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Im Interview: Lucius Teidelbaum über die AfD und die Landtagswahl in Baden-Württemberg

Hi,

der Verfassungsschutz darf die AfD nicht als “gesichert rechtsextrem” bezeichnen.

So lautet das Ergebnis der “Eilentscheidung (Opens in a new window)” des Verwaltungsgerichts Köln.

Das ist passiert: Der Verfassungsschutz hat die Gesamt-AfD als gesichert rechtsextrem eingestuft. Dagegen hat die AfD geklagt. Das ist das Hauptsacheverfahren. Und die AfD hat gleich noch eine zweite Klage eingereicht, dass der Verfassungsschutz, bis das Hauptsacheverfahren entschieden ist, die Partei nicht “gesichert rechtsextrem” nennen darf. Und das hat die AfD gewonnen.

Im Kern argumentiert das VG Köln, dass es in der AfD keine “beherrschende Grundtendenz” gegen das Grundgesetz gebe. Dass also zwar Teile der Partei und einige Forderungen durchaus verfassungswidrig seien - diese aber nicht die Gesamtpartei prägten.  

Was bedeutet das für das offene Hauptsacheverfahren oder ein mögliches Verbotsverfahren? Dazu gibt es mittlerweile eine Vielzahl an Einordnungen.

Um dir zwei Perspektiven zu geben:

  1. Correctiv (Opens in a new window): Die Rechercheplattform kritisiert, dass sich das VG Köln für die Eilentscheidung vor allem auf das AfD-Parteiprogramm und Veröffentlichungen aus dem Umfeld der Partei bezieht. Correctiv schreibt, dass keine Partei “mit verfassungsfeindlichen politischen Zielsetzungen würde so ungeschickt sein, in ihr Parteiprogramm zu schreiben, dass sie ebensolche Ziele verfolgt”. Deshalb sei jetzt wichtig, nachzuweisen, dass führende AfD-Politiker:innen durchaus verfassungsfeindliche Konzepte verfolgen würden.

  2. Legal Tribune Online (Opens in a new window): In einem Kommentar auf lto.de (Opens in a new window) steht, dass die “Eilentscheidung” als Fingerzeig für das Hauptsacheverfahren verstanden werden kann, weil sich die Richter:innen auf 55 Seiten eine “Überzeugung zur Verfassungsfeindlichkeit der AfD” verschafft hätten. Sie argumentieren: Die rechtlichen Einschätzungen sprechen “gegen die Erfolgsaussichten eines AfD‑Parteiverbotsverfahrens”.

→ Wir glauben, die Entscheidung zeigt vor allem, wie geschickt die AfD mittlerweile darin ist, ihre Absichten zu verschleiern und harmlose Worte zu wählen für ihre extremen Positionen.

Wir werden deshalb weiter genau hinschauen und im Newsletter zeigen, was hinter den Kampfbegriffen steckt und welche Strategien die AfD fährt.

Diese Woche werfen wir deshalb einen Blick nach Baden-Württemberg.

Bleib achtsam und alles Liebe,

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In manchen Dörfern im Südwesten gibt es längst “sächsische Verhältnisse”

Am 8. März findet in Baden-Württemberg die erste Landtagswahl des Jahres - von fünf - statt.

Deshalb haben wir mit Lucius Teidelbaum gesprochen. Er ist Historiker und politischer Bildner. Geboren in Dresden, lebt und arbeitet er schon lange in Tübingen.

Er beschäftigt sich mit der extremen Rechten, recherchiert, schreibt und hält Vorträge dazu. Auf seiner Webseite bezeichnet er sich als “eine Art von Privatgelehrten (Opens in a new window)”.

Jedes Jahr veröffentlicht er einen Jahresrückblick bei Belltower News (Opens in a new window) und analysiert darin, wie sich die extreme Rechte in Baden-Württemberg in den vergangenen zwölf Monaten entwickelt hat.

Im aktuellen Text über 2025 schreibt Teidelbaum:

“Die AfD ist der zentrale Knotenpunkt im Netzwerk der extremen Rechten.”

Deshalb wollten wir von ihm wissen, welche Chancen die AfD bei der kommenden Wahl hat und wie normalisiert die rechtsextreme AfD mittlerweile im Ländle ist.

Wie Rechte reden: Lucius, wie lange beschäftigst dich schon mit der AfD, besonders in Baden-Württemberg?

Lucius Teidelbaum: Mit der AfD beschäftige ich mich seit ihrer Parteigründung 2013. Meine Schwerpunkte liegen in Baden-Württemberg, weil ich da wohne und ein bisschen in Sachsen, wo ich ursprünglich herkomme.

