
In der ersten thematischen Folge unseres Projekts Agent Mensch wenden wir uns der Welt der Arbeit zu. Hier geht es zuerst mal um Fragen rund um die Zukunft von Erwerbstätigkeit und Entwicklungen in der aktuellen Berufswelt.
Die passende Video-Podcast-Folge findest du hier.
Arbeit im Zentrum der Transformation
Die Zukunft von Arbeit, Führung und Zusammenarbeit hat Bettina und mich in der letzten Dekade sehr intensiv beschäftigt, da wir viel dazu geforscht und experimentiert haben. Besonders beschäftigte uns welche Organisationsformen für eine zunehmend komplexe und unsichere Welt geeignet sind und welche inneren Kompetenzen wir entwickeln müssen, um Komplexität adäquat navigieren zu können.
Das Thema Arbeit und Künstliche Intelligenz ist aber auch deshalb so interessant, weil sich daran sehr viele Debatten entzünden und so viele verschiedene Szenarien kursieren. Von: werden Maschinen alle unsere Jobs wegnehmen? Ist Lohnarbeit überhaupt erstrebenswert? Wie geht es uns Menschen, wenn Maschinen so viele Dinge viel, viel besser machen können als wir? Wie gehen wir mit der zunehmenden Konzentration von Kapital, Produktivität und Macht in der Wirtschaft um? Werden wir zukünftig vollkommen von Algorithmen überwacht? Und müssen wir schlussendlich sogar Maschinen eigene Rechte geben und sie vielleicht sogar als überlegene Wesen anerkennen?
Diese Fragen sind historisch nicht neu. Immer wenn eine neue Technologie auftritt, richtet sich der Blick zuerst darauf, was sie mit unserer Arbeit macht. Als im 19. Jahrhundert die mechanischen Webstühle in der Textilproduktion Einzug hielten, überschlugen sich Zeitungen, Pamphlete und Debatten im Parlament mit der Sorge, ob diese Maschinen den allgemeinen Wohlstand heben oder die einfachen Arbeiter ins Elend stürzen würden. Ein Jahrhundert später, in den 1950er-Jahren, wiederholte sich das Muster: Mit dem Aufkommen der Computer drehte sich die öffentliche Diskussion fast reflexhaft um dieselben Fragen. Welche Berufe würden verschwinden? Welche neuen Tätigkeiten würden entstehen?
Welche Entwicklungen sehen wir?
Ein kurzer Blick auf die Entwicklungen zeigt, wie schwer es ist, echte Veränderungen von bombastischen Visionen, bzw. einem alarmistischen Diskurs zu trennen.
Trotzdem lassen sich ein paar klare Tendenzen erkennen. Anders als bei früheren Technologieschüben betrifft der Wandel diesmal nicht nur routinemäßige, leicht zu automatisierende Tätigkeiten oder klassischen „blue collar“-Jobs. KI greift inzwischen in Bereiche ein, die bisher als besonders menschlich oder kreativ galten – und damit in gut bezahlte, akademische Berufe: Recht, Medizin, Journalismus, Softwareentwicklung, Marketing.
In der Medizin werden Röntgen- und MRT-Befunde bereits heute zuverlässig von KI-Systemen mitgelesen. Programmierer lassen sich von Modellen unterstützen, die nicht nur Code schreiben, sondern auch testen und Fehler ausbügeln; manche Start-ups bauen aus ein paar Textzeilen innerhalb von Minuten funktionierende Prototypen. Im Marketing ersetzen Sprach- und Bildmodelle zunehmend Texterinnen und Illustratorinnen, im Entertainment entstehen Drehbuchentwürfe auf Knopfdruck. Auch im Recht wird automatisiert extrahiert, sortiert und vorstrukturiert – von Klauseln über Risiken bis hin zu ganzen Vertragsentwürfen. Und selbst im Coaching oder in der psychologischen Erstunterstützung übernehmen KI-gestützte Apps bereits Funktionen, die bisher klar menschlich waren: „zuhören“, „spiegeln“, „motivieren“.
Medienwirksam hat Open-AI CEO Sam Altman gerade bekannt gegeben (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), dass er sein eigenes Unternehmen zum ersten großen Konzern mit einem KI-Geschäftsführer machen möchte und dabei schrittweise Bereiche des Unternehmens an künstliche Intelligenz übergeben wird. In einem Podcast erklärte Altman, dass KI in wenigen Jahren ganze Abteilungen leiten könnte, bevor schließlich ein KI-CEO übernimmt. Als größte Herausforderung sieht er das mangelnde Vertrauen der Menschen in KI-Führung, weshalb er sich vorstellen könnte, nach der Umstellung weiter als Gesicht des Unternehmens zu fungieren.
