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Was passiert, wenn dein Gehirn deinen Körper falsch versteht

Jeden Freitag erzähle ich dir von Erkenntnissen aus Neurowissenschaft und Psychologie, die du kennen solltest. Heute geht es um Gummihände, Alice im Wunderland und verzerrte Körperbilder.

Du sitzt an einem Tisch. Dein rechter Arm liegt bequem vor dir, aber du siehst ihn nicht. Ein Sichtschutz verdeckt ihn. Stattdessen liegt direkt vor dir auf dem Tisch eine täuschend echte Gummihand, etwa dort, wo dein echter Arm sein müsste.

Eine Versuchsleiterin sitzt dir gegenüber. Sie sagt dir, du sollst die Gummihand einfach anschauen und dich entspannen. Dann nimmt sie zwei kleine Pinsel.

Sie beginnt, deine versteckte echte Hand und die Gummihand gleichzeitig zu streicheln, synchron und mit denselben Bewegungen, im selben Rhythmus, an denselben Stellen. Du siehst, wie der Pinsel über die Gummihand streicht, und spürst gleichzeitig die Berührung an deiner echten Haut, die du aber nicht siehst.

Nach etwa 30 Sekunden passiert etwas Seltsames: Dein Gehirn beginnt, die Gummihand als deine eigene zu empfinden. Du merkst, dass du intuitiv erwartest, die Berührung auf der Gummihand zu spüren. Wenn die Versuchsperson plötzlich die Gummihand leicht antickt oder eine Bewegung vortäuscht, zuckst du mit.

Nach etwa ein bis zwei Minuten ist die Illusion perfekt: Du fühlst dich so, als gehörte die Gummihand zu dir. Viele berichten sogar, dass sich ihre echte, versteckte Hand taub oder entkoppelt anfühlt – als hätte sie an Realität verloren.

Die Versuchsleiterin hebt plötzlich einen Hammer und schlägt mit voller Wucht auf die Gummihand. Und du? Du zuckst reflexartig und heftig zusammen, vielleicht sogar mit echtem Schmerzgefühl oder Herzrasen, obwohl du weißt, dass es nicht dein Arm ist.

In den sozialen Medien tauchen immer wieder Videos (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) von solchen Experimenten auf:

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Vor ein paar Wochen habe ich anhand von Phantomschmerzen erklärt, wie unser Gehirn unseren Körper wie eine Art Landkarte abgespeichert hat. Gruppen von Nervenzellen repräsentieren jeweils ein Körperteil und sind immer aktiv, wenn wir dieses Körperteil spüren (die Nervenzellen im somatosensorischen Kortex) und wenn wir es bewegen (die Nervenzellen im motorischen Kortex).

Wie angekündigt sind Phantomschmerzen aber nicht der einzige Fall, bei dem diese Landkarte etwas aus den Fugen gerät. Welche Folgen es noch haben kann, wenn das Gehirn den Körper falsch versteht, schauen wir uns heute an. Und auch, was es mit der Gummihand auf sich hat.

1. Der Homunculus ist flexibel

Wir haben letzte Woche schon am Beispiel der Phantomglieder gesehen: Die Landkarte des Körpers im Gehirn ist nicht starr, sondern hochdynamisch. Wenn wir einen Arm verlieren, schließen sich die Nervenzellen, die den Arm repräsentieren, nach und nach anderen Körperteilen an, sie verändern ihren Job.

Das ist aber ein ganz normaler Vorgang, für den man keinen Arm verlieren muss. Er passiert ständig. Wenn wir einen Körperteil häufig benutzen, wächst seine Repräsentation. Wenn wir ihn vernachlässigen, schrumpft sie. Musiker:innen sind dafür ein gutes Beispiel (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre): Bei professionellen Geiger:innen ist die kortikale Repräsentation der linken Hand – also jener, die die Saiten greift – deutlich vergrößert im Vergleich zu Nicht-Musiker:innen. Durch jahrelange, präzise Bewegungsabfolgen und sensorisches Feedback reorganisiert das Gehirn die neuronalen Netzwerke, um die feinmotorischen Anforderungen effizienter zu steuern. Je mehr Nervenzellen für die Finger verantwortlich sind, desto kleinteiliger und besser können sie die Saiten der Geige greifen.

