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Across the Universe (15/50)

Mehrdeutig wird es in dieser Folge, liebe Koapier-Community!

Nothing gonna change my world” texteten John Lennon und Paul McCartney irgendwann in den 1960er Jahren in dem Song, der im Jahr 2015 aber genau das tat: Das Leben von Marie Lina Smyrek sehr grundlegend verändern.

Across the Universe (Opens in a new window)” ist somit ein schönes Beispiel dafür, dass Dinge häufig zwei Seiten haben.

Musik-Streaming zum Beispiel.

Darüber spricht Marie in dieser Folge. Dass sie zudem die erste Person ist, die für ein Tiktok-Format (smypathisch (Opens in a new window)) einen Fernseh-Grimme-Preis bekommen hat, passt wunderbar in dieses mehrdeutige Kapitel, in dem ich weiter unten Mehrdeutigkeit in den vermeintlichen Dualismus von Original und Kopie bringen will. Dabei hilft mir Wolfgang Ullrich, der gerade ein neues Buch veröffentlicht hat (Memokratie (Opens in a new window)), das ich genauso empfehlen möchte wie smypathischs Videos - besonders die aktuelle Folge mit dem mehrdeutigen Bezo/Rezo (Opens in a new window).

Mehrdeutig ist auch der Streit um den Song “Nur Mir” (Opens in a new window) von Sabrina Setlur. In dieser Woche deutet sich nun eine Wendung in der Sample-Auseinandersetzung zwischen Produzent Moses Pelham und der Band Kraftwerk an - auf den damit zusammenhängenden Begriff Pastiche gehe ich ganz am Ende dieser Folge ein.

Mehrdeutige Freude bei der Lektüre wünscht
Dirk

Across Universe

„Across the Universe“ (Fiona Apple) (Opens in a new window) - vorgeschlagen Marie Lina Smyrek, die im Web als “smypathisch” bekannt ist (Opens in a new window). Im Jahr 2023 gewann sie als erster TikTok-Kanal jemals den Fernseh-Grimme-Preis.

2015 ploppte auf meinem iPhone 5s eine Meldung auf, die im ersten Moment sowohl nervig als auch verlockend war. „Apple Music Probeabo - jetzt 3 Monate kostenlos testen!“ Apple Music hatte Glück, denn 2015 war auch das Jahr, in dem ich Spotify ausprobiert und mit den signifikanten Farben schwarz/grün für vor allem ästhetisch abstoßend befunden hatte. Ich meldete mich an, Familienabo über die Kreditkarte meiner Mutter, eine Familieninvestition also, sollte es nach der Probephase überhaupt weitergehen.

Ich musikalisch also endlich frei. Nachdem der Download meiner großen Lieblingssongs abgeschlossen war, stöberte ich in einer den ominösen Apple Playlists „New Music Daily“ oder der perfekt auf mich zugeschnittenen Liste „Für dich“ und stolperte über ein Lied, das mir ein sehr großes Geschenk machte.

„Across the Universe - Fiona Apple“. Eine 1998-Coverversion eines Beatles Songs (Opens in a new window), auf dem Soundtrack von „Pleasantville“, ein Comedyfilm, in dem Tobey Maguire und Reese Witherspoon ein Abenteuer in der Welt ihrer Lieblingsserie erleben. Der Song interpretiert von Fiona Apple, das Arrangement und die Stimme waren glockenklar. Weder das Cover noch der Titel, der mit der obligatorischen Klammerinformation (from the Original-Soundtrack…) negativ ins Auge fiel, sprachen dafür, doch ich war mir sicher, das schönste Lied der Welt zu hören. 

Natürlich war mir noch nicht klar, dass es sich hier um eine Coverversion handelt, meine Beatles-Kenntnisse umfassten damals noch nicht annähernd das Maß, das für ein gutes Leben notwendig ist. Mir war aber klar: Dieser Song ist magisch und ungefähr so muss es sich im Himmel anhören.