Wieso beschäftigst du dich überhaupt mit der extremen Rechten?

Ich habe ein politisches Bewusstsein und gesellschaftliche Ideale. Die extreme Rechte steht vielem, woran ich glaube, entgegen. Wenn ich aber etwas ablehne, versuche ich es dennoch, zu verstehen. Deshalb habe ich angefangen, mir Wissen anzueignen und mich inhaltlich mit AfD & Co. auseinanderzusetzen.

Ein Beispiel: Ich komme ursprünglich aus Dresden und da gibt es ein in extrem rechten Kreisen und Teilen der Bevölkerung weit verbreitetes Opfer-Narrativ zur Bombardierung im Februar 1945. Als ich das hinterfragt habe, hat sich gezeigt: Dresden war absolut keine unschuldige Kulturstadt, die aus reiner Böswilligkeit von den Alliierten zerstört wurde. So aber stellt es heute die extreme Rechte, weil sie damit Anschlussfähigkeit herstellen will.

Wie sieht deine Arbeit genau aus?

Es gibt die selbstauferlegte Chronistenpflicht: Ich versuche, so viele AfD-Veranstaltungen zu erfassen und zu dokumentieren, wie möglich. Das mache ich für mein eigenes Archiv, das ich auch anderen zur Verfügung stelle und woraus ich auch meine Vorträge erarbeite.

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Dann setze ich mich inhaltlich mit der AfD auseinander, lese Texte, Broschüren, Parteiprogramme und schaue mir Parteitage an. Ich will verstehen, was ihre Themen sind, wie sich die Kräfteverhältnisse verhalten und wo die Bruchlinien verlaufen. Ich befasse mich viel mit Sekundärliteratur. Es gibt mittlerweile Regalmeter an klugen Büchern zur AfD und die versuche ich auch zu lesen.

Auf welche Themen setzt die AfD in Baden-Württemberg im Wahlkampf?

Vieles ähnelt da der Bundespartei. Das sind also eigentlich Bundesthemen, die im Landtagswahlkampf wenig Sinn ergeben, weil eine Landesregierung nichts ändern kann.

Regional wird besonders auf das Thema “Deindustrialisierung” gesetzt. Baden-Württemberg ist ein wichtiger Standort der Automobil- und Zuliefererindustrie. Und da kriselt es, da gibt es Entlassungen.

Deshalb wird mit Angst-Schablonen gearbeitet. In Stuttgart werde es demnächst wie im Ruhrpott, wie in der Lausitz oder wie in Detroit aussehen, heißt es dann.

Man versucht, einen Niedergang herbeizuerzählen und Angst zu beschwören.

Was fordert die AfD?

Einen “Industrie-Strukturkonservatismus”. Alles soll bleiben, wie es ist. Der Verbrenner muss weiter verbrennen. 

Das ist eine klassische AfD-Erzählung, die im Kern lautet: Wer sie wählt, muss sich nicht ändern und kann weitermachen, wie bisher. Wenn die AfD an der Macht ist, sorgt sie dafür, dass alles so bleibt. Das ist ein entlastendes Angebot, weil es den Lebenswandel und die Konsumentscheidungen der Menschen nicht nur bewahrt, sondern gutheißt.

Ich kann das aber verstehen: In der Automobilindustrie verdient man sehr gut. Früher konnte man als Facharbeiter:in ein Häusle bauen oder eine Wohnung kaufen. Und ich kann verstehen, dass die Menschen hier diesen Wohlstand halten und ihn ihren Kindern vermachen wollen. 

Kommt der AfD-Wahlkampf an?

Ja. Die AfD wird schon lange überproportional von Arbeiter:innen gewählt. Es gab auch zwei relativ erfolgreiche Propaganda-Aktionen vor Werktoren von Automobilunternehmen. Da waren der AfD-Ministerpräsidentenkandidat Markus Frohnmaier und Alice Weidel da. Sie haben Flyer und Merchandise-Material verteilt und das wurde wohl auch gut angenommen. Auch wenn es dabei natürlich weniger um die Wahlwerbung vor Ort ging, als um die propagandistische Verwertung der Aufnahmen, die man geschaffen hat.

Ist die AfD in Baden-Württemberg eine etablierte Partei?

Baden-Württemberg ist ein Flächenbundesland. Es gibt einen großen Unterschied zwischen Unistädten, das sind meist Orte mit linksliberaler Hegemonie, mit einer großen linken Szene, die oft aktivistisch ausgerichtet ist, und dem ländlichen Raum, also Göppingen, Tuttlingen oder Burladingen im Zollernalbkreis.