Bisweilen wird bei vielen Unternehmen jedoch noch nach sinnvollen Anwendungsformen für KI-Systeme gesucht und immer wieder begegnen mir Firmen, die sich als KI-first ausgeben, in Wirklichkeit aber sehr viele Menschen (unsichtbar) im Hintergrund beschäftigen, die die Leistungen erbringen. Dieser Trick hat eine lange Geschichte: Im 18. Jahrhundert gab des den sogenannten "Schachtürken" oder "mechanical turk", einen angeblichen Schachroboter, der von der österreichischen Kaiserin Maria Theresia in Auftrag gegeben wurde und bei dem Teilnehmer glaubten, gegen eine automatisierte Maschine zu spielen. In Wirklichkeit führte aber ein Mensch die Züge aus.
Wohin führt KI in der Arbeitswelt insgesamt? Große Bandbreite der Prognosen
Die Frage, wohin KI uns insgesamt führt, wird derzeit so unterschiedlich beantwortet wie kaum ein anderes Zukunftsthema. Die Spannweite reicht von apokalyptischen Szenarien à la „If you have a desk job, you don’t have a job“ – also der Vorstellung, dass fast alle Bürojobs verschwinden – bis hin zu Prognosen, die eher von einem langsamen, über Jahre gestreckten Wandel ausgehen.
Auf der radikaleren Seite finden sich Studien wie die von Frey und Osborne (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), die schon 2013 schätzten, dass rund 47 Prozent der US-Jobs hoch automatisierbar seien; neuere Modelle rechnen sogar mit bis zu 80 Prozent. Nick Bostroms aktuelles Buch Deep Utopia (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) geht noch weiter: Er beschreibt eine Zukunft, in der fast alle Tätigkeiten durch superintelligente, sich selbst verbessernde Systeme erledigt werden. Manche Visionen – wie die im ersten Blogpost erwähnte Studie AI 2027 (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)i – gehen sogar davon aus, dass ab 2027 Technologien bereitstehen, die unsere materielle Umwelt in rasanter Geschwindigkeit umformen: KI baut Fabriken, gestaltet politische Maßnahmen, übernimmt ganze Produktionsketten. In dieser Erzählung explodieren Börsenkurse, während reale Wirtschaftsstrukturen wegbrechen. Ebenso sagt Open Source Technologe und Mathematiker Emad Mostaque den Zusammenbruch des kapitalistischen Systems innerhalb von 1000 Tagen (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) voraus. Dies begründet er damit, dass durch KI die Kosten menschlicher kognitiver Arbeit nicht nur auf null, sondern sogar ins Negative sinken könnten – was das gesamte kapitalistische Verhältnis von Arbeit, Lohn und Wert zerstört.
Auf der anderen Seite stehen Stimmen, die sehr viel vorsichtiger argumentieren. Ökonomen wie Tyler Cowen (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) oder auch die ILO (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) (International Labour Organisation) betonen, dass technologische Durchbrüche traditionell eine lange Adoptionsphase brauchen – oft 20 bis 25 Jahre. Menschen, Organisationen und Institutionen verändern sich schlicht nicht in dem Tempo, das der Silicon-Valley-Hype gern unterstellt. Arbeit wandelt sich, ja, aber das heißt nicht automatisch Massenarbeitslosigkeit. Die Industrialisierung der Landwirtschaft zeigt, dass parallel zu wegfallenden Tätigkeiten völlig neue Berufsfelder entstehen können – von hochspezialisierten Wissensjobs bis zu Lebensstil-Berufen wie Yogalehrer, Atemtrainer oder Dog Walker. In vielen Bereichen dürfte KI eher ergänzen und erweitern als vollständig ersetzen, und die kurzfristigen Automatisierungseffekte bleiben begrenzt.
Auch die OECD mahnt zur Erdung: Im Employment Outlook 2023 (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)spricht sie zwar davon, dass rund ein Viertel aller Arbeitsplätze Tätigkeiten mit hohem Automatisierungsrisiko enthalten. Gleichzeitig betont sie aber, dass es noch zu früh sei, um deutliche Beschäftigungseffekte festzustellen. Viel hänge davon ab, wie Unternehmen und Politik KI tatsächlich einsetzen und regulieren.
Prognosen dienen Machtinteressen
Insbesondere bei den Aussagen der großen KI-Unternehmen, aber auch anderer Wirtschaftsakteure ist es wichtig sich zu gegenwärtigen, dass diese ein immenses direktes Interesse daran haben, den Wandel so groß wie möglich darzustellen. Wenn Anthropic Gründer Dario Amodei davon ausgeht, dass 50% aller Einstiegsjobs wegfallen könnten und eine Beratungsgesellschaft wie McKinsey in KI ein riesiges Potential für neue Jobs und Wohlstand propagiert, dann verknüpfen sie diese lockenden Prognosen mit der direkten Forderung nach noch mehr Wachstumskapital und stark vereinfachter Regulierung. Dies wiederum sind Policies, die einer bestimmten, neoliberalen, bzw. teilweise autokratisch agierenden Wirtschaftselite große Produktionsgewinne in Aussicht stellt. Deshalb ist es wichtig, sich bei allen Absendern dieser Szenarien zu fragen, welche eigenen Interessen sie damit verfolgen. Vorsicht vor Hype! (Zu den politischen Hintergründen empfehlen wir die Lektüre von Rainer Mühlhoff Künstliche Intelligenz und der neue Faschismus (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), 2025, ein Buch, auf das wir in späteren Folgen noch ausführlicher eingehen werden.)
