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Manifestieren – ist das Esoterik oder Neurowissenschaft?

Jeden Freitag erzähle ich dir von Erkenntnissen aus Neurowissenschaft und Psychologie, die du kennen solltest. Heute geht es einen Trend, der viel spektakulärer gemacht wird, als er ist.

Eine abstrakte Darstellung einer Frau, die nachdenkt. Im Hintergrund eine sehr abstrakte Stadt mit Hochhäusern.
KI-generiert mit Midjourney.

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So. Jetzt, da ich das manifestiert habe, kann ja nichts mehr schiefgehen.

Vielleicht gehörst du zu den Glücklichen, die keine Ahnung haben, was genau ich mit „manifestieren“ meine. Kurzer Crashkurs:

Du stellst dir dein Traumleben so oft und so konkret vor, bis es Realität wird. Die Grundidee ist alt, sie stammt aus der „New Thought“-Bewegung des 19. Jahrhunderts, einer Mischung aus Spiritualität, Selbsthilfe und amerikanischem Erfolgsmythos. Damals hieß es: Deine Gedanken formen deine Welt. Heute passt das perfekt in eine Zeit, in der Selbstoptimierung und Selbstvermarktung ineinanderfallen und man viel Geld damit verdienen kann, dass viele Menschen ihre Zukunft selbst in die Hand nehmen wollen. Wenn du nur stark genug glaubst, dass alles gut wird, dann liegt die Macht bei dir.

Beim Manifestieren gibt es keinen einheitlichen Ablauf, aber ein Set an wiederkehrenden Methoden, die fast immer auftauchen:

  1. Visualisierung. Du stellst dir dein Ziel so lebhaft wie möglich vor, mit allen Sinnen. Nicht „Ich will erfolgreich sein“, sondern „Ich sitze in meinem Büro, halte den unterschriebenen Vertrag in der Hand, spüre Erleichterung“.

  2. Affirmationen. Positive Glaubenssätze, die man täglich wiederholt: „Ich bin offen für eine neue Beziehung“, „Ich verdiene Erfolg“.

  3. Scripting / Journaling. Du schreibst auf, was du dir wünschst, als wäre es schon passiert („Ich bin heute in meine Traumwohnung eingezogen“).

  4. Vision Boards. Collagen aus Bildern und Wörtern, die die gewünschten Lebensumstände darstellen.

  5. Dankbarkeitspraxis. Wer sich täglich bewusst macht, was schon gut läuft, soll in eine „positive Frequenz“ kommen.

  6. Energetische Rituale. Manche ergänzen das mit Meditation, Kerzen, Kristallen oder „Mondmanifestationen“.

Hoppla, die letzten Punkte klingen etwas esoterisch, oder? Bei Krautreporter hat man mein Kollege Martin Gommel (seines Zeichen Reporter für Psychische Gesundheit) mal ein Streitgespräch mit einer anderen Journalistin geführt, die selbst manifestiert. Er findet Manifestieren teilweise sogar gefährlich. Ein bisschen später hat meine Kollegin Theresa Bäuerlein ein Interview geführt mit der Überschrift „Manifestieren ist kein Hokuspokus, sondern Neurowissenschaft.“

Ja, was denn nun? Das klären wir heute mal.

Diese Zwischenüberschrift verändert dein Gehirn

Eine erste banale Erkenntnis möchte ich vorn anstellen. Denn sie erklärt, warum sich seriöse Neurowissenschaftler:innen überhaupt mit sowas wie Manifestieren beschäftigen: Alles, was wir tun, fühlen oder auch nur denken verändert unser Gehirn. Das Fachwort dafür kennst du: Neuroplastizität. Und die Erkenntnis dahinter auch: Neurons that fire together wire together. Und Gedanken sorgen nunmal dafür, dass Neuronen feuern. Also: verändert sich was im Gehirn.

