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Ab wann habe ich eigentlich genug Projekte?

Über schöne Gespräche mit Kollegen und Beschäftigungen für eure Sommerferien.

Ein Magazin über Spiele, in this economy?!

Falls ihr mir irgendwo anders als hier auf Steady folgt, habt ihr es mitbekommen: Wir haben ein Magazin gegründet.

Debuff (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

Das Wie, Wieso, Wer und Was haben wir ausführlich an anderen Stellen besprochen, das muss ich hier nicht wiederholen. Lest und hört dazu mehr bei den Kollegen:

  • Spielvertiefung (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) von Jörg Luibl. Wir sprachen über das Motto der ersten Ausgabe Debuff: Wieso beschäftigen wir uns überhaupt mit Spielen, wenn die Welt da draußen gerade auf den Abgrund zurast? Es war ein entspanntes Gespräch über Kindheiten und das Erwachsenwerden mit Spielen.

  • OK Cool 3000 (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) von Dom Schott. Für sein PDF-Magazin stellte Dom mir fünf Fragen — zu meinem Blick auf deutschen Spielejournalismus, wieso ich so viel freie Zeit in diese Arbeit stecke und ab wann wir Debuff als erfolgreich betrachten.

Ganz besonders ans Herz legen möchte ich euch die Spielempfehlungen in unserem Magazin. Wir haben die Autor:innen der Ausgabe gefragt, was sie gerade spielen — und wieso. Daniel, Florian und ich haben als Redakteure ebenfalls unsere aktuellen Lieblinge aufgeschrieben. Das Ergebnis ist ein wilder (thematischer und zeitlicher) Querschnitt aktueller Spiele. Allerdings ist dieser Teil des Magazins hinter der Paywall — denn Journalismus kostet nunmal.

Noch einmal Sommerferien haben

Der Launch war jedenfalls ganz aufregend — und grenzte passenderweise an meinen Urlaub. Vermutlich seid ihr nicht mehr in der Schule und kommt nicht in den Genuss von sechs Wochen Freizeit. Ich auch nicht. Aber was für ein Konzept!!

Damals wie heute ist Sommerzeit vor allem Erwartungszeit: Freudige Erwartung auf Urlaub und sei es nur Zuhause. Erwartungen an mich selbst so auszusehen, dass ich mich in Sommerkleidung wohlfühle (aus mehreren Gründen ein Unterfangen, das von Anfang an zum Scheitern verurteilt ist). Erwartungen an lange Tage, die mit allem gefüllt sind, was den Sommer ausmacht. Keine Sekunde darf verschwendet werden, das wird DER Sommer.

Bisher kann ich von keinem Sommer, den ich erleben durfte, behaupten, er wäre mir besonders in Erinnerung geblieben. Nicht, dass ich mich nicht gerne an die ein oder andere Reise zurückerinnere — aber zu oft hängt zu viel an diesen gefühlt immer weniger werdenden freien Tagen im Sommer. Teil des Problems ist das Lobby-Narrativ von Sommer-Fanatikern, die alles unter 25 Grad für nicht lebenswert halten und ein Image des Sommers propagieren, das Lebensfreude, Möglichkeiten und Freizeit suggeriert anstatt das zu vermitteln, was es wirklich ist: Schweiß in Bahn und Büro, keine Ahnung, wann der richtige Zeitpunkt zum Lüften ist, Tage wie alle anderen auch.

Es ist natürlich Quatsch so viel Hoffnung in Tage zu stecken, die zwangsgenossen werden sollen, anstatt sie einfach zu leben. “Das Leben ist das, was passiert, wenn du dabei bist Pläne zu machen” oder wie geht das Sprichwort? Carpe diem dies das.

Dieses Sommer-Bewusstsein noch im Kopf habend, bin ich letztens aufgewacht und war unzufrieden mit meinem Leben. Bin ich da, wo ich sein wollte? Bin ich erfolgreich? Bin ich präsent? Lebe ich mein Leben richtig? Werde ich später etwas bereuen? Hätte ich früher mit x oder y anfangen soll? Wann ist es zu spät für z?

Diese Gedanken halte ich nicht für valide, weil sie einer Leistungsgesellschaft entspringen, in der du deine Existenzberechtigung beweisen musst. Alles wird zum Produkt, jede Aktion monetarisiert. Du musst der Welt zeigen, dass du da sein darfst. Du musst deinen Platz in ihr durch einen wie auch immer gearteten Beitrag legitimieren.

