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The Neoliberal Theater

Foto aus dem Stadion der Boston Red Sox.
Wie kann ein Sport gleichzeitig so unfassbar langweilig sein und so gute Stimmung machen? Grüße aus dem Fenway Stadium (auch ein "Neoliberal Theater", aber nicht das in der Überschrift angesprochene...)

Hallo Ihr Lieben:

Interessant, wie sich in der vergangenen Woche vom Internet-Troll bis zum Generalsekretär der Kanzlerpartei halb Deutschland über meinen früheren Arbeitgeber aufgeregt hat – beziehungsweise künstlich aufgeregt hat, um einfache populistische Punkte zu machen und die eigene Agenda voranzutreiben.

Ich habe mich bewusst zurückgehalten, aber finde, unabhängig von der Kommunikation ist der Kern ganz einfach: Es gab einen dreiteiligen Piloten für ein neues ARD-Format. Die Folgen waren handwerklich schlecht gemacht. Und sie unterlagen einer falschen Prämisse: Journalismus sollte keine Wahlergebnisse abbilden, sondern sauber recherchieren, der Wahrheit möglichst nahe kommen – und die Mächtigen kritisieren. Wir sollten über die Themen berichten, die Menschen betreffen. Nicht die Meinungen vertreten, die Menschen haben. Mehr Recherche, weniger Meinung. (Das hätte auch dem Format Klar gut getan.)

In den vergangenen Wochen habe ich hier in Harvard relativ viel darüber gelesen, wie die Auswüchse des Kapitalismus unsere Lebensgrundlagen zerstören (dazu passen auch die beiden ersten Link-Empfehlungen unten). Diese Woche kam mir in meinem Kurs bei der großartigen Naomi Oreskes (“Life and Death in the Anthropocene”) eine spannende Anekdote unter, die ich noch nicht kannte – und die interessante Bezüge hat zu aktuellen Entwicklungen.

Es geht um Ronald Reagan, den Ex-US-Präsidenten, bekannt unter anderem für dieses Zitat: “Government is not the solution to our problems. Government is the problem.”

https://soundcloud.com/ronaldreagan-3/government-is-not-the-solution (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

Reagans Ideologie war ein Vorläufer für all das, was in den vergangenen Monaten (und Jahren) immer weiter vorangetrieben wurde, von DOGE auf der einen bis zur Skandalisierung von Bürgergeld-Empfängern auf der anderen Seite des Atlantik. Aber woher hatte Reagan diese Ideologie?

Reagan war vor seiner politischen Karriere nicht nur Schauspieler, er war auch Vorsitzender der Schauspieler-Gewerkschaft, mit mehr als 100.000 Mitgliedern. Und er war bis zu seinem 51. Lebensjahr auch als Demokrat registriert. Ein demokratischer Gewerkschafter also, der später ein konservativer Rechtsausleger der Republikaner werden sollte. Wer ihn gedreht hat? Eines der größten Unternehmen der Welt.

Als Reagans Karriere als Schauspieler langsam bergab ging, Anfang der 1950er Jahre, nahm ihn die Firma General Electric mit offenen Armen auf, eine der größten Firmen des 20. Jahrhunderts. General Electric konzipierte damals eine Show, die im Fernsehsender CBS ausgestrahlt wurde, einem der drei großen Sender zu der Zeit. Und GE machte Reagan zum Gesicht dieser Sendung, rund zehn Jahre lang.

https://www.youtube.com/watch?v=aa5vihLT6UE&list=PLsmDd21pSKX3upHOQYK9G5mt7x1nz7zc5&index=1 (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)


Reagans Chef war damals Lemuel Ricketts Boulware, den andere mal “den einflussreichsten Amerikaner, von dem die meisten Leute nie gehört haben” nannten. Boulware war bei GE verantwortlich für “labor and community relations”. Konkret: Boulware sollte die Gewerkschaft bekämpfen. Dafür verhandelte er nicht nur mit harten Bandagen und versuchte, seine Mitarbeiter zu manipulieren. Vor allem sah er seine Rolle darin, die Arbeiter, ihre Familien und Bekannten, ja die gesamte Öffentlichkeit in seinem Sinne zu erziehen (“re-educate” war seine interessante Wortwahl, also “umerziehen”). Natürlich im Sinne des klassischen Neoliberalismus: Steuern, Gewerkschaften, Regeln sind schlecht. Menschen können nur frei sein, wenn der Markt frei ist. Der Stärkere gewinnt. Je besser es den Unternehmen geht, desto besser für alle.

