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“Die Wut meines Sohns triggert meine eigene Wut”

Bild: Anne Richard

Hier auf Steady teile ich anonymisiert einige eurer langen E-Mails und meine ausführlichen, empathischen und recherchierten Antworten. Ich bin kein Coach und keine Psychotherapeutin und würde euch bei entsprechenden Fragen bitten, Fachpersonal zu konsultieren. Wenn es bei euch im Alltag an kleinen Dingen hakt und ihr gern meine Einschätzung hättet, schreibt mir gern an anna [punkt] brachetti [at] posteo [punkt| de.

Liebe Anna,

Es gibt eine sich intensivierende Herausforderung in unserer Familie mit unserem älteren Sohn, der jetzt dreieinhalb Jahre alt ist. Er ist (in meiner eigens getroffenen Definition) ein gefühlsstarkes Kind (einer gefühlsstarken Mama).

Er ist unglaublich fein und feinfühlig, empfindsam, charakterstark, kuschelig, kontaktfreudig, sozial, so voller Freude. Und er ist sooooo schnell sooooo wütend und wütig, so oft so laut, obwohl er es selbst gerne ruhig und leise und sanft und behaglich hat. (Was natürlich mit seinem 14 Monate alten Bruder nicht immer der Fall war und ist.)

Ich kann seine Wut in allen möglichen Situationen gut handeln und (aus-)halten, da sein, ruhig bleiben, in Kontakt und in Verbindung mit ihm und auch mir bleiben: wenn er rumschreit, weil er etwas haben oder machen möchte, das ich ihm versage in diesem Moment. Wenn er mit Essen und Trinkbechern und allen möglichen anderen Gegenständen gegen andere Gegenstände wirft. Türen knallt. Aber meine eigene Grenze ist da erreicht, wo sich seine Wut und Verzweiflung körperlich gegen seinen Bruder oder mich richtet. Was gerade fast täglich der Fall ist. Er haut mich, mit seinen Händen oder auch mit richtig schweren harten Spielsachen, Schuhen. Ich werde dann sofort laut, weil ich das für mich selbst unerträglich finde (was sicherlich in meiner eigenen Geschichte wurzelt) und es mir natürlich auch oft richtig weh tut körperlich. Und in Momenten, in denen er dann aus dieser Wut überhaupt nicht mehr herausfindet, diese schlimmen Anfälle also auch lange dauern (5-30 Minuten manchmal) oder er auch seinem Bruder ganz schlimm weh tun will oder es auch tut, da werde ich dann auch „körperlicher“ ihm gegenüber. Was dann bedeutet, ich halte ihn fest. Oder ich packe ihn und bringe ihn in sein Zimmer und sage ihm, dass er seine Wut hier in seine Kissen reinhauen und wiederkommen kann, wenn er nicht mehr seine Wut gegen seinen Bruder oder mich richten möchte : Weil "wir tuen uns hier nicht weh". Da bin ich aber selbst nicht mehr ruhig, sondern meist schon völlig erschöpft an meiner Grenze und eben auch laut und wütend. Dieses ihn packen und auch mein viel zu laut sein möchte ich so nicht, weil ich mich selbst so kaum ertrage, traurig werde, weil ich ihm eine ihn haltendere Mama sein möchte, und weil es mich auch selbst so sehr erschöpft, dass ich mich dann nach so einem seiner Anfälle manchmal hinlegen muss.

Wenn wir draußen sind, heute z.B. er und sein Bruder und ich, hört er nicht auf mich : er fährt Fahrrad oder Laufrad oder Roller und rast einfach über Straßen. Und lacht dann dabei, wenn ich dann laut rufe, er solle anhalten.

Etwas mehr in Kürze noch zu unserer familiären SItuation: Mein Mann kümmert sich hauptsächlich um die Kinder. Ich bin seit vielen Jahren selbstständig, arbeite aber oft von zu Hause (auch schon vor Corona :)) und wir haben eigentlich einen zeitlich ausgewogenen Familienalltag, unsere Routinen und Strukturen, die vor allem unser älterer Sohn braucht. Da er so geräuschsensibel ist und auch sehr stark um meine Liebe und Aufmerksamkeit fürchtet (immer mal wieder + mal mehr mal weniger), habe ich auch Routinen, die nur er und ich machen. Eigentlich so viel, dass ich fast jeden Tag ein schlechtes Gewissen seinem Bruder gegenüber habe, der mich auch vermisst und braucht natürlich. Ich empfinde uns als grundsätzlich sehr liebevolle Eltern und liebevolle Familie. Aber wir sind auch alle echte und ziemlich starke Charaktere :).

Wir leben in einer Bi-Nationalen Ehe, erziehen die Kinder deutsch, marokkanisch. Mein Mann und ich, wir sprechen miteinander Englisch, aber nicht mit den Kindern. Wir sprechen und reflektieren eigentlich viel gemeinsam über die Kindererziehung. Dennoch habe ich manchmal das Gefühl, dass unser Sohn auch mit unserer Unterschiedlichkeit sehr überfordert ist. Ich weiß es nicht, vielleicht bilde ich mir das auch nur ein. Er geht in den (Waldorf-) Kindergarten seit dem er 18 Monate alt war und liebte es dort immer. In letzter Zeit kommt er oft nach Hause und erzählt immer vom gleichen (älteren) Jungen, der ihm wohl oft auch weh tut und mit dem er sich wohl oft in der Wolle hat, obwohl mein Sohn mit Kindern immer ein echt guter Mitspieler ist und war und seine Auffälligkeiten mir gegenüber, sich auch nicht anderen Kindern gegenüber äußern.

Ich freue mich über Deine Ideen und Erfahrungen im Umgang mit meiner ganz eigenen Wut und dazu, wie ich meinen Sohn besser aushalten und halten kann, in diesen mir manchmal schier unerträglichen Momenten.

Hab vielen herzlichen Dank!

Alles Liebe,

Mika*

Sujet Starke Gefühle

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