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Wahlsonntag | Zeitreise

Ich hatte neulich eine fantastisch gute Woche. Und weil das mit Erschöpfungssymptomen, Schmerzen und Co. alles andere als selbstverständlich ist, habe ich versucht, jeden einzelnen Tropfen aus diesen Tagen herauszuquetschen, jede einzelne Sekunde voller Leichtigkeit, Sonnenschein und Unbeschwertheit in mich aufgesogen. Ich war auf einer Kirmes, habe Eis gegessen, mit meinen Nichten gespielt und gekichert. Ich habe mich in eine fremde Gruppe begeben. Ich habe gelesen und gemalt, viel gearbeitet und geschrieben. Ich habe aus dem Fenster geguckt, einfach so.

Und das schönste daran: Ich habe mich ruhig dabei gefühlt. Im Außen und im Innen. Ich war bei mir. Ich konnte es genießen, alles daran. Ich konnte einen Blick auf eine Version von mir werfen, die ich mal war und auf eine, die ich immer werden wollte. Und ich konnte spüren, dass ich gerade so nah an meiner Wunschversion von mir selbst bin, wie vielleicht noch nie.

Und als wäre das nicht schon krass genug, konnte ich spüren, wie es ist, wenn man etwas unternehmen möchte. Wenn der Akku voll genug ist, um rauszugehen – ohne zu befürchten, dass man sich zwischen Rausgehen und Erholen entscheiden muss. Ich konnte rausgehen und mich trotzdem gut und erholt danach fühlen. So wie früher.

Also bin ich rausgegangen, am Wahlsonntag in Rheinland-Pfalz. Und ich war nicht einfach so draußen. Ich bin mit L. durch die Zeit gereist – zu einer Hütte, in der die 1980er Jahre niemals geendet haben. Zumindest haben die Eichevertäfelung an den Wänden und die Massivholz-Stühle mit den grauen Bezügen diesen Eindruck erweckt.

“Wo kommt ihr denn her?”

Ich öffne die Tür und warte fast darauf, dass mir der unverwechselbare Duft von frischgezapftem Pils, Zigarettenrauch und Frittenfett entgegenschlagen. Wie in der Kneipe, die meine Großeltern damals geführt haben – oder in den Kneipen, in denen ich mich nach dem Abi herumtrieb und in denen ich nächtelang vor und hinter der Theke stand. Aber es riecht maximal nach frischgekochtem Essen. Kaum eine Spur von der erwarteten Ranzigkeit.

Als ich eine Stufe nach oben nehme, schwankt mir einer der Gäste entgegen, um draußen eine zu rauchen. Natürlich riecht es innen nicht nach kaltem Rauch, geraucht wird seit Jahren nur noch vor der Tür. Der Mann schiebt den Unterkiefer nach vorne, wie es nur Menschen tun, die eigentlich Zahnprothesen tragen, aber sich dazu entschieden haben, ihr Gebiss heute lieber im Kukident-Glas zu lassen. Er überkreuzt seine Schritte. Dass er einen Hut trägt, passt ins Bild. Dass er mich durch eine Sonnenbrille ansieht, obwohl es schon dämmert und er gerade einen schummerigen Raum verlässt, wundert mich in dieser Sekunde erst später. Wir taxieren uns, fragen uns, ob wir bereit dazu sind, für eine Weile unsere Welten miteinander zu teilen – und ziehen vorerst weiter.

L. und ich treten ein, in diese ganz eigene, kleine Welt. An den Tischen sitzen Menschengruppen. Ich kann sie nicht zuordnen, nicht sortieren, habe kein Gespür für sie. Das möchte ich auch nicht – ich will mich langsam vortasten. Also heißt uns der Wirt willkommen, weist uns einen Tisch zu und setzt sich erst einmal zu uns. “Wo kommt ihr denn her?” Seine Frage klingt nach irgendwas zwischen aufrichtigem Interesse und Erstaunen.

Erst später verstehe ich, dass es eine Art Initiationsritual war. Wir sind Fremde. Wir dringen in seine Welt ein und er prüft, ob er uns einlassen wird. Wir bestellen höflich unsere Getränke und tauchen ab. Wir führen unsere eigenen Gespräche, während ich doch nicht anders kann, als nebenbei zu versuchen, die Gesprächsfetzen um uns herum aufzuschnappen. Ich will wissen, wo ich hier gelandet bin. Wer sind diese Menschen? Was denken sie? Was bewegt sie? Und über was sprechen sie an diesem Wahlabend? Oder besser: über wen?

Ob ich in diese Welt eintreten möchte, ob ich hier ankommen will, das kann ich erst wissen, wenn ich weiß, wer die anderen sind. Wie sie ticken. Doch ich sitze mit dem Rücken zu ihnen, mein Bild kann so nicht vollständig werden.

Also entschließe ich mich dazu, meinen Sitzplatz zu wechseln, um den Raum überblicken zu können. Der Wirt bringt uns eine Schüssel Nudelsalat. Aufs Haus. Weil: “Der ist noch übrig und soll nicht schlecht werden. Ist heute Morgen frisch gemacht.” Und er ist köstlich. Ein Nudelsalat, der nach Kindheit und Grillabend schmeckt. Der Erinnerungen hervorruft, wie so vieles in diesem Raum. Ich lasse los, lasse mich ein. Auf diese Welt. Ich spüre intuitiv: Hier muss ich nicht performen. Die Frau, die mir im Vorbeigehen ein Kompliment für meine Frisur zuspricht, tut ihren Teil ebenso dazu wie das ältere Ehepaar, das dem Mann, der offen und lautstark über die Coronaimpfungen und “Turbokrebs” schwadroniert, widerspricht.

Blaustich.

