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#20: Selbstbestimmt verhüten, entscheiden, reproduzieren wollen

In Deutschland herrscht immer noch keine reproduktive Gerechtigkeit. Das wissen einige und spüren viele und wem das nicht so geht, der liegt weich auf seinem Privileg.

Dass das so ist, wurde mir wieder extrem bewusst gemacht, als ich letztes Wochenende der wortgewandten Dr. Alicia Baier, Gynäkoligin und Aktivistin, bei der Lesung aus ihrem gerade erschienenen Buch “Das Patriarchat im Uterus” (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) gelauscht habe. Sie hat Doctors for Choice Germany (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) mitbegründet und auch schon Medical Students for Choice in Berlin (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) begleitet und das aus gutem Grund: Schwangerschaftsabbrüche werden hierzulande immer noch kriminalisiert und im europaweiten Vergleich extrem schwer zugänglich gemacht. 

Am meisten hat mich dabei Baiers Bericht aus der Praxis schockiert, wie sogar die Regelung bei kriminologischer Indikation (auf Deutsch: gewünschter Abbruch nach Vergewaltigung) eine Abtreibung praktisch noch weniger barrierefrei macht, obwohl sie durch die Befreiung von der Beratungspflicht und Wartezeit zugänglicher sein sollte. Mehr hierzu kann in ihrem Buchkapitel “Tatbestand Schwangerschaft II” S. 93 ff. nachgelesen werden.

Aber ob aus Baiers Erklärungen oder der Berichterstattung von Doctors for Choice und anderen aktivistischen Quellen, eines wird schnell ersichtlich: Menschen ohne viel Geld, Schutz, Bildung, Fortbewegungsmöglichkeiten oder Deutschkenntnisse sind in Deutschland schlicht und einfach ziemlich verloren, wenn sie in die Situation kommen, eine Schwangerschaft abbrechen zu wollen. 

Dass das letzlich aber nicht die Abtreibungen an sich, sondern nur sichere Abtreibungen für die Betroffenen verhindert (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), gilt als statistisch belegt. Was bedeutet, dass Deutschland als Staat und wir als deutsche Gesellschaft Hilfsbedürftige nicht ausreichend schützen oder unterstützen. Und das ernsthaft aus dem Grund, dass wenige Menschen in Machtpositionen von dubios motivierten Moralbauchschmerzen berichten, wenn sie das Wort “Abtreibung” hören? Dass das keinen ohrenbetäubenden Aufschrei erzeugt, kann in meinen Augen nur daran liegen, dass viel zu wenige Leuten hierzulande darüber bescheid wissen.

Mir waren bis zu Baiers Lesung auch viel weniger Hintergründe zum Thema Abtreibungsverbot bewusst, als ich dachte. Es hat mich schockiert, zu erfahren, dass politisches und selbst medizinisches Fachpersonal in dieser Debatte lieber Gefühle als wissenschaftliche Evidenz gelten lassen. 

Denn die Empfehlungen der WHO zum Thema Schwangerschaftsabbruch (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) sind (für mich und deutsche Standards überraschend) liberal und sehr progressiv, selbst im Hinblick auf die Fristenregelungen (hier als Interpretation eine PM von Doctors for Choice (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) dazu). Und auch die im Sommer 2025 nach langem Warten endlich durch das Bundesministerium für Gesundheit veröffentlichten Ergebnisse der ELSA-Studie (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), in der die Verfügbarkeit von Abtreibungen in Deutschland und etwaige mentale Folgen für Betroffene untersucht wurden, weisen keinesfalls in eine Richtung, die es faktisch rechtfertigen würde, Schwangerschaftsabbrüche weiterhin zu kriminalisieren. (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) 

Huch, zeigt da der Gesetzgeber etwa genau das rationale Fehlverhalten, weswegen es gebärfähigen Personen nicht erlaubt werden soll, sich frei für den Abbruch einer Schwangerschaft zu entscheiden? Oder gilt nur bei weiblich gelesenen Menschen die Unmündigkeitsvermutung aufgrund von zu hoher Emotionalität? Rhetorische Frage.