Burladingen habe ich mir beispielsweise nach der letzten Europawahl genauer angeschaut:

In einigen Stadtteilen hat da die AfD mit rund 35 Prozent “sächsische Verhältnisse” erreicht und war stärker als die CDU.

Im ländlichen Raum ist sie insgesamt etablierter, normalisierter. Während ein AfD-Infostand in Freiburg, Tübingen oder Heidelberg nicht ohne Gegenprotest stattfindet.

Wie groß ist die AfD in Baden-Württemberg?

Nach eigenen Angaben hat sie hier, Stand September 2025, 9.000 Mitglieder. Das ist ein hoher Stand. Zum Vergleich: Bundesweit hat sie 70.000 Mitglieder. Trotzdem kann sie damit kein Flächenbundesland bespielen.

Das hat sich bei den Kommunalwahlen 2024 gezeigt: Da hat sie zwar über 800 Mandate abgeräumt und sitzt seither in vielen Gemeinde- und Kreistagen - aber sie hatte nur Kandidaten für rund zwölf Prozent aller Wahlen überhaupt aufstellen können. Da fehlt es also schlicht an Unterstützung.

Trotzdem wird sie größer und sichtbarer. Sie macht Schritte voran und verankert sich langsam auch in der Fläche. Noch ist hier aber der Umgang mit der AfD, beispielsweise im Vergleich zu Sachsen, ein anderer.

Was meinst du damit?

In Sachsen gibt es mehr “Bekennermut” zur AfD. Da ist es, vor allem im ländlichen Raum, eine Selbstverständlichkeit, die AfD zu wählen. Das gibt es in Baden-Württemberg flächendeckend noch nicht. Klar, es gibt Milieus und Stadtteile, die Ausnahmen sind.

Es erfordert aber oft noch einen Preis, zu AfD-Veranstaltungen zu gehen, weil einen die Nachbarn, die im Gegenprotest stehen, sehen könnten.

Es besteht sozusagen die “Gefahr” von sozialer Sanktionierung.

Wie viel Protest gegen die AfD gibt es? Wie aktiv ist die Zivilgesellschaft?

In Groß- und Universitätsstädten ist der Gegenprotest größer und stärker. Im ländlichen Raum und in einzelnen Städten wie Pforzheim ist er eher kleiner. Es gibt aber Ausnahmen und meist ist es sehr davon abhängig, ob es lokale Bündnisse gegen Rechts gibt.

Was auffällt: Es gibt keine landesweite Dachorganisation. Viele Bündnisse kämpfen vor Ort und für sich. Und da gibt es beeindruckende Beispiele, wie in Offenburg, beim Bündnis Aufstehen gegen Rassismus. Das hat jetzt sogar ein eigenes Buch über rechte Strukturen in ihrer Region herausgebracht. Trotzdem könnte eine bessere Vernetzung sehr viel mehr Menschen mobilisieren.

Du hast ihn bereits kurz angesprochen: Markus Frohnmaier. Er ist das Gesicht der AfD in Baden-Württemberg. Kannst du seine Entwicklung einmal nachzeichnen?

Markus Frohnmaier ist Baden-Württemberger, ein Adoptivkind aus Rumänien. Das sollte eigentlich keine Rolle spielen, manchmal betont er es aber selbst, um Rassismusvorwürfe abzuwehren.

2013 hat er den Landesverband der Jungen Alternative in Tübingen mitgegründet. Er war damals Jurastudent und hat sich wohl auch bei Studentenverbindungen bewegt. Auch war er, das legen Recherchen nahe, im Umfeld der “German Defence League” aktiv. Eine antimuslimisch-motivierte rechtsextreme Straßengruppe.

Er ist dann schnell Berufspolitiker geworden, hat nie zu Ende studiert oder einen Beruf ausgeübt. Zuerst war er Bundessprecher der Jungen Alternative - da rief er bei einem später bekannt gewordenen Auftritt auf einer AfD-Demo in Erfurt:

“Wenn wir kommen, dann wird aufgeräumt, dann wird ausgemistet, dann wird wieder Politik für das Volk und nur für das Volk gemacht - denn wir sind das Volk, liebe Freunde!”

Er äußerte rhetorisch drastische Säuberungsfantasien. Dann bewegte sich im Umfeld von Björn Höcke und war sicherlich auch ein Fan. Später wurde er Mitarbeiter von Frauke Petry und ist dann in den Bundestag gewählt worden.

Wie sieht es mit Auslandskontakten aus?

