Medial gesehen ist die Zeit zwischen den Jahren eigentlich ein zweites Sommerloch. Listen und Countdowns dominieren neben einer zunehmend nur noch wenig gesellschaftliches Schwarzpulver enthaltenden Böllerdebatte das Geschehen. Man darf ganz ohne Scham Recycling von Inhalten betreiben und sich die schönsten und schaurigsten Momente der vergangenen 12 Monate ins Gedächtnis rufen.
Gewissermaßen dankbar wird da alles aufgenommen, was nach Scoop aussieht. Und so interviewte die taz Julia Barbara Finck (Opens in a new window), geborene Zeh. Über Nachbarn, die Nazis wählen. Und man fragt sich. Ob die taz nun schlicht die Mikrowelle für Diskursfastfood wie die Beweggründe von Nazipartei-Wähler*innen, die Ostdeutsche Seele, die Brandmauerdebatte sein wollte. Ob es wirklich dieses Interview gebraucht hätte, um herauszufinden, dass Julia Zeh kein Problem mit ihren Nazi-Nachbar*innen hat. Ob Medien sich als Wirtskörper für derartige Normalisierung wirklich einen Gefallen tun. Oder ob in der mangelhaften Moderation dieses Gesprächs gar eine entlarvende Kraft der zehschen Trugschlüsse liegt.
Ja nun. Dass die Fusfinger eine veritable Karriere als Meinungskorridorspekulum genießt, ist eigentlich nichts Neues. Talkshowauftritt um Buch um Gastbeitrag um offenen Brief um Interview um “Juli Zeh fordert” sieht, liest und hört man, was sie gesellschaftlich umtreibt. So ist’s dann auch keine Überraschung, dass sie inmitten einer rechtsextremen Wähler*innenhochburg wie Barnewitz (54%) nicht sieht und hört, aber gerne darüber spricht. Und Ausgrenzung beklagt. Und normalisiert. Das ist so haarsträubend wie, ja, meinungsfreiheitlich gedeckt, ok. Nicht ok ist allerdings, dass dieses intellektuell angestrichene Stammtischgrundrauschen auch dankbar ein Mikrofon hingehalten bekommt. Immer und immer wieder. Meist wenig kritisch. Und da werden dann die Medien, die darin einen ~Scoop~ sehen, mit zum Problem.
Dazu lohnt sich dann doch ein schmerzender Blick in die Lektüre, wie Interviewende mit Interviewter sprechen und wo der pseudokritische Stil von Antje Lang-Lendorff und Peter Unfried auf der Strecke bleibt.
Dem konfrontativen Einstieg – “Schön hier. Aber haben Sie in letzter Zeit mal überlegt wegzuziehen?” – begegnet eine gut eingelebte Dorfbewohnerin, die trotz 54% Stimmanteil einer rechtsextremen Partei niemanden um sich herum außerhalb der Verfassung sieht. Durch die Wahl allein würde niemand rechtsradikal – wenn doch, würde sie das definitiv merken. Die Menschen freuen sich sogar über Zugezogene! Eigentlich eine spannende Prämisse, was bewegt diese Menschen und überhaupt, wollen die alle ein neues ‘33?

Dann wird es suggestiv – “Wären Sie nicht weiß, würden Sie dann anders über Ihre Nachbarn reden?” – Nun ist die Frau, die von der Nation unter ihrem Spitznamen gekannt werden möchte, weder nicht weiß noch weiß sie, als mittlerweile zwanzig Jahre im Ort wohnende Vertreterin der Mehrheitsgesellschaft, wie sie als Person, die sie nicht ist, auf ihre Nachbarschaft blicken würde. Nur folgerichtig also, dass sie auf die Erfahrungen migrantisch gelesener Menschen verweist, die ihr Wohnort tendenziell nicht hat. Eine multikulturelle Nachbarschaft malt sie sich einerseits als problemlos aus, auch wenn ihr andererseits direkt aufgeschnappte rassistische Allgemeinplätze einfallen.