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Interessanterweise kann diese Reorganisation auch zu weit gehen: Bei Musiker:innen mit Fokaler Dystonie – einer Art Bewegungsstörung durch Übertraining – verwischen (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) die Grenzen zwischen den Fingerrepräsentationen im Gehirn wieder. Dann soll der Mittelfinger sich bewegen, der kleine Finger wird durch die Überlappung der Nervenzellen aber mit angesteuert. Dann wird kleine Finger wieder zurückgepfiffen, gleichzeitig wird der Mittelfinger wieder angesteuert. Es entsteht ein Kreislauf aus Bewegungsinitiation und -hemmung.

2. Wenn das Gehirn Körperteile verwechselt

Stell dir vor, du schaust auf deinen linken Arm und bist überzeugt: Der gehört nicht zu mir. Genau das erleben Menschen mit Somatoparaphrenie. Diese seltene Störung tritt meist nach Schlaganfällen im rechten Parietallappen auf. Patient:innen erkennen ihre Gliedmaßen, bestreiten aber, dass sie zu ihrem Körper gehören – manchmal behaupten sie sogar, der Arm gehöre einer anderen Person.

Neurowissenschaftlich gilt die Störung als Folge eines Schadens des rechten inferioren Parietallappens und des Temporoparietalen Übergangs. Diese Regionen integrieren Informationen über Berührung, Eigenbewegung und visuelle Körperwahrnehmung zu einer gesamten Wahrnehmung. Wenn diese Integration ausfällt, zerfällt das Gefühl von „Besitz“: Der Körperteil wird als Objekt wahrgenommen, nicht als Teil des Selbst (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre).

Eine ähnliche, verwandte Störung ist die Asomatognosie. Hier verschwindet der Körperteil ganz aus der Wahrnehmung. Der Arm kann berührt werden, aber der Patient nimmt ihn nicht mehr als eigenen Körperteil wahr. Studien (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) deuten darauf hin, dass meistens die parietalen und insulären Netzwerke betroffen sind. Die Insula scheint dabei besonders wichtig: Sie verbindet viszerale Signale (z. B. Herzschlag) mit der bewussten Selbstwahrnehmung und trägt entscheidend zur Interozeption, also zum Gefühl des „Ich im Körper“, bei.

3. Wenn Gummi zu Fleisch wird – die Gummihand-Illusion

Na gut, kommen wir jetzt zur Gummihand. Wenn die Gummihand gestreichelt wird, du das aber als Streicheln deiner Hand wahrnimmst, scheint Folgendes zu passieren:

Informationen aus Sehsinn, Tastsinn und Propriozeption (der Eigenwahrnehmung von Körperposition) werden im posterioren Parietalkortex und ventralen prämotorischen Kortex integriert. Diese Regionen vergleichen, was du siehst und fühlst – und wenn die beiden Inputs zeitlich übereinstimmen, wird die Gummihand als eigener Körperteil interpretiert (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Ich sage es ja immer wieder: Unsere Wahrnehmung basiert weniger auf der Außenwelt, als auf dem, was unser Gehirn daraus macht. Dein echter Arm wird nicht gestreichelt. Es fühlt sich aber trotzdem so an. Weil es für dein Gehirn die logischste Erklärung ist für all das, was es während des Experiments sieht, spürt, denkt.

4. Das ist doch gar nicht mein Bein!

Menschen mit Body Integrity Identity Disorder (auch „Xenomelie“) empfinden ein gesundes Körperteil, meist ein Bein, als fremd. Sie wünschen sich, es amputieren zu lassen – nicht aus psychischer Krankheit, sondern weil ihr Körper falsch erscheint. Im Gegensatz zur eben schon erwähnten Somatoparaphrenie, tritt die Xenomelie nicht nach einem Schlaganfall auf, es ist eine langfristige, entwicklungsbedingte Störung, die typischerweise bereits in der Kindheit oder Jugend beginnt und über Jahre stabil bleibt.

