FLINTA (Frauen, Lesben, intergeschlechtliche, nichtbinäre, trans und agender Personen) können nicht mehr, sie haben pronomenübergreifend genug, von der Gewalt, die ihnen physisch, verbal, durch ungerechte Strukturen überall im Leben begegnet.
Menschen ertragen es nicht mehr, dem Rückwärtskarussell zuzusehen, das sich immer schneller und schneller dreht. Die Hoffnung, dass Faschismus und Patriarchat, Krieg und Unterdrückung, Sklaverei und Genozid mit einer ewig gestrigen, biologisch alten Generation aussterben würden, hat sich nicht erfüllt. Längst sind neue Generationen bzw. Gruppen in jeder Generation nachgewachsen, die Menschenrechte an sich nicht anerkennen. Das konnte geschehen, weil die alten Schurken mit Geld und Verbindungen neue Schurken herangezogen haben. Und auch, weil Personen, die genau das aufgezeigt und analysiert haben, kleingeredet und abgetan worden sind.
Ja, es gibt Religionskriege, Wirtschaftskriege, Kulturkriege, aber im Kern führt immer eine Gruppe besonders machtgeiler cis Männer mit ein paar Pickme Girls Krieg gegen Millionen bis Milliarden Menschen, die einfach nur sicher und würdevoll leben wollen.
Dass die Bösen es hinbekommen, jeweils Gruppen gegeneinander aufzuhetzen, die sachlich betrachtet mehr miteinander als mit den Kriegstreibenden teilen: geschenkt. Es ist tragisch, aber so funktioniert eben Kommunikation, wenn man sie manipulativ zu Propagandazwecken betreibt.
Ja, die Superreichen sind die Schlimmsten, aber auch sie sind überwiegend cis Männer. Bemerkenswert, aber vollkommen logisch ist, dass Religion, Hautfarbe, Kultur für Personen, die sonst alles tun, um ihre ethnische oder Religionsgruppe »rein« zu erhalten, komplett unbedeutend werden, wenn es darum geht, Kindern sexuelle Gewalt anzutun oder Krieg für Öl zu führen. Dann sind plötzlich alle Bros, weil global heißt das Programm: cis Männer mit viel Kohle first.
Es wird nicht nur nicht besser, es wird wieder und immer noch schlimmer, und jetzt steht auch noch gesichertes Wissen zur Verfügung, dass alles noch viel schlimmer ist, als man es sich je vorstellen konnte. Es gibt buchstäblich keine Grenzen des Unrechts. Was an Grauenhaftem getan werden kann, es wird früher oder später getan, nicht nur von den Milliardärsclub-Mitgliedern. Wer von allein nicht darauf gekommen wäre, obdachlose Menschen zu ermorden, einen Schul-Amoklauf zu planen oder die Ex-Freundin umzubringen, kann sich jetzt 24/7 dazu im Internet anregen lassen.
Viele Menschen fühlen nicht mehr, dass andere Menschen existierende Lebewesen sind, die nur ein einziges, unersetzliches Leben haben. Die Bitch nervt? Sofort wegmachen. Klick macht die Tastatur, Klick macht die Knarre. Viele Menschen fühlen auch ihr eigenes Leben nicht mehr, wenn sie nicht etwas extrem Gewalttätiges tun.
Der feministische Kampftag fühlt sich vor dem Hintergrund, dass man in diesem Kampf offensichtlich Menschen gegenübersteht, die einen selbst gar nicht als Menschen ansehen, mehr und mehr wie Selbstverarschung an. Ja, der 8. März ist gut für die Soli untereinander, dass man sich wenigstens einmal im Jahr nicht immer nur digital gerechnet sieht, aber bringt er wirklich etwas? Sorgt er für Aufmerksamkeit oder gar für Veränderung? Das einzige, wofür er sicher sorgt, ist, dass ein, zwei Wochen vorher Konzerne mit Feminismus Waren verkaufen können. Und dass Friedrich Merz vermutlich was Nettes über Frauen sagen wird, um die nächsten 364 Tage lang »beweisen« zu können, dass er Frauen nicht hasst. Sehr vielen FLINTA aber bringt der feministische Kampftag nur weiteren Stress, denn wer kümmert sich am 8.3., wenn sie auf die Demo gehen, um die Kinder, um die pflegebedürftige Mutter …

Das Problem ist nicht mehr, dass Menschen nicht wissen, dass es ungerecht zugeht – für diese Aufklärung war der feministische Kampftag früher wesentlich. Das Problem ist, dass sie konsumeristisch stillgelegt sind oder glauben, nichts tun zu können. Oder sie sind, weil sie selbst keine FLINTA sind oder FLINTA, die viele Privilegien genießen, nicht imstande, ausreichend mitzufühlen, um solidarisch zu sein.