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Das Thema “selbstbestimmt und barrierefrei Abtreiben” bleibt auch im Jahr 2025 mit einem riesigen Stigma belegt, das laut Ergebnissen derselben Studie weit mehr zur psychologischen Belastung von Patient*innen, die sich zu einem Schwangerschaftsabbruch entschieden haben, beiträgt als die Prozedur selbst.

Solche Erkenntnisse scheinen aber leider nichts am Narrativ der “bösen Abtreibung” in den Köpfen zu verändern, was teilweise auch an der medialen Berichterstattung über die ELSA-Studie und deren tendenziöser Bebilderung erkannbar war (viele verstört dreinblickende, weiße Frauen; manche depressiv im Bett liegend). Von neutraler Berichterstattung oder Akzeptanz der Tatsache, dass vorzeitig abgebrochene Schwangerschaften - ob auf natürlichem Weg oder nicht - zu den Lebenserfahrungen sehr vieler Menschen gehören, sind wir noch weit entfernt.

Diese Tabuisierung erweitert sich zudem auch auf den Einsatz von Notfallverhütungsmitteln oder der Forschung und Weiterentwicklung von gängigen oder neuen Verhütungsmethoden (auch für den Hoden). Wieso die Wirkungsweise der sogenannten Antibabypille sich trotz enormer Nebenwirkungen seit Jahrzehnten nicht signifikant verbessert, fragen und kritisieren Aktivist*innen wie Verbraucher*innen schon seit langem.

Genauso wie die Frage, weshalb es keine Forschungsgelder für alternative Verhütungsmethoden für den Hoden gibt. Die Umstände hier sind zusammengefasst und gut aufbereitet nachlesbar in der Arbeit der Autorin und Aktivistin Franka Frei (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) oder der Initiative Better Birth Control (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre).

Und was steht hinter der fehlenden Diskussion über die (größtenteils finanzielle) Ungerechtigkeit im Bereich der Reproduktionsmedizin, wenn es um den unerfüllten Kinderwunsch geht? Oder die Steine, die besonders queeren Menschen immer noch in den Weg gelegt werden, wenn wir uns die Gesetzgebung zu gleichberechtigter Elternschaft von nicht-biologischem Nachwuchs anschauen? 

Wir haben noch so, so viel Arbeit vor uns, wenn wir reproduktive Gerechtigkeit herstellen wollen. Leider scheint das nicht im Interesse vieler Menschen in Entscheidungspositionen zu sein, da oft nicht einmal die Wege zur Diskussion offen stehen. Dabei ist unser Status Quo nicht nur ungerecht, sondern schafft so viel Leid.

Besonders im Hinblick auf den internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen und INTA*-Personen am 25.11. scheint die Möglichkeit zur selbstbestimmten Entscheidung über den eigenen Körper als so ein basaler Schritt zur Beseitigung eben jener Gewalt zu sein. Ungewollte Schwangerschaften und die sozialen und finanziellen Folgen für die Betroffenen erschweren in den allermeisten Fällen die Befreiung aus Partnerschafts- oder Familiengewalt. 

Termine

Ich freue mich sehr, dass ich am 25.11. beim Soli-Paneltalk zum Tag gegen Gewalt an Frauen und LINTA* im Periodenladen in Berlin Friedrichshain teilnehmen darf.

Um 19:30 Uhr geht es los und das Thema ist “Reclaim the Gaze. Die Normalisierung des gewaltvollen Blicks.” Gemeinsam mit den Größen der sexpositiven Bewegung Laura Méritt und Nike Wessel diskutieren wir und sammeln Geld und Aufmerksamkeit für das Aufklärungsbuch “Frauenkörper neu gesehen” herausgegeben von Laura Méritt. Hier gibt’s Tickets und alle Infos! (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

Vielen Menschen ist das bewusst und eine große Mehrheit der Deutschen sprach sich letztes Jahr für eine Entkriminalisierung von Abtreibungen aus (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Der Auftrag an den Gesetzgeber ist klar. Unser eigener auch: Tabus brechen, Missstände thematisieren, Desinformation bekämpfen und Wissenslücken füllen. Miteinander sprechen.