Wenn mich heutzutage jemand fragt, wann meine allgegenwärtige Beatles-Obsession begann, sage ich so etwas wie „irgendwann im Abi, auf jeden Fall mit 17.“ und unterschlage damit, dass ich ganz genau weiß, wann es um mich geschehen ist. Dieser Tag, an dem ich die Coverversion von „Across the Universe“ hörte, wird der Tag gewesen sein. An diesem Tag war eine Coverversion so überzeugend, dass ich direkt weitere hundert Lieder des Originalinterpreten hören wollte und ich hatte für den Zeitraum von mindestens drei Monaten auch noch den legalen Zugriff auf alles, was ich für meine neue Begeisterung brauchte.  

So furchtbar unfair und schlimm Musik-Streaming also heute ist und so sehr ich auch jedem aus den Generationen über mir glaube, wie besonders sich Musik damals anfühlte, weil „man was in der Hand hatte“ oder „wir warteten bis ein Lied im Radio lief“, so dankbar bin ich doch für den blöden Algorithmus, der mir einen Cover-Song aus 1998 vorschlug, den ich sonst vielleicht erst Jahre später gehört hätte und damit wertvolle Jahre verloren hätte. 

Fiona Apple öffnete mir die Pforten in den Beatles-Himmel. Danke also an Fiona Apple, Apple Music und Apple Corps! 

Sowohl als auch

(E7) Die Welt der Kopie ist vermeintlich einfach: hier die Vorlage (gut) dort die Vervielfältigung (schlechter). So zeigte sich das Verhältnis von Original und Kopie jahrhundertelang - als klarer Gegensatz, der einer eindeutigen zeitlichen Abfolge gehorcht: Erst das Original, dann die Kopie.

Wer so denkt, findet schnell die Unterscheidung zwischen wahr und falsch, zwischen echt und künstlich. Dieses Differenzen bestimmen nahezu alle gegenwärtigen Debatten digitaler Medienkompetenz: Intelligenz (künstlich vs. menschlich), Fakten (wahr vs. falsch) und sogar das Leben (real vs. online) werden in dieses von der Original-Diskussion geprägten Muster gepresst.

Für Mehrdeutigkeiten ist da wenig Platz. Doch ohne Mehrdeutigkeit entsteht keine Erkenntnis - und erst recht keine Meinungsänderung, die die Grundlage für Fortschritt ist. Zu Kopierkompetenz zählt deshalb die Bereitschaft, den eindeutigen aber eindimensionalen Dualismus von echt und unecht zu überwinden. Oder um es mit Wolfgang Ullrich zu sagen: „Es wäre schon viel erreicht, wenn man im Original künftig nicht mehr nur das Unmittelbare und Ursprüngliche suchte, sondern darin zugleich das Anfängliche, noch Unfertige und Unvollkommene sähe.“

… ist schon eine ganze Menge: Mit dieser Folge erreichen wir bereits das 15. Kapitel im Kopieren-kapieren-Projekt. Ein guter Zeitpunkt, mal wieder auf die Übersicht zu schauen (Opens in a new window).

Außerdem hat mich Katrin Huth heute (Opens in a new window) auf eine sehr schöne Cover-Version von “Dreams“ von den Cranberries hingewiesen: Meg Lui hat gemeinsam mit Sufjan Stevens ihre Version veröffentlicht (Opens in a new window).

Und der Koapier-Begriff der Woche lautet natürlich: Pastiche (Opens in a new window). Denn dieses Wort schickt sich an, einen jahrzehntealten Streit ums Kopieren zu lösen. Gestern wurde die Pastiche-Schranke jedenfalls mehrfach zitiert als es um die Nutzung eines Samples aus dem Kraftwerk-Song “Metall auf Metall” aus dem Jahr 1975 ging: “Das Kopieren von Musiksequenzen, sogenanntes Sampling, kann laut dem Europäischen Gerichtshof (EuGH) als sogenanntes Pastiche ohne Erlaubnis der Rechteinhaber zulässig sein”, heißt es in der zugehörigen dpa-Meldung (Opens in a new window).

Die Juristen Greta Sparzynski und Tarmio Frei stellen dazu nun heute fest (Opens in a new window):

Die Implikationen der Entscheidung reichen weit über den Einzelfall des Samplings hinaus. Denn was der EuGH zum Pastiche-Begriff entscheidet, betrifft künstlerische Übernahmen insgesamt – von der Malerei über Fotografie bis hin zu digitaler Kunst.

Das Thema wird uns weiter beschäftigen. Jetzt aber nochmal zurück zum schönsten Lied der Welt (Opens in a new window).