Dafür produzierte Boulware das neoliberale “General Electric Theatre” mit Reagan als Frontmann. Boulware gab aber auch eigene Magazine heraus, ließ Artikel in Zeitungen veröffentlichen, sogar einen Book Club organisierte er für seine 250,000 Mitarbeiter, um seine neoliberalen (sowie rassistischen) Ideen zu verbreiten.

Boulware installierte Ronald Reagan nicht nur als Gallionsfigur für General Electric, sondern für seine ganze Ideologie. Nachdem Boulware sah, wie gut Reagan als Host seiner Sendung ankam, schickte er ihn zu immer mehr Veranstaltungen. Firmenintern, aber auch darüber hinaus. Reagan besuchte konservative Republikaner, Rotarier, “Moose” Lodges (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre).

Reagan warf sich in die Arbeit und verwandelte sich von einem liberalen Demokraten zu einem ultrakonservativen Republikaner. Dank GE baute er große, einflussreiche Netzwerke auf. Neben seiner CBS-Show soll er in diesen Jahren angeblich zu einer Viertelmillion Menschen auf zahlreichen Veranstaltungen persönlich gesprochen haben. Dieses Netzwerk hat ihm geholfen, Präsident zu werden.

Politisch bekannt wurde Reagan übrigens unter anderem mit “The Speech” – einer Rede kurz vor der US-Wahl im Jahr 1964, mit der er den neoliberalen, ultrakonservativen Kandidaten Barry Goldwater unterstützte (letztlich erfolglos). Vieles von dem, was später folgen sollte, war in dieser Rede bereits angelegt.

https://www.youtube.com/watch?v=_VBtCMTPveA (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

Als Präsident hat Reagan ab 1981 die neoliberale Ideologie von Lemuel Ricketts Boulware durchgesetzt – die bis heute nicht nur für eine immer größer werdende Schere zwischen Arm und Reich sorgt, sondern auch für die Ausbeutung und Zerstörung unserer Lebensgrundlagen.

Wie sich diese Ideologie nach der verfehlten Goldwater-Wahl 1964 weiterentwickelt hat und welche Strömungen in den USA schon damals erstaunlich präsent waren, hat vor ein paar Monaten ein spannendes Buch beschrieben, das ich weiter unten empfehle.

Vorher gibt es wieder einige Recherchen, Ideen, Geschichten, die mir in den vergangenen Tagen aufgefallen sind. Und zum Abschluss noch eine diesmal sehr persönliche Newsletter-Empfehlung sowie das angekündigte Sachbuch.

Falls Ihr mein kostenloses Projekt „Dreppers Woche“ unterstützen wollt, dann legt es am besten anderen Menschen ans Herz – direkt oder über Social Media. Ich würde mich sehr darüber freuen.

Und falls Ihr mich erreichen wollt, könnt Ihr das wie gewohnt unter daniel.drepper@proton.me (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) tun oder mich über Signal anschreiben unter +4915140795370.

Auf ganz bald!

Daniel

Empfehlungen

Klimaexperten halten Erderwärmung um drei Grad Celsius bis 2050 für möglich (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

Keine Recherche, aber die wohl wichtigste Nachricht der Woche: Der Klimawandel beschleunigt sich offenbar massiv. Davor warnen Expert*innen der Deutschen Physikalische Gesellschaft und der Deutschen Meteorologischen Gesellschaft. Innerhalb der nächsten 25 Jahre könnte die Erderhitzung auf drei Grad steigen, viel früher als bisher prognostiziert. “Für Deutschland würde eine Drei-Grad-Welt eine erhebliche Zunahme von Extremwetterereignissen wie Hitze, Starkregen und Dürre bedeuten, warnten die Experten. Heiße Sommertage könnten gegenüber der vorindustriellen Zeit um zehn Grad wärmer ausfallen und damit zu einer erheblich größeren Gesundheitsbelastung werden”, berichtet der Deutschlandfunk. “Die Realität überholt die Modelllage”, sagt der Meteorologe Frank Böttcher im Interview mit Aline Pabst von der Saarbrücker Zeitung (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre).