Keine Person, mit der ich jemals über ihre Abtreibung gesprochen habe, hat diese Entscheidung oder das Erleben als leichtfgertig geschildert.

Natürlich lässt so eine Erfahrung niemanden kalt oder unberührt, aber das heißt nicht, dass das Erlebnis die Personen nachhaltig beeinträchtigt. Es wird sonnenklar, dass es demjenigen, der Abtreibungen unmöglich machen will, nicht um die Menschen geht. Auch nicht um die werdenden, die oft zu Kindern werden, die in benachteiligten Lebensverhältnissen aufwachsen müssen. Weil der “Lebensschutz” ironischerweise selten über die Geburt hinausreicht.

Wem es um die Menschen geht, der informiert sie, unterstützt sie und ermöglicht ihnen ein selbstbestimmtes Leben nach ihrer Geburt.

Abortion is healthcare. Genauso Verhütung.

Blog

Aus gegebenem Anlass möchte ich heute einen Einblick in mein Buch “Gleichstellung - Sex zwischen Wunsch und Wirklichkeit” (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) spendieren und zwar aus einem Kapitel über Verhütungs-Gerechtigkeit.

An dieser Stelle beschreibe ich, wie ich eine Verhütungspanne erlebt habe und mit meinen großen Wissenslücken im Bereich von Notfallverhütungsmitteln konfrontiert wurde - mit Ende 20. Hier also ein Ausschnitt aus dem Kapitel “Verbindlichkeit” ab S. 187 ff.

Wenn alle Stricke und Kondome reißen

…Etwas seltener erlebte ich das potenzielle Malheur aber auch im Moment seiner eventuellen Entstehung. So geschehen zum Beispiel in einer Herbstnacht vor drei Jahren, in der ich mich in der Wohnung meines Dates, eines Lehrers der örtlichen Gesamtschule, eingefunden hatte, damit wir uns untenrum besser kennenlernen konnten.

Ein paar Stunden später lagen wir im Bett, und ich tauchte aus einem tiefen und langen Orgasmusgefühl auf. Kurz darauf konnte ich auch in seinem Gesicht das Heraufziehen und Abflauen eines Höhepunkts beobachten. Unser Sex hatte sich gut angefühlt, irgendwie nah und unaufgeregt für ein erstes Mal.

Aber als er Anstalten machte, sich aus mir zurückzuziehen, sah ich Wolken der Verwirrung über sein Gesicht ziehen. Seine Lippen formten ein »Oh!«, das mehr von Schock als von Lust zeugte, und meldeten im nächsten Moment das Kondom als vermisst, das sich eigentlich zwischen uns im Einsatz befinden sollte. Es musste während unserer Action abgerutscht und in meiner Vagina verloren gegangen sein. Es dauerte einen Moment, bis auch bei mir die Erkenntnis durchgesickert war: Ich hatte gerade komplett unverhüteten Sex mit einem Fremden gehabt (und dann auch noch mit einem Mathelehrer).

Kurz darauf fand ich mich in seinem Badezimmer ein, um nackt, breitbeinig und leise vor mich hin fluchend mit zwei Fingern in mir nach dem abgängigen Präservativ zu angeln. Inklusive ansteigender Panik und Scham bei dem Gedanken, dass ich es vielleicht gar nicht aus eigener Kraft aus meiner Vagina hervorzaubern könnte und zum nächstmöglichen Zeitpunkt meine Frauenärztin um Mithilfe bitten müsste. Aber don’t get your hopes up auf eine weitere Gynäkologinnen-Stuhl-Anekdote, letztlich habe ich’s erwischt. Und dadurch aber jegliche Hoffnung darauf verloren, dass es vielleicht doch erst nach dem Sex magischerweise in den Laken gelandet sein könnte.

