir viele Fotos angeschaut, auch von Anbietern von Pressebildern. Und ich habe mir einige Videos angeschaut. Es gab mindestens zwei Live-Übertragungen, die auch noch im Netz zu finden sind. Ich verlinke sie nur nicht, weil die Kanäle mir äußert dubios erscheinen. („Warum berichten die Mainstream Medien hier nicht?“ …auch wenn die Medien voll waren.)
Durch den Abgleich habe ich die äußeren Ränder in der Zeit der größten Dichte definiert. Was auf der Theresienwiese sehr leicht ist.
Die meisten Videos wurden von vor der Bavaria-Statue aus gemacht. Von wo die Bühne durch den Bewuchs gar nicht zu sehen ist. Man kann aber auch da schon sehr deutlich erkennen, dass die Menschenmenge gegen 16:00 Uhr deutlich über die Hauptachse Haupteingang-Bavaria hinausgeht.

Das habe ich dann eingemessen.
Nicht einfach mit Google, sondern mit Google Earth Pro auf Satellitenbild. Und so komme ich auf 62.000m².

Schaue ich mir dann die Dichte an, so sieht das sicher nicht nach 1,5 Personen pro Quadratmeter aus, sondern eher nach vier. Eine mäßige Dichte, bei solchen Veranstaltungen völlig üblich.

Selbstverständlich wird sich das nach hinten ausdünnen. Gehen wir im Mittel also von drei bis vier Personen aus, kommen wir auf der Fläche auf 186.000 bis 248.000 Menschen.
Ohne großes Modellieren, ohne Formeln, bei einem Morgenkäffchen. Und die Polizeien und Unis können so etwas weit genauer.
Die angegebenen 250.000 sind also absolut glaubwürdig.
Zumal die Polizei immer etwas höher als nur die Menschenmenge im Kern ansetzt, sondern auch Zu- und Abströme dazurechnet. Da es dabei ja auch um Sicherheitsmaßnahmen wie Straßensperren und Krankenwagen geht. Das ist also für das „Crowd Management“ absolut notwendig.
Ich verstehe absolut nicht, warum jemand versucht das zu diskreditieren. Es macht in meinen Augen keinerlei Sinn. Die Erklärung, dass irgendwer in Deutschland vom iranischen Regime dafür bezahlt würde, ist mir zu platt.
Wenn ich überfliege, was diese Accounts ansonsten posten - gegen NATO, Lauterbach, EU… und Selenskyj ist ein „Idiot“ der bis zur „totalen Niederlage weiterkämpfen“ soll – wird mir einiges klar. Wenn am verregneten Nachmittag der Helm glüht, kann man schon mal bei einer friedlichen Demo gegen ein Regime „Kriegstreiberei“ wittern.
Was bei der Berichterstattung etwas untergegangen ist: Die Münchner Demo war auch so groß, weil sie am Rande der Sicherheitskonferenz stattgefunden hat. Es gab solche Demonstrationen aber u.a. auch in Washington, London und Toronto.
