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Wie sich die Ungarn befreiten

Sie haben Orbán Abwahl gefeiert, als gäbe es kein Morgen. Jetzt, das große Rätselraten: Wer ist eigentlich Peter Magyar?

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Ich habe gerade ein paar Tage in Budapest verbracht, das erste Mal seit längerer Zeit. Das Orbán-Regime hatte mich in den letzten Jahren nicht sonderlich angezogen. Nicht, dass ich Ungarn aktiv boykottiert hatte, aber es fühlte sich aus verschiedenen Gründen nicht sehr verlockend an. Ich war in den achtziger und neunziger Jahren oft in Budapest, in den 2010er Jahren dann eigentlich nur mehr so tageweise, auf Konferenzen, Talks oder während der Hochphasen der sogenannten „Flüchtlingskrise“ 2015 rund um den Keleti-Bahnhof. Keine große Sache: Ich kannte die Stadt, es zog mich nicht so viel hin, aber ich habe dadurch auch ein wenig den Faden zu ihr verloren.

Ich bin also hin, habe mir in irgendeinem Hipster-Laden Fahrräder geliehen, bin die Donau dreißig Kilometer rauf und runter gestrampelt, habe ein bisschen Städtetourismus betrieben, auch die unbekannteren Ecken der Alternativkultur, die selbstverwalteten Wagenplätze draußen am Donauufer. Mein erster Weg führt mich aber in Budapest, es ist eine liebe persönliche Tradition, stets ins Café Müvesz an der Andrassy, das ist die Prachtstraße, so etwas wie die Champs Elysee von Budapest. Als ich Anfang der neunziger Jahre im Nach-Wende-Budapest war, ging ich da gerne hin, wegen des blätternden Prunks der Gegend. Ein Kaffeehaus, etwas abseits der Touristenströme. Das war das normale bürgerliche Budapest seinerzeit, mit bisschen Bohème-Einschlag, schräg vis-a-vis von der Oper, bevor es noch superreiche Oligarchen gab. Hier habe ich vor fast vierzig Jahren einen herrlichen alten Herrn kennengelernt, der im Café täglich seine Zeitungen las und mir erklärte: „Es wird eine Katastrophe geben.“ Das las er aus seinem Studium der Börsenkurse ab. „Alles ist zusammengebrochen, jetzt haben wir das definitive Chaos. Die Welt wird untergehen“, versicherte er mir. Stammgäste grüßten sich in vertrauter Distanz. Andere schrieben in ihre geheimnisvollen Notizbücher. Der alte Mann sagte: „Der Kommunismus ist gescheitert, aber der Kapitalismus hat nicht gewonnen. Jetzt wird auch der Westen instabil. Lesen sie doch die Zeitungen: Jetzt wackelt schon das englische Königshaus.“ Dabei schob er die Hälfte seiner Torte in seinen Mund, die andere Hälfte verteilte er auf seinem Sakko. „Achtzig Prozent der Ungarn denken rechts“, so lautete sein Urteil. Das war so etwa 1993. Er hatte ja nicht gänzlich unrecht.

Eine Revolution gegen den Zeitgeist

Das Müvesz schaut heute immer noch so aus wie vor dreißig, vierzig Jahren, mit seinen prunkvollen Lustern, den elektrischen Kerzen an der Wand und den kleinen pariserischen Tischchen vor der Tür unter der Markise. Bloß, dass das Publikum auch touristisch dominiert ist. Zumindest wenn das Café voll ist. Oft ist es aber sowieso halbleer.

Ich rief meinen Freund László Andor an, der war in den Jahren ab 2010 ungarischer EU-Kommissar, ein unabhängiger Kopf, Ökonom, Intellektueller – bestellt hatte ihn die für wenige Jahre amtierende Expertenregierung, unter der auch unabhängige Köpfe eine Chance hatten. Danach folgte Orbáns lange, düstere Ära, aber László blieb seine ganze Periode im Amt, denn einen EU-Kommissar kriegt man nicht mehr los, wenn er einmal bestellt ist. Im Gebäude der Central European University – der Großteil des Lehrkörpers wurde von Orbán ja vertrieben, der Unterricht findet in Wien statt – trafen sich an dem Nachmittag Journalistinnen, Autorinnen, ehemalige Dissidenten um über die „illiberale Versuchung“ zu sprechen. Da wolle er kurz vorbeischauen, sagte László, der heute in Brüssel dem Dachverband aller sozialdemokratischen und progressiven Think Tanks vorsteht, der „Foundations for European Progressive Studies“. Als ich ankam, sprach gerade die Journalistin Dóra Ónody-Molnár darüber, wie Orbán die klassischen Medien unter Kontrolle brachte, wie er den Pluralismus langsam zermahlen hat, dieser sich aber in neuen Medienformaten doch so irgendwie behauptete. Miklós Haraszti, der brillante Intellektuelle, der seit den siebziger Jahren in den dissidenten, oppositionellen Zirkeln eine große Nummer war und danach zeitweise als OSZE-Beauftragter für die Medienfreiheit wirkte, erklärte mit einem schalkhaften Lächeln um den Mund über den Wahltriumpf von Peter Magyar und die Abwahl Orbáns: „Erstmals in der Geschichte war eine ungarische Freiheitsrevolution erfolgreich, die sich gegen den internationalen Trend stellte.“ 1848, 1989 usw., da ging der Zeitgeist ja Richtung Befreiung und die Ungarn waren mit dabei. Aber diesmal? Von Trump bis Meloni oder Kickl, überall legt der rechte Populismus und Extremismus zu, überall schließt sich die Faust des Illiberalen – und da schütteln die Ungarn, gegen jeden Trend, ihren Orbán ab. Dennoch: „Der Illiberalismus ist eine unvergängliche Versuchung, er ist ewig“, sagt Haraszti.