Beim Manifestieren ist nun die Frage: Inwiefern kann man die Gedanken so steuern, dass sie uns einem Ziel näher bringen? Einige Neurowissenschaftler:innen stellen in ihrer Forschung immer wieder dar, dass das nichts mit Esoterik zu tun hat, manchmal auch sehr deutlich (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre): „The universe doesn’t give a fuck about you.“ Andere Neurowissenschaftler:innen beschäftigen sich seit Jahrzehnten mit den dahinter liegenden Mechanismen, ohne das Wort Manifestieren jemals benutzt zu haben. So werde ich es für den Rest dieses Newsletters auch halten.

Spaß gibt deinem Gehirn den Startschuss

Schauen wir uns mal Schritt für Schritt an, inwiefern Veränderungen in unserem Gehirn beeinflussen können, ob wir unsere Ziele erreichen. Starten wir mit der Frage, welche Rolle unsere grundsätzliche Laune spielt. In einer Reihe von Studien (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) wollte ein Forschungsteam wissen: Kann schon ein kurzer Moment guter Laune unsere Bereitschaft, aktiv zu werden, steigern? Anstatt die Teilnehmer:innen auf große Lebensereignisse warten zu lassen, riefen sie gezielt positive Gefühle hervor, durch eine einfache Schreibaufgabe. Die Versuchspersonen wurden gebeten, über Erlebnisse zu schreiben, die sie mit Freude oder Hoffnung erfüllten.

In einer ersten Studie zeigte sich, dass Versuchspersonen, die in einen positiven Zustand versetzt wurden, anschließend signifikant mehr verschiedene sportliche Aktivitäten für die kommende Woche planten als die Kontrollgruppe.

Aber Pläne sind nur die einfache Hälfte der Miete. Beeinflusst gute Laune auch unser tatsächliches Handeln? Eine weitere Studie lieferte die Antwort. Hier wurden die Versuchspersonen ebenfalls in einen Zustand der Freude versetzt. Dann wurde ihnen gesagt, sie würden an einer Studie teilnehmen, bei der sie Beschleunigungsmessgeräte testen. Sie bekamen die Geräte, sollten spazieren gehen und die Geräte maßen: Die positiv gestimmte Gruppe zeigte signifikant mehr körperliche Aktivität, gemessen in MET-Minuten (einem Maß für den tatsächlichen Energieverbrauch, bei dem höhere Werte mehr Bewegung bedeuten), als die neutrale Kontrollgruppe.

Positive Stimmung kann also eine Art Motor sein – für Pläne, aber auch fürs tatsächliche Handeln.

Weg mit den Zahlen, her mit dem Fortschrittsbalken

Weiter gehts mit den Visualisierungen. Stell dir dafür eine lange Wanderung vor. Der erste Kilometer fühlt sich oft mühsam und endlos an. Der letzte Kilometer zum Gipfelkreuz hingegen, das bereits am Horizont sichtbar ist, verleiht uns oft ungeahnte Kräfte. Gleich sind wir da! Nur noch ein paar Meter! Obwohl die objektive Distanz die gleiche ist, verändert die psychologische Nähe zum Ziel unsere Anstrengungsbereitschaft. Dieses Phänomen ist als der Goal-Gradient-Effekt bekannt: Unsere Anstrengung intensiviert sich, je näher wir einem Ziel kommen.

Die Forscher Amar Cheema und Rajesh Bagchi haben untersucht (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), wie die Darstellung eines Ziels diese wahrgenommene Nähe beeinflusst. Dafür ließen sie die Teilnehmenden eines ihrer Experimente auf einen Kundendienstmitarbeiter warten, den sie über einen Online-Chat-Service kontaktieren wollten. Einer Gruppe wurde der Fortschritt numerisch angezeigt (z.B. „Sie haben 10 von 13 Minuten gewartet“). Der anderen Gruppe wurde ein sich füllender Fortschrittsbalken gezeigt – eine rein visuelle Darstellung der exakt gleichen Information. Das Ergebnis: Die Wahrscheinlichkeit, weiter zu warten, war bei den Teilnehmer:innen mit der Fortschrittsanzeige signifikant höher.

Der zugrundeliegende Mechanismus ist einfach: Leicht visualisierbare Ziele stuft unser Gehirn als psychologisch näher ein. Diese wahrgenommene Nähe, nicht die tatsächliche, ist der entscheidende Treiber für unsere Motivation. Eine Grafik ist hier eben nicht nur eine Illustration, sondern ein psychologisches Werkzeug, das die gefühlte Distanz zum Erfolg verkürzt. Deshalb kann es helfen, seine Ziele auf einer Art Vision Board zu zeichnen.

