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Was ich in den Alpen über Frauensolidarität gelernt habe

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Frauensolidarität in den Alpen (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
Foto by Judith Ziegenthaler

Die Blätter meines kleinen „Gartenwaldes“ glänzen heute morgen wie frisch lackiert. Lang ersehnter Regen überschüttet unsere Gegend mit Frische. Die Sonnenblumen sind umgefallen, die Malven pumpen frischen Saft in ihre Blätter, die Regentonnen laufen voll, heute Abend gehe ich wieder auf Schneckenjagd. 

Das große Mädchen besucht ein Science Summer Camp und weilt in den heiligen Hallen von CERN. Das andere Kind hat gestern seine erste längere Solo-Bahnreise zur Großmutter nach Franken angetreten. Es ist alles gut gelaufen, sie hat jeden Anschlusszug erwischt.

Nun sitze ich allein in meinem Häuschen und lasse die letzten Tage nochmal vor meinem inneren Auge vorüberziehen. Ist das alles wirklich passiert? frage ich mich. Das Tanzen auf dem Festival, das Schwimmen in polnischen Seen, das Pubquiz in Leipzig (bei dem wir haushoch verloren haben)……und nun als krönender Abschluss dieses außergewöhnlichen Monats: Ein Foto-Retreat in den Alpen. 

Im Frühjahr ploppte in meiner Instagram-Timeline die Werbung für ein Foto-Retreat (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) in den Bergen auf. Von der Fotografie- und Instaqueen Esther Meinel-Zottel (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) (@ourlifeinthealps). Esther und ich kennen uns schon länger über Social Media. Sie hatte ein Buch von mir gelesen, mich berühren ihre atmosphärische Fotos.

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Foto by Judith Ziegenthaler
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Zweifel kickte ich entschlossen zur Seite und meldete mich, ohne nachzudenken an. Nach unserer Trennung hatte ich mir nämlich versprochen, dass ich mir einmal pro Jahr einen Wunsch erfülle – wenn Zeit und Finanzen nicht im Wege stehen. Diese Wünsche werden wohl immer Reisen sein. Mit Handtaschen und Wellnessbehandlungen kann ich nicht viel anfangen. Vielleicht werde ich ja doch noch Ü-45-Solo-Travellerin-Influencerin.

Eigentlich wollte ich hier gar nicht über den Trip in die Berge schreiben. Verrückt, nicht wahr? Mein Kopf flüsterte: Was, wenn Leute mich dafür kritisieren, dass ich zweimal im Monat verreise! D-E-K-A-D-E-N-T!! Aber wem das Herz übergeht….naja, ihr wisst schon. Ich kann gar nicht anders, als über die letzten Tage zu schreiben.

Also, schnallt euch an, wir reisen jetzt gemeinsam in die Kitzbüheler Alpen. 

Unsere kleine Fotografinnentruppe bestand aus sieben Frauen zwischen Mitte 30 und Ende 50. Gepackt hatten wir nur das Nötigste, den Rest unseres Rucksackinhalts füllten wir mit Reis, Schokolade, Tee, Gemüse, Kokosmilch, Linsen. Ich hatte einen gemütlichen Spaziergang auf breiten Forstwegen mit leichter Steigung erwartet. Haha, ich erzähle mir gerne Lügen (und glaube sie bereitwillig), um der Realität auszuweichen. Da stand ich also in geliehenen Wanderstiefeln, ohne einen Fetzen Funktionskleidung, mit einem Rucksack voller Müsliriegel auf dem Rücken und legte meinen Kopf in den Nacken, um die Bergspitze zu sehen. Sie hüllte sich in Nebel und Schweigen. Wahrscheinlich besser so, wenn einen die Wahrheit nicht sofort plattwalzt, sondern erst nach und nach ihr Grauen herausschält. 

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Fotos by Judith Ziegenthaler

Entschlossen packte ich meine Walkingstöcke und trottete den anderen hinterher. „Ich bin beim Wandern die lahmste Ente, wahrscheinlich werde ich irgendwo im Nebel vergessen.“ Die alte Angst, zur Last zu fallen, nicht fit genug zu sein, zurückgelassen zu werden, ploppte wieder auf. 

