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VAMOS SCHATZI!

#14 / Bad Bunny, Colonia Dignidad und was wir noch zu sagen hätten…

Verleiht jemand 'ne Panflöte?

Hallo ihr Lieben,

wir sind zurück! Nach drei Monaten am anderen Ende der Welt sitzen wir wieder in Berlin und schauen aus dem Fenster auf die Häuser gegenüber. Chile war... nun ja. Seht selbst.

Unser Fazit nach 94 Tagen Ferne: Abstand macht klüger. Oder zumindest neugieriger. Wer weit weg ist, schaut beim Zurückkommen plötzlich ganz anders hin – auf das eigene Leben, die eigenen Gewohnheiten, die eigene Stadt. Als wäre der Blick frisch geputzt.

Außerdem haben wir festgestellt: viel Natur und wenig Menschen tuen der Seele gut. Das klingt banal, aber wer schon mal in einem leeren Nationalpark stand und nur Bäume, Wind und gelegentlich einen Vogel gehört hat, weiß, wovon wir reden. Die Wissenschaft nennt das übrigens Dichtestress – das, was passiert, wenn wir zu lange zu eng mit zu vielen Menschen zusammen sind. Der Wald ist das Gegenmittel. Und Chile hat davon reichlich.

Ein weiteres Resümee betrifft diesen Newsletter: Wir ändern den Rhythmus - nicht nur beim Fußball eine gute Idee.

Ein wöchentlicher Newsletter mit Bonusfolge macht echt viel Arbeit – und führt manchmal sogar zu blöden Reibereien. Das wollen wir uns und euch ersparen. Ab sofort erscheint er deshalb einmal im Monat, in neuer Form, mit mehr Luft dazwischen.

Unseren Steady-Förderern sagen wir von ♥️ Danke ♥️♥️♥️ – für eure treue Begleitung, manche über Jahre. Das bedeutet uns wirklich viel. 🙏

Und all den Anderen, die ursprünglich mal Schumachers Woche abonniert hatten und immer noch dabei sind: Hut ab! Hajo wird mit seinen politischen Einordnungen auch im neuen monatlichen Format wieder auftauchen – versprochen. Wir würden uns sehr freuen, wenn ihr bleibt.

Als Abschiedsgeschenk für die Steady Community gibt es diesmal einen Link zu unserer Chile-Playlist 🎵 – zeitgenössische junge Chilenen, alte Gassenhauer, und das ein oder andere Lied, das uns selbst noch im Ohr klingt. Viel Freude damit!

Vamos Schatzi! – und bis bald aus Berlin,

Suse & Hajo 🌿

  1. Gearbeitet

Wenn uns was gut gelungen ist, dann der Wechsel zwischen Arbeiten, Rausgehen, Sachen auch mal liegen lassen, um sie dann noch mal neu anzugucken, last-minute-Einsätzen (Suse als Psschologin, Hajo als Redenschreiber) und bisweilen sogar rumtrödeln. So hatten wir uns das Hamsterrad immer gewünscht: dreht sich zwar, aber so entspannt, dass man unterwegs ein- und aussteigen kann.

  1. Gestaunt

Erinnert Ihr Euch? Wir haben in der dritten Folge unserer Podcast-Serie Vamos Schatzi! über Carl Anwandter berichtet, einen der ersten deutschen Einwanderer in Chile. Die Folge hieß: Siedler, Sauerkraut und die Von-Storch-Connection (Opens in a new window) – gerne auch nochmal reinhören.

Auf unserem Rückweg waren wir in Valdivia, dem Ort an dem Carl Anwandter, Apotheker, Kaufmann und Politiker aus Luckenwalde in Brandenburg, 1850 mit seiner Frau und sieben Kindern ankam und eine ganze Stadt mitformte. Sein ehemaliges Wohnhaus und heutiges Museum, die Casa Anwandter, liegt direkt am Flussufer gegenüber dem lebhaften Fischmarkt. Schöner konnte man es kaum platzieren.

Im Museum hängt ein handgezeichneter Stammbaum, der uns eine Weile beschäftigt hat. Er reicht zurück bis ins 17. Jahrhundert – mit Wappenschildern, alten Berufsbezeichnungen wie "Königlicher Post-Zoll- und Zinzenverwalter" und Familienlinien, die sich wie ein Fächer über das ganze Papier ausbreiten. In der Stadt erinnert fast jede zweite Straße, Schule oder Institution an ihn.

Gleich nebenan, ebenfalls auf der Isla Teja, stand einmal die erste Brauerei Chiles – 1851 von Anwandter gegründet, 1912 durch einen Brand schwer beschädigt, und schließlich 1960 vom stärksten je gemessenen Erdbeben der Welt endgültig zerstört. Heute befindet sich in ihren Ruinen das Museum für zeitgenössische Kunst.