Wir können also unsere Motivation steigern, indem wir unsere Ziele visualisieren. Doch was passiert, wenn wir diesen Prozess nach innen verlagern und eine Art mentale Simulation durchführen? Was geschieht dabei auf neuronaler Ebene?

Immer nur „Ich, ich, ich“: Haben Selbstgespräche einen Effekt?

In einer fMRI-Studie (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) untersuchte ein Team von Forschenden, was im Gehirn von Menschen passiert, während sie sich selbst bestärken. Die Versuchspersonen wurden im Hirnscanner gebeten, über ihre wichtigsten persönlichen Werte nachzudenken (z. B. Beziehungen zu Freunden und Familie, Kreativität, Unabhängigkeit). Die Ergebnisse: Bei den Teilnehmer:innen, die sich auf diese Weise selbst affirmieren durften, leuchteten zwei entscheidende Hirnsysteme auf:

  1. Das Belohnungssystem: Insbesondere das ventrale Striatum (ein zentraler Knotenpunkt für Verlangen und Belohnung) und der ventromediale präfrontale Kortex (entscheidend für die Bewertung von Reizen) wurden stark aktiviert. Dies sind genau die Regionen, die auch anspringen, wenn wir Belohnungen wie gutes Essen oder Geld erhalten.

  2. Das selbstbezogene Verarbeitungssystem: Der mediale präfrontale Kortex (MPFC) und der posteriore cinguläre Kortex (PCC), die immer dann aktiv sind, wenn wir über uns selbst nachdenken, zeigten ebenfalls erhöhte Aktivität.

Der eigentliche Clou der Studie war ein anderer. Er zeigte sich, als die Forschenden die zeitliche Ausrichtung dieser Gedanken analysierten. Der Effekt war signifikant stärker, wenn die Teilnehmenden über ihre Werte in der Zukunft nachdachten, im Vergleich zur Vergangenheit. Die bloße Vorstellung, wie unsere Werte unser zukünftiges Handeln leiten könnten, löst im Gehirn eine stärkere Belohnungsreaktion aus als die Erinnerung an vergangene Erfolge. Eine Art „neuronale Vorauszahlung“ für positives zukünftiges Verhalten.

Diese neuronale Belohnung blieb nicht ohne Folgen. Die Studie fand einen direkten Zusammenhang zwischen der Hirnaktivierung und dem tatsächlichen Verhalten: Je stärker das Belohnungs- und Selbstverarbeitungssystem während der zukunftsorientierten Affirmation aktiviert wurde, desto wahrscheinlicher war es, dass sich die (zuvor als bewegungsarm eingestuften) Teilnehmer:innen in den folgenden Wochen mehr bewegten.

Dein kleines Toolkit (aber ohne teures Coaching)

Hier schließt sich der Kreis. Eine positive Stimmung gibt uns das „Go“-Signal zum Start. Die Visualisierung des Ziels verkürzt die gefühlte Distanz und macht den Weg psychologisch leichter. Die zukunftsorientierte Selbst-Affirmation aktiviert das neuronale Belohnungssystem und gibt uns einen Vorschuss an Motivation. Und wir? Kommen unserem Ziel (ein Buch schreiben, ein neues Auto kaufen, dreimal die Woche joggen gehen) tatsächlich näher.

Studien zeigen also, dass bestimmte Methoden, die beim Manifestieren (jetzt habe ich das Wort doch nochmal benutzt) verwendet werden, wirken. Das tun sie aber auch ohne teures Coaching. Und dass positive Autosuggestion sich, naja, positiv auswirkt, ist auch schon länger bekannt.

Wie genau übersetzt man diese Erkenntnisse also in den eigenen Alltag? Welche konkreten, wissenschaftlich fundierten Techniken kannst du sofort anwenden, wenn du ein Ziel erreichen willst? Vier Tipps, die man direkt aus diesen Studien ableiten kann, egal, ob man jetzt ~manifestieren~ will oder nicht:

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