Damit setzte dann endgültig eine Kakophonie von Sorgen und Abwägungen in meinem Kopf ein, die ich auf diese Art und Weise tatsächlich zum ersten Mal erlebte. Ich hatte zwar in meinem Leben schon mehrmals Verhütungspannen mit Kondomen durchgemacht – sie waren geplatzt, verrutscht oder gerissen – , aber zu diesen Anlässen hatte ich auch immer selbst noch aktiv verhütet. Dieses Mal fehlte mir der doppelte Boden.

Dann hatte ich jedoch einen erleichternden Einfall. Mir ging auf, dass ich mir ja einfach asap diese berühmte »Pille danach« besorgen und mit ihrer Hilfe meiner Panik vor einer ungewollten Schwangerschaft ein schnelles und sicheres Ende bereiten könnte. Allerdings wusste ich zu diesem Zeitpunkt, als ich dort im Dunkeln auf einem fremden Klo saß, noch nicht, was ich über die verfügbaren Mittel zur Notfallverhütung alles nicht wusste.

Ich zog mich also hastig und nachlässig an (wer braucht schon nach dem One-Night-Stand einen BH?), schnappte meine Sachen und stürmte aus seiner Wohnung. Die nächste Apotheke mit Notdienst lag nämlich glücklicherweise beinahe auf meinem Heimweg.

Umgeben von den Gestalten des öffentlichen Nahverkehrs einer Großstadt um halb drei Uhr morgens, kauerte ich übellaunig auf meinem Sitz. Ich bildete mir ein, dass mein ungewaschenes Gesicht unter meiner FFP2-Maske noch nach fremdem Körper roch. Leichte Übelkeit stieg in mir auf, gemeinsam mit dem Gedanken, ob ich nicht besser direkt nach Hause fahren, duschen und schlafen gehen sollte. Schließlich gab mir diese »Pille danach« ja ein paar Stunden Zeit für ihre Einnahme.

Ich griff mein Telefon, um herauszufinden, wie lange nach der Verhütungspanne die »Pille danach« noch eingenommen werden konnte. Eine schnelle Suche bei Google ergab, dass das Medikament in deutschen Apotheken in zwei Wirkstoffvarianten rezeptfrei käuflich zu erwerben sei. Und dass die Varianten sich in ihrer Wirkungsweise leicht voneinander unterschieden.

Nummer eins, Levonorgestrel, muss bis spätestens 72 Stunden nach dem betreffenden Sex eingenommen werden, wobei Wirkstoff Nummer zwei, Ulipristalacetat, sogar ein Zeitfenster von bis zu 120 Stunden bietet. Beide Notfallverhütungsmittel wirken allerdings auf die gleiche Weise auf den Hormonhaushalt ein. Und zwar, indem sie das zur Zyklusmitte hin ansteigende LH-Level, an dessen Höhepunkt der Eisprung ausgelöst wird, hemmen und den Zeitpunkt des Eisprungs dadurch um bis zu fünf Tage verzögern oder in einigen Fällen sogar verhindern können.

Jedenfalls wird genug Zeit gewonnen, damit befruchtungsfreudige Spermien abgestorben sind, bevor die Eizelle sich auf ihren Weg machen kann. Über weitere Wirkungsweisen scheiden sich laut Internet auch heute noch die Forschungsgeister: Ob auch die Einnistung einer befruchteten Eizelle durch Ulipristalacetat verhindert werden kann, scheint bisher nicht eindeutig belegt und deswegen unwahrscheinlich zu sein. Darauf, dass die Einnahme der »Pille danach« zu einer Abtreibung einer bereits eingenisteten Eizelle führt, gibt es ebenfalls keine Hinweise.

All das las und lernte ich in dieser Klarheit also in jener Nacht in der Straßenbahn. Und meine leichte Übelkeit verstärkte sich durch die einsickernde Erkenntnis, dass eine »Pille danach« mir faktisch gar nicht mehr helfen konnte. Weil mein Eisprung für den aktuellen Zyklus bereits hinter mir lag. Aber wann genau hatte ich ihn gehabt? War es lange genug her, dass das kritisch fruchtbare Zeitfenster bereits verstrichen war? Ich wusste es nicht.