  1. Genossen

Geht man in Chile ins Restaurant, fällt eines sofort auf: kein Pfeffer auf dem Tisch. Stattdessen Merkén – eine traditionell geräucherte Gewürzmischung der Mapuche, die aus der chilenischen Küche so wenig wegzudenken ist wie Olivenöl aus der italienischen. Die Basis ist der Ají cacho de cabra, eine Chilischote, die getrocknet und geräuchert, dann gemahlen und mit gerösteten Koriandersamen und Salz gemischt wird. Rauchig, scharf, leicht erdig – und irgendwie unwiderstehlich.

Nach dem ersten Probieren war die Sache klar: wird eingepackt. Jetzt steht es bei uns in der Küche und wartet auf seinen großen Auftritt – am liebsten in den Kreationen unseres Jüngsten, der gerade Koch lernt. Wir haben ihm das Glas gut sichtbar hingestellt. 🌶️🌶️🌶️

  1. Genadelt

Auf unserem Rückweg nach Santiago haben wir einen Abstecher in die Araucanía gemacht. Eine Region, in der etwa ein Drittel der Bevölkerung Mapuche ist – nirgendwo in Chile ist der Anteil höher. Das kulturelle Herzland eines Volkes, das sich jahrhundertelang weder den Inka noch den Spaniern beugte.

Der Name der Region kommt von den Araukarien – jenen urzeitlichen Nadelbäumen, die für den Süden Chiles stehen. Am eindrucksvollsten sind sie im Nationalpark Conguillío zu erleben, wo sie wie stille Wächter über Vulkane und Lavaseen blicken.

  1. Gegruselt

Eigentlich wollten wir nur kurz vorbeischauen. In der Villa Baviera, früher bekannt als Colonia Dignidad, ein berüchtigtes Sekten- und Folterlager unter deutscher Führung. Heute werben die Nachfahren um Touristen, mit Drei-Sterne-Hotel und eigenem Kleinflughafen.

Ein spooky place. Gebäude aus den 60ern, die aussehen als hätte jemand Teile Bayerns in die chilenischen Anden teleportiert, ein Wirtshaus mit folkloristischem Charme und Schilder, die konsequent zweisprachig waren – weil man ja schließlich seine Wurzeln pflegt.

Das Unbehagen kam schnell. Hatten wir zuvor zu viel recherchiert, zu viele Podcasts gehört? Jedenfalls kamen wir mit der heiteren Unbekümmertheit nicht klar, mit der hier Geschichte unter Dirndl und Lederhose begraben wird, und sparten uns das Mittagessen. Vielleicht haben Chilenen einfach einen sehr speziellen Humor.

  1. Geehrt

Zum Schluss das Lied für den Frieden des chilenischen Musikers und Theaterregisseurs Victor Jara (1932 - 1973). Er war Cantautor, Theaterregisseur und Aktivist, eine der zentralen Figuren der Nueva Canción Chilena – jener politisch engagierten Folkbewegung der 1960er und 70er Jahre, die Musik als Stimme der Armen und Unterdrückten verstand. Seine Lieder handelten von Arbeitern, Bauern, sozialer Ungerechtigkeit – einfach, direkt, und deshalb so wirkungsvoll.

Wir waren in Chile, als es passierte: Bad Bunny - ja, jener Künstler, der einen Monat später mit seiner spanischsprachigen Super Bowl Halbzeitshow Trump zur Weißglut bringen würde - eröffnete seine Konzerte im Estadio Nacional in Santiago – und einer seiner Musiker spielte auf der Mandoline die ersten Akkorde von Víctor Jaras El Derecho de Vivir en Paz. Das Stadion war voll. Und das gesamte Publikum sang mit.

Was diesen Moment so besonders macht: Es ist genau dieses Stadion, das Pinochet nach dem Putsch 1973 als Folterlager benutzte. Hier wurde Víctor Jara gefangen gehalten, gefoltert und kurz darauf ermordet. Dass nun, mehr als 50 Jahre später, ein Reggaeton-Superstar aus Puerto Rico in eben diesem Stadion innehalten und sein Lied spielen lässt – und Tausende Chilenen sofort die Lyrics kennen und mitsingen – das ist kein kleiner Moment. Das ist kollektives Gedächtnis. Das ist Chile.

Ach ja: Dieser Pinochet ließ politische Gegner übrigens auch in der Colonia Dignidad foltern und töten. Der neue Präsident José Antonio Kast findet den Diktator übrigens ganz prima, hat zwei von Pinochets Anwälten zu Ministern gemacht und plant eine Amnestie für die Folterknechte von damals.

👉 Hinter der Paywall gibt es diesmal unsere Chile Chillen Playlist.

Herzliche Grüße, habt einen guten Wochenstart,

Eure Suse & Hajo

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Topic Vamos Schatzi!

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