Gegen all das gibt es nur eine Strategie: Solidarität ohne aber. Solidarität ohne aber mit allen Menschen, viel besser noch: mit allem Leben auf der Welt. Wer jetzt denkt solidarisch bin ich doch eh!, sei gewarnt: Solidarität muss tätig sein und immer wieder aus- und eingeübt werden. Gern an das warnende Beispiel der Ex-Feministin denken, die heute mit Leidenschaft trans Kindern und BIPoC das Leben versaut.
Schließt euch zusammen: für den Anfang in kleinen Gruppen, von denen es dann immer mehr geben wird, bis große Gruppen entstehen. Macht den Streik für eine gerechtere Welt zum Zentrum eures Lebens, so lange, bis es endlich besser wird.
Streik als Zentrum des Lebens, häh, voll übertrieben? Gegenfragen: Macht dir in dieser Welt das Leben überhaupt noch so richtig Freude? Lohnt sich der Versuch deshalb nicht in jedem Fall?
Meine Prognose: Die Übermächtigen werden schnell an Macht verlieren, wenn ihr nicht mehr durch unterlassenen Widerstand, durch Passivität mitspielt.
Begeht den 8.3. wie ihr mögt: mit Blumen, Demos, Social-Media-Kacheln, Aktionen. Und dann macht bitte am 9.3. weiter. Streikt! Geht wieder auf die Straßen, alle, die können, damit es große Zahlen von Menschen und starke Bilder werden. Das macht einen Unterschied, dadurch wird es gleich realer. Bleibt danach noch ein bisschen länger zusammen und überlegt, wie mehr Zusammengehörigkeit, Nachbarschaftlichkeit, Mitmenschlichkeit in eurer Umwelt gelebt werden könnte. Und dann, wenn ihr wieder zuhause seid, kündigt Accounts und Abos bei Unternehmen von Faschomilliardären. Ja, das ist anstrengend, aber willst du wirklich dein Geld und deine Daten weiter Personen geben, die dich hassen oder zumindest zutiefst verachten, für die du buchstäblich gar nicht existierst?
Vor allem aber verweigere am 9.3. möglichst umfassend die Arbeit, ausgenommen natürlich die, von der wirklich hilfsbedürftige Menschen abhängen. (Dein Ehemann/Boyfriend ist damit im Zweifelsfall nicht gemeint.) Natürlich soll niemand seine Existenz riskieren, dieser Streik ist nicht vom Streikrecht gedeckt.
Überlege heute schon, was in deinem Leben alles Arbeit ist, was davon fair bezahlt, was überhaupt bezahlt, was gesehen, was wertgeschätzt wird. Schreib es auf.
Du bist ein cis Mann und fragst dich, was du tun kannst?
Du gehst bitte am 9.3. mit auf die Straße, zusammen mit deinen Bros. Ihr denkt euch nicht die originellsten Bannersprüche von allen aus, sondern haltet den Ball flach. Medienvertretenden, die euch natürlich spannender als alle FLINTA zusammen finden werden, gibt einer von euch kurz und sachlich Antwort (»Solidarität ohne aber«) und weist höflich darauf hin, dass ihr heute nur unterstützend dabei seid. Und dann setzt ihr euch später noch zusammen und besprecht, wie ihr an euch und der Gesellschaft arbeiten wollt, ohne gleich wieder die ganze Bewegung an euch zu reißen. Du auf dem Weg zur Gewaltentherrlichung ist das Ziel.