BMWE-Pläne: Erstaunliche Ähnlichkeiten zu Forderungen von RWE und Eon (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

Passend dazu: Wirtschaftsministerin Reiche widerspricht bei der Energiewende nicht nur den Erkenntnissen der Expert*innen und ihrer eigenen Fachabteilung, sie wiederholt auch fast wortgleich zahlreiche Forderungen der Stromkonzerne um Eon und RWE. Für wen hat Reiche nochmal bis vor Kurzem gearbeitet? Einmal mehr eine starke Recherche zur Klimakrise von Table.Media-Reporter Malte Kreutzfeldt.

“Für jeden von uns war klar, was in Kabine 2 passiert” (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

Das Cover der aktuellen 11Freunde mit einem Zitate "Für jeden von uns war klar, was in Kabine 2 passiert" auf rotem Grund.

Was für ein Cover – für eine wichtige Recherche. Correctiv hat gemeinsam mit 11Freunde in den vergangenen Monaten zu sexualisierter Gewalt und Machtmissbrauch im Fußball recherchiert. Was sie gefunden haben? Mehr als 1300 Fälle von Missbrauch im Fußball, die in den vergangenen Jahren an deutschen Gerichten verhandelt wurden. Rund 500 Menschen, die sich mit ihren Geschichten an die Redaktionen gewandt haben. Und einen DFB, der dem riesigen Problem bislang viel zu wenig Aufmerksamkeit schenkt.

Hateland: Deep State – vom Elite-Soldaten zum Reichsbürger (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

Martin Kaul, einer der nettesten Reporter des Landes (und Vorsitzender von Reporter ohne Grenzen) hat sich mit seinem Recherchehund Holly und den beiden Kolleginnen Helene Fröhmke und Antonia Märzhäuser auf die Spur der rechtsextremen Reichsbürger-Verschwörungsgruppe um Prinz Reuß begeben. Zwei Jahre lang haben Martin, Helene und Antonia recherchiert, herausgekommen ist ein starker, siebenteiliger Podcast in der ARD. Besonders gefällt mir, dass Martin die Zuhörer*innen Schritt für Schritt an seinen Recherchen teilhaben lässt und man ein Gefühl dafür bekommt, warum Menschen sich ihm anvertrauen. (Ich bin hier natürlich biased, weil ich die vergangenen 3,5 Jahre mit Martin arbeiten durfte und die Entstehung der Recherche aus der Halbdistanz verfolgt habe.)

Shut up, Bitch! Der Kampf um Männlichkeit (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

Seit der Netflix-Serie Adolescence sprechen endlich viel mehr Leute über die Probleme toxischer Männlichkeit, der sogenannten Manosphäre und wie sich Frauenhass auf Social Media ins Analoge überträgt. Diese ARD-Doku von Anfang September nimmt sich die Szene journalistisch vor – und macht das richtig gut. Die Doku von Antonia Märzhäuser (ja, die vom Hateland-Podcast oben drüber) und Stefanie Delfs zeigt nicht nur, wie stark verbreitet die Thesen gefährlicher Influencer inzwischen sind, sondern zieht auch die Verbindung zu den Erfolgen von rechtsextremen Politikern bei jungen Menschen.

Böhmermann: Rechtsruck in der Schule (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

“Immer weniger Schüler trauen sich heutzutage noch Pimmel über Hakenkreuze zu malen”, sagt Jan Böhmermann – und bringt die Recherche von ZDF Magazin Royale und Krautreporter damit auf den Punkt. In immer mehr Schulen bekommen Lehrer*innen Probleme, wenn sie sich für demokratische Werte einsetzen – weil sich Schüler, Eltern, Rechtsextreme über angeblich mangelnde Neutralität beschweren. Und Schüler, die links sind, werden eingeschüchtert. Die Krautreporter-Autor*innen Bent Freiwald und Lea Schönborn haben unter dem Titel “Brandmauer Schule” eine dreiteilige Serie (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) zur gemeinsamen Recherche veröffentlicht: Wie die AfD Schulen angreift, warum Schüler*innen sich selbst wehren müssen und was Schulen tun können.

Der härteste Job der Welt (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

Keine Recherche, aber jedes Jahr um diese Zeit Pflicht: Holger Gertz auf dem Oktoberfest. Jeden Tag. Auf demselben Platz. Von morgens bis abends. Der Text ist ein paar Jahre alt, es ist keine investigative Recherche, aber als großer Gertz-Fan (als Student hatte ich ein T-Shirt mit seinem Portrait drauf, kein Witz) muss ich diesen Text natürlich empfehlen.