Auffällig waren da seine Reisen nach Russland. Dazu gibt es einen Bericht des Spiegels, wonach Frohnmaier “unter Kontrolle des Kremls” stehen würde. Das soll aus geleakten Geheimdienstinformationen hervorgehen. Ob da was dran ist, kann ich nicht beurteilen.

Aber er hat auf jeden Fall gute Kontakte nach Russland. Da ist er auch noch hingefahren, nachdem Russland die Krim völkerrechtswidrig besetzt hat.

Er ist auch mit einer russischen Journalistin verheiratet, bei der jetzt rausgekommen ist, dass sie für einen anderen AfD-Bundestagsabgeordneten arbeitet - Stichwort: Vetternwirtschaft.

Kürzlich ist er aber auch in die USA gereist und hat da Republikaner:innen getroffen - wenn auch nur aus der zweiten Reihe. Für mehr ist er noch zu unwichtig. Trotzdem unterhält er mittlerweile auch Kontakte in die MAGA-Bewegung.

Das klingt nach einem Politiker, der einen langfristigen Plan verfolgt.

Meine Einschätzung ist, dass sich Frohnmaier über die Jahre vom jungen Wilden, vor allem durch sein Berufspolitiker-Dasein, professionalisiert hat.

Er schlägt zwar nicht nur sanfte Töne an, gegenüber seinem Inner-Circle hält er immer noch harte Ansprachen, aber er versucht meist, staatsmännisch aufzutreten. Er ist ein cleverer, inhaltlich flexibler, Rechtspopulist.

Und auch die Tatsache, dass er jetzt nicht für den Landtag kandidiert, sondern weiter im Bundestag bleiben will, zeigt: Er glaubt noch nicht an den großen Erfolg, also an die Ministerpräsidentschaft, soll aber als Gesicht bekannt gemacht werden. Frohnmaier ist mit 37 sehr jung und kann warten.

Mit welchem Ergebnis rechnest du bei der Landtagswahl?

In den Umfragen liegt die AfD gerade bei 20 Prozent. Das hatte sie letztes Jahr schon. Das erwarte ich auch - und das ist ein Erfolg für die AfD. Das wäre eine Verdopplung, bei der letzten Landtagswahl hatte sie 9,7 Prozent.

Aber das ist natürlich kein Ergebnis wie es in Sachsen-Anhalt oder Mecklenburg-Vorpommern eintreten könnte, wo die AfD in Umfragen zwischen 37 und 40 Prozent liegt. Und die AfD ist in Baden-Württemberg isoliert. Es gibt im Landtag keine wahrnehmbare Annäherung an die CDU.

Welches Ergebnis wünscht sich die AfD?

Sie will 25 Prozent erreichen. Dann kann sie Landesuntersuchungsausschüsse einsetzen. Ich glaube, sie würde gern einen Ausschuss zum Thema Corona einsetzen und vermutlich noch zu anderen.

Landesuntersuchungsausschüsse sind Bühnen und die AfD liebt Bühnen.

Da kann sie dann Leute vorladen und den Ausschuss in ihrem Sinne inszenieren. Strategisch geht es der AfD in Baden-Württemberg vermutlich eher um die nächste Wahl in vier Jahren.

Und siehst du Spannungen oder Bruchlinien in der AfD, über die man mehr berichten sollte?

Die Landesliste ist sehr konform auf Alice Weidel ausgerichtet. Es gab bis Herbst 2024 einen internen Konflikt zwischen zwei Lagern, das eine von Weidel und das andere des Bundestagsabgeordneten Dirk Spaniel. Den hat Weidel gewonnen. Auf der Landesliste gibt es keine Kandidaten aus dem Spaniel-Lager. Spaniel selbst ist mittlerweile auch bei der Partei Werteunion.

Es gibt eine gewisse Unzufriedenheit mit Alice Weidel in der Bundespartei. Der christliche Flügel fremdelt mit ihrem Lebensmodell als lesbische verheiratete Frau. Aber die Macht des Erfolgs drückt das weitestgehend weg.

Bei den Kommunalmandaten in Baden-Württemberg gab es einige Skandalbiografien, die stehen aber nicht unbedingt auf der Landesliste. Einer wurde beispielsweise verurteilt, weil er einer anderen Person ein halbes Ohr abgebissen hat. Und es gibt noch diverse andere Kandidat:innen mit juristischen Problemen. Das bricht schon stark mit der Erzählung, die AfD sei die Partei der Rechtsstaatlichkeit.

Aber Widersprüche hegt die Partei bislang ja sehr gut ein. Da sehe ich insgesamt wenig Potenzial für Spannungen, um ehrlich zu sein.

Vielen Dank, Lucius!

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