Jetzt gleich kannst du mit nahen FLINTA-Personen sprechen und fragen, was sie an aktiver Solidarität von dir brauchen, was ihnen fehlt, wobei du helfen könntest. So findest du praktischerweise ganz nebenbei auch raus, wie du es hinbekommen kannst, dass sie dich weiter in ihrem Leben haben wollen. Versuch es dabei ganz doll mit Dialog: sprechen, zuhören (= aussprechen lassen), sprechen, zuhören (= aussprechen lassen) – ist, sobald man die andere Person als Subjekt wahrnimmt, so einfach wie atmen.
– Wenn Zuhören und Aussprechenlassen neuromäßig sehr schwerfallen, findest du bestimmt deinen eigenen Weg, etwas dialogischer zu werden.
Dich nervt schon der Ausdruck »FLINTA« so krass und wenn man dich »cis Mann« nennt, bist du raus. Ja, bist du wirklich, aber denk doch noch mal darüber nach, ob du nicht vielleicht auch gern in einer weniger abgefuckten Welt leben möchtest.
Du bist schon not all men, toll! Dann weißt du ja, dass es darum gerade nicht geht.
Du bist eine FLINTA-Person, die den besten cis Boyfriend/Ehemann der Welt hat, toll! Dann weißt du ja, dass Solidarität darin besteht, von der persönlichen Situation abzusehen.
Orientiert euch bitte bei einer der Aktionsseiten, da könnt ihr sehen, was bei euch in der Gegend los ist. Wenn nichts los ist, macht selber was. Falls ihr nicht rausgehen könnt, unterstützt möglichst online. Teilt eure Info wieder, hier ist Sharing mal wirklich Caring.
Bitte nicht so viel Zeit darauf verwenden, nach dem Haar in der Suppe zu suchen. Geht nebeneinander, wenn sich miteinander im Einzelfall nicht richtig anfühlt. Streikt. Sonst dürft ihr vielleicht bald gar nicht mehr demonstrieren.
Egal, was ihr am 9.3. macht, könnt ihr in jedem Fall folgendes PGExplaining-Plakat aufhängen, ich schenke es euch als Gratisdownload (Opens in a new window). Es lässt sich in DinA3 oder DinA4 ausdrucken. Hängt es zuhause ins Fenster, vielleicht auch in den öffentlichen Raum. Nehmt es auf Pappe geklebt als Demoschild mit. Zeigt damit, dass ihr nicht mehr reden, nicht mehr erklären, sondern tätige Veränderung sehen wollt.
Nutzt es nach Belieben. Nur verkaufen oder mit dem Motiv bedruckte Dinge verkaufen dürft ihr nicht.
(Opens in a new window)
Lasst das Plakat gern über den 9.3. hinaus hängen. Weil ihr weiter streikt. Weiter Widerstand leistet. Innerlich und immer öfter äußerlich.
»Die alte Welt liegt im Sterben, die neue ist noch nicht geboren: Es ist die Zeit der Monster«, lautet das Zitat von Antonio Gramsci, das Linke und leider auch Rechte lieben, aber bitte: Es ist keinesfalls schon ausgemachte Sache, was für eine neue Welt da gerade geboren wird. Linkes Karnickel muss nur endlich aufhören, in Social Media vor rechter Schlange zu sitzen und endlich ins Hoppeln kommen.
Veränderung zum Positiven ist möglich. Lasst euch nicht mehr als naiv abtun und ausreden, hands on eine bessere Welt für alle anzugehen. Es ist nicht naiv. Es ist vernünftig und es ist richtig.
Die Handvoll Überbösewichter, die auf Adrenalin und Speed im Team Monster spielt, wird niemals überzeugt werden, aber man kann sie mit vielen Gewaltlosen in Schach halten, das reicht. Es geht eh immer alles weiter und von neuem los, zyklisch und so, aber jetzt muss es anders weitergehen. Unbedingt.
Dein innerer Aktionscode lautet STREIK9326, nur dass es dieses Mal nichts billiger gibt, der Akzent liegt auf Aktion.
Passt am 8. und 9. gut auf euch und aufeinander auf. Und auch heute, am 10. und danach. Und auch auf die Welt. Ich gehe in Neapel demonstrieren. Erzählt mir gern, wo ihr hingeht.
Ciao miao,
FrauFrohmann