Der Versuch einer mit reichlich Pathos versehenen kritischen Entgegnung – “Aus Worten können Taten werden” – wird mit einer Mischung aus Scheuklappen (“stimmt aber Gott sei Dank in der Regel nicht”) und anekdotischer Evidenz (“Jedenfalls beobachte ich das hier nicht”) weggewischt. Wo keine Ziele rechter Gewalt leben, kann sie sich schwerlich entfalten. Wozu also Zahlen, Fakten und Schicksale (Opens in a new window) bemühen, wenn man auch einfach zur nächsten Frage übergehen kann: “Fühlen Sie sich hier zu Hause?”
Geplänkel über Horizonterweiterung durch Menschen, die man sonst nicht kennenlernen würde und Stadtflucht in Berliner Clubs mündet in die zentrale Frage – “Warum wählen denn so viele im Dorf AfD?” – und jenem trügerischen Verständnis für die Menschen in Zehnähe: dann kommt tatsächlich das Beispiel mit dem Bus, der zu selten fährt. Und “weil es an allen Ecken und Enden an der simplen Grundversorgung fehlt: Bildung, Mobilität, Gesundheit, Pflege, bezahlbarer Wohnraum.” Da fehlt Vertrauen in die herkömmlichen Parteien, klar. Nun gibt es wirklich eine Greenpeace-Studie, nach der schlechte ÖPNV-Anbindung die AfD stärkt. (Opens in a new window) Für die wachsende Demokratieverachtung wirft die Gesellschaftsromanciere sogar ein Hufeisen. Nur ist es nicht so, dass allein die Rechtsextremisten diese Themen besetzen würden, im Gegenteil. Fast alle herkömmlichen Parteien versprechen Auseinandersetzung mit und mehr von dem, was den Menschen in Barnewitz fehlt. Die FDP vielleicht nicht.

Gewissermaßen ist das aber auch egal; Menschen, die verfassungsfeindliche Parteien wählen wollen eigentlich nur mehr Demokratie, aber möglichst direkt und ohne diese Eliten, die alles steuern. Es stellt sich die Frage, ob die nicht mehr ganz so Zugezogene mittlerweile vollends unter Menschen gegangen ist. Derartige Assimilation würde immerhin fast ihre paternalistischen Plattitüden entschuldigen, wenn sie der ostdeutschen Seele eine Grundskepsis gegenüber dem Staat attestiert bei gleichzeitig gefordertem Mehr an staatlicher Fürsorge. Ein durchaus versöhnlicher Gedanke, hier spräche keine prägende Intellektuelle, sondern schlicht Julia aus der Elterntaxigruppe. Allzu verwunderlich auch, dass ebendiese Julia sich im Angesicht einer Machtübernahme nicht sofort verfolgt sieht.

So kommt dann auf die erwartbare Frage nach dem angemessenen Umgang mit Rechtsextremisten – “Wenn der Rechtspopulismus derart an Zuspruch gewinnt, müssen wir dann unsere Demokratie nicht schützen?” – auch die ebenso erwartbare Antwort bzw Absage an Verbotsverfahren und Brandmauer: “Ich weiß nicht, ob die AfD heute ohne Brandmauer besser oder schlechter dastünde. [...] Man begeht quasi Selbstmord aus Angst vor dem Tod. Die Brandmauer hat zum Teil auch diesen Effekt[...,] die Prozente der AfD steigen ja immer weiter.”