Diese Woche kommt Peter Magyar übrigens erstmals in seiner neuen Funktion nach Österreich. Es sind schon alle gespannt auf den neuen Premier, über den man noch viel zu wenig weiß.

Mehr Freiheitsparty als 1989

Später ging ich mit László und dem Historiker Péter Csunderlik noch auf ein Bier in eine Kneipe am Eck, in dem lauter Fotos von Fußballern hängen. Draußen regnete es. Eine regelrechte Freiheitsparty sei das gewesen, als Orbáns Niederlage klar wurde, rauschender als 1989, sagte László. Weil es sich in einem Moment verdichtete, weil, was niemand erwartet hatte, Orbán so früh am Abend schon keine andere Wahl hatte, als seine Niederlage einzugestehen. „1989“, „die Wende“, hat es in Ungarn ja in dem Sinn gar nicht gegeben, es gab keinen Mauerfall wie in Berlin, keinen spektakulären Sturz des KP-Regimes wie in Prag, die Wende in Ungarn war mehr ein Prozess, mit allmählichem Gewinn an Freiheiten. Eine Art Kriechgang der Öffnung. 1989 begann in Ungarn ja irgendwann rund um 1986, schrittweise. „Janos Kadar, der langjährige KP-Chef, starb im Sommer 1989. Es gab nicht diesen einen Moment, an dem alle in den Straßen tanzten.“ Jetzt tanzten die jungen Leute, die das Gefühl hatten, dass Orbán ihnen ihr Leben klaute, ihre Chancen, ihre Möglichkeiten im gemeinsamen Europa. Wenn das Alte endlich abtritt, die Jungen ran kommen, dann wird getanzt. Wir erinnerten uns dann gemeinsam daran, wie alle getanzt hatten, als 1997 in England die Tory- und Thatcherjahre endgültig zu Ende gingen und der junge Tony Blair gewonnen hatte. Heute hat Blair eine schlechte Nachrede, so dass das gar niemand verständlich zu machen ist, wie sehr damals in Großbritannien das Gefühl vorherrschte, dass endlich jemand die Fenster aufmacht und frische Luft hereinlässt.  

Alle grübeln jetzt darüber, wie sich Ungarn neu sortieren wird. Peter Magyar hat zwei Jahre lang faktisch fehlerlos kampagnisiert und eine Zweidrittel-Mehrheit eingefahren. Das Eigentümliche: Magyar und seine Tisza-Partei, das ist eine Mitte-Rechts-Partei mit einem eher konservativen Funktionärskader, aber einer Wählerschaft, die eher Mitte-Links ist. Die Jungen, die Progressiven, die urbanen Wählerinnen und Wähler, sie haben alle Tisza gewählt – und dazu die eher moderaten konservativen Wählerinnen und Wähler in den kleinen Städten und den Dörfern, die dann für die ganz klare Mehrheit sorgten. Die Linksparteien wurden praktisch ausgerottet, weil ihre Wähler Tisza wählten. Was macht einer, der eine solche Partei hat – und eine ganz andere Wählerschaft? Geht er eher nach links, um sich seiner Wählerbasis anzunähern und die nicht zu enttäuschen? Oder geht er eher nach rechts, um den Raum für Orbán und seine Fidesz-Partei so klein wie möglich zu halten? Neuerdings schickt Magyar klare Signale an die linke Wählerschaft. Er hat progressive Intellektuelle mit wichtigen Ämtern betraut, etwa als Kanzleramtsminister und noch ein paar mehr.

Das Tisza-Mirakel: Konservative Partei mit linken Wählern

Peter Magyar ist ja nicht nur aus dem Nichts zur zentralen Oppositionsfigur aufgestiegen, er hat sich auch weitgehend mit dem Mysteriösen umgeben, einfach, um sich so wenig Angriffsflächen wie möglich zu geben. Er wollte niemanden abschrecken, beließ alles im Ungefähren, wollte ein Angebot für enttäuschte Orbán-Wähler sein. Was ja auch super funktioniert hat. Aber deswegen weiß auch niemand so recht, woran man bei ihm ist. Gerüchte kursieren, Hörensagen und Flurfunk über seinen Charakter, was für ein Typ er ist, wie er wohl tickt. Der Versuch, Peter Magyar zu verstehen, ist so etwas wie das neue Rätsel-Hobby der Ungarn. Er hat eine Zweidrittelmehrheit im Parlament, aber die Abgeordneten sind fast durchwegs unerfahrene Newcomer. Bei umstrittenen Themen wird es wohl schwierig sein, den Flohzirkus solch unterschiedlicher Leute zusammenzuhalten, auch wenn sie beim „Hauptthema“, nämlich der großen demokratischen Erneuerung und dem entschiedenen Aufräumen der Hinterlassenschaft des Orbán-Regimes zusammenhalten werden. Orbáns Kleptokraten muss man los werden, da sind sich alle einig. Die Institutionen, die er mit seinen Gewährsleuten besetzt hat, und die er damit auch ruiniert hat, von den Theatern, Opernhäusern bis zu den Universitäten, sie müssen befreit werden.