Ob es mir gefiel oder nicht, die unbarmherzigen Ergebnisse meiner Google-Recherche führten mir deutlich vor Augen, dass wir die Verhütungspanne besser ein paar Tage vor meinem Eisprung gehabt hätten. Klarer Fall von ganz schlechtem Timing also.

Was mich allerdings am meisten irritierte, war, dass ich mein Leben lang geglaubt hatte, die »Pille danach« sei ein magisch wirkendes Wundermittel gegen ungewollte Schwangerschaften, wenn man sie nur schnell genug einnahm. Aber dass dieses Medikament mir in der »gefährlichsten« Phase meines Zyklus offenbar gar nichts mehr nützen konnte, tja, damit hatte ich wirklich nicht gerechnet.

Letztlich habe ich mich am Morgen nach dieser Nacht dazu entschieden, kein Präparat zur Notfallverhütung einzunehmen.

Ich rechnete mir die Chance ziemlich hoch aus, dass ich zum Zeitpunkt der Verhütungspanne schon nicht mehr fruchtbar gewesen war, und ich sollte Recht behalten.

Im Nachhinein wünschte ich, ich hätte all diese wichtigen Infos über Notfallverhütung nicht erst in einem Moment gelernt, in dem es praktisch schon zu spät war. Die Wurzel des Übels der Desinformation liegt wie so oft im Tabu, das immer noch auf ungewollten Schwangerschaften liegt und selbstverständlich auch Abtreibungen umfasst.

Mangelnde Aufklärung, eine Gesetzgebung, die weiterhin die Entscheidungsgewalt über den eigenen gebärfähigen Körper einschränkt (wie wir sie mit § 218 StGB in Deutschland auch heute noch kultivieren) und eine »Leben schützende« Online-Propaganda sind Symptome des aktuell stattfindenden politischen Rollbacks als Gegengewicht zu feministischen Fortschritten im Bereich reproduktiver Gerechtigkeit. Ein Rollback, angetrieben durch (rechts-)konservative politische Interessen, der die Tabuisierung sogar noch verstärken wird, wenn wir als Gesellschaft das zulassen. Und in diesem Fall würde nicht nur das Erreichen geschlechtergerechter Verhütungsmöglichkeiten wieder in weite Ferne rücken.

Verbündete werden

Wir können festhalten, das F in »Verhütung« steht hierzulande für »fair« und »feministisch«. Dabei ist es nicht einmal wahr, dass es keinen Ausweg aus der Ungleichheit im Sinne des Fehlens reproduktionsmedizinischer Entwicklungen oder des Willens zur gleichgestellten Verantwortungsübernahme gibt.

Und selbst wenn ein Mensch mit Penis keinen einzigen feministischen Knochen im Leib hat, muss es für ihn doch eine nervige Unsicherheit darstellen, in Sachen Schwangerschaftsverhütung fast immer auf die Verbindlichkeit seiner Partner*innen angewiesen zu sein. Will er nicht selbst bestimmen können, ob man ihm ein Kind unterjubeln kann oder nicht?

Solche Überlegungen funktionieren auf individueller Ebene, aber nicht auf struktureller Ebene, auf der die wirtschaftlichen und politischen Interessen den Status Quo – keine flächendeckende Verbreitung von kostengünstigen Verhütungsmethoden für den Hoden – weiterhin aufrechterhalten. Tatsächlich aber steigt die Nachfrage nach solchen Methoden, wie Franka Frei in ihrem Buch Überfällig berichtet14, und kann hoffentlich etwas bewegen. Also Jungs, lauft los und demonstriert für Eierwärmer, damit der Markt regelt und eure feministische allyship nicht nur heiße Luft bleibt.

Danach bliebe nur noch zu organisieren, dass alle einen offenen Zugang zu Schwangerschaftsverhütung beziehungsweise zu selbstbestimmter Familienplanung erhalten. Denn dieser ist in Deutschland allein durch den Kostenfaktor längst nicht für alle Menschen gleich einfach erreichbar oder überhaupt zugänglich.

