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Diese 5 Mythen über das Baby-Gehirn solltest du kennen

Jeden Freitag erzähle ich dir von Erkenntnissen aus Neurowissenschaft und Psychologie, die du kennen solltest. Heute geht es um verbreitete, aber falsche Annahmen darüber, wie Babys sich entwickeln.

Eine Illustration eines Babys, das zu einem Spielzeug krabbelt.
Erstellt mit Midjourney.

Ich wohne jetzt mit einem Baby zusammen. Wichtig für alle, die mich vielleicht persönlich kennen: Es ist nicht mein eigenes. Rio, so heißt er, ist sieben Monate alt und seine Eltern sind meine Mitbewohner:innen. Ich verbringe jeden Tag Zeit mit Rio, mal spielen wir, mal schnappe ich ihn mir und trage ihn durchs Viertel, damit er schläft, mal passe ich auf, dass er sich bei seinem Parkour über die Sofalandschaft nicht überschlägt.

Ich finde es faszinierend, ihn bei seiner Entwicklung zu beobachten. Letztens hat er wieder einen großen Schritt gemacht. Plötzlich meinte sein Vater: “Hat der sich gerade hingesetzt?” Hatte er, wow. Heute Morgen hat er etwas gemacht, was ich eine seitliche Flugrolle nennen würde. Das war krass.

Seine Eltern sind Newbies, es ist ihr erstes Kind. Seine Mutter meinte neulich, wie schwer es ist, irgendwie zu entscheiden, was jetzt normal ist und was nicht. Auf die Großeltern vertrauen? Ging vielleicht früher, heute könnten ihre Ansätze schnell veraltet sein. Die eigenen Eltern? Zu einem gewissen Grad, klar. Aber man sitzt ja nicht umsonst in Therapie und überlegt, was man anders machen möchte. Zwischendurch fragt einen die App, ob das Kind auch schon die ersten Schritte gemacht hat. (Ehm, nein!?) Und dann sind da noch die 43 anderen Freundinnen und Bekannten in den Kursen, die alle irgendwie andere Erfahrungen machen als man selbst. Uff. 

Gar nicht so einfach, da den Überblick zu behalten. Und weil solche verwirrenden Situationen der perfekte Nährboden für Mythen sind, schauen wir uns heute mal die aus meiner Sicht fünf wichtigsten Mythen über die Entwicklung des Baby-Gehirns an, die die Hirnforschung zu bieten hat – und debunken sie natürlich. 

Ich habe es letzte Woche schon angekündigt: Ich habe mich mit zwei wunderbaren Kolleginnen zusammengetan, die Newsletter schreiben, die sehr verwandt sind mit meinem. Und wir haben unserem Zusammenschluss einen ziemlich passenden Namen gegeben: Mit unserem Nervenbündel (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) gibt es drei Newsletter über Psychologie und Gehirn gemeinsam für einen reduzierten Preis!

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Nun aber zu den Mythen.

Mythos 1: „Wenn ich mein Baby bei jedem Weinen tröste, verwöhne ich es.“

Viele Eltern haben Angst, dass ihr Kind unselbstständig wird oder ihnen auf der Nase herumtanzt, wenn sie sofort auf jedes Quengeln reagieren. Manchmal wird auch befürchtet, das Baby lerne so nie, sich selbst zu beruhigen. 

Die Studienlage (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) zeigt genau das Gegenteil. In der frühen Kindheit sind Babys fast vollständig auf ihre Bezugspersonen als Ko-Regulatoren angewiesen. Das bedeutet: Ein Baby kann seinen Körper und seine Gefühle (wie Stress) noch nicht allein steuern. Wenn Eltern feinfühlig auf das Weinen reagieren, helfen sie dem Baby, seine Physiologie (z. B. Stresshormone wie Cortisol) zu regulieren. 