Wie soll man das jemals schaffen ohne daran kaputt zu gehen?

Eine Antwort, falls es eine gibt, habe ich für mich (noch) nicht gefunden. Ich weiß aber, dass ich mich nicht über meine Arbeit und das, was ich als Erfolg betrachte, definieren möchte. Und sagen wir mal so, it’s a process, der keine Gerade ist. Ich erinnere nochmal an den Anfang dieses Newsletters.

Um dem Druck zumindest etwas entgegenzusetzen, habe ich — wie soll es anders sein — gespielt, gelesen, gesehen und gehört. Und zwar folgendes:

Demon Copperhead

Oder: Das Buch, das mich zurückgeholt hat. Zurück ins Lesen. Zurück in eine Welt, in der ich vor Büchern mit mehr als 200 Seiten nicht zurückschrecke. Denn genau soweit war es gekommen. Um zumindest Bücher durchlesen zu können, habe ich immer kürzere Werke gekauft (und dann meistens doch nicht gelesen). Demon Copperhead von Barabara Kingsolver sprach die Amerikanistin in mir an, die Leseratte, die “Ich will die Welt erkunden”-Frau — trotz stolzer 800 Seiten.

Demon Copperhead ist der Spitzname eines Jungen, der in den Appalachen aufwächst. “Die in den Appalachen lebenden Amerikaner haben eine eigene Identität entwickelt und werden in den USA als Mountain People (oder Mountainmen) bezeichnet. Kennzeichnend für die Mountain People ist ein eigener Dialekt, eigene Musik, ein eigenes Selbstbewusstsein und niedriges Einkommen”, weiß Wikipedia. In Demons Leben geht praktisch schon vor seiner Geburt alles schief. Drogen, Armut und die ewige Suche nach einem Zuhause sind die zentralen Konflikte.

Das Buch folgt Demons Leben und erzählt es dabei so mühelos, dass auch das Lesen mühelos ist. Titel und Charaktere sind an David Copperfield von Charles Dickens angelehnt. Das brauche ich nun nicht mehr lesen, Demon Copperhead ist unser zeitgenössisches Äquivalent. Kingsolver erhielt dafür den Pulitzer-Preis. Ich bitte euch, lest es.

Cover des Buchs, rote und orangene Schrift vor lila Hintergrund

Heartworm

Ich habe eine Schwäche für Spiele, die Survival-Horror-PS1-Spiele nachahmen. Das ist seit geraumer Zeit ein Trend und mit Crow Country oder The Hotel gab es sogar einige wirklich gute Spiele in dieser Kategorie. Kürzlich erschien Heartworm, das Ästhetik und Mechanik von Project Zero, Silent Hill, Resident Evil simuliert — diese janky-ness, das etwas Behäbige und Schrille, das Spiele Ende der 90er, Anfang der 2000er hatten.

Wir spielen Sam, die den Tod ihres Großvaters nie verkraftet hat. Sie reist an einen Ort, von dem man sagt, dass dort eine Schwelle ins Jenseits sei. Mit begrenzten Inventarplatz müssen Rätsel gelöst werden, die alle auf traumatische Ereignisse in Sams Leben oder derer, die ihr nahestehen, hinweisen. Ängste und Sorgen manifestieren sich als Gegner oder unüberwindbare Hindernisse. Es ist also eines der Spiele, die durchaus ernste Themen ansprechen, diese aber hinter Metaphern versteckt, die als Spielmechanik umgesetzt werden. Wenn wir also ein taktisches Schachrätsel lösen oder ein Wappen einsetzen, um eine Tür zu öffnen, ist das jedes Mal auch eine Beschäftigung mit dem Trauma, das Sam überhaupt erst in diese albtraumhafte Welt gebracht hat.

Spiele sind dafür prädestiniert Spielende einzuladen sich aus sicherer Entfernung und ohne direkt persönliche Involviertheit mit den eigenen Schrecken zu beschäftigen. Denn erstmal passiert das alles nur Sam und wir müssen das Design des Spiels nicht als Metapher für Existenzangst und Depression interpretieren, um das Spiel zu beenden. Aber wir können. Aus der Sicherheit und Geborgenheit unseres Zuhauses heraus ist das Spiel eine Einladung sich die Fragen zu stellen, die Sam quälen.