Konsequente Schritte, die es braucht, wenn es wirklich darum gehen soll, ausgelebte Heterosexualität gleichzustellen, sind die Legalisierung und die Sicherung der Kostenfreiheit von Schwangerschaftsabbrüchen in Deutschland sowie eine volle Kostenübernahme von Verhütungsmitteln (auch Kondomen!) durch das Gesundheitssystem.

Verhütung ist nämlich im Zweifel überlebenswichtig und darf einfach kein Luxus mehr sein. Und nein, Enthaltsamkeit ist weder eine gleichwertige Option noch eine freie Entscheidung, wenn die Alternative mit einem hohen finanziellen Aufwand und der Beeinträchtigung der eigenen Gesundheit einhergeht.

Schnell fällt nämlich der abfällige Satz »Muss sie halt die Beine besser zusammenhalten«, wenn Frauen und andere weiblich gelesene Personen kritisieren, dass ihnen kein Verhütungsmittel zur Verfügung stünde, bei dem sie keine Nebenwirkungen aushalten müssten und mit dem sie sich außerdem sicher fühlen könnten. Dieser Satz fällt, obwohl heute gleichzeitig von der »sexuell befreiten Frau« erwartet wird, dass sie verfügbar für unverbindlichen Sex ist. Denn wofür haben wir ihr das sonst erlaubt?

So hat sich die gesellschaftliche (also unsere) Erwartungshaltung an weiblich kategorisierte Menschen nicht von »sei anständig« zu »sei verfügbar« verschoben, sie hat sich um Letzteres ergänzt. Und dadurch eine quasi schizophrene Haltung gebildet, die sich genau in dem Umstand zeigt, dass gebärfähige Personen immer noch die hauptsächliche Verantwortung für die Schwangerschaftsverhütung tragen sollen, obwohl ihnen keine vernünftigen Mittel dazu zur Verfügung gestellt werden, die sie weder schröpfen noch in ihrer Lebensqualität einschränken. Klassischer Fall von »Wie du es machst, machst du es verkehrt«.

[…]

Empfehlungen

Es steht außer Frage, dass ich an dieser Stelle nochmal Alicia Baiers Buch “Das Patriarchat im Uterus - Ein Plädoyer für körperliche Selbstbestimmung” (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) empfehle.

Darüber hinaus lege ich den geneigten Leser*innen aber natürlich auch das mittlerweile Standardwerk zum Überblick über die Verhütungssituation aller Geschlechter in Deutschland von Franka Frei ans Herz: “Überfällig - Warum Verhütung auch Männersache ist” (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre).

Mehr von Cleo

💌 Im Schweizer Magazin annabelle ist diese Woche ein Essay von mir erschienen, der ein sehr persönliches Thema behandelt hat und mir viel bedeutet: “Wie Freundschaft Hürden überwindet, an denen Partnerschaft scheitert” (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Ohne Paywall frei verfügbar lesbar!

🌽 Dafür wieder hinter der Abo-Paywall meine Analyse für WELT Lifestyle, warum den Dating-Reality-Shows die Zuschauenden abhanden kommen. Inkl. Interview mit der feministischen Porno-Regisseurin und Autorin Paulita Pappel (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) zu der Frage, wie explizite Sexszenen mit echten Paaren das ändern könnten: “Echter Sex, echte Paare - der Versuch, Authentizität ins Reality-TV zu bringen” (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre).

🎧 Zum Schluss noch etwas kostenloses für die Ohren: mein live Sexcoaching durch und mit der Sexologin Lea Holzfurtner für ihren Podcast “Berlin Intim” über meine Solosex-Krise und die Angst, Fantasien mit dem Partner zu teilen (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), ist jetzt überall anhörbar, wo es Podcasts gibt!

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Du möchtest mit mir über etwas, das du bei mir gelesen oder gehört hast, sprechen? Dann kannst du mich über meine Website (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) erreichen oder mir bei Instagram eine DM (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) schreiben. Ich freue mich auf deine Gedanken!

Danke für’s Lesen und liebe Grüße von

Cleo

Dank

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