Funktionelle MRT-Studien zeigen (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) verminderte Aktivität und strukturelle Unterschiede im rechten superioren Parietallappen (SPL), besonders in Arealen, die die Körperkarte (somatotopische Repräsentation) und Körpergrenzen repräsentieren. Da sind sie wieder, die Landkarten. Sie scheinen das betroffene Körperteil nicht vollständig in das Körperschema integriert zu haben.

5. Die Hand führt ein Eigenleben: Das Alien-Hand-Syndrom

Beim Alien-Hand-Syndrom führen Betroffene mit einer Hand Bewegungen aus, die sie weder planen noch stoppen können, etwa das Aufknöpfen einer Bluse, die die andere Hand gerade erst geschlossen hat.

Neurowissenschaftlich liegt die Ursache meist in einer Verletzung (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) des Corpus Callosum (also der Verbindung beider Hirnhälften) oder des Supplementär-Motorischen Areals (SMA). Dadurch wird die bewusste Willensbildung im präfrontalen Kortex von der Bewegungssteuerung in den motorischen Arealen entkoppelt. Das motorische System „läuft eigenständig weiter“. Wir bewegen uns, obwohl wir das gar nicht wollen.

Je nach Ort der Schädigung unterscheidet man drei Varianten:

  • eine frontale Variante (man macht impulsive Greifbewegungen)

  • eine callosale Variante (zwei Hände handeln gegeneinander)

  • eine posteriore Variante (Gefühl der Fremdheit und ziellosen Bewegungen)

Das Alien-Hand-Syndrom zeigt, dass das Gefühl, Handlungen selbst zu steuern, ein Ergebnis komplexer Rückkopplungen ist. Und nicht selbstverständlich in der motorischen Planung enthalten.

6. Das „Alice-im-Wunderland“-Syndrom

Beim Alice-im-Wunderland-Syndrom (AIWS) verzerren sich Körper- und Raumwahrnehmung dramatisch: Menschen fühlen sich plötzlich riesig oder winzig, ihre Hände erscheinen zu lang, der Raum zu klein. Das Syndrom taucht sehr selten auf, es wird auch nicht als eigenständige Krankheit betrachtet, sondern tritt oft als Begleitsymptom von Migräne, epileptischen Anfällen (als Aura), viralen Infektionen (z. B. mit dem Epstein-Barr-Virus) oder nach Einnahme bestimmter Medikamente oder Drogen auf.

Neurowissenschaftlich deuten Studien (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) auf dysfunktionale Aktivität im posterioren Parietallappen und Temporallappen hin – Regionen, die visuelle Raumverarbeitung mit somatosensorischen Signalen verknüpfen.

Unklar ist, ob die Störung primär sensorisch (durch gestörte Reizverarbeitung) oder kognitiv (durch gestörte Erwartungsmodelle) entsteht. Wahrscheinlich ist sie, wie viele Körperwahrnehmungsstörungen, multisensorisch bedingt – also das Resultat einer fehlerhaften Integration verschiedener Sinneskanäle.

Bei simpleren Körperbildverzerrungen passen die sensorischen Karten und visuellen Körperbilder nicht zusammen. Wir nehmen zum Beispiel unsere Arme oder unseren Brauch als viel dicker wahr, als sie eigentlich sind.

Ich halte fest, falls das noch nicht deutlich wurde: Bei der Repräsentation unseres Körpers im Gehirn kann so einiges schiefgehen. Falls keines der beschriebenen Phänomenen auf dich zutrifft (wie es bei mir der Fall ist), empfehle ich: Einfach mal kurz dankbar dafür sein, dass sich dein Gehirn und dein Körper grundsätzlich erstmal ganz gut verstehen.

Hat sich beim Schreiben dieser Ausgabe daran erinnert, dass ihm als Kind manchmal die beiden großen Zehen am Fuß unendlich riesig vorkamen, und fragt sich, was sich sein Gehirn dabei wohl gedacht hat: Dein Bent 🫶🏻🧠

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