Magyar selbst gilt als konfrontativer, eher aggressiver Typ, der selbst seinen engsten Mitarbeitern auf die Nerven geht, so sagt man, weshalb auch Zweifel kursieren, ob so ein Rappelkopf überhaupt eine Allianz unterschiedlicher Strömungen zusammenhalten kann. Andererseits gab es schon andere selbstbezogene Charaktere, die es schafften, sich als Spitzenfiguren zu behaupten. Außerdem ist Magyar so mysteriös, dass alle Leute, mit denen man spricht, sogar Zweifel an ihrem eigenen Urteil hegen. Ist er wirklich so unsympathisch, aggressiv, konfrontativ, streitsüchtig – oder ist dieser Verdacht selbst eine Folge der Diffamierungskampagnen durch die Fidesz-Leute? Hat sich das Gerüchtestreuen vielleicht sogar verselbständigt? Ist er echt so aufbrausend, oder ist es übertrieben? Es gibt so viele Gerüchte, dass die Leute, die die Gerüchte referieren, sogar unsicher sind, was von ihren eigenen Einschätzungen stimmt.

Das Ende von Orbáns Mafiastaat

Orbán wurde abgewählt, weil er sein Land in das Armenhaus Europas verwandelte und sich die ökonomische Krise immer mehr verschärfte, weil er einen Mafiastaat errichtete, dessen Günstlinge immer unverfrorener ihren Reichtum ausstellten und weil er mit seiner Putinhörigkeit „einfach übertrieben hatte“, wie das das Miklós Haraszti formuliert. „Es ist kein Wunder, das einer der Rufe bei der Wahlparty die alte Parole von 1956 war: ‚Russen geht heim‘“.

Anderntags treffe ich mich noch mit meinem Freund Ernst Hillebrand, der seit Jahren das Büro der Friedrich Ebert Stiftung in Budapest leitete. Wir verabreden uns weitab von den hippen, reichen und vom Overtourismus geprägten Teilen der Stadt, draußen im Norden, oberhalb der Margit-Hid, wo Budapest ein wenig wie Ottakring oder Hernals aussieht, mit kleinen Bars, modischen Bistros, coolen Bäckereien, Jazzklubs, gammeligen Imbissen und auch ein paar räudigen Ecken. Wenn Magyar eher als Konservativer regiert, könnte er versuchen, der Fidesz das Wasser abzugraben. Aber andererseits: Jede Gesellschaft hat ein Parteiensystem, das eher linke und eher rechte Parteien kennt, und Fidesz ist gerade zwar geschlagen, aber eine intakte Partei. Während die Linke praktisch tot ist und das gesamte linke und liberale Wählerpotential für Tisza gestimmt hat. Für Magyar wäre es da doch auch verlockend, einfach die Linke zu übernehmen, weil es da das große Vakuum gibt, und zu versuchen, eine moderate Mitte-Links-Partei zu bilden, die die gesamte Linke sammelt und dazu auch noch ins moderat-konservative Milieu ausstrahlt, also ein großes Zelt von Linksliberal bis Mitte-Rechtsliberal (so ähnlich, wie das seinerzeit Macron versuchte...). Das wäre für Magyar zumindest der bequemere Weg, vermutet Ernst. Aber es sind nur Vermutungen und es gibt so viele interessante offene Fragen: Etwa, was wird aus den vielen Bürgermeistern in den Städten, die bisher eher linksliberale Antipoden gegenüber Orbán waren. Werden sie „Unabhängige“ bleiben, auch auf die Gefahr hin, bei Wahlen dann sowohl mit Fidesz- als auch Tisza-Kandidaten konkurrieren zu müssen? Oder werden sie mit Magyar eine große Allianz bilden, sich Tisza anschließen oder ein großes Bündnis zimmern?

Aber egal, das ist dann alles schon Polit-Taktik. Jetzt ist einmal das depressive Klima des Autoritarismus vertrieben, der Vorhang, dieser Nebel, er ist weggezogen, der Pathos der Freiheit hat seine Stunden gehabt, auch wenn er dem Alltag weicht, denn, so sagt Ernst, „jetzt sind paar Wochen vergangen und es ist natürlich alles, wie es immer war. Budapest ist eine freie, liberale und weltoffene Metropole und das war vorher so und das ist jetzt auch nicht so viel anders. Der Alltag der Menschen hat sich ja nicht verändert“.

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