What If All Media Is Marketing? (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

“While the internet had an indirect effect on content creation businesses and media-specific technological developments have started to chip away at the barriers to content creation, GenAI will deliver a direct hit. In other words, we ain’t seen nothing yet. What will we see? Most content may cease to be a profit center.” Dieser Substack-Post ist einer der klügeren Texte über den Einfluss von AI auf die Produktion von Journalismus, den ich in den vergangenen Monaten gelesen habe. Ich stimme nicht in allem zu, habe aber viele Gedanken mitgenommen. Den Text von Doug Shapiro, der sich seit Jahren mit dem “Media Business” beruflich beschäftigt, gibt es nur noch heute ohne Paywall. Lohnt sich alleine schon für die Karte, mit der Walt Disney vor 70 Jahren sein Imperium geplant hat.

Ein sehr kleinteiliges, wildes Pfeildiagram, von Walt Disney vor etwa 70 Jahren, über seine Business-Optionen.
Quelle: Disney / gefunden bei Doug Shapiro

Investing in Public Interest Media (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

Elf internationale Ökonomen haben aufgeschrieben, warum es wichtig und sinnvoll ist, dass Regierungen gemeinwohlorientierte Medien stärken. Sie fordern bessere Gesetze, aber auch finanzielle Unterstützung. In ihrem Report gehen die bekannten Wissenschaftler, darunter Menschen wie Joseph Stiglitz oder Diane Coyle, nicht nur auf gesellschaftliche und politische Gründe ein, sondern erklären auch, warum es ökonomisch sinnvoll ist, hochwertige Medien zu stützen.

Newsletter-Tipp

Seit mehr als acht Jahren bin ich im Vorstand dieses großartigen Vereins, seit mehr als vier Jahren Vorsitzender: Kein Wunder, dass ich Fan seiner Arbeit bin – und insbesondere auch Fan seines Newsletters. Das „Netzwerk Recherche“ ist der Verein investigativer Journalist*innen in Deutschland. Wir stärken die investigative Recherche, wir vernetzen, wir fördern und wir zeigen, was möglich ist. Unsere Arbeit ist möglich dank rund 1300 Mitgliedern, dank Projektförderungen – und dank rund zwei Dutzend Organisationen, die unsere Kernarbeit im Förderkuratorium unterstützen. Ein Teil unserer Kernarbeit ist ein monatlicher Newsletter, in dem der Verein seit 2003 (!) über alles informiert (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), was mit journalistischer Recherche zu tun hat: Seminare und Tagungen, Stipendien, Recherchetechniken und -​werkzeuge, Datensicherheit und Informantenschutz, Presse-​ und Informationsfreiheit. Große Empfehlung!

Sachbuchliebe
Cover von "When the Clock Broke" by John Ganz

Wie konnten wir politisch in die Situation kommen, in der wir jetzt gerade stecken? Was waren die Anfänge und was die Bewegungen, die dazu geführt haben? “When the Clock Broke” präsentiert Antworten für die USA, die mir neu waren und die ich als sehr klug empfunden habe. Weshalb ich das Buch in dieser Woche und an dieser Stelle noch einmal empfehlen möchte, auch wenn ich das vor einem guten halben Jahr in meinem “Sachbuchliebe”-Newsletter schon einmal getan habe.

Autor John Ganz fokussiert sich auf die Radikalisierung Amerikas in den späten 80er und frühen 90er Jahren. Er zeigt auf, wie damals rechtsextreme Kräfte wie der Chef des Ku-Klux-Klans – David Duke – überraschend erfolgreich waren bei Wahlen. Er zeichnet den Aufstieg ultrarechter “America First”-Kandidaten wie Pat Buchanan nach. Und er erklärt die damalige mediale Strategie und die wichtigsten inhaltlichen und strategischen Ideen. Das Buch hat mir definitiv geholfen, die aktuellen Entwicklungen besser zu verstehen.

John Ganz hat sich für die verschiedenen Episoden und Epochen konkrete Protagonisten gesucht, erzählt nah an den Geschehnissen der damaligen Zeit, verwebt die verschiedenen Stränge – und kommentiert die dEreignisse nicht, sondern lässt sie für sich stehen. Womit wir wieder beim Anfang wären: Mehr Recherche, weniger Meinung.