Es ist kurz nach 6. Die ersten Hochrechnungen kommen. Ich warte darauf, dass es laute Äußerungen der wenigen noch verbliebenen Gäste dazu gibt, dass sie sich über die immensen Zugewinne der AfD freuen oder die Verluste der SPD betrauern. Doch nichts dergleichen passiert. Die Ergebnisse werden quittiert, eindeutige Sympathien oder Antipathien kann ich zunächst nicht ausmachen. Wenigstens so lange nicht, bis der – noch immer – sonnenbebrillte Hutträger lautstark Alice Weidel als “Dreckskuh” beschimpft. Ich bemerke mein Erstaunen und einem ersten Impuls folgend stimme ich zu. Erst im Nachhinein rüge ich mich dafür, dass ich seine Wortwahl passend fand. Gelten meine feministischen Standards und meine vorsichtige Wortwahl nicht auch für die Frau, von der ich mir sehnlichst wünsche, dass sie niemals die zweite deutsche Kanzlerin werden wird und wohlmöglich noch von Widersachern als Argument dafür herangezogen werden könnte, dass wir den Feminismus ja eigentlich nicht mehr brauchen? Eigentlich tun sie das. Doch in diesem Moment siegt mein Impuls, siegt meine Enttäuschung über das – schon wieder – viel zu hohe Wahlergebnis der AfD, immerhin das bislang höchste ich Westdeutschland. Und in diesem Moment werden er und ich, der Hutträger und ich, wir werden zu Verbündeten. Dankbar nickt er mir zu. “Ist doch so, oder? Wenigstens eine Normale hier”, krakeelt er in den Raum, der nicht auf ihn reagiert.

Eine Reaktion erhält er erst, als er den Wirt auffordert, sich einen neuen Fernseher zuzulegen, dieser sei kaputt und gebe keinen Ton mehr von sich. Erst da fühlen sich andere Gäste dazu bemüßigt ihm zu erklären, dass man den Ton nur abgedreht habe. Dass das Gerät einen massiven Blaustich hat, scheint hier niemanden zu stören. Ob ich das als Symbol verstehen darf? Als Metapher für das, was an diesem Tag passiert ist? Ist der Blaustich bereits so sehr durch uns hindurchgedrungen, dass wir ihn nicht einmal mehr bemerken? Dass wir den Aufwand betreiben, ihn anzusprechen, auf ihn aufmerksam zu machen und darüber zu sprechen, wie wir ihn beheben können?

“Zieh mir ab”, ruft der Behütete dem Wirt im vom Lokalkolorit gefärbten Dialekt zu. In seiner Stimme liegt Resignation. Langsam schwankt er in den Abend.

Versch(r)oben.

Der Raum wird bald immer leerer. Während wir auf Nudelsalat, Pommes, die nach Freibad schmecken, und frisch gegrilltem Fleisch kauen, überhören wir die Gespräche der restlichen drei verbliebenen Gäste. Wie sie die Verbindung zueinander im Abklopfen möglicher gemeinsamer Bekannter suchen. Wie sie über Erkrankungen und Tod sprechen, einander ihr Mitgefühl aussprechen – bis sie schließlich wieder getrennter Wege gehen.

Nur noch L. und ich sitzen jetzt in dieser Zeitkapsel. Der Wirt (Jörg, wie wir inzwischen wissen) fühlt sich so sicher mit uns, dass er uns seine Hoffnung darauf anvertraut, dass an diesem Abend keine Gäste mehr kommen. Zehn Stunden dauere seine Schicht heute hier schon an. Und wir bestätigen ihn, wir wünschen ihm das, was er sich selbst wünscht. Jede*r von uns Dreien weiß, wie sehr er auf die Gäste angewiesen ist – und wir wissen auch, dass dieses Wissen ihn nicht vor seiner Erschöpfung bewahrt.

L. und ich kehren zurück ins Hier und Jetzt, verlassen diese Hütte, diesen seltsam verschrobenen Ort. Obwohl in diesem Tag und in diesem Wahlausgang so viel Schwere liegen, fühlen wir uns seltsam leicht. Das Initiationsritual scheint geglückt zu sein. Zu Beginn des Abends waren wir Eindringlinge in eine fremde Welt, an seinem Ende waren wir wenigstens für zwei Stunden Teil von ihr. Wir gehörten dazu. Und obwohl wir uns nicht sicher sein können, worin überhaupt die Verbindung lag – und ob wir sie unter anderen Umständen würden eingehen wollen – war es auf eine Weise tröstlich, mit der ich nicht gerechnet habe. Es war tröstlich, Teil dieser “Gemeinschaft für einen Moment” sein zu dürfen, aus der niemand ausgeschlossen zu werden schien. Die Ambivalenz aushielt, ohne sie zur Schau zu stellen zu müssen, und dabei durchlässig war. Und von der ich möglicherweise viel mehr lernen kann, als von jeder verkopften Analyse, hinter der ich mich sonst gern verstecke.

Hier kommt ein kleiner Reminder: Die ANN.ECK.DOTEN erscheinen als Kolumne ab sofort nur noch einmal monatlich. Zusätzlich erscheinen zwei (frei verfügbare) gleichnamige Podcastfolgen sowie eine Bonusfolge pro Monat. Falls du auch diese Bonusfolgen hören möchtest, in denen ich wie in einer Art “Mini-Coaching” jeweils eine Frage bespreche, einordne und Reflexionsfragen und Handlungsimpulse dazu teile, kannst du über den Button unten dein Abo ändern. Falls weiterhin monatlichen einen Text (ohne Zugriff auf die Bonusfolgen) erhalten möchtest, brauchst du nichts weiter zu tun.

So oder so: Ich danke dir sehr für deine Unterstützung, mit der du mir ermöglichst, das zu tun, was ich liebe. <3

Sujet Gesellschaft

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