Wo fängt man da an? Die Brandmauer allein ist ein Mythos der Unionsparteien, den sie von Friedrich Merz im Bundestag zu Kommunalfraktionen lichterloh abfackeln, wenn es um Sachfragen wie Ausländer raus? (Opens in a new window) oder Demokratieprojekte erhalten? (Opens in a new window) geht. Das schräge Bild um “Selbstmord aus Angst vor dem Tod” hat Hagen Rether bspw etwas treffender genutzt (Opens in a new window). Konsequente Ausgrenzung hingegen, zeigt bisweilen die Praxis (Opens in a new window), hilft durchaus. Und auch mit der sehr wahren Aussage “Man sollte nicht die eigenen Regeln und Grundsätze über Bord werfen, um einen politischen Gegner zu bekämpfen” stößt sich Zeh den Zeh; denn während das reell stattfindet (Opens in a new window) und fast das gesamte herkömmliche Parteienspektrum der N@zipartei politisch nacheifert (Opens in a new window), um sie inhaltlich zu stellen, meinte die Autorin wahrscheinlich etwas anderes. Nur was, erschließt sich nicht so recht.
Glücklicherweise erwähnt die Juristin in diesem Interview nur zwei mal, dass sie Juristin ist. Einmal, um sich juristisch auf den Holzweg zu begeben – Rechtsextremisten von bestimmten Ämtern fernzuhalten, ist bei weitem keine Grauzone (die Wahl von Parlamentspräsident*innen bspw kennt nach Klarstellung des BVerfG kein zwingendes Regularium, wirklich alle enthaltenen Parteien zu repräsentieren, sondern ist ultimativ eine Gewissensentscheidung der Abgeordneten) und auch dem von ihr kolportierten Staatsdienst im Allgemeinen dürfen Verfassungsfeinde verwiesen werden. Und dann noch zum Thema Parteienverbot, dessen Prüfung sie auch nur anstrengen würde, wenn es denn aussichtsreich wäre. Nur, dazu müsste es halt auch geprüft werden. Selbstmord aus Angst vor dem Tod, oder so. Man stelle sich nur die Opferrolle vor, würde es scheitern!
Dieses zu Papier gebrachte Elend zieht dann noch internationale Schleifen, befasst sich mit der Motivation hinter den Talkshowauftritten der Protagonistin (Sie will nicht zwingend Gegenstimme sein, aber gefällt sich schon darin) und fragt, wann sie ihrer Genossin Wagenknecht folgt.

Es ist alles dann doch sehr gewöhnlich, hat den schalen Geschmack gesammelter Unmutsfetzen und aus der Stimme vor Ort, aus der Ossi-Versteherin, wird dann doch nur die, die allzu klischiert und bisweilen infantilisierend über die Ossis um sich herum spricht. Neues liefert ihr Blick auf die großen Gedanken zum Kleinen im Dorf, bzw. dem, das sie dafür hält, nicht. In ihrer Verklärung ostdeutscher Befindlichkeiten reiht sich ihr Blick in den Gestus von Autoren wie Martin Machowecz ein, der Nazis wählen als “eine Art Emanzipation (Opens in a new window)” beobachtet haben wollte oder Sabine Rennefanz, der Rechtsextremismus mitunter als auszuhaltende “andere Meinung (Opens in a new window)” erscheint.
Zehs Ablehnung von Rechtsextremismus geht stets mit einer Verklärung dessen einher. Wo sie Normalisierung aufzeigen will, normalisiert sie gleich mit. Die Gefahr wird kleingeredet, ein lasst sie doch einfach mal machen klingt an, im Grunde seien das ja alles ganz normale Leute. Der Riss, die Grenze, die Unterschiede in der Gesellschaft verlaufen genau hier. Zwischen Menschen, die die Rechtsextremisten beim Wort nehmen und denen, für die es einfach nur eine weitere Partei ist, eher zufällig rechtsextrem. Und da diese Partei nunmal eine Gefahr für die Bundesrepublik als demokratischer Staat ist und ebenso für ihre Einwohner, denen daran liegt, ist es auch unerheblich, wie rechtsextrem die Wähler*innen dieses Haufens letztlich sind, ist es auch egal, ob das Einbinden in und Zuschustern von Macht aus Absicht der Entzauberung erfolgt; unterm Strich bringt es Land und Verfassung in die Gewalt ihrer Feinde. Die Indifferenz, mit der Zeh dem begegnet, ist dabei Ausweis des Privileges, dabei nichts zu befürchten zu haben.

Ist dieses Gespräch – mehr: Zehs Monolog – nun wirklich ein Scoop, hat es gar in all seiner inhaltlichen Insuffizienz entlarvende Qualitäten? Oder ist es vielleicht doch eher Symptom der medialen Behandlung von Rechtsextremismus, der seinen Schrecken nur in Zusammenhang mit Glatzen und Springerstiefeln erhält? “Wir haben eine Situation, in der fast alles dem Rechtspopulismus nützt”, konstatiert die taz. “Außer guter Politik und gutem Journalismus vielleicht”, entgegnet die Interviewte. Beides war vielleicht nicht zugegen, Klicks jedenfalls brachte es. Und die Zweitverwertung in zahlreichen anderen Erzeugnissen spricht für sich; für die Sozialdemokratin Zeh ists vermutlich keine Schande, von der Jungen Freiheit affirmiert zu werden. Für die taz hingegen schon.

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