Dieser Prozess ist wie ein Gerüst: Durch die ständige Unterstützung beim Beruhigen lernt das Kind erst nach und nach, diese Regulation selbst zu übernehmen. So entsteht das, was heute in aller Munde ist: Selbstregulation. Eine prompte Reaktion der Eltern fördert (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) außerdem eine organisierte Bindung – das ist das tiefe Vertrauen des Kindes, dass seine Bedürfnisse ernst genommen werden, was die Basis für eine gesunde psychische Entwicklung ist.

Mythos 2: „Babysprache bringt nichts, man sollte von Anfang an normal sprechen.“

Klar, es wirkt manchmal echt albern, in hoher Tonlage oder mit vereinfachten Sätzen zu sprechen. Ich weiß nicht, wie oft ich schon vor Rio saß und meint: “Ja, dadada, bruuuuh, schhhschhschh, wuppp wuppp, daaa daaa!” Manche Eltern glauben, sie würden die Sprachentwicklung verzögern, wenn sie nicht erwachsen mit dem Kind reden. 

Reden ist tatsächlich einer der stärksten Motoren für die Gehirnentwicklung. Die Forschung zur gemeinsamen Aufmerksamkeit (Das Fachwort dafür ist Joint Attention, also wenn Eltern und Kind gleichzeitig dasselbe Objekt anschauen) zeigt (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), dass elterliches Sprechen die Aufmerksamkeit des Babys massiv verlängert. Dieses sozial geführte Hinschauen wirkt wie ein Training für die internen Mechanismen des Gehirns. Man kann es sich wie Stützräder beim Fahrradfahren vorstellen: Die Eltern unterstützen die Aufmerksamkeit von außen, bis das Gehirn des Kindes gelernt hat, diese Konzentration selbst zu steuern.

Die Hirnforschung beschreibt (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) die Interaktion zwischen den Eltern und dem Kind oft als „Serve and Return“, wie bei einem Tennisspiel. Das Baby gluckst oder schaut (der Aufschlag) und die Eltern antworten mit Babysprache (der Return). Diese Interaktionsschleifen sind entscheidend für die Entwicklung der grundlegenden Gehirnarchitektur. Einfache Schaltkreise verbinden sich durch sie zu komplexeren Systemen. Und: Die Stimme der Eltern hilft dabei, den körperlichen Zustand des Babys (z. B. Stresshormone wie Cortisol) zu regulieren. Ohne diese feinfühlige sprachliche Begleitung fällt es dem Babygehirn schwerer, Mechanismen für die spätere Emotionsregulation zu entwickeln.

Mythos 3: „Ständiges Wiederholen langweilt Babys, sie brauchen dauernd Neues.“

Wir Erwachsenen langweilen uns schnell, wenn wir zum zehnten Mal dasselbe Buch anschauen oder denselben Turm umwerfen. Ich erinnere mich noch an ein Bühnenprogramm von Moritz Neumeier, in dem er davon erzählt, wie es ist, Vater zu sein. Sinngemäß sagte er: Man unterschätzt maßlos, wie langweilig es ist mit Babys. Die ersten Monate wendet man das Kind eigentlich nur von einer zur anderen Seite. Viele Erwachsene denken, auch das Baby braucht besonders viel Input und Abwechslung, um schlau zu werden.

Wiederholung ist für das Babygehirn allerdings kein Mangel an Abwechslung, sondern ein notwendiges Training. Die Fähigkeit zur anhaltenden Aufmerksamkeit entwickelt sich erst langsam. Wenn Eltern wiederholt gemeinsam mit dem Baby ein Objekt betrachten, daran tasten und darüber sprechen, wirkt (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) das wie ein Übungsplatz für die Aufmerksamkeitssteuerung. Diese tagtäglichen, sich wiederholenden Momente helfen dem Gehirn, interne Mechanismen zu kalibrieren, die später für die Selbstregulierung der Aufmerksamkeit wichtig sind. Beständigkeit in der Interaktion ist also vielleicht sogar wertvoller als ein ständiges Feuerwerk an neuen Reizen.

Mythos 4: „Fremdeln zeigt, dass etwas nicht stimmt.“

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