Wir stiefelten an Schluchten und Wasserfällen entlang, der viele Regen hatte einige Wegabschnitte überschwemmt und wir hüpften von Stein zu Stein. Entweder hatte sich meine Fitness drastisch verbessert oder die anderen sechs Frauen waren ein Ausbund an Geduld und Solidarität: Ich hielt mit. Ohne Überanstrengung. 

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Einige Stunden später kamen wir auch schon oberhalb der Baumgrenze an unserer Selbstversorgerhütte an: straight out of a Horrormovie. Aber sobald wir die Fensterläden geöffnet, ein paar Kerzen angezündet hatten und das Feuer im Ofen brannte, verflogen Visionen von irrsinnigen Serienmördern und alpin-mystischen Gruselgestalten. Wir hatten sogar warmes Wasser! Für je zwei Sekunden! Man munkelte, dass es einige von uns geschafft hatten, in dieser Rekordzeit zu duschen. Ich stank lieber vor mich hin. 

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Wisst ihr, was mich am meisten faszinierte? Neben der Landschaft, die mich an schottische Highlands erinnerte. Neben den Bergseen und Blaubeeren und unerschrockenen SennerInnen und deren Kühe. Und selbstverständlich neben unseren spicy Fotosessions im Nebel. 

Aber ja: Unsere Solidargemeinschaft von sieben Frauen ohne Profilneurosen, Ego-Trips, Genörgel. Jede wurde (hoffentlich!) gesehen, wertgeschätzt. Wisst ihr, darum liebe ich es mit starken und selbstreflektierten Frauen Zeit zu verbringen. Sie sind nicht damit beschäftigt, sich krampfhaft zu optimieren. Und sie haben keine Angst vor anderen Frauen. Nein, ihnen ist es wichtig, dass jede einen Platz am Tisch hat. Als Kind der 80er Jahre kenne ich das noch ganz anders: Wir junge Mädchen und Frauen konkurrierten damals hart miteinander. An den meisten Tagen fühlte ich mich wie eine Einzelkämpferin in einem Haifischbecken. 

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Portraits by Judith Ziegenthaler (ihr seht sie über den Portraits in Action 🙂
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Foto by Judith Ziegenthaler

Auch wenn die Gegenwart viele neue Probleme kreiert, so hat sich der Umgang unter Frauen gefühlt positiv gewandelt: Starke Frauen unterstützen einander. 

Wir entfalten unsere volle Wirkkraft, wenn wir einander anfeuern. Initiative ergreifen. Und für unsere Bedürfnisse einstehen. 

„Du schaffst das!“ 

„Lauf in deinem Tempo, ich gehe hinter dir her.“

„Auf diesem Foto bist du unglaublich schön.“

„Ich habe eine Ibuprofen für dich.“

„Brauchst du meinen Wanderstock beim Abstieg? Ich kann auch ohne gehen.“

„Darf ich dich fotografieren?“

„Ich geb dir ein paar Foto-Tipps.“

„Ich koche für euch.“

„Soll ich deine Wasserflasche mit auffüllen?“

„Ich habe schon Feuer gemacht.“

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Als wir am letzten Tag wieder ins Tal hinabstiegen, schauten uns die Wasserfälle und Felsen und die Moosflächen ungerührt hinterher. Für sie waren wir seltsame Eindringlinge mit seltsamen Apparaten vor unseren Gesichtern. Sie werden noch da sein, wenn wir sieben Frauen auf den Hochzeiten unserer Kinder tanzen, wenn wir alte Freunde beerdigen, wenn wir Fotos von früher anschauen und uns denken: Hätte ich nur damals meine Schönheit genossen, anstatt an mir herumzunörgeln. Sie werden noch da sein, wenn auch unsere Kinder und Kindeskinder nicht mehr sind.

Sie werden noch da sein, wenn neue Frauengenerationen hoffentlich die Solidarität weiterleben, die wir gesät haben. 

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