Lasst uns jetzt mal wieder näher an unsere eigenen Erfahrungen herantreten. Welche Fragen beschäftigen die Menschen um uns, Bettina und Joana, herum?
Welche Fragen beschäftigten Menschen in Bezug auf Arbeit und KI?
In Diskussionen mit UnternehmerInnen und MitarbeiterInnen hören wir oft Fragen wie:
Wie lange wird es meine Arbeit noch geben?
Wie verändert sich das Geschäftsmodell meines Unternehmens?
Was muss ich tun, um am Ball zu bleiben?
Wo führe ich KI ein?
Ist jetzt schon der richtige Zeitpunkt sich mit KIi intensiv zu beschäftigen?
Wofür darf ich KI in meiner Arbeit nutzen? Und, wie gehe ich damit um, dass ich viele Tools aus Sicherheitsgründen nicht verwenden darf?
In unserem eigenen Umfeld kennen wir viele, wie uns scheint, sinnvolle und weitreichende Verwendungen. Joanas Tochter Lilian hat ein KI Unternehmen, flank.ai (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), aufgebaut, welches hohe Produktivitäts- und Effizienzgewinne für Unternehmen verzeichnet. Dort sehen wir, wie viele aufeinanderfolgende Aktionen /Prozessschritte einer Aufgabe heute schon mit fast 100% Zuverlässigkeit von KI-Agenten bewältigt werden können. Aufgaben, für die ein Mitarbeiter bislang einen ganzen Tag gebraucht hat, werden jetzt innerhalb von 5 Minuten durch einen KI-Agenten erledigt, dessen Arbeit dann nur noch von einmal kurz von einem Menschen kontrolliert wird. Laut Azzem Azhar, einem britischen Digitalexperten, dessen Newsletter Exponential View (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)wir sehr empfehlen können, gibt es jetzt schon Systeme, die an die 100 aufeinanderfolgende Aktionen selbstständig bearbeiten können. Diese Zahl könnte in paar Jahre um das Drei- bis Zehnfache steigen, mit der Folge, dass ein KI-System wochen- oder sogar monatelang ohne Aufsicht arbeiten könnte. Allerdings sollte man bei solchen linearen Fortschreibungen vorsichtig sein, denn meist erweisen sie sich als falsch. Ebenso entwickelt Joanas Mann Stephan mit der Rulemapping Group (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) (u.a.) Ki-Anwendungen in so unterschiedlichen Bereichen wie Gesetzgebung, Verfolgung von Hass im Netz und Abbau der Bürokratie.
Zugleich erleben wir, dass einige unserer Freundinnen und Kolleginnen, die in Marketing und Kommunikation tätig sind, gerade viele Kunden verlieren, bzw. die Preise von ihren Klienten gedrückt werden. Teilweise werden ganze Marketingabteilungen aufgelöst und durch KI-Modelle ersetzt. Kein Wunder, wenn es jetzt schon beispielsweise gang und gäbe ist nicht mehr Dutzende verschiedene Werbespots für verschiedene Märkte in Auftrag zu geben, sondern einen einzigen zu drehen und diesen dann mit KI in verschiedenen Sprachen weltweit auszuspielen. Viele Unternehmen in anderen Branchen stellen keine neuen MitarbeiterInnen ein, da sie unsicher sind, welche Arbeiten zukünftig von Menschen oder Maschinen geleistet werden können. Täglich lesen wir von Untenehmen, die Kündigungen aussprechen. Gerade heute lese ich, dass die Allianz 1.800 Jobs streichen will, da KI u.a. im Callcenter der Reiseversicherung den Job von Menschen übernehmen soll.
Eine Vielzahl neuer Berufe entstehen
Die Tatsache, das uns heute vertraue Berufe verschwinden, ist wenig überraschend und auch nicht besorgniserregend, denn bisher hat die Menschheit es gut verstanden, neue Bedürfnisse und Interessen zu entwickeln und damit auch neue Berufsbilder hervorzubringen.
Noch um 1800 lebte die Mehrheit der Menschen – in manchen Regionen Europas bis zu 80–90 % – von der Landwirtschaft. Heute hingegen sind es in Deutschland nur noch rund 1–2 %, während die Bundesagentur für Arbeit in ihrer Klassifikation der Berufe über 1 300 verschiedene „Berufsgattungen“ unterscheidet – von der Anlagenmechanikerin bis zum Social-Media-Manager.