Das Ende des Spiels liefert eine Antwort, von der man halten kann, was man mag. Glücklicherweise dauert das Spiel nur um die sechs Stunde, was einerseits leicht(er) in einen Erwachsenen-Alltag zu integrieren ist und andererseits dem Spiel gut tut, das doch recht linear ist und nicht länger hätte sein dürfen. Ansonsten ist Heartworm ein spaßiges Spiel. Ich hatte eine gute Zeit (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre):

https://youtu.be/ZlDH3mJp4tA (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

The Rise and (Inevitable) Fall of VShojo

VTubing. Sagt dir das was? VTuber sind Streamer:innen, die nicht mit ihren echten Namen und Gesichtern im Internet auftreten, sondern mit Anime-ähnlichen Avataren. Auf Twitch, der mittlerweile einzig relevanten Streaming-Plattform (don’t quote me), brach VTuberin Ironmouse letztes Jahr den Rekord für den Account mit den meisten Subs, also zahlenden Unterstützer:innen.

VTubing kommt aus Japan, wo auch heute noch viele der großen Agenturen sitzen, die sogenannte Talents wie Ironmouse vertreten. 2020 gründete sich in den USA VShojo und wollte den namhaften japanischen Unternehmen Konkurrenz machen. Das funktionierte auch — bis Ironmouse diesen Sommer ein Video veröffentlichte, in dem sie nicht nur mitteilte, die Agentur zu verlassen, die zu dem Zeitpunkt eh schon viele Talente und Mitarbeitende verloren hatte, sondern auch erklärte, dass die Agentur sie seit einiger Zeit nicht mehr bezahle und Spenden unterschlagen habe, die die Creatorin für einen gemeinnützigen Zweck sammelte. Eine halbe Million US-Dollar.

VTubing als Nische zu bezeichnen, fühlt sich gleichzeitig richtig und falsch an. Creator Mujin schlüsselt das gesamte Drama um Ironmouse und VShojo in seinem Video auf. Und beginnt mit der Dotcom-Bubble, womit er diese vermeintliche Nische in einen größeren Kontext einbettet, was besonders dann spannend wird, wenn er am Ende über die Personen hinter VShojo spricht und wie sie mit Menschen und deren Geld umgehen, was sich, traurigerweise, auf viele anderen Beispiele anwenden lässt. Das Internet ist und bleibt ein wundersamer Ort und das hier (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) ein exemplarisches Stück Netzgeschichte:

https://www.youtube.com/watch?v=M5HV-e14Esw (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

Unsainted von Slipknot

Ich bin kein Mensch, der sich Alben am Stück anhört und das letzte Mal, dass ich mich auf den Release von Musik gefreut habe, war Minutes to Midnight von Linkin Park 2007. Meine Playlists sind Vibe-basiert und überschreiten Genre-Grenzen. Aber einmal alle Jubeljahre finde ich ein Lied, das ich rauf unter runter höre. Bis zum bitteren Ende.

Dieses Mal ist es Unsainted von Slipknot, von denen ich bis dahin exakt sechs Lieder in meiner Playlist hatte — die gleichen sechs, die ich mit 15 entdeckt habe, als mir Vincent in der großen Pause den linken Ohrstöpsel seines MP3-Players reichte.

Das Video zu Unsainted ist genauso mysteriös-dramatisch wie ich mit 15 (sein wollte).

https://www.youtube.com/watch?v=VpATBBRajP8 (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

Meme der Woche

Sidney Sweeney macht Werbung für Jeans und verherrlicht dabei Nazi-Ideologie.

Sidney Sweeney wird von Liberalen gehetzt.

So oder so ähnlich betiteln manche aktuell das PR-Desaster um die Schauspielerin und ihren Auftritt in einem Werbespot der Marke American Eagle. Darin sagt Sweeney, dass Gene (im Englischen genes) in der Familie weitervererbt werden und Merkmale wie Haarfarbe, Augenfarbe etc. bestimmen. Der Spot endet mit “My jeans are blue” und dem Slogan der Kampagne: “Sidney Sweeney has great jeans”.

Screenshot von CBS News: Sydney Sweeney has great jeans in großen Buchstaben vor dem Gesicht der Schauspielerin

Das Wortspiel basiert auf den Homophonen “jeans” und “genes”. Was nun kritisiert wird, ist die Tatsache, dass ihr Aussehen — blond, weiß, blauäugig — ebenso wie die Wahl ihrer Jeans in dieser Werbung als erstrebenswert und “great”, also großartig dargestellt werden. Weitervererbenswert.

Durch das Wortspiel mit den Genen ist der Gedanke zur Eugenik nicht weit, einer pseudowissenschaftlichen Idee, den Gen-Pool einer Population so zu verändern, dass wünschenswerte Merkmale öfter vorkommen und andere nicht. Die Nationalsozialisten rechtfertigten damit zum Beispiel Morde an Kranken, behinderten Kindern und Experimente in Konzentrationslagern. Dass diese Werbung nun suggeriert, dass Sweeneys Gene wünschenswert sind, ignoriert zum einen diese Geschichte. Sie relativiert.

Zum anderen propagiert sie ein Schönheitsideal, das mindestens euro- und amerikazentrisch, eigentlich kolonialistisch ist, aber als universell dargestellt wird. Abgesehen von der problematischen Geschichte dieses genetischen Ideals, muss man sich als Marketingmensch bei American Eagle doch fragen, ob Sidney Sweeney wirklich Schönheit für die gesamte Menschheit repräsentiert — oder ob hier weiß (und blond und blauäugig) als überlegen inszeniert wird und die Werbung sich somit in einen rassistischen Diskurs einreiht, in dem Ästhetik, egal wie vehement geleugnet, nie unpolitisch sein kann.

In meinen Augen hat jemand diese Werbung verzapft, der komplett blind für gesellschaftliche Diskurse und andere Realitäten als die eigene ist. Die Person, an der sich die Empörung entlädt, ist Sidney Sweeney.

Das Internet hat in der Regel keine Schwierigkeiten damit zwischen den Personen in der Werbung und den dahinter stehenden Unternehmen zu differenzieren. Über Kendall Jenner machte man sich lustig, zog aber größtenteils Pepsi zur Rechenschaft. (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) Wieso ist es hier andersrum? Meine These dazu lautet: Weil Sidney Sweeney die Personifizierung dessen ist, was das Patriarchat verlangt, ein Ideal, das unermüdlich nachverfolgt und doch nie erreicht wird, das von der Unterdrückung ablenkt und eine Strohmann bietet, auf den man wütend sein kann, anstatt das dahinter liegende System zu hinterfragen. Neid greift hier zu kurz. Vielmehr trifft geübte Misogynie, vor der auch Frauen und weiblich gelesene Personen nicht gefeit sind, auf Frustration angesichts dessen, was Sweeney verkörpert: attraktiv UND erfolgreich sein. Sweeney nutzt aus, dass sie als attraktiv gilt, einem gängigen Schönheitsideal entspricht. Und wieso auch nicht?!

Dass sie nun im Auge des Shitstorms steht, nutzen rechte Medien vor allem in den USA für ihr eigenes Narrativ (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Sie berichten von einem regelrechten Mob, der es nun aus augenscheinlich fadenscheinigen Gründen auf die Schauspielerin abgesehen habe à la “Linke regen sich wieder einmal über Schwachsinn auf, jetzt darf man nichtmal mehr hübsch sein.” Hier zeigt sich schließlich die dritte Facette der Causa Jeans: Aus vereinzelter, berechtigter Kritik wird ein Shitstorm konstruiert. Dabei ist die eigentliche Frage: Wie viel Aufmerksamkeit wird von wem zu welchem Zweck auf diesen Werbespot gegeben?

Insbesondere FOX News konstruiert mit der sogenannten “Berichterstattung” das Feinbild “Liberals”, wo vermutlich gar kein Shitstorm ist. Aufmerksamkeitsökonomie im Internet ist eine fantastische Sache, in wahrsten Sinne des Wortes. Man kann wenige plakative Beispiele herauspicken und daraus eine vermeintliche, laute Masse ableiten — und diese dann für den politischen kulturellen Diskurs instrumentalisieren. Das legitimiert die eigene Lautstärke und untermauert die Ideologie. Mit dieser Strategie fahren Rechte (Medien) seit Jahren sehr gut und erschaffen Feindbilder, wo keine sind, um ihre hetzerische politische Ideologie zu verbreiten.

Danke

Gratias ago, wie der Lateiner sagt!

Feedback, Lob, Kritik erreicht mich über die Kommentarfunktion (nur für Bonus-Mitglieder, an die wie immer mein extra Dank geht) oder folgende Kanäle:

Das Titelbild dieser Ausgabe ist von Cia Gould (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) auf Unsplash (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre).

Fühlt euch umarmt.

Valete!
Christina

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